{"id":50018,"date":"2018-02-12T07:20:39","date_gmt":"2018-02-12T06:20:39","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=50018"},"modified":"2018-02-08T14:04:36","modified_gmt":"2018-02-08T13:04:36","slug":"oe-klo-wertstoffrecycling-durch-komposttoiletten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/oe-klo-wertstoffrecycling-durch-komposttoiletten\/","title":{"rendered":"\u00d6-Klo: Wertstoffrecycling durch Komposttoiletten"},"content":{"rendered":"<p>\u00d6-Klo ist ein Freiburger Start-up-Unternehmen, das Komposttoiletten vermietet und sich f\u00fcr die Verwertung von menschlichem Urin und Kot einsetzt. In Zeiten, in denen nat\u00fcrliche Rohstoffe wie Phosphor knapp zu werden drohen, sei die Wiederbelebung der nat\u00fcrlichen Stoffkreisl\u00e4ufe zwischen Boden, Pflanzen, Nahrung und Ausscheidung wichtig, meinen die Jungunternehmer von \u00d6-Klo. Das Potenzial ist enorm, aber auf dem Weg dahin gilt es noch einige technische, gesellschaftliche und politische H\u00fcrden zu nehmen.<\/p>\n<p>Die Verwertung menschlicher Hinterlassenschaften ist ein Tabuthema. Seit der Erfindung von Wasserklosetts und Kl\u00e4ranlagen werden unsere n\u00e4hrstoffreichen Ausscheidungen nach dem Motto \u201eaus den Augen aus dem Sinn\u201c mit Haushaltsabw\u00e4ssern, Industrieabw\u00e4ssern und dem Oberfl\u00e4chenwasser von Stra\u00dfen und Geb\u00e4uden in der Kanalisation zu einer mehr oder weniger giftigen Br\u00fche vermischt. Die fl\u00fcssige Phase dieser Mischung wird dann unter hohem Energieaufwand in Kl\u00e4ranlagen ges\u00e4ubert. Die feste Phase ist inzwischen so mit Schadstoffen belastet, dass das fr\u00fcher \u00fcbliche Ausbringen auf Feldern bald ganz verboten wird und der Kl\u00e4rschlamm in Verbrennungsanlagen entsorgt werden muss.<\/p>\n<p>&#8220;Wir produzieren unter hohem Aufwand k\u00fcnstliche D\u00fcngemittel f\u00fcr die Landwirtschaft. Wir verwenden Unmengen sauberen Trinkwassers zur Entsorgung unserer Exkremente, die noch viele wertvolle N\u00e4hrstoffe enthalten. Anschlie\u00dfend vernichten wir die N\u00e4hrstoffe im Abwasser durch eine energieintensive Schwemmkanalisation. Dieses System ist an Ressourcenverschwendung kaum zu \u00fcbertreffen\u201c, kritisiert Florian Augustin von \u00d6-Klo.<\/p>\n<p>\u00d6-Klo mit Niederlassungen in Freiburg im Breisgau, im \u00d6kodorf Schloss Tempelhof im w\u00fcrttembergischen Crailsheim und im brandenburgischen Eberswalde vermietet und verkauft umweltfreundliche Trockentoiletten und hat sich vorgenommen, den nat\u00fcrlichen N\u00e4hrstoffkreislauf wiederzubeleben. Die bislang haupts\u00e4chlich bei Musikfestivals in S\u00fcddeutschland eingesetzten mobilen Klos in modularer Bauweise binden Ger\u00fcche effektiv mit S\u00e4gesp\u00e4nen und trennen Fl\u00fcssiges von Festem durch ein Gittersiebsystem. \u201eWir bekommen sehr positive R\u00fcckmeldungen von den Nutzern\u201c, freut sich Cornelius Patzer, der bei \u00d6-Klo f\u00fcr Marketing und Netzwerken zust\u00e4ndig ist, und erg\u00e4nzt: \u201eDie Leute sind erstaunt, dass es nicht stinkt.\u201c \u00d6-Klo m\u00f6chte aber nicht nur eine nachhaltige und benutzerfreundliche Alternative zu Chemietoiletten bieten, sondern auch die Verwertung von Urin und Kot voranbringen.<\/p>\n<p>Kompostpioniere<\/p>\n<p>Ein sch\u00f6ner Herbsttag in Breisach bei Freiburg im Breisgau. Im \u00f6rtlichen Kompostwerk schichtet ein Bagger eine Kompostmiete von der Gr\u00f6\u00dfe einer Garage um. Der Haufen stammt aus den Sammelbeh\u00e4ltern von 35 \u00d6Klos und enth\u00e4lt die Hinterlassenschaften Tausender Besucher mehrerer Musikfestivals in S\u00fcddeutschland. \u00dcber ein flexibles Rohr bl\u00e4st ein Ventilator Luft in den dampfenden Kompost. Durch die optimale Sauerstoffzufuhr sind die Bakterien und nat\u00fcrlichen Stoffwechselprozesse bei dieser sogenannten Thermokompostierung besonders aktiv. Die Temperaturen im Komposthaufen steigen vor\u00fcbergehend auf bis zu 72 \u00b0C. Pathogene wie Salmonellen oder Wurmeier werden dadurch abget\u00f6tet. Sp\u00e4ter k\u00fchlt die Miete langsam ab, und Mikroorganismen, Pilze und Kompostw\u00fcrmer verwandeln sie im Laufe von etwa drei Monaten zu Humus.