{"id":55743,"date":"2018-08-20T07:23:35","date_gmt":"2018-08-20T05:23:35","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=55743"},"modified":"2018-08-15T12:24:13","modified_gmt":"2018-08-15T10:24:13","slug":"interview-bauen-mit-pilzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/interview-bauen-mit-pilzen\/","title":{"rendered":"Interview: Bauen mit Pilzen"},"content":{"rendered":"<p>Die Geb\u00e4ude der Zukunft sollen nicht nur standhaft und \u00e4u\u00dferlich ansprechend sein, sondern auch aus m\u00f6glichst nachhaltigen Materialien errichtet werden, die anschlie\u00dfend nicht als Abfall enden, sondern in einem Stoffkreislauf weiterverwertet werden k\u00f6nnen. Das ist zumindest der Anspruch und Ansporn des Karlsruher Architekten <a href=\"https:\/\/www.arch.kit.edu\/2374.php\" target=\"_blank\">Dirk Hebel<\/a>, der an der Z\u00fcricher ETH und der Princeton University in den USA studiert hat. In Afrika hat er das \u201eEthiopian Institute of Architecture, Building Construction and City Development\u201c mitgegr\u00fcndet und lehrt mittlerweile am KIT. Seine Spezialit\u00e4t sind kultivierte, also gez\u00fcchtete und biobasierte Baumaterialien wie Pilzmycel oder Bambus.<\/p>\n<p>Frage<br \/>\nWie kam es dazu, dass Sie statt mit herk\u00f6mmlichen Baumaterialien mit Pilzmycel, Bambus oder Abfall arbeiten?<\/p>\n<p>Antwort<br \/>\nUnsere Gesellschaft steht vor einem enormen Umbruch. Wollen wir allen jetzigen und zuk\u00fcnftigen Menschen auf diesem Planeten die gleichen Lebensbedingungen und Chancen bereitstellen, m\u00fcssen wir einen Paradigmenwechsel einleiten. Die Bauindustrie des 19. und 20. Jahrhunderts beruhte zu gro\u00dfen Teilen auf der Ausbeutung von mineralischen und metallischen Verbindungen in unserer Erdkruste. Diese Ressourcen gehen jedoch rapide zur Neige, darum brauchen wir regenerative, nachwachsende Alternativen.\u00a0Der Begriff \u201eAbfall\u201c ist eine Erfindung der Industrialisierung und unseres gesellschaftlichen Modells. Auch Gebrauchsgegenst\u00e4nde k\u00f6nnen regenerativ sein, in dem wir sie aus einem linearen Modell an dessen Ende das Wegwerfen steht, in einen Kreislauf bringen, der Material nie als Abfall, sondern immer als Ressource sieht. Die Stadt der Zukunft benutzt sich vielleicht schon bald selbst als Material und Energiequelle.<\/p>\n<p>Frage<br \/>\nWelche Eigenschaften m\u00fcssen \u201ealternative Materialien\u201c unbedingt mitbringen, damit sie als Baumaterialien geeignet sind?<\/p>\n<p>Antwort<br \/>\nVerschiedene Materialien haben verschiedene Eigenschaften. Das besondere und faszinierende an kultivierten Baumaterialien ist jedoch die M\u00f6glichkeit ihre Eigenschaften je nach Kultivierungsbedingungen so einzustellen und wachsen zu lassen, dass ganz unterschiedliche Anwendungen m\u00f6glich sind. So kann ein Myceliummaterial entweder als Isolation oder als Baustein dienen, je nachdem wie es kultiviert wurde.<\/p>\n<p>Frage<br \/>\nSie konnten auch schon international viele Erfahrungen sammeln. Wie weit ist die internationale Entwicklung bereits gekommen?<\/p>\n<p>Antwort<br \/>\nSicherlich haben hier sich entwickelnde Regionen einen gro\u00dfen Vorteil: sie k\u00f6nnen ganze technologische Entwicklungsstadien \u00fcberspringen. So gab es in Afrika nie ein ausgepr\u00e4gtes Telefonfestnetz, sondern man sprang sofort zur Mobilfunktechnologie, die mittlerweile auch dezentrale Energieversorgungen nach sich zieht. Dies ist extrem interessant und auch f\u00fcr die Ressourcenfrage anwendbar. So k\u00f6nnen beispielsweise kultivierte Baumaterialien auch in kleinen dezentralen Manufakturen produziert werden.<\/p>\n<p>Frage<br \/>\nWie lie\u00dfe sich in Deutschland ein Umdenken hin zu einer insgesamt nachhaltigeren Bauweise\/ Bauindustrie antreiben?<\/p>\n<p>Antwort<br \/>\nWir sollten vielmehr den ganzen Lebenszyklus unserer Geb\u00e4ude betrachten: wie stehen mir die Materialien nach der Nutzung wieder sortenrein zur Verf\u00fcgung, welche Konstruktionsmethoden m\u00fcssen daf\u00fcr zur Anwendung kommen? Zusammen mit Werner Sobek haben wir gerade erst das Pilotprojekt \u201eUrban Mining and Recycling\u201c in der Schweiz er\u00f6ffnet, bei dem wir eine komplette Wohneinheit nach dieser Pr\u00e4misse geplant und gebaut haben. Es braucht ein Umdenken, etwas mehr Planung und Sensibilit\u00e4t f\u00fcr Materialien und vor allem eine kritische Hinterfragung: ist das Material wiederverwendbar oder wiederverwertbar? Wie kann ich dies gew\u00e4hrleisten? Wir haben daher keine Kleber, Sch\u00e4ume, Lackierungen, chemische Veredelungen oder Kompositmaterialien benutzt, da diese\u00a0die Sortenreinheit zu Nichte machen und die Materialien dem Kreislauf anschlie\u00dfend nicht mehr zur Verf\u00fcgung st\u00fcnden. Dies versuchen wir auch in der Lehre zu platzieren und dieses vorrausschauende Planen in den K\u00f6pfen junger Architekten und Ingenieure zu verankern.<\/p>\n<p>Frage<br \/>\nHaben Sie ein Lieblingsmaterial und wenn ja, warum gerade dieses?<\/p>\n<p>Antwort<br \/>\nMein Herz schl\u00e4gt im Moment in der Tat f\u00fcr Mycelium gebundene Materialien, da hier auch in Verbindung mit digitalen Fabrikationstechniken ein unglaubliches Potenzial vorhanden ist. Allgemein sehe ich den Ansatz f\u00fcr eine Industrie 4.0 unbedingt auch in Verbindung mit biologischen Prozessen und nicht nur rein digitaltechnisch.<\/p>\n<p>Frage<br \/>\nMit welchem Bauprojekt besch\u00e4ftigen Sie sich gerade?<\/p>\n<p>Antwort<br \/>\nIm Moment arbeiten wir gerade an einem Pavillon f\u00fcr die Bundesgartenschau in Heilbronn 2019. Hier zeigen wir, wie nachhaltige und kreislaufgerechte Architektur vor allem eines sein kann: spektakul\u00e4r und sch\u00f6n.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Geb\u00e4ude der Zukunft sollen nicht nur standhaft und \u00e4u\u00dferlich ansprechend sein, sondern auch aus m\u00f6glichst nachhaltigen Materialien errichtet werden, die anschlie\u00dfend nicht als Abfall enden, sondern in einem Stoffkreislauf weiterverwertet werden k\u00f6nnen. 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