{"id":49992,"date":"2018-02-09T07:26:01","date_gmt":"2018-02-09T06:26:01","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=49992"},"modified":"2018-02-07T13:28:05","modified_gmt":"2018-02-07T12:28:05","slug":"so-kann-die-distel-das-glyphosat-ersetzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/so-kann-die-distel-das-glyphosat-ersetzen\/","title":{"rendered":"So kann die Distel das Glyphosat ersetzen"},"content":{"rendered":"<p>Catia Bastioli schw\u00e4rmt f\u00fcr Disteln. Das Kraut hat einen schlechten Ruf bei Gartenfreunden. Auch kulinarischen Genuss bietet nur eine kultivierte Verwandte aus der Familie der Carduoideae, die Artischocke. F\u00fcr Bastioli z\u00e4hlt aber etwas anderes. Die Chefin des italienischen Biokunststoff-Herstellers Novamont sch\u00e4tzt die stachelige Distel als ein nachhaltiges Vielzweckmittel und als eine \u00f6kologische\u00a0Wunderwaffe.<\/p>\n<p>Mit einem aus der Distel gewonnenen Herbizid will Bastioli sogar den umstrittenen Wirkstoff Glyphosat vom Acker verdr\u00e4ngen. Ein Unkraut als Unkrautvernichter. Der Kampf k\u00f6nnte ungleicher kaum sein: Die gemeine Distel gegen den Weltbestseller. \u00d6kologischer Pflanzenschutz gegen ein g\u00fcnstiges Chemiegift. Der Zwerg Novamont aus Novara bei Mailand gegen den US-Multi Monsanto, den der deutsche Konzern Bayer \u00fcbernehmen\u00a0will.<\/p>\n<p>Das Herz der Chemikerin, 60, schl\u00e4gt schon lange f\u00fcr den Umweltschutz. Die Leidenschaft machte aus der Wissenschaftlerin eine Pionierin. Als erste Frau bekam sie 2007 von der EU-Kommission den Europ\u00e4ischen Erfinderpreis f\u00fcr den kompostierbaren Kunststoff Mater-Bi. Er basiert auf Maisst\u00e4rke und kommt in Einkaufst\u00fcten, Kaffeekapseln, Mulchfolien und anderen Produkten zum Einsatz. Novamont meldete seit der Gr\u00fcndung 1989 mehr als 1000 Patente an. Im Kampf gegen Kunststoffm\u00fcll verbot Italien schon 2012 Plastikt\u00fcten. Neuerdings m\u00fcssen auch die Beutel an den Obst- und Gem\u00fcsest\u00e4nden im Supermarkt kompostierbar\u00a0sein.<\/p>\n<p>Nun steht die Novamont-Chefin vor einem weiteren Durchbruch. Dank der Distel. Der Ort des Geschehens ist Sardinien. In Porto Torres an der Nordk\u00fcste betreibt Novamont mit der ENI-Tochter Versalis das Gemeinschaftsunternehmen Matr\u00ecca. Der Standort eines alten, stillgelegten Erd\u00f6l-Crackers wurde in eine Bioraffinerie umger\u00fcstet. Matr\u00ecca stellt dort aus nachwachsenden Rohstoffen eine Reihe von innovativen Zwischenprodukten her, die in der Produktion von Bioplastik, Bio-Schmierstoffen, Kosmetik und Reinigungsmitteln verwendet werden. So entdeckte Bastioli vor sieben Jahren die Vielseitigkeit des\u00a0Korbbl\u00fctlers.<\/p>\n<p>&#8220;Ein Riesen-Experiment unter freiem Himmel&#8221;<br \/>\n&#8220;Die Distel gefiel uns ausnehmend gut&#8221;, erz\u00e4hlt die Chemikerin. Sie w\u00e4chst spontan, ist mehrj\u00e4hrig, gen\u00fcgsam und von den Samen bis zur St\u00e4ngelspitze verwertbar. Sie liefert nicht nur \u00d6l, sondern jede Menge Biomasse und sogar Proteine als Tierfutterzusatz, sch\u00fctzt mit ihren tiefen Wurzeln vor Bodenerosion und ben\u00f6tigt kein Wasser. Das Gew\u00e4chs passt damit hervorragend zu Novamont, wo man sich um eine nachhaltige Integration von Landwirtschaft und Industrie bem\u00fcht. Auf den kargen B\u00f6den der Mittelmeerinsel l\u00e4sst Matr\u00ecca in Kooperation mit dem Bauernverband fast 1000 Hektar Disteln anbauen. &#8220;Wir f\u00fchren ein Riesen-Experiment unter freiem Himmel durch&#8221;, sagt Bastioli. Matr\u00ecca entwickelte und verbesserte zusammen mit den sardischen Bauern und Sch\u00e4fern die Anbau- und Erntemethoden der Distel. &#8220;Das f\u00f6rdert die Aufgeschlossenheit f\u00fcr Innovationen&#8221;, sagt\u00a0sie.<\/p>\n<p>Auf die Idee mit dem Bio-Herbizid kam man in Porto Torres eher nebenbei. Bei der Gewinnung von Pflanzen\u00f6l entsteht Pelargons\u00e4ure, mit der man zun\u00e4chst nichts anzufangen wusste. Von der Geranie ist die S\u00e4ure als herbizider Wirkstoff bekannt, doch lie\u00df er sich bislang nicht gro\u00dffl\u00e4chig zur Vernichtung unerw\u00fcnschter Kr\u00e4uter einsetzen, erz\u00e4hlt Bastioli. Dann gelang es Matr\u00ecca, aus der S\u00e4ure ein Bio-Herbizid f\u00fcr den Freilandeinsatz zu entwickeln. Die Substanz wirkt nicht systemisch, sie wird von der Pflanze nicht aufgenommen und verbrennt nur ihre\u00a0Bl\u00e4tter.