{"id":52110,"date":"2018-04-24T07:26:43","date_gmt":"2018-04-24T05:26:43","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=52110"},"modified":"2018-04-24T13:30:25","modified_gmt":"2018-04-24T11:30:25","slug":"biologisierung-der-wirtschaft-der-grosse-wurf-blieb-aus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/biologisierung-der-wirtschaft-der-grosse-wurf-blieb-aus\/","title":{"rendered":"Biologisierung der Wirtschaft &#8211; Der gro\u00dfe Wurf blieb aus"},"content":{"rendered":"<p>Was ist technologisch das n\u00e4chste gro\u00dfe Ding, das nach der Digitalisierung auf uns zukommt, wollten die Regierungsgewaltigen im Kanzleramt wissen. Das wird die Biologisierung der Wirtschaft sein, antworteten die Wissenschaftler. Nutzung nachwachsender Rohstoffe, erneuerbare Energien, gr\u00fcne Chemie, Kreislaufprozesse ohne Abfall. Wird es aber wirklich so kommen? In dieser Woche ziehen in Berlin zwei gro\u00dfe Konferenzen zur Biotechnologie und zur Bio\u00f6konomie eine Zwischenbilanz. Es ist tats\u00e4chlich in der Forschungspolitik so wie in der Natur: Nicht alle Bl\u00fctentr\u00e4ume reifen auch zur Frucht.<\/p>\n<p>Den ersten Schuss Wasser in den Wein gossen am Beginn der Woche die Wirtschaftsberater der Agentur \u201eErnst &amp; Young\u201c (EY), als sie in ihrem neuesten Biotechnologiereport die Innovationspolitik der Bundesregierung bemerkenswert kritisch kommentierten. Zwar sei beim Innovationsdialog im November 2016 die Bedeutung einer \u201eBiologisierungsagenda\u201c in Analogie zur \u201eDigitalisierungsagenda\u201c von den Politikern anerkannt worden. \u201eLeider ist eine solche bis heute nicht absehbar\u201c, notierten die EY-Berater. \u201eEin gro\u00dfer Wurf blieb bis heute aus.\u201c<\/p>\n<p>Zur Lage der deutschen Biotechnologie ermittelte der EY-Report, dass sich 2017 die Zahl der Unternehmen auf 626 leicht erh\u00f6ht habe (2016: 621), daf\u00fcr stieg die Zahl der Besch\u00e4ftigten auf 17.585 st\u00e4rker an (um 11 Prozent). Der Umsatz wuchs mit 2,3 Milliarden Euro nur halb so stark (um 6 Prozent). Besorgnis erregen muss der Fakt, dass die deutschen Biotech-Firmen ihre Ausgaben f\u00fcr Forschung und Entwicklung zur\u00fcckschrauben: 2017 auf 737 Millionen Euro (4 Prozent weniger als im Vorjahr). Unbefriedigend sei auch die stagnierende Zahl von 27 Bio-Start-ups, mit Schwerpunkt bei der Entwicklung von Therapeutika. Vor allem fehlt es an Risikokapital f\u00fcr Neugr\u00fcndungen.<\/p>\n<p>Die neue Forschungsministerin Anja Karliczek signalisierte, dass die Bundesregierung sich im Biobereich st\u00e4rker engagieren wolle. Vor Journalisten stellte sie in dieser Woche drei Punkte vor, die aus ihrem Ministerium jetzt angegangen werden: ein neues Konzept zur Unterst\u00fctzung von mehr Ausgr\u00fcndungen aus der Wissenschaft, die Fortschreibung der \u201eNationalen Forschungsstrategie Bio\u00f6konomie 2030\u201c sowie eine ressort\u00fcbergreifende Agenda \u201eVon der Biologie zur Innovation\u201c, die bereits im Koalitionsvertrag verankert ist.<\/p>\n<p>\u201eWir m\u00fcssen aus den Nischen in die industrielle Breite kommen\u201c, begr\u00fcndete die Ministerin den neuen Ansatz, der \u201ez\u00fcgig auf den Weg\u201c gebracht werden solle. Noch vor dem Sommer wolle man die Abstimmung mit den anderen Ministerien, die ebenfalls mit der Bio\u00f6konomie zu tun haben \u2013 Wirtschaft, Landwirtschaft, Umwelt \u2013, erreicht haben.