{"id":53363,"date":"2017-05-19T07:22:39","date_gmt":"2017-05-19T05:22:39","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=53363"},"modified":"2018-06-04T16:27:26","modified_gmt":"2018-06-04T14:27:26","slug":"biooekonomie-vom-waren-wert-des-lebens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/biooekonomie-vom-waren-wert-des-lebens\/","title":{"rendered":"Bio\u00f6konomie: Vom Waren-Wert des Lebens"},"content":{"rendered":"<p>Der Begriff Bio\u00f6konomie wird seit einigen Jahren zunehmend popul\u00e4r und bezeichnet eine Wirtschafts(re)form, welche vor allem f\u00fcr zwei Hoffnungen steht: Zum einen soll sie es erm\u00f6glichen, die ressourcenverbrauchende Kohlenstoffwirtschaft des Industriezeitalters zu evolutionieren \u2013 sprich: von fossilen auf nachwachsende Energietr\u00e4ger zu wechseln. Zum andern soll es so aber gleichzeitig gelingen, die Erfolgsgeschichte der Wohlstandsproduktion in einer Wachstums\u00f6konomie fortzuf\u00fchren (vgl. BMEL 2014).<\/p>\n<p>Bio\u00f6konomie im erweiterten Sinne umfasst nicht nur die Verwertung von Pflanzen und Biomasse, sondern auch Tiere und letztlich den Menschen. So kann der Begriff auch als eine umfassende Verwertungsstrategie jeglicher Lebensformen verstanden werden (Gottwald\/Kr\u00e4tzer 2014).<\/p>\n<p>Aktuell befinden sich viele Forschungseinrichtungen und Biotechnologie-Firmen in Aufbruchsstimmung. Ein wesentlicher Grund daf\u00fcr sind neue Technologien wie das Gene Editing. Diese Verfahren sollen eine pr\u00e4zisere und radikalere Ver\u00e4nderung des Erbguts erm\u00f6glichen als bisherige Gentechnikverfahren. Im Wettbewerb um Forschung, Entwicklung und Vermarktung bringen sich die Akteure in Stellung und m\u00fcssen \u2013 um ihre Position zu st\u00e4rken \u2013 (fast) alles technisch M\u00f6gliche auch versuchen beziehungsweise umsetzten. Die von Investoren getriebenen Gesch\u00e4ftsinteressen resultieren in einem Warenangebot, \u00fcber dessen Risiken, gesellschaftlichen Nutzen und soziale Erw\u00fcnschtheit ebenso diskutiert werden muss wie \u00fcber ethische Fragen. Zum Beispiel: Sollen f\u00fcr Produkte wie \u00c4pfel, deren Schnittfl\u00e4che weniger schnell braun wird, die Risiken der Gentechnik und die unkontrollierte Ausbreitung gentechnisch ver\u00e4nderter Organismen (GVO) in Kauf genommen werden? Sollen wirtschaftliche Anreize geschaffen werden, die dazu f\u00fchren, dass immer mehr Tierversuche mit gentechnisch ver\u00e4nderten Tieren durchgef\u00fchrt werden? Soll die gentechnische Optimierung des Menschen bis zur Praxisreife entwickelt werden?<\/p>\n<p>Im Hinblick auf die wirtschaftliche Verwertung von Leben und den Erwartungen der Investoren entsteht eine ganze Reihe von Problembereichen, von denen im Folgenden drei skizziert werden.<\/p>\n<p>Die Produktion von Risiken<br \/>\nSp\u00e4testens seit Ulrich Becks Zeitdiagnose der Risikogesellschaft und der nuklearen Katastrophe von Tschernobyl 1986 ist hinl\u00e4nglich bekannt und nachvollziehbar dargelegt, dass Modernisierung und Technologisierung zwar einerseits Wohlstand und Reichtum zu produzieren imstande sind, andererseits aber auch systematisch die Produktion von Risiken damit einhergeht (vgl. Beck 1986, S. 25). Kurz: Bei Risikotechnologien geht mit der intendierten Wohlstandsproduktion auch systematisch die nichtintendierte Produktion neuer Risiken einher.<\/p>\n<p>Diese mitproduzierten Risiken gef\u00e4hrden ihrerseits dann den Wohlstand, f\u00fcr dessen Herstellung man bereit ist oder war, sie einzugehen. Wohlstand und Risiko stehen somit in einem dialektischen Verh\u00e4ltnis zueinander: W\u00e4hrend Wohlstand realisiert, erstrebt und erw\u00fcnscht wird, sollen \u201edie systematisch mitproduzierten Risiken und Gef\u00e4hrdungen verhindert, verharmlost [\u2026] und [\u2026] so eingegrenzt und wegverteilt werden, dass sie weder den Modernisierungsprozess behindern noch die Grenzen des (\u00f6kologisch, medizinisch, psychologisch, sozial) \u201aZumutbaren\u2018 \u00fcberschreiten\u201c (Beck 1986, S. 26).<\/p>\n<p>Ganzheitlich und rational betrachtet, m\u00fcsste im Bezug auf jede Einf\u00fchrung einer neuen Risikotechnologie stets eine gesellschaftliche Abw\u00e4gung zwischen dem versprochenen Zugewinn und den potentiellen Risiken stattfinden. In der gegenw\u00e4rtigen Realit\u00e4t stellt sich dies aber v\u00f6llig anders dar: Wirtschaftliche Akteure m\u00fcssen von neuen Technologien stets so schnell wie m\u00f6glich Gebrauch machen, um sich m\u00f6glichst eine Vormachtstellung auf dem (neuen) Markt zu sichern. Der enorme Konkurrenzdruck in Forschung und Wirtschaft hat zur Folge, dass, wer sich auch nur ansatzweise ernsthaft mit den einhergehenden Risiken befasst und das eigene Handeln hinterfragt, sofort \u201eaus dem Rennen\u201c ist. Die Kr\u00e4fte des Marktes f\u00fchren so dazu, dass immer gr\u00f6\u00dfere Risiken in Kauf genommen werden, um konkurrenzf\u00e4hig zu bleiben.<\/p>\n<p>Neben der Tatsache, dass wirtschaftliche Akteure, um erfolgreich zu sein, gar nicht anders k\u00f6nnen, als immer gr\u00f6\u00dfere Risiken in Kauf zu nehmen, gibt es aus unternehmerischer Sicht noch einen weiteren Grund f\u00fcr Risikofreude: Die Gewinne, auch die mittels Hochrisiko-Technologien erwirtschafteten, kommen den Unternehmen zu. Die systematisch mitproduzierten Risiken dagegen k\u00f6nnen oft gar nicht \u201elokal und gruppenspezifisch begrenzt werden, sondern enthalten eine Globalisierungstendenz, die [\u2026] nationalstaatliche Grenzen unterl\u00e4uft und [\u2026] klassenunspezifisch[\u2026] [ist]\u201c (Beck 1986, S. 17-18). Kurz: W\u00e4hrend die mittels Risikotechnologien erwirtschafteten Gewinne in private Kassen flie\u00dfen, m\u00fcssen etwaige Kosten f\u00fcr die Risikofolgen dann meist von Gesellschaft und Natur getragen werden.