{"id":50874,"date":"2018-03-08T07:29:16","date_gmt":"2018-03-08T06:29:16","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=50874"},"modified":"2018-03-06T11:32:49","modified_gmt":"2018-03-06T10:32:49","slug":"die-loesung-fuer-alles-wie-aus-alter-milch-neue-kleider-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/die-loesung-fuer-alles-wie-aus-alter-milch-neue-kleider-werden\/","title":{"rendered":"Die L\u00f6sung f\u00fcr alles: Wie aus alter Milch neue Kleider werden"},"content":{"rendered":"<p>Das Problem: Allein in Deutschland werden jedes Jahr zwei Millionen Tonnen Milch weggesch\u00fcttet. Die L\u00f6sung: Anke Domaske stellt aus der untrinkbaren Milch eine komplett chemiefreie Naturfaser her, die ideal ist f\u00fcr Allergiker.<\/p>\n<p>Erst einmal ist der \u00dcberraschungseffekt enorm: Wie bitte? Das blaue, weiche Wickelkleid soll zu einem guten Drittel aus Milch gemacht sein? Anke Domaske streicht stolz \u00fcber die feinen Fasern. \u00bbF\u00fchlt sich wie Seide an, stimmt&#8217;s?\u00ab<\/p>\n<p>Domaske, 34, ist Modedesignerin, seit sie mit 19 Jahren f\u00fcr ein halbes Jahr nach Japan ging. Dort waren gerade Manga-T-Shirts der letzte Schrei, also T-Shirts mit japanischen Comic-Aufdrucken, und sie beschloss, daraus ein Gesch\u00e4ft zu machen. Studiert hat sie das nicht, aber ihre Urgro\u00dfmutter war Designerin, und von ihrer eigenen Mutter lernte Domaske von klein auf das Schneidern. \u00bbIch bin mit der N\u00e4hmaschine aufgewachsen\u00ab, sagt die umtriebige Firmenchefin. Sie hat dann aber Mikrobiologie studiert, denn das ist ihre zweite Leidenschaft: Bakterien. Schon als Sch\u00fclerin gewann sie den zweiten Preis bei Jugend forscht. \u00bbIch dachte immer, ich m\u00fcsste mich irgendwann entscheiden zwischen Mode und Biologie\u00ab, sagt Domaske, \u00bbaber dann wurde mein Stiefvater schwerkrank.\u00ab Und pl\u00f6tzlich wurde ihr klar, dass genau in der Kombination die L\u00f6sung lag.<\/p>\n<p>Als ihr Stiefvater 2009 an Leuk\u00e4mie erkrankte, waren nicht nur die Chemotherapie und die Schmerzen ein Problem, sondern auch ehemals banale Alltagsentscheidungen: Er entwickelte eine schwere Textilallergie. \u00bbWir fanden einfach nichts, was er anziehen konnte\u00ab, erinnert sich Domaske. Sie las, dass schon in den Drei\u00dfigerjahren Fasern aus Milcheiwei\u00df hergestellt wurden, bis sie von den billigeren Kunstfasern vom Markt verdr\u00e4ngt wurden. \u00bbAber als ich mir das genauer ansah, war ich irrsinnig entt\u00e4uscht: Dazu wurden n\u00e4mlich gro\u00dfe Mengen giftiger Chemikalien verwendet, vor allem Formaldehyd, aber auch Asbest.\u00ab Auch die anderen sogenannten Naturfasern auf dem Markt vertrug ihr Stiefvater nicht: \u00bbEhemals nat\u00fcrliche Fasern wie Wolle wurden dadurch ruiniert, dass bei der Herstellung immer mehr Chemie zugesetzt wird.\u00ab<\/p>\n<p>Sie recherchierte und fand, die Milchfaser m\u00fcsste auch ohne Chemie herzustellen sein, \u00bbaber ich wurde nur bel\u00e4chelt. Ich fand einfach niemanden, der an die Idee glaubte.\u00ab Auf dem R\u00fcckweg von einem besonders frustrierenden Meeting mit einem herablassenden Experten schnappte sie sich schlie\u00dflich ihre drei Teilzeit-Kolleginnen von ihrer Modekollektion, und sie gingen einkaufen. \u00bbKochplatten, Mixer, ein riesiges Kochthermometer, als w\u00fcrden wir Marmelade einkochen wollen, und wir fingen an, in meinem Modestudio zu experimentieren. Wir hatten ja kein Labor.\u00ab<\/p>\n<p>Nach zwei Jahren konnte ihr Stiefvater das erste T-Shirt tragen: v\u00f6llig nat\u00fcrlich, ohne Chemie, und besonders hautschonend. Die Faser kann man ganz normal bei 60 Grad waschen, sie l\u00f6st sich auch nicht im Regen auf und ist so rei\u00dffest wie Baumwolle. \u00bbEs gibt \u00fcber sechs Millionen Neurodermitiker in Deutschland\u00ab, sagt Domaske mit Nachdruck. \u00bbDa muss man doch mal drauf reagieren!