<\/p>\n<p>Die Wissenschaftlerin f\u00e4llt durch Pragmatismus auf<br \/>\nHat der Stoff das Zeug, eine Alternative zu Glyphosat zu werden? &#8220;Ich bin immer vorsichtig&#8221;, sagt Bastioli. Hervorragend geeignet sei ihr Herbizid etwa zum Trocknen von Kartoffel- und Hartweizen-Pflanzen. Im Pasta-Land Italien ist die Vor-Ernte-Behandlung von Hartweizen ein brisantes Thema. Als ein neues Gesetz 2017 die geografische Herkunftsbezeichnung von Lebensmitteln zur Pflicht machte, gingen die Nudelhersteller auf die Barrikaden. Sie verwenden hochwertigen kanadischen Hartweizen in ihren Spaghetti, m\u00f6chten das aber nicht auf die Packung schreiben. Der Bauernverband Coldiretti pocht dagegen darauf, dass die Verbraucher ein Recht h\u00e4tten zu erfahren, ob ihre Nudel Hartweizen aus Kanada enth\u00e4lt, der kurz vor der Ernte noch einmal zum Trocknen mit Glyphosat behandelt wird. In Italien ist das verboten. Die Agrarlobby lie\u00df acht italienische Pasta-Label untersuchen. Alle enthielten Spuren von\u00a0Glyphosat.<\/p>\n<p>Auf der Grundlage von zweij\u00e4hrigen Versuchsergebnissen hat Matr\u00ecca bisher eine Zulassung des Bio-Herbizids f\u00fcr den Einsatz auf Kartoffel-\u00c4ckern, im Wein- und Obstanbau und auf \u00f6ffentlichen Gr\u00fcnfl\u00e4chen in Frankreich, Italien und \u00d6sterreich erhalten. Mehr als die langwierigen Genehmigungsverfahren macht Bastioli die Ungewissheit zu schaffen. &#8220;Solange Europa sich keine verl\u00e4sslichen Regeln f\u00fcr den Umgang mit Glyphosat gibt, fallen Investitionen sehr schwer&#8221;. Die Pilotanlage in Porto Torres hat 200 Millionen Euro verschlungen. Novamont musste den Wert der Matr\u00ecca-Beteiligung 2016 in der Bilanz nach unten korrigieren, weil man langsamer vorankam als erwartet. Ihre Begeisterung f\u00fcr das Projekt hat das nicht ersch\u00fcttert. Bastioli sagt: &#8220;2018 wird f\u00fcr Novamont das Jahr der\u00a0Wende&#8221;.<\/p>\n<p>In der gr\u00fcnen Szene f\u00e4llt die italienische Wissenschaftlerin durch Pragmatismus auf. In Porto Torres ist die weltweit einzige Bioraffinerie zur Herstellung des Herbizids in Betrieb. Sie hat eine Produktionskapazit\u00e4t von 30 000 Tonnen im Jahr. &#8220;Es hat gar keinen Zweck, heute einen Glaubenskrieg zu f\u00fchren&#8221;, sagt Bastioli. Sogar der umstrittene Br\u00fcsseler Beschluss zur Verl\u00e4ngerung des Einsatzes von Glyphosat k\u00f6nne sich positiv auswirken. &#8220;Wir m\u00fcssen die Zeit nun f\u00fcr eine strategische Planung nutzen, damit am Ende der Zulassung auch wirklich Ersatz parat steht&#8221;, sagt\u00a0sie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Catia Bastioli schw\u00e4rmt f\u00fcr Disteln. Das Kraut hat einen schlechten Ruf bei Gartenfreunden. Auch kulinarischen Genuss bietet nur eine kultivierte Verwandte aus der Familie der Carduoideae, die Artischocke. F\u00fcr Bastioli z\u00e4hlt aber etwas anderes. Die Chefin des italienischen Biokunststoff-Herstellers Novamont sch\u00e4tzt die stachelige Distel als ein nachhaltiges Vielzweckmittel und als eine \u00f6kologische\u00a0Wunderwaffe. Mit einem aus [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":59,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_seopress_robots_primary_cat":"","nova_meta_subtitle":"","footnotes":""},"categories":[5572],"tags":[14171],"supplier":[7343,509],"class_list":["post-49992","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bio-based","tag-pestizide","supplier-matrica","supplier-novamont"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/49992","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/59"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=49992"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/49992\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=49992"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=49992"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=49992"},{"taxonomy":"supplier","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/supplier?post=49992"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}