{"id":57635,"date":"2018-10-22T07:26:12","date_gmt":"2018-10-22T05:26:12","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=57635"},"modified":"2018-10-17T13:23:07","modified_gmt":"2018-10-17T11:23:07","slug":"kompostierbare-verpackungen-aus-bioplastik-diese-tueten-sind-aus-zucker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/kompostierbare-verpackungen-aus-bioplastik-diese-tueten-sind-aus-zucker\/","title":{"rendered":"Kompostierbare Verpackungen aus Bioplastik: Diese T\u00fcten sind aus Zucker"},"content":{"rendered":"<p>Das Problem: Allein in Deutschland produzieren wir 14 Millionen Tonnen Plastik-Verpackungen pro Jahr, die teils in Hunderten von Jahren noch nicht verrottet sein werden.<\/p>\n<p>Die L\u00f6sung: Kompostierbare Verpackungen aus Zucker. Das funktioniert \u2013 nur die deutsche B\u00fcrokratie macht nicht mit.<\/p>\n<p>Die Haferflockenpackung, das Sch\u00e4lchen mit Frikadellen, die T\u00fcten mit Linsen und Kichererbsen \u2013 das alles sieht in der Supermarktkette Ekoplaza in Holland auch nicht viel anders aus als in jedem anderen Laden. Man muss genau hinsehen (oder dran riechen), dann fallen Unterschiede auf. Der kleine, aufgedruckte Keimling bedeutet: Die Packung darf in den Biom\u00fcll. Die Verpackung ist n\u00e4mlich nicht aus normalem Plastik, sondern kompostierbar. Sie ist zu 100 Prozent aus Zucker und Milchs\u00e4ure gemacht. Bei Ekoplaza gibt es ganze Regalg\u00e4nge, die komplett plastikfrei sind.<\/p>\n<p>Klar, es gibt kaum etwas Besseres als Plastik:\u00a0 billig, vielseitig verwendbar und h\u00e4lt ewig. Deshalb produzieren wir Menschen mehr als 250 Millionen Tonnen davon im Jahr und haben nun ein gigantisches Problem. Denn Plastik ist \u00fcberall: auf dem Boden der tiefsten Weltmeere, in unseren M\u00fcllgruben, an Stra\u00dfenr\u00e4ndern, in unseren K\u00f6rpern. Dass wir mit Plastik nicht so verschwenderisch umgehen k\u00f6nnen wie bisher, ist wohl jedem klar. Aber wie ginge es besser?<\/p>\n<p>Patrick Gerritsen, der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der deutsch-holl\u00e4ndischen Firma Bio4Pack, besch\u00e4ftigt sich seit 18 Jahren mit Bioverpackungen. Die Bio-Sch\u00e4lchen f\u00fcr die Frikadellen produziert er schon lange, die d\u00fcnnen, transparenten Folien, die rei\u00dffest und undurchl\u00e4ssig sein m\u00fcssen, stellen eine viel gr\u00f6\u00dfere Herausforderung dar. Daf\u00fcr nimmt er Zuckerrohr als Basis und Zellulose vom Holz. \u00bbDie Schale kann fast jeder machen, die Siegelfolie ist ein Problem, weil sie d\u00fcnn, durchsichtig und kompostierbar sein, aber trotzdem fest versiegeln muss.\u00ab<\/p>\n<p>Vereinfacht ausgedr\u00fcckt mischt er Zucker, also Dextrose, mit Milchs\u00e4ure, die daf\u00fcr sorgt, dass das Material haltbar wird. Durch Fermentation und Polymerisation bekommt er den Rohstoff, den er in verschiedene Formen pressen kann. Dann t\u00fcftelte er mit einem Team verschiedener Entwickler noch eine Weile an der Farbe f\u00fcr die grasgr\u00fcnen Schalen: Die Naturpigmente d\u00fcrfen bestimmte Schwermetallgrenzen nicht \u00fcberschreiten, um noch als Bioabfall zu gelten.