{"id":49901,"date":"2018-02-07T06:50:57","date_gmt":"2018-02-07T05:50:57","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=49901"},"modified":"2018-02-06T08:09:31","modified_gmt":"2018-02-06T07:09:31","slug":"waldbesitzer-zu-viel-regulierung-schadet-der-forstwirtschaft-und-den-klimazielen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/waldbesitzer-zu-viel-regulierung-schadet-der-forstwirtschaft-und-den-klimazielen\/","title":{"rendered":"Waldbesitzer: Zu viel Regulierung schadet der Forstwirtschaft \u2013 und den Klimazielen"},"content":{"rendered":"<p>Nachhaltige Forstwirtschaft ist unerl\u00e4sslich, damit die EU ihre Klima- und Energieziele erreicht. Eine \u00dcberregulierung der Forst-Bioenergie k\u00f6nnte aber die wirtschaftliche Performance des Sektors und sein Potenzial im Kampf gegen den Klimawandel gef\u00e4hrden, sagt Emma Berglund im Interview mit EURACTIV.<\/p>\n<p>Emma Berglund ist Generalsekret\u00e4rin des Waldeigent\u00fcmerverbands Confederation of European Forest Owners (CEPF). Sie sprach mit Samuel White von EURACTIV.com.<\/p>\n<p>B\u00e4ume sind mehr oder weniger die einzigen Kohlenstoffspeicher Europas. Was ist ihr Potenzial im Kampf gegen den Klimawandel? Und wie kann dieses Potenzial durch gute Forstwirtschaft maximiert werden?<\/p>\n<p>Wenn wir \u00fcber die Rolle der W\u00e4lder in Bezug auf Anpassung und Bek\u00e4mpfung des Klimawandels sprechen, m\u00fcssen das ganze Bild sehen. Die beste Strategie zur Maximierung des Potenzials muss eine nachhaltige und aktive Forststrategie sein. Dadurch k\u00f6nnen wir die W\u00e4lder anpassen, widerstandsf\u00e4higer machen und sicherstellen, dass sie gesund und lebendig sind.<\/p>\n<p>Gleichzeitig k\u00f6nnen wir den Wald auch wachsen lassen, indem wir alte B\u00e4ume f\u00e4llen und sie durch neue, schneller wachsende Arten ersetzen, die mehr CO2 speichern. Die alten B\u00e4ume k\u00f6nnen dann f\u00fcr langlebige Produkte wie Baumaterialien f\u00fcr H\u00e4user genutzt werden. Oder in Produkten, die energieintensivere und auf fossilen Brennstoffen basierende Erzeugnisse ersetzen.<\/p>\n<p>Im Englischen sprechen wir von den \u201edrei S\u201c: sequestration, storage and substitution (Sequestierung, Speicherung und Ersatz). Wenn B\u00e4ume wachsen, ziehen sie CO2 ein (Sequestierung), das somit in W\u00e4ldern oder sp\u00e4ter in Holzprodukten gespeichert wird. Und geerntetes Holz kann als Ersatz f\u00fcr Produkte auf Basis von fossilen Brennstoffen verwendet werden.<\/p>\n<p>Forst\u00f6kosysteme funktionieren in einem gr\u00fcnen CO2-Kreislauf und nachhaltige Forstwirtschaft ist unerl\u00e4sslich, um diesen Kreislauf beizubehalten und zu erweitern \u2013 und um fossile Brennstoffe zu ersetzen.<\/p>\n<p>Das Europ\u00e4ische Parlament hat im Rahmen der Erneuerbare Energien Richtlinie (EER) vor kurzem Nachhaltigkeitskriterien f\u00fcr Forstbiomasse festgelegt. Glauben Sie, dass diese Kriterien dabei helfen, die EU-Dekarbonisierungsziele zu erreichen? Oder glauben Sie, dass dadurch die Forstwirtschaft gebremst wird, dass sie eigentlich mehr leisten k\u00f6nnte?<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich bef\u00fcrchten wir, dass das eigentliche Potenzial der Forstwirtschaft ausgebremst werden k\u00f6nnte. Wir f\u00fcrchten, dass neue Belastungen und Hindernisse auftreten, die es Waldbesitzern erschweren, ihre W\u00e4lder zu bewirtschaften und Holz bereitzustellen. Ich denke, dass die Debatte um Bioenergie ein Thema ist, bei dem es viel zu viel Schwarz- und Wei\u00dfmalerei gibt. Aber wir sehen die Nachfrage nach Bioenergie nicht als Gefahr f\u00fcr unsere W\u00e4lder.