<\/p>\n<p>Angesichts dieser Bedingungen ist es kaum verwunderlich, dass diverse Akteure nun sogar erreichen wollen, dass mit neuen Gentechnikverfahren wie Gene Editing manipulierte Pflanzen und Tiere ohne Zulassungsverfahren freigesetzt und daraus gewonnene Lebensmittel und das Saatgut ohne Kennzeichnung auf den Markt kommen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Risiken der Gentechnik<br \/>\nBei der Gentechnik blickt man mittlerweile auf 20 Jahre der kommerziellen Anwendung zur\u00fcck. Man sieht, dass sich mit gentechnisch ver\u00e4ndertem Saatgut hohe Gewinne erzielen lassen und kurzfristig auch die Ertr\u00e4ge gesteigert werden k\u00f6nnen. Man sieht aber auch negative Auswirkungen, wie beispielsweise eine wachsende Marktkonzentration, eine immer gr\u00f6\u00dfere Abh\u00e4ngigkeit der Landwirte und eine steigende Belastung von Umwelt und Lebensmitteln mit Herbiziden und deren R\u00fcckst\u00e4nden. Dies gilt insbesondere f\u00fcr den in manchen L\u00e4ndern weit verbreiteten Einsatz von Gentechnik-Pflanzen, die gegen den Einsatz von Herbiziden resistent gemacht wurden. Da mit der Zeit auch die Unkr\u00e4uter Resistenzen gegen Ackergifte entwickelten, ist derzeit eine Art \u201eWettr\u00fcsten\u201c auf dem Acker zu beobachten: Zum Anbau der Gentechnikpflanzen werden immer mehr Spritzmittel ben\u00f6tigt (Benbrook 2016). Damit werden Umwelt und Artenvielfalt gesch\u00e4digt und das Risiko gesundheitlicher Sch\u00e4den erh\u00f6ht.<\/p>\n<p>Gesundheitliche Risiken<\/p>\n<p>Inwieweit der Verzehr gentechnisch ver\u00e4nderter Pflanzen die Gesundheit von Mensch und Tier beeintr\u00e4chtigt, l\u00e4sst sich nicht eindeutig sagen. Die meisten der zugelassenen Pflanzen wurden nie in geeigneten F\u00fctterungsversuchen auf gesundheitliche Risiken \u00fcberpr\u00fcft. Sind die Pflanzen aber einmal zugelassen, fehlen geeignete Systeme zur \u00dcberwachung der gesundheitlichen Auswirkungen ihres Verzehrs. Auch die EU-Kommission musste 2005 zugeben, dass aufgrund fehlender Daten \u201eim Hinblick auf h\u00e4ufige chronische Krankheiten wie Allergien und Krebs keinerlei Aussage dar\u00fcber getroffen werden kann, ob die Einf\u00fchrung gentechnisch ver\u00e4nderter Produkte irgendwelche Effekte auf die menschliche Gesundheit hatte\u201c (vgl. European Communities 2005). Daran hat sich in den letzten Jahren nichts ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen jedenfalls immer deutlicher, wie eng lebendige Organismen \u00fcber das Netzwerk von Mikroorganismen verbunden sind: Pflanzen, Tiere und Menschen sind untrennbar mit ihrem Mikrobiom (u. a. Mikroorganismen, die im Darm von Mensch und Tier und im Wurzelbereich von Pflanzen in Symbiose leben) verbunden. Die Mikrobiome von Mensch, Tier und Pflanzen stehen ihrerseits in best\u00e4ndigem Austausch (zum \u00dcberblick siehe Kegel 2015). Dabei geht es nicht nur um die Zurverf\u00fcgungstellung von N\u00e4hrstoffen, sondern um vielf\u00e4ltige Formen biologischer Kommunikation und Wechselwirkungen, die bisher nur zum Teil bekannt sind. So wird angenommen, dass biologisch wirksame Botenstoffe, die von Pflanzen oder Mikroorganismen stammen, beim Menschen in die Regulierung bestimmter Gene eingreifen k\u00f6nnen (vgl. bspw. Zhang et al. 2012).<\/p>\n<p>Angesichts des insgesamt noch immer sehr l\u00fcckenhaften Wissens \u00fcber lebendige Organismen, deren Interaktion miteinander und der Komplexit\u00e4t von Leben im allgemeinen, ist es unausweichlich, dass mit gentechnischen Eingriffen neben den erzielten intendierten Resultaten, auch diverse nichtintendierte Effekte einhergehen, die ein erhebliches Risikopotential bergen.<\/p>\n<p>Umweltrisiken<\/p>\n<p>Auch das Risikopotential der Gentechnik im Hinblick auf potentielle Umweltsch\u00e4den ist erheblich. Wir wissen das unter anderem aus der Geschichte der Ausbreitung von Krankheitserregern, dem Auftreten von invasiven Arten und der Zerst\u00f6rung der biologischen Vielfalt durch falsche landwirtschaftliche Praxis. Die Risiken der Gentechnik sind aber nur zum Teil deckungsgleich mit diesen Risiken. Mit gentechnisch ver\u00e4nderten Pflanzen werden beispielsweise keine neuen invasiven Arten geschaffen, sondern die biologischen Eigenschaften innerhalb einer Art ver\u00e4ndert. Um die neuen Eigenschaften zu implantieren, werden die nat\u00fcrlichen Mechanismen der Vererbung und Genregulierung umgangen. Dadurch kann eine Art invasiver oder auch anf\u00e4lliger gegen\u00fcber Krankheiten werden oder die \u00f6kologischen Systeme destabilisieren, weil sie beispielsweise best\u00e4ubende Insekten gef\u00e4hrdet. Instabil kann auch das Erbgut der Art selbst werden: Unter Stresseinwirkungen, wie sie unter anderem im Rahmen des Klimawandels auftreten, kann sich die Genfunktion und Genregulation ganz anders verhalten als unter \u201eNormalbedingungen\u201c (vgl. bspw. Zeller et al. 2010).