<\/p>\n<p>Akzeptanz verbessern<\/p>\n<p>Auch die Finanzsummen stehen noch nicht fest, auf die man sich erst im Zuge der Haushaltsberatungen verst\u00e4ndigen kann. Verst\u00e4rkt werden sollen auch die \u00f6ffentlichen Diskurse \u00fcber die Bioperspektiven, um eine Akzeptanz in der Bev\u00f6lkerung zu erreichen. Das Scheitern der \u201egr\u00fcnen Gentechnik\u201c in Deutschland ist den Forschungsverantwortlichen ein mahnendes Beispiel.<\/p>\n<p>Das Scheitern der \u201egr\u00fcnen Gentechnik\u201c in Deutschland ist ein mahnendes Beispiel<br \/>\nWohin sich die deutsche Biotechnologie inhaltlich entwickelt, lie\u00dfen die acht Preistr\u00e4ger des Wettbewerbs \u201eGr\u00fcndungsoffensive Biotechnologie\u201c (GO-Bio) erkennen, die am Mittwoch auf den Deutschen Biotechnologietagen ausgezeichnet wurden. Forscher der Berliner Charit\u00e9 entwickeln ein neues Verfahren, mit dem sich durch gentechnische Ver\u00e4nderungen epileptische Anf\u00e4lle dauerhaft verhindern lassen. In Tests an M\u00e4usen hat es bereits funk\u00adtio\u00adniert.<\/p>\n<p>Ebenfalls in Berlin, am Max-Delbr\u00fcck-Centrum, arbeitet ein Team an einer T-Zell-Therapie gegen Blutkrebs, w\u00e4hrend an der Uni Braunschweig ein Mittel gegen Zeckenbisse gesucht wird. Die medizinischen Anwendungen \u00fcberwiegen bei der diesj\u00e4hrigen Preisrunde, aber auch ein Team aus der Hochschule Ostwestfalen-Lippe ist dabei, das aus Reststoffen der Landwirtschaft biotechnologisch bestimmte Peptide f\u00fcr eine gesunde Ern\u00e4hrung entwickelt. Insgesamt sind aus dem GO-Bio-Wettbewerb, f\u00fcr die das BMBF 150 Millionen Euro ausgibt, 26 neue Unternehmen entstanden.<\/p>\n<p>Welche Lebensmittel in Zukunft auf unsere Teller kommen, wusste die M\u00fcnchener Ern\u00e4hrungsphysiologin Hannelore Daniel zu berichten. Essen aus dem 3-D-Drucker, das Fleischpaste oder Kartoffelbrei in appetitliche Formate bringt, klingen f\u00fcr Normal-Esser abseitig. \u201eAber die H\u00e4lfte der \u00fcber 90-J\u00e4hrigen kann nicht mehr richtig kauen\u201c, berichtete Daniel. F\u00fcr sie w\u00e4ren solche Food-Arrangements eine Bereicherung.<\/p>\n<p>Fleisch aus der Retorte<\/p>\n<p>Ein gro\u00dfer Markt zeichnet sich beim Kunstfleisch ab, das in der Retorte aus Stammzellen gewonnen wird. Es sieht aus wie Fleisch, schmeckt wie Fleisch, aber kein Tier muss daf\u00fcr get\u00f6tet werden. Ein US-Start-up, das an dieser Technik arbeitet, wollte Google f\u00fcr 300 Millionen Dollar \u00fcbernehmen. Da beim globalen Bev\u00f6lkerungswachstum die Fleischproduktion aus \u00f6kologischen Gr\u00fcnden an ihre Grenzen st\u00f6\u00dft, machen bereits Planungen die Runde, dass sich entlegene D\u00f6rfer auf diese Weise mit Fleisch-Substituten aus dem Fermenter versorgen k\u00f6nnen. Forscherin Daniel: \u201eWir leben in aufregenden Zeiten.\u201c<\/p>\n<p>Die \u00f6kologischen Grenzen und die Orientierung an den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen sind auch eine inhaltliche Klammer f\u00fcr den 2. Weltgipfel der Bio\u00f6konomie, der mit 800 Teilnehmern ab Donnerstag in Berlin stattfindet. Vorgestellt wird eine neue Studie des deutschen Bio\u00f6konomierates, die einen \u00dcberblick \u00fcber die weltweiten politischen Aktivit\u00e4ten zur Bio\u00f6konomie gibt. An die 50 L\u00e4nder haben sich bereits Bio\u00f6konomiestrategien gegeben, wie es sie seit 2012 in Deutschland gibt, finanziert mit 2,4 Milliarden Euro aus \u00f6ffentlichen Mitteln.