<\/p>\n<p>Aber nun, da er die Formel raus hat, ist die Produktion ihm zufolge ganz einfach: Er nutzt bei Bio4Pack die gleichen Maschinen wie f\u00fcr konventionelle Plastikprodukte, f\u00fcttert sie allerdings mit anderem Rohmaterial. An einen Tag werden dort Verpackungen aus Petroleum-Plastik hergestellt, am n\u00e4chsten Tag aus Zucker. \u00bb80 Prozent unserer Verpackungen k\u00f6nnen wir auf Bio umstellen\u00ab, sch\u00e4tzt Gerritsen. Nur mit Vakuumverpackungen k\u00e4mpft er noch, und bei Nahrungsmitteln, die hei\u00df abgef\u00fcllt werden, kommt die Technik noch nicht mit: Das Bioplastik schmilzt oder verformt sich bei 45 Grad.<\/p>\n<p>Man kann durchaus kritisieren, dass ein Nahrungsmittel verwendet wird, um diese Art von Bioplastik zu produzieren. Gerritsen gibt den Kritikern Recht, wendet aber ein: \u00bbWir holen den Zucker aus der Maisst\u00e4rke, das ist eigentlich Tierfutter und f\u00fcr Menschen nicht genie\u00dfbar. Davon nehmen wir 35 Prozent raus, der Rest geht zur\u00fcck ins Tierfutter.\u00ab Und f\u00fcr die Folien aus Zuckerrohr? \u00bbZuckerrohr ist ein essbares Produkt, w\u00e4chst aber sehr schnell. F\u00fcr Bioplastik werden europaweit genau 0,0002 Prozent der Ackerfl\u00e4che eingesetzt.\u00ab<\/p>\n<p>Das Problem beim Bioplastik: Der Begriff ist nicht klar definiert<br \/>\nBiokunststoffe aus organischem Material wie Zucker, St\u00e4rke oder Zellulose schienen mal die L\u00f6sung f\u00fcr alle Plastikprobleme und sind ein hei\u00df umk\u00e4mpfter Markt, mit zweistelligen Wachstumsraten auf der ganzen Welt. Aber dann stellte sich schnell heraus, dass vieles nur Greenwashing ist \u2013 f\u00fcr die Herstellung braucht man viel Chemie, Unmengen Wasser oder muss die nat\u00fcrlichen Stoffe mit Weichmachern gef\u00fcgig machen. Das ist n\u00e4mlich das Problem beim Bioplastik: Der Begriff ist nicht klar definiert. So gut viele Ideen sind \u2013 nicht alles, wo Bio draufsteht, ist auch vertr\u00e4glich f\u00fcr die Umwelt, und Bioplastik hei\u00dft nicht automatisch, dass es biologisch abbaubar ist.<\/p>\n<p>Bei Gerritsen ist das Ergebnis kompostierbar und verursacht in der Herstellung etwa die H\u00e4lfte weniger CO2 als Petroleumplastik. Einfach auf den Komposthaufen im Garten werfen k\u00f6nnte man Gerritsens Bioplastik zwar nicht, in industriellen Kompostieranlagen werden aber durchaus die entsprechenden Temperaturen erreicht, bei denen sich das Bioplastik zersetzt. \u00bbIrgendwo muss man ja anfangen\u00ab, sagt Gerritsen. \u00bbWenn die Flugzeugbauer gewartet h\u00e4tten, bis perfekte Flugh\u00e4fen da sind, w\u00e4re nie ein Flugzeug gestartet.\u00ab<\/p>\n<p>So weit, so gut. Die eigentlichen T\u00fccken liegen hier woanders: Gerritsens Firma hat ihren Sitz im deutschen Nordhorn, aber die Verpackungen gehen nur an Superm\u00e4rkte in Holland. Ekoplaza versucht, aus jeder Produktreihe mindestens ein Produkt \u00f6kologisch zu verpacken. 350 Produkte in Zuckerverpackung gibt es schon, in 74 Filialen. Ekoplaza zahlt die Extrakosten. Unter Gerritsens holl\u00e4ndischen Abnehmern sind sogar gro\u00dfe Ketten wie Aldi S\u00fcd oder Lidl, die Filialen in vielen deutschen St\u00e4dten haben. Aber in deutschen Superm\u00e4rkten? Fehlanzeige.