<\/p>\n<p>Verschiedenen Gentechnik-Pflanzen ist der Sprung in nat\u00fcrliche Populationen bereits gegl\u00fcckt. Sie entziehen sich so der weiteren Kontrolle. Die Folgen einer Freisetzung gentechnisch ver\u00e4nderter Organismen, deren Ausbreitung nicht kontrolliert werden kann, lassen sich nicht verl\u00e4sslich prognostizieren. In einem derartigen Fall m\u00fcssten bei einer Risikoabsch\u00e4tzung evolution\u00e4re Dimensionen ber\u00fccksichtigt werden. Evolution\u00e4re Prozesse f\u00fchren aber dazu, dass sich auch Ereignisse mit geringer Wahrscheinlichkeit realisieren k\u00f6nnen (vgl. Breckling 2013). Das macht eine verl\u00e4ssliche Risikoabsch\u00e4tzung unm\u00f6glich. Zugleich gibt es keine ausreichend verl\u00e4sslichen M\u00f6glichkeiten einzugreifen, sollten die betreffenden Organismen tats\u00e4chlich Sch\u00e4den verursachen.<\/p>\n<p>Leben in seinen bestehenden Formen ist ein Kontinuum mit seinem Ursprung, der Milliarden Jahre zur\u00fcckliegt. Der Philosoph Karl Popper dr\u00fcckte das so aus: \u201eDie Urzelle lebt noch immer. Wir alle sind die Urzelle [\u2026]. Die Urzelle hat vor Milliarden von Jahren begonnen, und die Urzelle hat in Form von Trillionen von Zellen \u00fcberlebt. Und sie lebt noch immer, in jeder einzelnen aller der jetzt lebenden Zellen. Und alles Leben, alles was je gelebt hat und alles was heute lebt, ist das Resultat von Teilungen der Urzelle. Es ist daher die noch lebende Urzelle\u201c (Popper 1987, S. 24). Wir haben aber heute erstmals die technischen M\u00f6glichkeiten, Zellen zu schaffen, die sich erheblich von denen unterscheiden, die aus der \u201eUrzelle\u201c hervorgegangen sind. Wir k\u00f6nnen Leben schaffen, das die weitere Entwicklung der bestehenden Lebensformen, deren Selbstregulation und Selbstorganisation sowie die \u00f6kologischen Netzwerke ver\u00e4ndert, st\u00f6rt oder gar zerst\u00f6rt. Vieles spricht daf\u00fcr, dass wir am Beginn einer neuen gigantischen \u201eUmweltverschmutzung\u201c stehen: Die unkontrollierte Ausbreitung von technisch kreiertem Erbgut in der Biosph\u00e4re des Planeten Erde.<\/p>\n<p>Im Vorwort zu seinem Buch \u201eAuf der Suche nach einer besseren Welt\u201c schreibt Karl Popper (Popper 1987): \u201eAlles Lebendige sucht nach einer besseren Welt\u201c. Er propagiert so eine Sichtweise der Evolution, die das Lebendige als eine aktiv gestaltende Kraft begreift, die sich selbst und ihre Umwelt in best\u00e4ndiger Wechselwirkung weiterentwickelt. Die eindimensionale Vorstellung \u00fcber die Mechanismen der Evolution wird erg\u00e4nzt um eine zweite Dimension: Neben dem Selektionsdruck, der von au\u00dfen auf die biologische Vielfalt einwirkt, wirke auch ein Selektionsdruck von innen, der die Lebewesen dazu bef\u00e4hige, ihre Umwelt zu gestalten und auf ihre Bed\u00fcrfnisse anzupassen. Die \u201ezuf\u00e4llige\u201c Mutation und die passive Selektion von Lebewesen erkl\u00e4ren sich dann dadurch, dass Organismen auch aktive Probleml\u00f6ser sind; Popper spricht davon, dass Leben regelrecht \u201eErfindungen\u201c macht (Popper 1987, S. 26). Aus dieser Perspektive, welche den heute aktuellen Vorstellungen \u00fcber die Mechanismen der Evolution sehr nahe kommt (vgl. bspw. Rehmann-Sutter 2017) ist der gentechnische Eingriff in die \u201eKeimbahn\u201c der biologischen Vielfalt nicht zu rechtfertigen. Nichts anderes aber tun wir, wenn wir es zulassen, dass gentechnisch ver\u00e4nderte Organismen ihr Erbgut in nat\u00fcrlichen Populationen verbreiten.<\/p>\n<p>Die Produktion von Tierleid<br \/>\nVon 2004 bis 2013 hat sich die Anzahl der Gentechnik-Tiere, die in Deutschland pro Jahr f\u00fcr Experimente eingesetzt werden, mehr als verdreifacht. 2015 erreichte die Zahl dieser Tiere erstmals mehr als eine Million Tiere. Getrieben wird diese Entwicklung ganz erheblich von wirtschaftlichen Interessen.<\/p>\n<p>Die Gesch\u00e4ftsgrundlage dieser Form von Bio\u00f6konomie beruht auf einer grundlegenden Werteverschiebung: Die Abschaffung des Eigenwertes der Tiere und die Festsetzung eines Waren-Wertes, der sich aus dem Produktionsverh\u00e4ltnis von \u201eSch\u00f6pfer\u201c und dem von ihm \u201egemachten\u201c Leben ableitet. Ausdruck findet dieses Produktionsverh\u00e4ltnis in der Erteilung von Patenten, die gentechnisch ver\u00e4nderte Tiere betreffen. Von derartigen Patenten wurden in Europa bereits \u00fcber 1000 erteilt.<\/p>\n<p>Patentantr\u00e4ge auf gentechnisch ver\u00e4nderte Tiere sind ein deutliches Zeichen daf\u00fcr, dass Konzerne und Investoren bereit sind, aus Tierleid ein Gesch\u00e4ft zu machen: Die Laufzeit eines Patents betr\u00e4gt 20 Jahre. In diesem Zeitraum soll das patentierte \u201eProdukt\u201c gewinnbringend verwertet werden. Zuletzt hatte das Europ\u00e4ische Patentamt sogar Einspr\u00fcche gegen Patente der US-Firma Intrexon auf gentechnisch ver\u00e4nderte Schimpansen zur\u00fcckgewiesen.<\/p>\n<p>Unter den Patentanmeldern finden sich nicht nur gro\u00dfe Konzerne wie Hoffmann La Roche, Pfizer und Novartis, sondern auch Forschungseinrichtungen, die vom deutschen Steuerzahler finanziert werden. Darunter die Max-Planck-Gesellschaft und das Helmholtz-Zentrum. Diese haben unter anderem Patente auf nicht-menschliche, gentechnisch ver\u00e4nderte Primaten angemeldet.