{"id":54063,"date":"2018-06-28T07:20:15","date_gmt":"2018-06-28T05:20:15","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=54063"},"modified":"2018-06-26T12:29:10","modified_gmt":"2018-06-26T10:29:10","slug":"land-ohne-plastik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/land-ohne-plastik\/","title":{"rendered":"Land ohne Plastik"},"content":{"rendered":"<p>Die Verschmutzung mit Plastik ist zu einem globalen Umweltproblem geworden. Deshalb will die EU-Kommission am Montag einen Plan vorstellen, welche Einmalprodukte, wie zum Beispiel Strohhalme oder Besteck, verboten werden sollen. Im Kampf gegen Plastik positioniert sich das ostafrikanische Ruanda als Vorbild. Dort gibt es schon seit Jahren extrem strenge Gesetze. Wie viel das ver\u00e4ndert, berichtet unsere Autorin.<\/p>\n<p>Vedaste Mutabazi steht in seinem kleinen Laden in Gisenyi, einer Kleinstadt im Westen Ruandas. Die Regale sind bis unter die Decke gef\u00fcllt mit Haushaltswaren, Hygieneartikeln und Lebensmitteln. Abends ab sechs Uhr wird es voll. Wenn ihn dann einer seiner Kunden bittet, den Zucker in eine kleine Plastikt\u00fcte zu f\u00fcllen, entschuldigt er sich: Nein, die Plastikt\u00fcten habe er nicht mehr. Seit letztem Jahr.<\/p>\n<p>Denn vor rund einem Jahr kam ein Kontrolleur in seinen Laden. Vedaste war unterwegs, sein j\u00fcngerer Bruder hatte die Kasse \u00fcbernommen. Der Kontrolleur gab sich als Kunde aus. Als Vedastes Bruder eine Plastikt\u00fcte unter der Theke hervorholte, z\u00fcckte der Kontrolleur den Stift. Gesetzesbruch! Den Laden lie\u00df er sofort schlie\u00dfen und verh\u00e4ngte au\u00dferdem eine Strafe: 100.000 Ruanda-Franc, rund 100 Euro. &#8220;Das ist viel Geld&#8221;, sagt Vedaste. &#8220;Das kann ich nicht so einfach bezahlen.&#8221; Zwar konnte Vedaste eine deutlich geringere Strafe heraushandeln, aber eines hatte er gelernt: Fortan muss es ohne Plastik gehen.<\/p>\n<p>In Ruanda ist es seit 2008 verboten, Plastikt\u00fcten zu importieren, zu produzieren, zu verkaufen oder auch einfach nur zu besitzen. Und dieses Verbot setzt die Regierung rigoros durch. Neben Geldstrafen drohen bis zu zw\u00f6lf Monate Gef\u00e4ngnis. &#8220;Jeder Ruander kennt heute dieses Verbot&#8221;, erkl\u00e4rt Remy Norbert Duhuze von der ruandischen Umweltbeh\u00f6rde Rema stolz. &#8220;Plastikt\u00fcten sind aus dem Alltag Ruandas verschwunden.&#8221;<\/p>\n<p>Radio und Fernsehen verbreiten Umweltschutzparolen<br \/>\nGanz anders sieht es weltweit aus: Seit seiner Erfindung hat Plastik jede Ritze unserer Erde erreicht. Es treibt in riesigen M\u00fcllteppichen auf unseren Meeren, ist bis in die Antarktis vorgedrungen und l\u00e4sst sich in Form von kleinsten Mikroplastikteilen in unserem Essen und unserem K\u00f6rper nachweisen. Aber w\u00e4hrend in Deutschland jeder Mensch im Durchschnitt 76 Plastikt\u00fcten pro Jahr verbraucht, lernen Kinder in Ruanda bereits in der Schule, dass es mehrere Hundert Jahre dauert, bis eine Plastikt\u00fcte verrottet. Radio- und Fernsehsender verbreiten Umweltschutzparolen und die Umweltbeh\u00f6rde Rema ruft dazu auf, gesetzwidriges Verhalten anzuzeigen. All das ist Teil der nationalen Strategie.<\/p>\n<p>An jedem letzten Samstag des Monats, am Umuganda-Tag, sind alle Ruander dazu aufgerufen, im ganzen Land sauber zu machen und aufzur\u00e4umen. Selbst Pr\u00e4sident Paul Kagame macht in Gummistiefeln mit. Dann sind s\u00e4mtliche Gesch\u00e4fte geschlossen, damit es gen\u00fcgend Helfer gibt, um jeden noch so kleinen Fetzen Papier aufzusammeln, Stra\u00dfen auszubessern oder B\u00e4ume zu pflanzen. Anschlie\u00dfend werden Probleme in der Nachbarschaftsgemeinschaft er\u00f6rtert.