<\/p>\n<p>\u201eWir sollten unsere Strategie mehr auf Wertsch\u00f6pfungsketten ausrichten\u201c, sagt die Vorsitzende des Bio\u00f6konomierates, Christine Lang, Chefin eines Berliner Biotechnologieunternehmens und Gastgeberin des Gipfels. \u201eDer Aufbau einer nachhaltigen, biobasierten Wirtschaftsweise ist angesichts der weltweit wachsenden Umwelt- und Klimaprobleme dringender geboten denn je.\u201c Eine Weltausstellung zur Bio\u00f6konomie pr\u00e4sentiert 85 innovative Produkte aus 34 L\u00e4ndern, die bereits heute mithilfe biobasierter Verfahren und auf Basis nachwachsender Rohstoffe hergestellt werden, darunter nachhaltige Textilien und Biokosmetika.<\/p>\n<h3>Nicht erreichte Ziele<\/h3>\n<p>In einer Delphi-Befragung zur Zukunft der Bio\u00f6konomie sehen die weitaus meisten der 40 Experten die schnellste Anwendung im Bereich der Energie, gefolgt von neuen Produkten, der Landwirtschaft und dem Lebensmittelsektor. \u00dcberraschenderweise erhielt das Einsatzgebiet \u201eGreen Cities\u201c, die Nutzung in St\u00e4dtebau und Stadtgestaltung, die in der deutschen Strategie ganz vorne steht, eine der niedrigsten Expertenbewertungen. Ziel verpasst?<\/p>\n<p>In der Tat gibt es Ziele, die bisher nicht erreicht wurden, r\u00e4umt Reinhard H\u00fcttl ein, der als Leiter des Geoforschungszentrums Potsdam die deutsche Bio\u00f6konomiestrategie wissenschaftlich auf den Weg gebracht hatte. Dazu z\u00e4hlt er den Sektor der Bioenergie, wo man lernen musste, dass mit den neuen Biokraftstoffen (E-10) kein g\u00fcnstiger \u201e\u00f6kologischer Fu\u00dfabdruck\u201c erreicht wurde. Dass f\u00fcr Palm\u00f6l zur Spritbeimischung in fernen L\u00e4ndern Tropenw\u00e4lder gerodet werden, stand auch nicht auf dem \u00d6koplan. In Deutschland senkt die \u201eVermaisung\u201c der Agrarlandschaft die Bodenqualit\u00e4t. Auch die n\u00e4chste Stufe der Bio\u00f6konomie muss daher von Anfang an m\u00f6gliche, nicht beabsichtigte Technikfolgen aufsp\u00fcren, um sie schnell zu korrigieren. Selbstreparatur ist schlie\u00dflich auch ein \u00dcber\u00adlebensprinzip der Natur.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist technologisch das n\u00e4chste gro\u00dfe Ding, das nach der Digitalisierung auf uns zukommt, wollten die Regierungsgewaltigen im Kanzleramt wissen. Das wird die Biologisierung der Wirtschaft sein, antworteten die Wissenschaftler. Nutzung nachwachsender Rohstoffe, erneuerbare Energien, gr\u00fcne Chemie, Kreislaufprozesse ohne Abfall. Wird es aber wirklich so kommen? In dieser Woche ziehen in Berlin zwei gro\u00dfe Konferenzen [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":59,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_seopress_robots_primary_cat":"","nova_meta_subtitle":"","footnotes":""},"categories":[5572],"tags":[10608,11229,11841],"supplier":[],"class_list":["post-52110","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bio-based","tag-biooekonomie","tag-biotechnologie","tag-kreislaufwirtschaft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/52110","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/59"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=52110"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/52110\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=52110"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=52110"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=52110"},{"taxonomy":"supplier","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/supplier?post=52110"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}