<\/p>\n<p>Zudem werden von spezialisierten Firmen wie Recombinetics auch immer mehr Patente auf gentechnisch ver\u00e4nderte Nutztiere angemeldet. So sollen beispielsweise gentechnisch ver\u00e4nderte K\u00fche mehr Milch geben oder Schlachttiere schneller wachsen, um den wirtschaftlichen Interessen der industriellen Massentierhaltung besser zu entsprechen.<\/p>\n<p>Die gentechnische Ver\u00e4nderung von S\u00e4ugetieren ist ethisch nicht neutral, sondern f\u00fchrt in jedem Fall zu Leiden und Schmerzen. F\u00fcr die Erzeugung einzelner gentechnisch ver\u00e4nderter S\u00e4ugetiere m\u00fcssen hohe Tierverluste in Kauf genommen werden, da viele Tiere aufgrund von Gen-Defekten nicht lebend geboren werden oder aber get\u00f6tet werden m\u00fcssen, weil sie krank oder nicht wie erwartet gentechnisch ver\u00e4ndert sind. Zudem werden weitere Tiere als Leihm\u00fctter, Eizellen- oder Embryonen-Spender genutzt, was ebenfalls mit Leiden und Schmerzen verbunden ist.<\/p>\n<p>Alle technischen Schritte wie die Insertion von DNA-Konstrukten in die Zellen, die Vermehrung der Zellen im Labor oder die Klonierung gentechnisch ver\u00e4nderter Tiere k\u00f6nnen zu unerw\u00fcnschten Gen-Defekten und der St\u00f6rung\/Ver\u00e4nderung der Genregulierung (Epigenetik) der Tiere f\u00fchren. So zeigen sich zum Beispiel bei geklonten Tieren oft St\u00f6rungen der Epigenetik, die zu erheblichen gesundheitlichen Problemen f\u00fchren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Insbesondere bei Nutztieren wie K\u00fchen sind einige hundert Versuche n\u00f6tig, um einzelne der \u201eerw\u00fcnschten\u201c gentechnisch ver\u00e4nderten Tiere zu erhalten. Dabei werden in der Regel Klonverfahren als Zwischenschritte genutzt, die zus\u00e4tzlich zu hohen Tierverlusten und Krankheitsraten f\u00fchren. Die \u201eerfolgreich\u201c gentechnisch ver\u00e4nderten Tiere leiden oft lebenslang an ihren gewollten oder ungewollten Gen-Defekten oder auch an der Produktion von zus\u00e4tzlichen Stoffwechselprodukten, die ihren Organismus belasten.<\/p>\n<p>Ein wesentlicher Treiber f\u00fcr die Zunahme von Tierversuchen sind neue Gentechnik-Verfahren, die mit Hilfe von Nukleasen (DNA-Scheren) eine gezieltere Ver\u00e4nderung des Erbguts erlauben sollen. Man spricht von Gene Editing oder Synthetischer Gentechnik. Allerdings sind diese Verfahren l\u00e4ngst nicht frei von Nebenwirkungen, was aber oft behauptet wird. Zudem sind, wie schon bei den bisherigen Gentechnik-Verfahren, zahlreiche Zwischenschritte n\u00f6tig, die zu einem erh\u00f6hten Tierverbrauch f\u00fchren.<\/p>\n<p>Der vermeintliche Vorteil der neuen Gentechnik-Verfahren schl\u00e4gt bei genauerer Betrachtung ins Gegenteil um: Effizientere Methoden f\u00fchren dazu, dass die Tierversuchszahlen weiter steigen. Die neuen Verfahren werden bei Versuchstieren in gro\u00dfem Ma\u00dfstab eingesetzt. Verschiedene Firmen bieten an, Versuchstiere wie M\u00e4use und Ratten je nach Bestellung an jeder beliebigen Stelle im Erbgut mit synthetischer DNA zu manipulieren und diese Tiere innerhalb weniger Monate zu liefern. Die Anbieter bewerben entsprechende Versuchstiere beispielsweise als \u201ekundenspezifisch manipulierte Nager\u201c.<\/p>\n<p>Der tats\u00e4chliche medizinische Nutzen ist schwer zu bewerten. So haben \u201eTierversuchsmodelle\u201c, das hei\u00dft gentechnisch ver\u00e4nderte Tiere, mit denen bestimmte Krankheiten des Menschen simuliert werden sollen, in den meisten F\u00e4llen die in sie gesetzten Erwartungen nicht erf\u00fcllt. Auch die Z\u00fcchtung von Gentechnik-Schweinen als Organspender wird seit \u00fcber 20 Jahren betrieben \u2013 ohne dass bisher ein konkreter medizinischer Nutzen f\u00fcr den Menschen erkennbar w\u00e4re.<\/p>\n<p>Dem gentechnischen Eingriff ins Erbgut scheinen kaum noch Grenzen gesetzt. 2010 wurde in der Zeitschrift Der Spiegel ein Versuch des US Forschers Georg Church vorgestellt, der sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt hat: \u201eEr will M\u00e4usen die Eigenschaften von Nacktmullen beibringen. Eines nach dem anderen tauscht er dazu die Gene der einen Spezies durch die der anderen aus \u2013 ein weltweit bisher einzigartiges Experiment. Wozu das Ganze gut sein soll? Ganz einfach erkl\u00e4rt der Forscher: Eine Maus sterbe meist schon nach zwei, drei Jahren. Ein Nacktmull dagegen lebe gut und gerne zehnmal so lange. Sei es da nicht spannend zu ergr\u00fcnden, worin der Unterschied liege?\u201c (Grolle 2010).<\/p>\n<p>W\u00e4re es wirklich ethisch vertretbar, das Erbgut einer Maus in das eines Nacktmulls oder das eines Elefanten in das von Mammuts \u201eumzuschreiben\u201c, wenn wir technisch dazu in der Lage w\u00e4ren? Nur weil wir es spannend finden? Oder weil man sich Profite erhofft? Bis heute gibt es jedenfalls keine Regelungen oder gar Verbote zum Schutz der genetischen Identit\u00e4t und Integrit\u00e4t von S\u00e4ugetieren.<\/p>\n<p>Sieht man die Entwicklung im Lichte der Ziele der EU, die seit Jahren die \u201eDrei R\u201c-Strategie (Replacement, Reduction and Refinement) als zentralen Ansatz zur Senkung der Tierversuchszahlen verfolgt, f\u00fchrt die aktuelle Entwicklung in die entgegengesetzte Richtung. Die Entwicklung steht auch im Gegensatz zu den gesetzlich definierten Zielen des Tierschutzes. In Deutschland genie\u00dft der Tierschutz durch seine Verankerung im Grundgesetz einen besonders hohen Stellenwert. Tierversuchen sind dadurch rechtlich enge Grenzen gesetzt. Sie m\u00fcssen genehmigt werden und gelten nur dann als ethisch vertretbar, wenn sie auf das unerl\u00e4ssliche Ma\u00df beschr\u00e4nkt bleiben. Auch sind Tiere nach dem Wortlaut des B\u00fcrgerlichen Gesetzbuches keine Sachen. Doch die bestehenden Gesetze scheinen nicht ausreichend zu sein, um tats\u00e4chlich eine Trendumkehr zu bewirken.