<\/p>\n<p>Knackpunkt D\u00fcngemittelverordnung<\/p>\n<p>Seit September 2017 ist \u00d6-Klo Deutschlands erster gewerblicher Betreiber einer Kompostierungsanlage f\u00fcr Feststoffe aus Komposttoiletten. Allerdings darf der fertige Humus bislang nicht genutzt werden, weil Inhalte aus Komposttoiletten nicht auf der Positivliste der D\u00fcngemittelverordnung verzeichnet sind. \u201eDas ist der Knackpunkt, der daf\u00fcr sorgt, dass der in Breisach erzeugte Kompost schlie\u00dflich verbrannt werden soll\u201c, bedauert Patzer. Die \u00d6-Klo-Macher stehen diesbez\u00fcglich im Austausch mit dem Umweltministerium Baden-W\u00fcrttemberg, dem Bundeslandwirtschafts- und dem Bundesumweltministerium und hoffen, bald eine Erlaubnis zur Ausbringung etwa im Garten- und Landschaftsbau zu erhalten.<\/p>\n<p>In seiner Bachelorarbeit mit dem Titel \u201ePraktischer Leitfaden zur Veredelung menschlicher Exkremente\u201c hat sich Forstwissenschaftler Augustin mit verschiedenen Verfahren zur Hygienisierung von Kot und Urin besch\u00e4ftigt: darunter Milchs\u00e4urefermentierung, Pyrolyse, Thermokompostierung oder die Entw\u00e4sserung durch Osmosefiltration. Insbesondere beim Thema Arzneimittelr\u00fcckst\u00e4nde besteht noch Forschungsbedarf. Zusammen mit dem Stuttgarter Institut f\u00fcr Siedlungswasserbau, Wasserg\u00fcte- und Abfallwirtschaft (ISWA) plant man deswegen ein Forschungsprojekt. In diesem soll unter anderem untersucht werden, wie Milchs\u00e4urefermentierung und Thermokompostierung beim Abbau pharmazeutischer R\u00fcckst\u00e4nde im Vergleich zu den Reinigungsstufen herk\u00f6mmlicher Kl\u00e4ranlagen abschneiden.<\/p>\n<p>Enormes Potenzial<\/p>\n<p>Aus unseren festen Ausscheidungen lie\u00dfe sich wertvoller Humus oder wie schon vor Jahrhunderten von den Amazonas-Indios praktiziert die sogenannte Schwarzerde oder \u201eTerra Preta\u201c herstellen. Dazu werden Pflanzenkohle, Biom\u00fcll und menschlicher Kot zusammen kompostiert. Unser Urin lie\u00dfe sich als hochwertiger D\u00fcnger oder gar als Treibstoff verwenden. Jeder Mensch scheidet im Schnitt 1,4 Liter Urin pro Tag aus. W\u00fcrde es gelingen, s\u00e4mtlichen Urin in Deutschland separat zu sammeln und in den N\u00e4hrstoffkreislauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, k\u00f6nnten damit 17% der synthetischen Stickstoffd\u00fcnger, 21% der Minerald\u00fcnger aus Rohphosphat und 25% der Kaliminerald\u00fcnger ersetzt werden, wie Augustin in seiner Bachelorarbeit schreibt.<\/p>\n<p>Plumpsklo-Revolution in der Schweiz<\/p>\n<p>Ein Blick in die Schweiz zeigt, wie die Zukunft der Verwertung menschlicher Exkremete in der Praxis aussehen k\u00f6nnte. Die Firma\u00a0Greenport.ch GmbH aus Kreuzlingen vermietet \u00e4hnlich wie \u00d6-Klo in Deutschland Komposttoiletten f\u00fcr Veranstaltungen und arbeitet bei der Verwertung eng mit der Eawag, dem Wasserforschungsinstitut der ETH Z\u00fcrich zusammen. Seit Februar 2016 gibt es den \u201eAurin-Recyclingd\u00fcnger\u201c zu kaufen. Aus 1.000 Litern Urin entstehen durch eine biologische Stabilisierung (Nitrifikation), Aktivkohleadsorption und Eindampfung 50 Liter des Fl\u00fcssigd\u00fcngers (1). Nach Angaben der Eawag enth\u00e4lt er alle f\u00fcr das Pflanzenwachstum n\u00f6tigen N\u00e4hrstoffe \u2013 z.B. Stickstoff, Phosphor und Kalium \u2013 und zahlreiche Spurenelemente wie Eisen, Zink oder Bor. \u00abAurin\u00bb ist vom Schweizer Bundesamt f\u00fcr Landwirtschaft offiziell zur D\u00fcngung von Blumen, Zierpflanzen oder Rasen zugelassen (2).