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich sind nicht nur die Stra\u00dfen in Ruandas Hauptstadt Kigali makellos sauber, sondern auch unbefestigte Wege und Hinterh\u00f6fe auf dem Land. Das verbl\u00fcfft besonders Touristen, sind sie doch aus vielen L\u00e4ndern Afrikas M\u00fcll am Stra\u00dfenrand, in Wassergr\u00e4ben und selbst in den Zweigen der B\u00e4ume gew\u00f6hnt. &#8220;Das Plastikt\u00fctengesetz ist in Ruanda wirklich gut etabliert, und die Regierung zeigt gro\u00dfen Einsatz&#8221;, sagt ein Regierungsberater, der anonym bleiben m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Andere L\u00e4nder sind Ruanda gefolgt. 2017 hat Kenia das sch\u00e4rfste Plastikt\u00fctengesetz der Welt verabschiedet. Bis zu vier Jahre Haft oder 40.000 US-Dollar Strafe k\u00f6nnen Plastikt\u00fctens\u00fcndern dort drohen. Und auch L\u00e4nder wie Uganda, Marokko, Eritrea oder Kongo haben Anti-Plastik-Gesetze erlassen \u2013 scheitern jedoch oft an der Umsetzung.<\/p>\n<p>Ruanda setzt sein Plastikt\u00fctengesetz mit gro\u00dfer Konsequenz um \u2013 und mit gro\u00dfer H\u00e4rte. Erst vor einigen Monaten mussten zum Beispiel mehrere Gro\u00dfb\u00e4ckereien in Kigali hohe Strafen bezahlen, weil sie ihr Brot in Zellophanfolie eingewickelt hatten. Der Regierungsberater, der nicht namentlich erscheinen will, sieht deshalb die Regierung in der Verantwortung: &#8220;Sie sollte Industrie und Handel st\u00e4rker unterst\u00fctzen, um zum Beispiel finanzierbare Alternativen zu finden, damit Unternehmen nicht unter dem Plastikt\u00fctenbann leiden.&#8221; Und Remy Norbert Duhuze von der Umweltbeh\u00f6rde Rema gibt zu: &#8220;Leider sind Alternativen oft mit h\u00f6heren Kosten verbunden. Wir suchen noch nach L\u00f6sungen.&#8221;<\/p>\n<p>In der Tat k\u00e4mpfen viele Klein- und Gro\u00dfh\u00e4ndler mit diesem Problem. &#8220;Ich habe einige Kunden verloren, seit ich keine Plastikt\u00fcten mehr anbiete&#8221;, erz\u00e4hlt Vedaste, der Ladenbesitzer aus Gisenyi. Eine Verk\u00e4uferin auf dem nahe gelegenen Markt erz\u00e4hlt, sie bezahle f\u00fcr 200 kleine Plastikt\u00fcten umgerechnet 60 Cent, f\u00fcr 200 Papiert\u00fcten aber fast f\u00fcnf Euro. &#8220;Und wenn ich meine Ware in Papiert\u00fcten stecke, ist nicht zu sehen, was drin ist&#8221;, klagt sie. Auf dem Markt von Gisenyi entscheiden sich einige deshalb daf\u00fcr, das Risiko einer Strafe einzugehen und ihre Waren trotz des Verbots in Plastikt\u00fcten einzupacken. Ingwer, rote Chilischoten oder Reis liegen in durchsichtigen T\u00fcten auf den Holztischen. Und was, wenn ein Kontrolleur kommt? Dann verschwinden die T\u00fcten blitzschnell unter den Verkaufstischen. Ihr Mund-zu-Mund-Alarmsystem funktioniert gut.<\/p>\n<p>Die Umweltbeh\u00f6rde sucht nach Schmugglern<br \/>\nDie T\u00fcten werden gr\u00f6\u00dftenteils aus der Demokratischen Republik Kongo nach Ruanda geschmuggelt. Die Grenze liegt keine zwei Kilometer vom Markt entfernt. Gisenyi und Goma sind zwei zusammengewachsene St\u00e4dte, geteilt durch einen Grenzstreifen. W\u00e4hrend auf der ruandischen Seite gepflegter gr\u00fcner Rasen den Grenz\u00fcbergang s\u00e4umt, liegen zwei Meter hinter dem Zaun in Goma Plastikflaschen, Milcht\u00fcten und Verpackungen herum.<\/p>\n<p>\u00dcber 40.000 Menschen passieren hier pro Tag die Grenze. Damit z\u00e4hlt der \u00dcbergang zu einem der am st\u00e4rksten frequentierten der Welt. Gro\u00dfe Eimer mit Avocados, Mangos und Auberginen gef\u00fcllt werden auf den K\u00f6pfen von Frauen von einem Land ins andere geschaukelt. Andere transportieren Matratzen oder mit Kohle gef\u00fcllte S\u00e4cke. Ein Treiben, in dem man leicht den \u00dcberblick verliert. Nur Egide Mberabagabo darf das nicht.