<\/p>\n<p>Schrittweise Verbesserungen sind machbar:<\/p>\n<p>Der Pr\u00fcfung und Entwicklung von Ersatzmethoden f\u00fcr Tierversuche ist ein wesentlich h\u00f6herer Stellenwert einzur\u00e4umen.<br \/>\nPatente auf Tiere und auf die Verwendung von Tieren in Tierversuchen sollten in Europa verboten werden.<br \/>\nGentechnische Experimente an bestimmten Tierarten wie Primaten sollten nicht mehr genehmigt werden.<br \/>\nGentechnische Ver\u00e4nderungen an Nutztieren zum Zwecke der Leistungssteigerung sollten ebenso verboten werden, wie der Import und die Vermarktung entsprechender Produkte von solchen Tieren.<br \/>\nUm Tiere rechtlich noch deutlicher als bisher von Sachen zu unterscheiden, sollten man ihnen Rechte wie den Schutz der genetischen Integrit\u00e4t einr\u00e4umen.<br \/>\nDie Produktion menschlichen Lebens<br \/>\nAuch in Bezug auf menschliches Leben gibt es l\u00e4ngst konkrete Gesch\u00e4ftsideen die wohl dem Feld der Bio\u00f6konomie zugerechnet werden k\u00f6nnen. Hier sollen zwei Bereiche kurz vorgestellt werden: (1) Die Verwendung von Embryonen f\u00fcr medizinische Versuche und (2) die genetische Optimierung von Individuen.<\/p>\n<p>(1) Die Menschenw\u00fcrde steht einer Verwertung menschlichen Lebens f\u00fcr Forschungszwecke grunds\u00e4tzlich entgegen. F\u00fcr die Verwendung in entsprechenden Versuchen werden deswegen menschliche Lebensformen definiert, die keinen Anteil an der Menschenw\u00fcrde haben sollen. Dazu geh\u00f6ren in Gro\u00dfbritannien beispielsweise menschliche Embryonen in den ersten Tagen nach der Befruchtung, vor dem Zeitpunkt, zu dem sie sich in die Plazenta einnisten.<\/p>\n<p>Das Problem: Bei einem abgestuften Konzept der menschlichen W\u00fcrde kann auch diskutiert werden, ob Menschsein bereits mit der Befruchtung, mit der Einnistung in der Geb\u00e4rmutter oder aber erst mit der Geburt, mit dem ersten Lachen des Kindes oder sogar erst nach dessen erfolgreichem Schulabschluss beginnen soll und ob die W\u00fcrde des Menschen endet, wenn das Gehirn abgestorben oder die Altersdemenz fortgeschritten ist. Das menschliche Leben kann jedenfalls in verschiedene Abschnitte unterteilt werden \u2013 und so k\u00f6nnten auch verschiedene Bereiche definiert werden, in denen die Menschenw\u00fcrde nicht oder nur eingeschr\u00e4nkt gelten soll.<\/p>\n<p>Die Entwicklung ist in vollem Gange: Anfang 2017 wurde in einer wissenschaftlichen Publikation dar\u00fcber berichtet, dass ForscherInnen aus den USA, Spanien und Japan menschliche embryonale Stammzellen in Embryonen von Schweinen und Rindern eingeschleust haben. Diese menschlichen Zellen nahmen beim Schwein an der embryonalen Entwicklung teil und fanden sich danach in unterschiedlichen Gewebetypen der Embryos. Die Mischembryonen aus Mensch und Schwein wurden in die Geb\u00e4rmutter von Schweinen eingepflanzt und konnten sich dort f\u00fcr drei bis vier Wochen weiterentwickeln. Die meisten dieser Embryonen zeigten deutliche Entwicklungs\u00adst\u00f6rungen, einige jedoch erschienen scheinbar \u201enormal\u201c. Ziel ist es, Tiere zu schaffen, die als \u201emenschen\u00e4hnliche\u201c Organspender verwendet werden k\u00f6nnen (vgl. Reardon 2017). Dabei wird der Mensch selbst zunehmend zum Objekt von Laborexperimenten.<\/p>\n<p>Die ethischen und rechtlichen Fragen in Zusammenhang mit derartigen Experimenten sind auch in Deutschland nicht ausreichend gesetzlich geregelt. Solche Versuche w\u00e4ren nach dem deutschen Embryonenschutzgesetz vermutlich sogar zul\u00e4ssig. Nach Artikel 7 des Gesetzes ist es zwar verboten, menschliche Embryonen zu derartigen Versuchen zu verwenden, es besteht aber eine Gesetzesl\u00fccke f\u00fcr den Fall, dass menschliche embryonale Zellen in Embryonen von Tieren \u00fcbertragen werden. Auch die Geburt, die Existenz und die Haltung derartiger Mischwesen ist nicht ausdr\u00fccklich verboten, unabh\u00e4ngig davon, wie viel Mensch schlie\u00dflich im Tier vorhanden ist.<\/p>\n<p>(2) Auch die gezielte Optimierung menschlichen Lebens, hat das Stadium konkreter Gesch\u00e4ftsideen erreicht. Derzeit basieren diese Ideen auf Methoden zur Selektion, in Zukunft k\u00f6nnten diese durch Gene Editing erg\u00e4nzt werden.<\/p>\n<p>Ein Beispiel ist die genetische Selektion von Sportlern, ein Verfahren f\u00fcr das die australische Firma Genetic Technologies 2010 vom Europ\u00e4ischen Patentamt in M\u00fcnchen ein Patent erhielt (EP1546403). Die Patentinhaber haben ein Verfahren zur Auswahl von Personen mit einer speziellen genetischen Veranlagung f\u00fcr Ausdauer- und Hochleistungssportarten entwickelt. Dazu wurden unter anderem Blutproben von \u00fcber hundert Elite-Sportlern, darunter 50 Olympia-Teilnehmer, ausgewertet. Weitere Testpersonen waren Blutspender, Kinder, Angeh\u00f6rige der Zulu, der australischen Aborigines und Erwachsene eines australischen Sportverbands. Der Gen-Test soll unter anderem bei der Auswahl von Kindern und Jugendlichen zur Anwendung kommen, die in professionelle Trainingsprogramme aufgenommen werden. Patentiert wurden Verfahren zur Auswahl der Sportler und zur Optimierung von Trainingsprogrammen.