<\/p>\n<p>Auch bei der Verwertung des festen Anteils der anfallenden Hinterlassenschaften haben Eawag und Greenport bereits eine praxistaugliche Anwendung etabliert. So verwendet der Zoo Z\u00fcrich in seiner <a href=\"https:\/\/www.zoo.ch\/en\/visiting-zoo\/areas\/masoala-rainforest\">Masoala-Regenwaldhalle<\/a> seit knapp zwei Jahren von Greenport gelieferte Schwarzerde (Terra Preta). Das extrem fruchtbare Bodensubstrat wird \u00fcber eine pyrolytische Zersetzung aus Kompost, Aktivkohle und menschlichem Kot gewonnen. \u201eWir haben vor zwei Jahren diesen Bananenhain angepflanzt und Terra Preta eingesetzt. Die Bananenstauden sind in k\u00fcrzester Zeit vier oder f\u00fcnf Meter gro\u00df geworden und tragen Fr\u00fcchte. Wir sind so begeistert, dass wir die Erde auch noch auf anderen Fl\u00e4chen einsetzen werden\u201c, zitiert das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) auf seiner Webseite Martin Bauert, den Chefbiologen am Zoo Z\u00fcrich (3).<\/p>\n<p>Firmenmotto: \u201eN\u00e4hrstoffe neu denken!\u201c<\/p>\n<p>Auch \u00d6-Klo w\u00fcrde gerne Pflanzenkohle in seinen Kompostierungsprozess einbinden, um Schwarzerde zu produzieren. Solange die M\u00f6glichkeiten zur Weiterverwendung aber rechtlich nicht gekl\u00e4rt sind, m\u00fcssen diese Verwertungsexperimente noch warten. Die nat\u00fcrlichen N\u00e4hrstoffkreisl\u00e4ufe wieder zu schlie\u00dfen, birgt ein enormes Potenzial. F\u00fcr eine gro\u00dfangelegte Umsetzung m\u00fcssen sicher noch einige technische Probleme gel\u00f6st werden. Die gr\u00f6\u00dfere Herausforderung besteht aber wohl in der \u00dcberwindung der gesellschaftlichen Tabus und der Anpassung der gesetzlichen Rahmenbedingungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Quellen und Literatur:<\/p>\n<p>(1) http:\/\/www.vuna.ch\/<br \/>\n(2) http:\/\/www.eawag.ch\/de\/abteilung\/eng\/projekte\/aurin-duenger-aus-urin\/<br \/>\n(3) https:\/\/www.srf.ch\/news\/schweiz\/mobile-plumpsklos-als-oekologische-revolution<\/p>\n<p>http:\/\/www.spektrum.de\/news\/urin-der-duenger-der-zukunft\/1319808<\/p>\n<p>Augustin, Florian (2017). Praktischer Leitfaden zur Veredelung menschlicher Exkremente. Hochschule f\u00fcr Nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE), Bachelorarbeit, FB Wald und Umwelt<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00d6-Klo ist ein Freiburger Start-up-Unternehmen, das Komposttoiletten vermietet und sich f\u00fcr die Verwertung von menschlichem Urin und Kot einsetzt. In Zeiten, in denen nat\u00fcrliche Rohstoffe wie Phosphor knapp zu werden drohen, sei die Wiederbelebung der nat\u00fcrlichen Stoffkreisl\u00e4ufe zwischen Boden, Pflanzen, Nahrung und Ausscheidung wichtig, meinen die Jungunternehmer von \u00d6-Klo. Das Potenzial ist enorm, aber auf [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":59,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_seopress_robots_primary_cat":"","nova_meta_subtitle":"","footnotes":""},"categories":[5572],"tags":[10608,12574],"supplier":[14178,277,14181,14179,14180,14182],"class_list":["post-50018","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bio-based","tag-biooekonomie","tag-naehrstoffe","supplier-eawag","supplier-eidgenoessische-technische-hochschule-zuerich-eth-zuerich","supplier-greenport-ch-gmbh","supplier-institut-fuer-siedlungswasserbau-wasserguete-und-abfallwirtschaft-iswa","supplier-oe-klo","supplier-zoo-zuerich"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/50018","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/59"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=50018"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/50018\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=50018"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=50018"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=50018"},{"taxonomy":"supplier","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/supplier?post=50018"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}