<\/p>\n<p>Wir h\u00f6ren manchmal, dass h\u00f6here Bioenergieziele dazu f\u00fchren werden, dass wir unsere W\u00e4lder abholzen und zerst\u00f6ren. Das ist in Wirklichkeit aber absolut nicht der Fall. Die Bioenergie wird Waldbesitzer kaum dazu bringen, ihre B\u00e4ume zu f\u00e4llen, weil sie nicht viel einbringt. Hochqualitative Holzprodukte sind die Erzeugnisse, die das h\u00f6chste Einkommen versprechen. Energie ist dabei nur ein Nebenprodukt. Die Bioenergie unterst\u00fctzt also die wirtschaftliche Nachhaltigkeit der Forstwirtschaft insgesamt, aber in den T\u00e4tigkeiten der Waldbesitzer ist sie ein relativ kleiner Faktor.<\/p>\n<p>Das Problem mit den neuen Kriterien f\u00fcr ein solches Nebenprodukt ist also viel mehr, dass den Waldbesitzern gro\u00dfe Belastungen und Hindernisse aufgezw\u00e4ngt werden k\u00f6nnten, die ihre Hauptt\u00e4tigkeit einschr\u00e4nken. Denn im Allgemeinen wird ein Baum nicht anders behandelt, weil sein Holz auf diese oder jene Art genutzt werden soll.<\/p>\n<p>In welcher Hinsicht sind die Kriterien zu komplex?<\/p>\n<p>Sie sollten einfach und umsetzbar bleiben. Es gab f\u00fcnf Kriterien, von denen zwei nicht in der urspr\u00fcnglichen Folgenabsch\u00e4tzung der EU-Kommission auftauchten; und das Parlament hat noch ein sechstes Kriterium hinzugef\u00fcgt. In der Debatte im Parlament wurde auch mehrfach versucht, die Kaskadennutzung gesetzlich festzuschreiben. Das ist f\u00fcr uns absolut inakzeptabel.<\/p>\n<p>Bitte erl\u00e4utern Sie, was Kaskadennutzung ist und warum Sie dagegen sind\u2026<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst: Wir sind nicht gegen das Prinzip an sich.<\/p>\n<p>Als Kaskadennutzung bezeichnet man die Nutzung von Holz \u00fcber mehrere Stufen: Es wird zum Beispiel zuerst in einem Geb\u00e4ude verwendet, sollte danach mehrfach wiederverwendet werden (dabei nimmt sein Wert ab) und erst im allerletzten Schritt f\u00fcr Energiegewinnung verbrannt werden.<\/p>\n<p>Es ist ein sehr logisches Konzept, dass im Forstsektor bereits breite Anwendung findet. Holz ist schlie\u00dflich eine wertvolle Ressource. Deswegen ergibt es wirtschaftlichen Sinn, m\u00f6glichst viel Mehrwert herauszuschlagen.<\/p>\n<p>Wenn die Kaskadennutzung aber in Gesetzen festgelegt wird, bedeutet dies, dass wir den Markt diktieren und Waldbesitzern vorschreiben, wie und wo sie ihr Holz verkaufen m\u00fcssen. Das w\u00e4re kein freier Markt mehr und h\u00e4tte sicherlich einen Verzerrungseffekt auf die Preise.<\/p>\n<p>Wir stimmen also absolut zu, dass die Kaskadennutzung ein guter Ansatz ist. Aber sie ist ein Ansatz, den man nicht regulieren darf.<\/p>\n<p>Sie haben eben gesagt, dass Forstbiomasse ein Nebenprodukt von hochqualitativen Holzerzeugnissen ist. Ihre Organisation CEPF hat vor kurzem darauf gedr\u00e4ngt, alle Holzarten, also auch hochqualitatives Rundholz aus Baumst\u00e4mmen, als nachhaltige Energiequelle einzustufen. Wie passt das zusammen?<\/p>\n<p>Ja, das war eine Kommunikations-Herausforderung. Wir sind gegen den Vorschlag, Rundholz explizit aus der Liste der nachhaltigen Energiequellen in der EER auszuschlie\u00dfen. Diese Haltung nehmen wir nicht ein, weil wir jetzt B\u00e4ume f\u00e4llen und als Ganzes verbennen wollen. Es h\u00e4ngt aber viel davon ab, wo die Waldbesitzer sind und welche Marktzug\u00e4nge sie haben.