<\/p>\n<p>Die denkbaren Anwendungsgebiete sind vielf\u00e4ltig und zum Teil \u00e4u\u00dferst problematisch: Unter anderem k\u00f6nnte es zu einer fr\u00fchzeitigen Auswahl von Embryonen bei der k\u00fcnstlichen Befruchtung kommen oder zu einer Partnerwahl, der ein Gen-Check vorausgeht. Problematisch ist auch die Anwendung dieser Tests bei Schulkindern. Kinder mit den angeblich passenden genetischen Veranlagungen stehen unter einem hohen Erwartungsdruck. Zu bef\u00fcrchten ist eine Art \u201eZuchtauswahl\u201c auf athletische oder andere erw\u00fcnschte Anlagen. Dass dies nicht aus der Luft gegriffen ist, zeigen Vergleiche zwischen der Pferdezucht und der Auswahl menschlicher Athleten, die der Patentinhaber selbst formuliert hat:<\/p>\n<p>\u201eThe information generated from such screenings would save the breeders and investors of horses (camels, dogs) a tremendous amount of time and money as well as identify the potential ability of an animal at an early stage of development. As with humans, the information generated from genotypic screening of a horse as well as other parameters (bloodlines etc.) may help to identify a potential elite athlete and\/or design a better training regiment for a specific animal (e.g., a polo pony)\u201c (Seite 7 der Patentschrift).<\/p>\n<p>W\u00e4hrend dieses Patent weitgehend unbeachtet von der \u00d6ffentlichkeit geblieben ist, fand die Erteilung eines US Patentes auf Auswahl von \u201eDesigner-Babys\u201c eine breite kritische \u00d6ffentlichkeit: Im Oktober 2013 erhielt die Firma 23andMe in den USA ein Patent auf die Selektion von menschlichen Samen- und Eizellen (US8543339). Demnach sollen genetische Daten von Spendern erhoben werden und interessierten Eltern eine Auswahl nach Kriterien wie Augenfarbe, Langlebigkeit oder athletische Eigenschaften angeboten werden. Beide Patente folgen einer \u00e4hnlichen Logik bio\u00f6konomischer Interessen.<\/p>\n<p>F\u00fcr das Individuum werfen diese Entwicklungen schwerwiegende Identit\u00e4tsfragen auf. \u201eDas beunruhigende Ph\u00e4nomen ist das Verschwinden der Grenze zwischen der Natur, die wir sind, und der organischen Ausstattung, die wir uns geben\u201c schrieb J\u00fcrgen Habermas 2001 in seinem Buch \u201eDie Zukunft der menschlichen Natur\u201c (S. 85). Sein Hauptargument geht in Richtung eines Instrumentalisierungsverbotes: \u201eVerbessernde eugenische Eingriffe beeintr\u00e4chtigen die ethische Freiheit insoweit, wie sie die betroffene Person an abgelehnte, aber irreversible Absichten Dritter fixiert und ihr damit verwehren, sich unbefangen als der ungeteilte Autor des eigenen Lebens zu verstehen\u201c (ebd. 109). \u00a0Die daraus resultierenden Folgen betreffen nicht nur das Individuum, sondern die Gesellschaft insgesamt und f\u00fchren zu einer neuen Asymmetrie zwischen den Subjekten: \u201eBisher begegnen sich in sozialen Interaktionen nur geborene, nicht gemachte Personen\u201c (ebd. 112).<\/p>\n<p>Droht also der biotechnologisch optimierte \u00dcbermensch? Zumindest in Deutschland ist das Embryonenschutzgesetz eine hohe H\u00fcrde. Aber wie wird sich die politische Diskussion entwickeln, wenn neue Gentechnikverfahren wie die Verwendung der Nuklease CRISPR-Cas den gezielten Eingriff in das menschliche Erbgut machbar beziehungsweise vertretbar erscheinen lassen?<\/p>\n<p>Der bereits zitierte George Church soll hier noch einmal zu Wort kommen. Church ist ein bekannter und erfolgreicher Protagonist der Gentechnik und der Synthetischen Biologie. Er ist nicht nur Autor vieler wissenschaftlicher Publikationen, sondern auch Firmengr\u00fcnder und Patentanmelder. Nicht nur f\u00fcr ihn scheinen Eingriffe ins menschliche Erbgut in greifbarer N\u00e4he zu sein. Er denkt die Entwicklung aber schon einmal weiter. So schreibt er in einem 2012 erschienenen Buch:<\/p>\n<p>\u201eDiese Technologie k\u00f6nnte zur Herstellung eines Neandertalers verwendet werden, man w\u00fcrde vom Genom einer menschlichen Stammzelle ausgehen und dieses St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck in das Genom eines Neandertalers umbauen [\u2026]. Wenn die Gesellschaft sich mit dem Klonen anfreundet und den Wert wahrer menschlicher Vielfalt erkennt, k\u00f6nnte die ganze Neandertaler-Kreatur mit Hilfe einer Schimpansen-Leihmutter oder mit Hilfe einer extrem mutigen menschlichen Frau geklont werden\u201c(Church\/Regis 2012, S. 11)<\/p>\n<p>Fazit: Verwertung vs. Eigenwert<br \/>\nDas Konzept Bio\u00f6konomie steht f\u00fcr ein gro\u00dfes Versprechen: Es soll erm\u00f6glichen, die menschliche Wirtschaftsweise nachhaltig zu gestalten, also so, dass die Natur und die nat\u00fcrlichen Lebensgrundlagen dauerhaft nicht zerst\u00f6rt werden um so gesellschaftlichen Wohlstand auch f\u00fcr nachfolgende Generationen zu erm\u00f6glichen (vgl. BMEL 2014). Zudem soll Bio\u00f6konomie \u2013 im erweiterten Sinne (s.o.) \u2013 helfen, Menschen ges\u00fcnder und fitter zu machen.<\/p>\n<p>Mit diesen Versprechen \u2013 der Bek\u00e4mpfung von Hunger, Krankheit und Tod \u2013 besetzt die Bio\u00f6konomie einen wirkm\u00e4chtigen Mythos. Zudem beruft sie sich auf die in der westlichen Welt fest verankerten Leitbilder von Fortschritt und Forschungsfreiheit. So erscheint sie vielen Zeitgenossen \u2013 nicht nur den Betreibern \u2013 als alternativlos.