<\/p>\n<p>Der Rema-Mitarbeiter ist hier seit 2010 stationiert und k\u00e4mpft gegen die illegale Einfuhr. &#8220;Wir finden jeden Tag aufs Neue Plastikt\u00fcten. Die Menschen versuchen mit allen Mitteln, Plastikt\u00fcten ins Land zu bringen&#8221; sagt er. Vor ihm haben sich Frauen, die die Grenze passieren wollen, in drei Reihen aufgestellt und werden von Polizistinnen in blauer Uniform abgetastet. Die Beamten \u00f6ffnen Rei\u00dfverschl\u00fcsse und lassen Taschen entleeren. &#8220;Am h\u00e4ufigsten binden sie sich die Packungen mit Plastikt\u00fcten um ihre H\u00fcfte oder verstecken sie in der Unterw\u00e4sche&#8221;, erkl\u00e4rt eine Polizistin trocken, w\u00e4hrend sie routiniert den Stoff abklopft, mit dem eine junge Mutter ihr Baby auf den R\u00fccken gebunden hat. Nichts gefunden, die Frau darf weitergehen. &#8220;Noch 2014 haben wir bei Razzien oft gro\u00dfe Mengen Plastikt\u00fcten konfisziert und Schmuggler ins Gef\u00e4ngnis gebracht&#8221;, erinnert sich Egide Mberabagabo. Wer heute mit ein paar Beuteln Plastikt\u00fcten erwischt wird, muss sie lediglich abgeben, wird ermahnt und darf weitergehen. Die T\u00fcten landen erst in einem gro\u00dfen Eimer, dann in einem Container und werden anschlie\u00dfend nach Kigali in eine Recyclinganlage gebracht.<\/p>\n<p>M\u00fcllberge bestehen nicht nur aus Plastik<br \/>\nDoch Plastikt\u00fcten machen am Ende nur einen kleinen Prozentsatz von Afrikas M\u00fcllbergen aus. Ein Verbot von Plastikt\u00fcten allein reicht nicht, um mit dem M\u00fcllproblem, das auch andere L\u00e4nder haben, fertig zu werden. Weil die Bev\u00f6lkerung rasant w\u00e4chst, viele in die St\u00e4dte dr\u00e4ngen und die Wirtschaft stetig w\u00e4chst, wird auch mehr M\u00fcll produziert. W\u00e4hrend in Kigali 2012 noch 180 Tonnen M\u00fcll pro Tag eingesammelt wurden, waren es 2016 bereits \u00fcber 500 Tonnen am Tag. Die Deponien sind bereits heute bis oben hin voll. Da ist es nicht verwunderlich, dass Umweltsch\u00fctzer kritisieren, dass sich afrikanische L\u00e4nder mit einem Plastikt\u00fctenbann ein gr\u00fcnes Image verpassen, w\u00e4hrend andere wichtige Ma\u00dfnahmen aus dem Blick geraten.<\/p>\n<p>Auch Ruanda braucht in Zukunft strukturiertere und umfassendere L\u00f6sungen f\u00fcr die M\u00fcllentsorgung. Wie die aussehen k\u00f6nnten, soll ein Modellprojekt in der Hauptstadt zeigen. Die deutsche KfW-Entwicklungsbank unterst\u00fctzt im Auftrag des Bundesministeriums f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung das Vorhaben Green City Kigali: Auf 620 Hektar Land wird ein neuer, gr\u00fcner Stadtteil gebaut. Mehrst\u00f6ckige H\u00e4user sollen bezahlbaren Wohnraum f\u00fcr Menschen aus den unteren bis mittleren Einkommensklassen schaffen. Die klimafreundlichen H\u00e4user werden aus nachhaltigen Materialien gebaut, Abfallentsorgung inklusive. &#8220;In der Zukunft soll die Idee auf andere St\u00e4dte Ruandas \u00fcbertragen werden und sogar als Vorzeigebeispiel f\u00fcr andere afrikanische L\u00e4nder gelten&#8221;, sagt Christof Griebenow, Projektmanager f\u00fcr die KfW in Ruanda.<\/p>\n<p>Bis es so weit ist, will Ruandas Regierung die Plastikgesetze noch einmal versch\u00e4rfen. Zehn Jahre nach dem Verbot f\u00fcr Plastikt\u00fcten ist sie kurz davor, ein neues Gesetz zu verabschieden. Tritt es in Kraft, werden in Ruanda auch Wasserflaschen aus Plastik, Strohhalme und Einweggeschirr verboten sein. Ruanda meint es ernst. Und wenn die Regierung hier etwas ernst meint, dann wird es mit strengen Regeln umgesetzt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Verschmutzung mit Plastik ist zu einem globalen Umweltproblem geworden. 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