<\/p>\n<p>Der Grund: Die deutsche Verpackungsverordnung l\u00e4sst Bioplastik nicht in die Biotonne. \u00bbKompostanlagen werden nach Quantit\u00e4t bezahlt, nicht nach Qualit\u00e4t\u00ab, kritisiert Gerritsen. \u00bbDas komplette Kompostierungsprogramm ist falsch.\u00ab Das Kompostieren von Bioplastik dauert etwa zw\u00f6lf Wochen und damit fast doppelt so lang wie bei anderem organischen Abfall. Da k\u00f6nne er die deutschen Kompostierer schon verstehen, \u00bbdie sagen: die Zeit haben wir nicht. Die Kompostierer haben auch Angst, dass sich herk\u00f6mmliches Plastik mit reinmischt, weil es optisch nicht zu unterscheiden ist.\u00ab Die Holl\u00e4nder dagegen kompostieren ohnehin l\u00e4nger. \u00bbDie Leute m\u00fcssen wissen, dass Recycling und Kompostierung im Augenblick in Deutschland nicht funktionieren. Die Recycling-Industrie ist ein Witz. Maximal 20 Prozent aus dem gelben Sack wird recycelt, europaweit. Der Rest kommt in die M\u00fcllverbrennung.\u00ab<\/p>\n<p>Die Deutschen halten sich zwar f\u00fcr Recycling-Weltmeister, tats\u00e4chlich liegt die realistische Recyclingquote in Deutschland bei etwa 30 bis 40 Prozent. Gerritsen hofft auf die neue deutsche Verpackungsverordnung, die sich am 1. Januar 2019 \u00e4ndern wird und eine mindestens doppelt so hohe Recyclingquote anstrebt. \u00bbDann werden auch biobasierte Produkte belohnt. Da denke ich, dass in Deutschland einiges passieren wird.\u00ab<br \/>\nEr kritisiert aber auch grunds\u00e4tzlich: \u00bbLeider hat jedes Land seine eigene Regulierung und auch ein eigenes Preisniveau. In Deutschland liegen die Preise f\u00fcr Produkte im Keller.\u00ab Die Schalen, die er aus Reis herstellt, sind fast so billig wie Plastik, aber die Verpackung aus Zucker ist etwa drei Mal teurer. \u00bbWenn man das durchrechnet, sind das etwa drei bis vier Cent pro Verpackung.\u00ab Kaum vorstellbar, dass man nicht etliche Konsumenten finden w\u00fcrde, die zu dieser Zusatzausgabe bereit w\u00e4ren. Dass das Plastik dann nicht im Meer landet, ist ohnehin unbezahlbar.<br \/>\n<em> Michaela Haas<\/em><br \/>\n<em>ist davon \u00fcberzeugt, dass die meisten Probleme eine L\u00f6sung haben, auch die gro\u00dfen wie Welthunger, Klimawandel oder Armut \u2013 und dass es guter Journalismus ist, nicht nur \u00fcber die Probleme, sondern auch \u00fcber die L\u00f6sungen zu berichten. Sie ist Mitglied des Solutions Journalism Network, das rigorose Recherchen zu reproduzierbaren L\u00f6sungen einfordert. In dieser Kolumne stellt sie regelm\u00e4\u00dfig effektive oder \u00fcberraschende L\u00f6sungen f\u00fcr dr\u00e4ngende Probleme vor.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Problem: Allein in Deutschland produzieren wir 14 Millionen Tonnen Plastik-Verpackungen pro Jahr, die teils in Hunderten von Jahren noch nicht verrottet sein werden. Die L\u00f6sung: Kompostierbare Verpackungen aus Zucker. Das funktioniert \u2013 nur die deutsche B\u00fcrokratie macht nicht mit. 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