<\/p>\n<p>Doch kommt, wie oben dargelegt, Technologien in diesem Kontext immer eine doppelte Rolle zu: Zum einen sollen sie einen Beitrag zum gesellschaftlichen Wohlstand leisten (intendierte Technikfolgen) und zum anderen gehen mit der Anwendung von Technologien immer auch diverse Nebenfolgen einher, welche den Wohlstand auch zu gef\u00e4hrden imstande sind (nichtintendierte Technikfolgen).<\/p>\n<p>Angesichts der skizzierten Risiken und ethischen Folgen ergibt sich dringender, politischer Handlungsbedarf. Es muss deutlich gemacht werden, dass es im Bereich der Bio\u00f6konomie unterschiedliche Interessen gibt: W\u00e4hrend aus der Sicht von Umwelt und VerbraucherInnen die Risikovermeidung im Vordergrund steht, werden Industrie und staatliche Einrichtungen ganz wesentlich von der Notwendigkeit zur Risikobereitschaft geleitet \u2013 gilt diese doch als eine notwendige Voraussetzung zur F\u00f6rderung von neuen Technologien. Problematisch ist nun nicht, dass es hier unterschiedliche Perspektiven und Interessen gibt. Problematisch ist vielmehr, dass die notwendige Balance zwischen Risikobereitschaft und Risikovermeidung in den letzten Jahren und Jahrzenten zunehmend verloren ging: Und zwar zugunsten einer extrem risikobereiten Innovationskultur.<\/p>\n<p>Allgemein gesprochen bietet die Bio\u00f6konomie f\u00fcr eine Forschung, die konsequent auf den Schutz von Mensch, Tier und Umwelt ausgerichtet ist, kaum finanzielle Anreize. Damit fehlt aber innerhalb der Forschungslandschaft die Heterogenit\u00e4t wissenschaftlicher Kontroversen, auf die die Gesellschaft angewiesen ist, wenn sie vern\u00fcnftige Entscheidungen hinsichtlich des Umgangs mit Risikotechnologien treffen will.<\/p>\n<p>Das Problem l\u00e4sst sich jedoch nicht auf ein Finanzierungsproblem bestimmter Forschungsrichtungen reduzieren. Vielmehr handelt es sich um grundlegende Aspekte bez\u00fcglich der Willensbildung und Entscheidungsfindung der Gesellschaft insgesamt. Denn um der Risikoreduktion eine gleiche Wertigkeit einzur\u00e4umen wie der Wohlstandsproduktion, ist es zun\u00e4chst zwingend notwendig, dass die \u201eGef\u00e4hrdungslagen [\u2026] \u201awissenschaftlich geboren werden&#8217;\u201c (Beck 1986, S. 45). Die gegenw\u00e4rtige, immer st\u00e4rker von Drittmitteln abh\u00e4ngige und zunehmend einseitig auf risikobereite Wohlstandsproduktion ausgerichtete Forschungslandschaft vermag dies keineswegs zu leisten.<\/p>\n<p>Um die Balance zwischen Risikovermeidung und Risikobereitschaft zu verbessern, scheint eine Ver\u00e4nderung im Bereich der Governance entscheidend, die durch geeignete neue finanzielle Anreize erg\u00e4nzt werden m\u00fcsste. Konkret m\u00fcsste die Perspektive der \u201eBetroffenen\u201c (Gesellschaft, Umwelt und VerbraucherInnen) im Bezug auf Entscheidungen \u00fcber Projekte im Bereich der Risikoforschung gest\u00e4rkt werden. Dieser Ansatz einer erweiterten Governance k\u00f6nnte durch eine Einbeziehung von Umwelt- und Verbraucherb\u00e4nden in die Entscheidungsprozesse \u00fcber Forschungsziele und F\u00f6rderinstrumente realisiert werden.<\/p>\n<p>Zudem bedarf es erheblicher finanzieller Anreize, um eine Forschung, die auf Risikovermeidung ausgerichtet ist, systematisch zu f\u00f6rdern. Sind diese finanziellen Anreize nicht ausreichend, um von der etablierten \u201eMainstream-Forschung\u201c wahrgenommen zu werden, besteht die Gefahr einer \u201eNischenwissenschaft\u201c in der kein ausreichender Wettbewerb zwischen den geeigneten Institutionen und m\u00f6glicherweise auch ein Mangel an wissenschaftlicher Expertise besteht.<\/p>\n<p>Zudem ist zu vermuten, dass es aufgrund von Mechanismen gewisser \u201ePfadabh\u00e4ngigkeiten\u201c etlicher Jahre bedarf, um eine ausreichend diverse Forschungslandschaft entstehen zu lassen. Neben der H\u00f6he der finanziellen Anreize wird es also auch um die Kontinuit\u00e4t und Langfristigkeit der Forschungsf\u00f6rderung gehen.<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich bedarf es einem offen gef\u00fchrten, gesellschaftlichen Diskurs und demokratischen Entscheidungen was die Einf\u00fchrung und Lenkung von Risikotechnologien betrifft. Dabei sollten Chancen und Risiken angesichts verschiedener Aspekte \u2013 und nicht nur hinsichtlich kurzfristiger Profitm\u00f6glichkeiten \u2013 abgew\u00e4gt werden. Entscheidungen \u00fcber die Einf\u00fchrung von Risikotechnologien den Kr\u00e4ften des Marktes zu \u00fcberlassen, ist mehr als nur fahrl\u00e4ssig. Kurzfristige Gewinnchancen m\u00fcssen dem langfristigen Schutz und Wohl von Umwelt und Gesundheit nachgeordnet werden. Gefragt ist also nicht die Entwicklung einer Bio\u00f6konomie, sondern eine Politik, die dem Schutz von Mensch, Tier und Umwelt einen h\u00f6heren Eigenwert zugesteht, als dies derzeit nach den Gesetzen des Marktes der Fall ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Literatur<\/p>\n<p>Beck, U. (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt.<\/p>\n<p>Benbrook, C. (2016): Trends in glyphosate herbicide use in the United States and globally. Environ Sci Eur 28, S. 3.<\/p>\n<p>BMEL 2014: Nationale Politikstrategie Bio\u00f6konomie. Nachwachsende Ressourcen und biotechnologische Verfahren als Basis f\u00fcr Ern\u00e4hrung, Industrie und Energie, online: http:\/\/tinyurl.com\/lzclfpf (zuletzt aufgerufen am 09.05.2017).