{"id":52085,"date":"2018-04-23T07:23:33","date_gmt":"2018-04-23T05:23:33","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=52085"},"modified":"2018-04-19T13:16:06","modified_gmt":"2018-04-19T11:16:06","slug":"greenpeace-steigt-bei-oeko-siegel-aus-was-rettet-den-wald-wirklich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/greenpeace-steigt-bei-oeko-siegel-aus-was-rettet-den-wald-wirklich\/","title":{"rendered":"Greenpeace steigt bei \u00d6ko-Siegel aus &#8211; Was rettet den Wald wirklich?"},"content":{"rendered":"<p>taz: Greenpeace steigt beim internationalen \u201eForest Stewardship Council\u201c (FSC) aus. Damit wird das strengste Siegel f\u00fcr eine \u00f6kosoziale Holzwirtschaft in Misskredit gebracht \u2013 ist das wirklich n\u00f6tig?<\/p>\n<p>Christoph Thies: Das FSC-Siegel ist das strengste internationale Siegel f\u00fcr die nachhaltige Waldwirtschaft, das es gibt. Eigentlich soll es auch Urw\u00e4lder sch\u00fctzen. Aber es passiert das Gegenteil. Sie werden zerst\u00f6rt, vielleicht nur etwas weniger schnell. Das ist nicht akzeptabel.<\/p>\n<p>Uwe Sayer: Das ist zu einseitig. Der FSC k\u00e4mpft daf\u00fcr, dass \u00f6kologische und soziale Standards eingehalten werden. Der Waldarbeiter im nicht FSC-zertifizierten Betrieb in den Tropen arbeitet zum Beispiel in Badelatschen mit der Motors\u00e4ge, ohne Handschuhe und ohne Helm. Im FSC-zertifizierten Wald ist dies anders, die Arbeitsbedingungen der Menschen werden sp\u00fcrbar verbessert.<\/p>\n<p>Christoph Thies: Wir haben das in Gabun und in der Republik Kongo genau untersucht. Da werden durch den Urwald Forststra\u00dfen f\u00fcr den Abtransport des Holzes geschlagen. Der FSC geht in Regionen rein, die von der industriellen Waldnutzung verschont werden sollten \u2013 und gibt dem ein gr\u00fcnes Image.<\/p>\n<p>Greenpeace hat das auch fr\u00fcher schon kritisiert. Warum hat sich nichts ge\u00e4ndert?<\/p>\n<p>Uwe Sayer: F\u00fcr viele Volkswirtschaften ist der Wald die wichtigste Ressource. Wenn \u00adRegierungen dort beschlie\u00dfen, diesen Wald zu nutzen, dann sagen wir: Macht das lieber mit uns und unseren \u00f6kologischen und sozialen Standards. Es ist nicht die Rolle des FSC, zu \u00adentscheiden, ob in einem Wald Holz geschlagen wird oder nicht.<\/p>\n<p>Christoph Thies: Wir wollen nicht ganzen Volkswirtschaften verbieten, Wald zu nutzen. Da muss ich Sie korrigieren. Es gibt kein einziges Land, dessen W\u00e4lder alle Urw\u00e4lder sind. Allenfalls sind in einigen L\u00e4ndern des Kongobeckens oder in der Guayana-Region im n\u00f6rdlichen Amazonas-Gebiet noch der gr\u00f6\u00dfte Teil des Waldes Urwald.<\/p>\n<p>Uwe Sayer: Wor\u00fcber wir hier reden, das ist eine bequeme Position aus Deutschland. Von hier aus die volkswirtschaftliche Entwicklung anderer Regionen infrage zu stellen und kein Gegenkonzept zu liefern \u2013 das ist einfach.<\/p>\n<p>Christoph Thies: Das soll keine bequeme Position sein. Ich rede nicht davon, dass die Gemeinden vor Ort keine einzelnen St\u00e4mme mehr aus dem Urwald holen d\u00fcrfen sollen, sondern davon, den industriellen Holzeinschlag zu stoppen. Da hilft ein Instrument einfach nicht, das sich darauf fokussiert, die Bewirtschaftung zu verbessern.<\/p>\n<p>Uwe Sayer: Es ist schon viel, wenn das FSC-Siegel draufklebt, aber das hei\u00dft nicht, dass schon alles gut ist. Wir deutschen Konsumenten haben einen rekordverd\u00e4chtigen Papierverbrauch von 250 Kilo Papier pro Jahr und Person und sagen dann: \u201eGanz schlimm. Da geht Wald den Bach runter.