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde sagen, dass hochqualitatives Holz immer in die S\u00e4gewerke kommt, nicht in die Bioenergie-Produktion. Immer. Aber wenn sie Holz von niedrigerer Qualit\u00e4t haben, kann Bioenergie eine tragbare Alternative werden. Manchmal kann solches Holz nicht in S\u00e4gewerken verwendet werden, obwohl es wie ein normaler, gro\u00dfer Baumstamm aussieht.<\/p>\n<p>Ein weiteres Thema ist die Baumgr\u00f6\u00dfe und die Frage, ob es f\u00fcr B\u00e4ume, die als Bioenergiequelle verwendet werden, eine Gr\u00f6\u00dfenbegrenzung geben sollte. Wenn man Rundholz ab einem bestimmten Durchmesser ausschlie\u00dft, m\u00fcsste man effektiv jedes Mal in den Wald gehen und einen Baum genau vermessen, bevor man ihn f\u00e4llt.<\/p>\n<p>Es ist heutzutage f\u00fcr viele Waldbesitzer wirtschaftlich kaum tragbar, \u00fcberhaupt Holz f\u00fcr Bioenergie bereitzustellen. Wenn also noch weitere Kosten und Hindernisse hinzukommen, werden sie einfach kein Holz mehr f\u00fcr den Bioenergiemarkt liefern. Und dann haben wir wirklich Probleme, unsere Ziele zu erreichen.<\/p>\n<p>Widmen wir uns der Verordnung zu Landnutzung, Landnutzungs\u00e4nderungen und Forstwirtschaft (LULUCF). Wie sehen Sie die von der Kommission vorgeschlagenen Referenzwerte f\u00fcr W\u00e4lder und was bedeuten sie f\u00fcr die Waldbesitzer?<\/p>\n<p>Die Waldreferenzwerte sollen eine Vorhersage f\u00fcr die Zukunft sein, die auf den Einschlagsraten der Vergangenheit beruhen. Die Kommission hat den Zeitraum 1990 bis 2009 als Referenzperiode vorgeschlagen. Es gibt noch einige andere Faktoren, aber dies ist der Hauptteil des Vorschlags.<\/p>\n<p>Wir sehen diese Idee \u2013 Erfahrungen der Vergangenheit zur Berechnung von zuk\u00fcnftigen Forstrefernzwerten zu nutzen \u2013 sehr kritisch. Uns w\u00e4re es lieber, wenn diese Referenzwerte auf den tats\u00e4chlichen Potenzialen der W\u00e4lder beruhen w\u00fcrden, denn andernfalls k\u00f6nnte alles sehr willk\u00fcrlich werden.<\/p>\n<p>Ein Beispiel: In L\u00e4ndern wie Spanien, wo in der Vergangenheit relativ wenige junge B\u00e4ume gef\u00e4llt worden sind, w\u00fcrde es sehr viel Sinn ergeben, die Einschlagsraten zu erh\u00f6hen, um so die Gefahr von Waldbr\u00e4nden zu verringern.<\/p>\n<p>Wir sehen daher also keinen Vorteil darin, die Referenzen auf Werten der Vergangenheit basieren zu lassen. Und wenn mehr B\u00e4ume gef\u00e4llt werden, ist dies nicht gef\u00e4hrlich f\u00fcr das Klima, solange wir innerhalb des Rahmens f\u00fcr nachhaltige Forstwirtschaft bleiben.<\/p>\n<p>Der Gesetzesvorschlag wurde inzwischen angepasst und wir glauben, dass er verbessert wurde. Aber er ist immer noch so komplex, dass wir nicht wirklich absch\u00e4tzen k\u00f6nnen, was die Effekte sein werden. In Bezug auf die Auswirkungen auf den Forstsektor k\u00f6nnen wir deswegen nur abwarten.<\/p>\n<p>Was w\u00fcrden Sie als nachhaltige Baumf\u00e4ll-Raten f\u00fcr Neuaustriebe ansehen?<\/p>\n<p>Ich glaube nicht, dass es bei LULUCF darum gehen sollte. Forstwirtschaft und Einschlagraten sind noch nicht einmal EU-Kompetenz. Sie sollten durch die M\u00e4rkte und langfristige Wirtschaftsplanung bestimmt sein. Je nach Altersstruktur bestimmter W\u00e4lder k\u00f6nnen sich die Einschlagsraten \u00e4ndern. Wir wollen, dass LULUCF eine reine Berechnungsgrundlage ist, aber wir f\u00fcrchten, dass die Verordnung weit dar\u00fcber hinaus gehen wird.