<\/p>\n<p>Breckling, B. (2013): Transgenic evolution and ecology are proceeding. In GM-Crop Cultivation-Ecological Effects on a Landscape Scale. Ed. by Brecklin, B \u2013 Verhoeven R., Frankfurt, S. 130-135.<\/p>\n<p>Church, G. M. \u2013 Regis, E. (2012): Regenesis \u2013 How Synthetic Biology Will Reinvent Nature and Ourselves, New York.<\/p>\n<p>European Communities (2005): Measures affecting the approval and marketing of biotech products. (DS291, DS292, DS293). Comments by the European Communities on the scientific and technical advice to the panel, online: http:\/\/trade.ec.europa.eu\/doclib\/html\/128390.htm (zuletzt aufgerufen am 03.05.2017).<\/p>\n<p>Grolle, J. (2010): Konkurrenz f\u00fcr Gott, in: Der Spiegel, online: http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-68525307.html (zuletzt aufgerufen am 03.05.2017).<\/p>\n<p>Gottwald, F.-T. \u2013 Kr\u00e4tzer, A. (2014): Irrweg Bio\u00f6konomie, Berlin.<\/p>\n<p>Habermas, J. (2001): Die Zukunft der menschlichen Natur: Auf dem Weg zu einer liberalen Eugenik? Frankfurt.<\/p>\n<p>Kegel, B. (2015): Die Herrscher der Welt. Wie Mikroben unser Leben bestimmen, K\u00f6ln.<\/p>\n<p>Popper K. R., (1987): Auf der Suche nach einer besseren Welt, M\u00fcnchen \u2013 Z\u00fcrich.<\/p>\n<p>Reardon, S. (2017): Hybrid zoo: Introducing pig\u2013human embryos and a rat\u2013mouse, online: http:\/\/tinyurl.com\/jo7jq6z (zuletzt aufgerufen am: 09.05.2017).<\/p>\n<p>Rehmann-Sutter, Ch. (2017): Zur biophilosophischen Bedeutung der Epigenetik, in: Epigentik, Implikationen f\u00fcr die Lebens- und Geisteswissenschaften, Hg H\u00fcmpel, W., Baden-Baden.<\/p>\n<p>Zeller, S. L. \u2013 Kalininal, O. \u2013 Brunner, S. \u2013 Keller, B. \u2013 Schmid, B. (2010): Transgene x Environment Interactions in Genetically Modified Wheat. 5(7), e11405.<\/p>\n<p>Zhang, L. \u2013 Hou, D. \u2013 Chen, X. \u2013 Li, D. \u2013 Zhu, L. \u2013 Zhang, Y. \u2013 Li, J. \u2013 Bian, Z. \u2013 Liang, X. \u2013 Cai, X. \u2013 Yin, Y. \u2013 Wang, C. \u2013 Zhang, T. \u2013 Zhu, D. \u2013 Zhang, D. \u2013 Xu, J. \u2013 Chen, Qu. \u2013 Ba, Y. \u2013 Liu, J. \u2013 Wang, Q. \u2013 Chen, J. \u2013 Wang, J. \u2013 Wang, M. \u2013 Zhang, Q. \u2013 Zhang, J. \u2013 Zen, K. \u2013 Zhang, C. Y. (2012): Exogenous plant MIR168a specifically targets mammalian LDLRAP1: evidence of cross-kingdom regulation by microRNA. Cell Research, 22(1), S. 107-126.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Autoren<\/p>\n<p>Mario Kuttruff<\/p>\n<p>hat an der LMU M\u00fcnchen Geographie und Politikwissenschaften (B.Sc.), sowie anschlie\u00dfend Soziologie und Philosophie (M.A.) studiert. Gegenw\u00e4rtig ist er bei der Nicht-Regierungsorganisation Testbiotech e.V. angestellt und vor allem f\u00fcr das Projekt \u201eDer Gentechnik Grenzen setzen\u201c zust\u00e4ndig. Das Projekt verfolgt das Ziel, dass auch kritische Aspekte im Hinblick auf neue Gentechnikverfahren Geh\u00f6r finden, um so eine kontroverse gesellschaftliche Debatte \u00fcber den Umgang mit Gentechnik zu f\u00f6rdern.<\/p>\n<p>Dr. Christoph Then<\/p>\n<p>Dr. Christoph Then ist Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer von Testbiotech e.V. (www.testbiotech.org). Er ist zudem Koordinator des internationalen B\u00fcndnisses \u201eKeine Patente auf Saatgut\u201c (www.no-patents-on-seeds.org). Then besch\u00e4ftigt sich seit etwa 25 Jahren mit aktuellen Fragen der Gen-und Biotechnologie. 2015 erschien sein \u201eHandbuch Agro-Gentechnik\u201c (Oekom Verlag) Testbiotech befasst sich mit der Folgenabsch\u00e4tzung im Bereich der Biotechnologie, fordert &amp; f\u00f6rdert unabh\u00e4ngige Forschung, untersucht ethische, wirtschaftliche Folgen und informiert \u00fcber Risiken f\u00fcr Mensch und Umwelt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Begriff Bio\u00f6konomie wird seit einigen Jahren zunehmend popul\u00e4r und bezeichnet eine Wirtschafts(re)form, welche vor allem f\u00fcr zwei Hoffnungen steht: Zum einen soll sie es erm\u00f6glichen, die ressourcenverbrauchende Kohlenstoffwirtschaft des Industriezeitalters zu evolutionieren \u2013 sprich: von fossilen auf nachwachsende Energietr\u00e4ger zu wechseln. Zum andern soll es so aber gleichzeitig gelingen, die Erfolgsgeschichte der Wohlstandsproduktion in [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":59,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_seopress_robots_primary_cat":"","nova_meta_subtitle":"","footnotes":""},"categories":[5572],"tags":[10608,11229,12636],"supplier":[5616,621,2106],"class_list":["post-53363","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bio-based","tag-biooekonomie","tag-biotechnologie","tag-gmos","supplier-helmholtz-zentrum-berlin-hzb","supplier-max-planck-gesellschaft","supplier-testbiotech"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/53363","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/59"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=53363"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/53363\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=53363"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=53363"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=53363"},{"taxonomy":"supplier","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/supplier?post=53363"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}