\u201c Der FSC in Deutschland pl\u00e4diert schon immer daf\u00fcr, weniger Papier zu verschwenden, mehr zu recyceln. Das will nur niemand h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Was ist genau passiert, dass Greenpeace ausgerechnet jetzt aussteigt?<\/p>\n<p>Christoph Thies: Urw\u00e4lder sind gigantische Speicher von Kohlendioxid. Zudem bieten sie Platz f\u00fcr zahlreiche Pflanzen- und Tierarten. Bisher sind aber nur wenige von ihnen gesch\u00fctzt. Und Stra\u00dfenbau, Holzeinschlag und Rodungen gehen weiter. Wir hatten gehofft, dass der FSC eine Art Vorreiterrolle spielen kann und sich auf die weniger wertvollen, sogenannten Sekund\u00e4rw\u00e4lder beschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p>Uwe Sayer: Es gibt beim FSC aufgrund von Greenpeace-Antr\u00e4gen einen Beschluss, die letzten gro\u00dfen intakten Waldlandschaften, die Intact Forest Landscapes, IFL, in das Denkkonzept einzubeziehen und Kerngebiete zu meiden.<\/p>\n<p>Christoph Thies: Dieser Beschluss war 2014 ein gro\u00dfer Erfolg, er hat aber nichts ge\u00e4ndert, weil er noch immer nicht ernsthaft umgesetzt ist.<\/p>\n<p>im Interview:<br \/>\nUwe Sayer<br \/>\nist Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des FSC Deutschland. Er ist pro\u00admovierter Forstwirt.<br \/>\nUwe Sayer: Der FSC arbeitet wie wahnsinnig an diesem hoch komplexen Konzept. Das braucht Zeit. Aber schon jetzt m\u00fcssen FSC-zertifizierte Betriebe in Urwaldgebieten 80 Prozent dieser Fl\u00e4che unber\u00fchrt lassen. Es geht also nicht darum, dass der FSC nicht willig ist, das einzubauen.<\/p>\n<p>Christoph Thies: Das stimmt aber nur in Einzelf\u00e4llen, weltweit l\u00e4ngst noch nicht. Es hat sich viel zu wenig getan seit 2014. Und das ist mehr als nur ein Zeitproblem. Der FSC hat drei Kammern, die Wirtschaftskammer, die Umweltkammer, die Sozialkammer. Das finden wir eigentlich gut. Aber die Wirtschaftskammer hat so viel Macht, auch mehr Ressourcen, dass es nicht vorw\u00e4rtsgeht. Das k\u00f6nnen wir als Mitglied, das f\u00fcr alles mit verantwortlich ist, nicht l\u00e4nger mittragen.<\/p>\n<p>Greenpeace Kanada, USA, Neuseeland bleiben \u2013 was ist da anders?<\/p>\n<p>Christoph Thies: Greenpeace International hat das den L\u00e4nderb\u00fcros freigestellt. F\u00fcr Kanada beispielsweise ist es wichtig, dass die Zusammenarbeit mit den indigenen V\u00f6lkern im Rahmen des FSC gut l\u00e4uft.<\/p>\n<p>Warum kann der FSC etwa in der Demokratischen Republik Kongo nicht einen zumindest vorl\u00e4ufigen Einschlagstopp, ein Moratorium, erlassen?<\/p>\n<p>Uwe Sayer: Wenn wir nicht hingehen, wer geht dann dahin? Wir glauben, dass wir mehr ver\u00e4ndern, wenn wir mit Unternehmen zusammenarbeiten, die den Wald sonst ohne entsprechende Standards nutzen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Was ist das FSC-Siegel<br \/>\nDas Forest Stewardship Council (FSC) wurde vor 25 Jahren von Waldbesitzern, H\u00e4ndlern, Umweltsch\u00fctzern und Menschenrechtlern gegr\u00fcndet. F\u00fcr L\u00e4nder wie Brasilien, Deutschland, Russland wurden Standards f\u00fcr nachhaltige Waldnutzung festgelegt. Die Kriterien werden fortlaufend weiterentwickelt. Zur Umweltkammer geh\u00f6ren etwa der BUND, der Nabu, Oro Verde, Robin Wood und der WWF.<br \/>\nChristoph Thies: Es besteht aber die Gefahr, dass man unfreiwillig mit den M\u00e4chtigen in den L\u00e4ndern paktiert und so eine nicht funktionierende Regierung und massive Korruption zementiert.