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte auch anmerken, dass es nicht unbedingt unnachhaltig ist, 100 Prozent Neuaustrieb abzuholzen. Manchmal kann das sogar die nachhaltigste forstwirtschaftliche Strategie sein. Es ist keine \u00fcbliche Praxis, aber es ist auch nicht zwangsl\u00e4ufig unnachhaltig.<\/p>\n<p>\u00dcber Energieproduktion und Holzprodukte hinaus: Gibt es andere Sektoren, in denen die Industrie mehr Holzerzeugnisse nutzen k\u00f6nnte? Gibt es etwas, dass die EU tun kann, um die Bio\u00f6konomie im Forstbereich voranzutreiben?<\/p>\n<p>Die Bio\u00f6konomie ist ein interessantes Thema und eine gro\u00dfe Chance f\u00fcr den Forstsektor. Ich sehe sie als Chance, um sowohl die Klimaziele als auch die Ziele f\u00fcr nachhaltige Entwicklung zu erreichen, w\u00e4hrend gleichzeitig die l\u00e4ndlichen Gebiete der EU aufgewertet werden.<\/p>\n<p>Alles, was man aus \u00d6l produziert, l\u00e4sst sich auch aus Holz herstellen. Das ist technisch m\u00f6glich. Es gibt eine Menge Innovation und Forschung, und die Bio\u00f6konomie ist eine M\u00f6glichkeit, viele unterschiedliche Ziele gleichzeitig zu erreichen.<\/p>\n<p>60 Prozent der EU-W\u00e4lder sind in privater Hand; sie werden meist von Familien und Kleineigent\u00fcmern gehalten. Wir sollten verstehen, wie wir diese Menschen dazu motivieren k\u00f6nnen, ihre Ressourcen aktiv und nachhaltig zu bewirtschaften und das anzubieten, was die Gesellschaft in dieser \u00dcbergangsphase braucht.<\/p>\n<p>Deswegen m\u00f6chte ich noch einmal deutlich machen, dass wir diesen Eigent\u00fcmern nicht unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig viel Gesetzgebung aufb\u00fcrden d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Im breiteren Sinne sind W\u00e4lder eindeutig ein wichtiger Bestandteil l\u00e4ndlicher Gebiete; sie k\u00f6nnen wirtschaftliche Aktivit\u00e4ten anregen und diese Regionen attraktiv zum Leben machen. Es ist deswegen auch wichtig, sicherzustellen, dass der Mehrwert der Bio\u00f6konomie mit den Rohstoffproduzenten geteilt wird, um die l\u00e4ndliche Entwicklung zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Holz ist der \u00e4lteste Kraftstoff der Menschheit und aktuell die gr\u00f6\u00dfte erneuerbare Energiequelle in Europa. Glauben Sie, dass wir in einigen Jahrzehnten immer noch Forstbiomasse verbrennen werden oder ist sie ein \u00dcbergangs-Kraftstoff?<\/p>\n<p>Wir werden m\u00f6glicherweise noch Holz verbrennen, aber nicht so viel, wie wir es aktuell tun. In gewisser Weise ist Forstbiomasse eine \u00dcbergangsl\u00f6sung: Sie ist momentan die gr\u00f6\u00dfte Quelle f\u00fcr erneuerbare Energie, aber das wird sie in einigen Jahrzehnten sicher nicht mehr sein. Andere erneuerbare Energiequellen werden weiter wachsen und Forstbiomasse abl\u00f6sen.<\/p>\n<p>Wir befinden uns also in einer \u00dcbergangsphase und wir wissen, dass wir jetzt unsere Ziele erreichen m\u00fcssen. F\u00fcr die Waldbesitzer ist Biomasse ein wichtiger Nebenverdienst \u2013 und in gewissem Ma\u00dfe werden Menschen in einigen Regionen immer Holz nutzen, um ihre H\u00e4user zu heizen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachhaltige Forstwirtschaft ist unerl\u00e4sslich, damit die EU ihre Klima- und Energieziele erreicht. Eine \u00dcberregulierung der Forst-Bioenergie k\u00f6nnte aber die wirtschaftliche Performance des Sektors und sein Potenzial im Kampf gegen den Klimawandel gef\u00e4hrden, sagt Emma Berglund im Interview mit EURACTIV. Emma Berglund ist Generalsekret\u00e4rin des Waldeigent\u00fcmerverbands Confederation of European Forest Owners (CEPF). 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