\u00ab<\/p>\n<p>Inzwischen hat sie gemeinsam mit dem Bremer Faserinstitut den Prozess perfektioniert: 2011 gr\u00fcndete sie ihre Firma QMilk bei Hannover, seit 2015 l\u00e4uft die Produktion, f\u00fcr die sie unter anderem den Green Tec Award gewann. Aus alter, saurer Milch oder K\u00e4sereiabf\u00e4llen gewinnt sie das Eiwei\u00df Kasein. \u00bbWir sch\u00f6pfen das Dicke oben ab, das sieht dann aus wie Quark. Durch ein Spinnverfahren isolieren wir das Kasein, trocknen es, erhitzen es, um es haltbar zu machen, und lassen es durch etwas laufen, das wie eine Nudel-Maschine aussieht, nur sind die L\u00f6cher eben viel, viel d\u00fcnner; d\u00fcnner als ein Haar. So gewinnen wir die Fasern.\u00ab<\/p>\n<p>Selbst wenn die Deutschen endlich einmal ihren Milchberg abbauen, wird Anke Domaske der Stoff nicht ausgehen: \u00bbWir verwenden kein Lebensmittel\u00ab, stellt sie klar, das ist ihr wichtig. \u00bbDie Milch, die wir verwenden, ist ein Abfallprodukt, das sowieso entsorgt werden m\u00fcsste &#8211; also sauer gewordene Milch aus dem Supermarkt oder das Zentrifugat aus der K\u00e4serei. Davon gibt es allein in Deutschland zwei Millionen Tonnen im Jahr. Das k\u00f6nnten sie als Tetrapaks einmal bis zum Mond stapeln.\u00ab<\/p>\n<p>Es gibt ihre QMilk schon als Textilfaser in diversen Kollektionen, im italienischen Toilettenpapier Tenderly, in Milchkosmetik (\u00bbSchlie\u00dflich hat schon Kleopatra in Milch gebadet, wegen der vielen Vitamine und Aminos\u00e4uren\u00ab), in Baby-Beissringen und Hundeknochen (\u00bbweil das Kasein einen positiven Effekt auf die Z\u00e4hne hat\u00ab), in Filz und Matten. Dieses Jahr kommt milchige Bettw\u00e4sche auf den Markt; und der Outdoor-Hersteller Vaude wird Schuhe und ein Rucksack mit einem Milchfaseranteil anbieten (\u00bbvor allem an den Tr\u00e4gern, die Milchfaser scheuert nicht so auf der Haut\u00ab). Inzwischen verkauft Domaske ihre Produkte in 30 L\u00e4nder, von den USA bis hin zu Korea und China. Bald kann sie die Kapazit\u00e4t auf 1000 Tonnen pro Jahr ausweiten. \u00bbTheoretisch\u00ab, sagt Domaske, \u00bbk\u00f6nnte man aus der Milchfaser ein ganzes Haus bauen, so stabil ist sie.\u00ab<\/p>\n<p>Weil die Faser von Natur aus antibakteriell wirkt, hat Domaske auch eine Zulassung f\u00fcr Wundauflagen beantragt. \u00bbDie Milchfasern sind atmungsaktiv, schwer entflammbar, widerstandsf\u00e4hig gegen Alkohol und Chemikalien, regulieren die Temperatur gut, und wirken auf nat\u00fcrliche Weise antibakteriell gegen E. coli und sogar gegen Staphylococcus aureus, also einen der gef\u00e4hrlichsten Krankenhauskeime.\u00ab<\/p>\n<p>Domaske geht es nicht nur um die Allergiker: \u00bbWir m\u00fcssen \u00fcberhaupt in der Modeindustrie unsere Herstellungsverfahren \u00fcberdenken. Die sind alles andere als nachhaltig.\u00ab Die charmante Frau redet sich fast in Rage, wenn sie \u00fcber den Trend spricht, Billig-T-Shirts nach einmal Tragen wegzuwerfen. \u00bbDa gibt es eben auch genau die Gegenbewegung, n\u00e4mlich besonders nachhaltig zu produzieren.\u00ab<\/p>\n<p>Sie mischt der Milch zwar noch andere Naturprodukte bei, die sie nicht verraten will, schw\u00f6rt aber, dass keinerlei Chemie im Spiel ist. Bei Treffen mit Investoren muss sie regelm\u00e4\u00dfig beweisen, dass ihre Blusen wirklich so nat\u00fcrlich sind, dass sie sogar essbar sind. Dann bei\u00dft sie beherzt rein. \u00bbDas Zeug schmeckt nach nichts\u00ab, sagt sie und verzieht das Gesicht, \u00bbaber essbar ist es. Ich tr\u00e4ume von einer Bluse mit Schokoladengeschmack.\u00ab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Problem: Allein in Deutschland werden jedes Jahr zwei Millionen Tonnen Milch weggesch\u00fcttet. 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