<\/p>\n<p>Uwe Sayer: Der FSC wird die W\u00e4lder der Welt nicht alleine retten.<\/p>\n<p>Christoph Thies: Lassen Sie die Verbraucher entscheiden \u2013 und machen zumindest kenntlich, welche Produkte aus dem Urwald kommen und welche nicht. Dann gibt es ein Siegel f\u00fcr FSC Urwald, eins f\u00fcr FSC Urwald-frei.<\/p>\n<p>Uwe Sayer: Das w\u00fcrde vermutlich viele Verbraucher \u00fcberfordern. Die Welt schreit auch nicht nach mehr Naturschutz, sondern nach intensiverer Nutzung. Die Realit\u00e4t ist nicht kuschelig, also m\u00fcssen wir L\u00f6sungen suchen, damit Ressourcen verantwortungsvoll genutzt werden.<\/p>\n<p>Dieser Streit \u00fcber das FSC-Siegel steht f\u00fcr ein Problem in der Umweltpolitik \u2013 alle ahnen, es muss sich was \u00e4ndern \u2013 um dann nichts zu tun?<\/p>\n<p>Christoph Thies: In Deutschland hat sich das Buch \u201eDas geheime Leben der B\u00e4ume\u201c wie verr\u00fcckt verkauft. Es zeigt, dass der Wald kein reiner Holzlieferant ist. Das ist schon mal was.<\/p>\n<p>Uwe Sayer: Wegwerfm\u00f6bel verkaufen sich auch wie verr\u00fcckt. Das Holz, dass in einem M\u00f6belhaus angeboten wird, ist im Kopf von Verbrauchern entkoppelt von dem Wald, in dem sie sich am Wochenende erholen wollen. Das FSC-Siegel ist ein Instrument, das die Nutzung verbessert. Wer Urw\u00e4lder sch\u00fctzen will, muss sich um den gr\u00f6\u00dferen politischen Rahmen k\u00fcmmern.<\/p>\n<p>Schon beim FSC sieht man, wie schwierig es ist, Umwelt, Wirtschaft, Soziales zusammen zu denken. Was soll da in der Politik anders sein?<\/p>\n<p>Christoph Thies: Allein Kohlendioxid zu mindern wird nicht reichen, will die Menschheit die Erderw\u00e4rmung ernsthaft auf deutlich unter 2 Grad Celsius, m\u00f6glichst 1,5 Grad beschr\u00e4nken, damit es nicht \u00fcberall unertr\u00e4glich wird. Jedes Land wird sich in den n\u00e4chsten Jahren neben der Minderung von CO2-Emissionen auch Ziele f\u00fcr mehr CO2-Bindung setzen m\u00fcssen. Der Wald ist die gr\u00f6\u00dfte Chance, die die Menschheit hat, CO2 aus der Luft zu holen.<\/p>\n<p>K\u00f6nnte Greenpeace ein eigenes Siegel schaffen?<\/p>\n<p>Zu aufwendig. Wir empfehlen Verbrauchern, Holz- und Papierprodukte aus Recyclingmaterial zu kaufen. Und sonst sollten sie sich f\u00fcr Waren von FSC-Betrieben aus Deutschland oder anderen L\u00e4ndern entscheiden, in denen es keine Urw\u00e4lder mehr gibt.<\/p>\n<p>Uwe Sayer: Ein freiwilliges Label kann Politik nicht \u00adersetzen. Ich w\u00fcnsche sehr, dass es Greenpeace gelingt, die Regierungen weltweit daf\u00fcr zu sensibilisieren, wie wichtig intakte W\u00e4lder f\u00fcr die Zukunft sind. Darum gehen wir auch nicht im Streit auseinander. Greenpeace und der FSC erg\u00e4nzen sich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>im Interview:<\/em><br \/>\n<em> Christoph Thies<\/em><br \/>\n<em> ist bei Greenpeace Deutschland Experte f\u00fcr Wald und Klima.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>taz: Greenpeace steigt beim internationalen \u201eForest Stewardship Council\u201c (FSC) aus. Damit wird das strengste Siegel f\u00fcr eine \u00f6kosoziale Holzwirtschaft in Misskredit gebracht \u2013 ist das wirklich n\u00f6tig? Christoph Thies: Das FSC-Siegel ist das strengste internationale Siegel f\u00fcr die nachhaltige Waldwirtschaft, das es gibt. Eigentlich soll es auch Urw\u00e4lder sch\u00fctzen. Aber es passiert das Gegenteil. 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