{"id":48835,"date":"2018-01-08T07:26:13","date_gmt":"2018-01-08T06:26:13","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=48835"},"modified":"2017-12-21T15:47:16","modified_gmt":"2017-12-21T14:47:16","slug":"wie-aus-abfall-kunststoff-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wie-aus-abfall-kunststoff-wird\/","title":{"rendered":"Wie aus Abfall Kunststoff wird"},"content":{"rendered":"<p>Zwei kalifornische Br\u00fcder waren beim Surfen so vom Plastikm\u00fcll genervt, dass sie jetzt Biokunststoff herstellen \u2013 mit einer Methode, die zumindest in Teilen jedem Gartenbesitzer bekannt vorkommen d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>F\u00fcr Jeff und Dane Anderson, 32, gibt es nichts Sch\u00f6neres, als morgens gleich zum Sonnenaufgang ans Meer zu eilen. Die beiden Kalifornier sind begeisterte Surfer. \u00bbNach unserem Schulabschluss waren wir den ganzen Tag am Strand beim Bodysurfen\u00ab, sagt Jeff, und so kamen die Zwillinge durch ihr Hobby auf eine Idee, mit der sie unser Leben revolutionieren wollen: \u00abWir waren genervt davon, dass uns st\u00e4ndig Plastikm\u00fcll im Gesicht traf.\u00ab Am Strand von San Diego \u00fcberlegten sich die Br\u00fcder, dass es so nicht weitergehen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Schon klar, es gibt nichts Besseres als Plastik: superbillig, vielseitig verwendbar und h\u00e4lt ewig. Deshalb produzieren wir Menschen mehr als 250 Millionen Tonnen davon im Jahr und haben nun ein gigantisches Plastikproblem \u2013 Plastik aus Petroleum ist \u00fcberall: auf dem Boden der tiefsten Weltmeere, in unseren M\u00fcllgruben, an Stra\u00dfenr\u00e4ndern, in unseren K\u00f6rpern. Und eben in den Wellen von San Diego.<\/p>\n<p>Dass wir mit Plastik nicht so verschwenderisch umgehen k\u00f6nnen wie bisher, ist wohl jedem klar. Aber wie ginge es besser? \u00bbWir sind angetreten, zwei gro\u00dfe Probleme auf einmal zu l\u00f6sen: Berge von Essensresten und Plastikberge\u00ab, sagt Jeff Anderson, der sich von seinem Zwillingsbruder \u00e4u\u00dferlich nur durch den l\u00e4ngeren Hipsterbart und einige Kilo mehr auf den H\u00fcften unterscheidet. Die beiden Abwasser-Ingenieure studierten gemeinsam, leben immer noch zusammen und haben nun auch gemeinsam im kalifornischen Albany die Firma Full Cycle Bioplastics gegr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Dane und Jeff Anderson verwenden in ihrer Versuchsfabrik, was wir wegwerfen: Abfall. Ihr Prinzip klingt t\u00e4uschend simpel: Sie verwandeln Kompost in Biokunststoff. Weg von fossilen zu nachwachsenden Rohstoffen. Jeff versucht, den chemisch komplizierten Prozess Menschen ohne Ingenieursstudium verst\u00e4ndlich zu machen: \u00bbOrganische Abfallprodukte, also Essensreste, Landwirtschaftsabf\u00e4lle und sogar schmutzige Kartons\u00ab kompostieren die Br\u00fcder in einer von ihnen entworfenen Kompostiereinheit und erhalten auf diese Weise durch Biosynthese \u00bbein sehr gehaltvolles Abwasser mit Fetts\u00e4uren\u00ab. Diese Fetts\u00e4uren verwandeln sie mit Hilfe von Bakterien in Polyhydroxyalkanoate (PHA) oder Polyhydroxyfetts\u00e4uren, auf gut deutsch \u00bbMikro-Fett\u00ab, eine z\u00e4he, milchig schimmernde Masse, die sich zu Verpackungen und Einweggabeln pressen l\u00e4sst. F\u00fcr diese Idee haben sie bereits ein halbes Dutzend Innovations-Preise gewonnen, unter anderem den Sustainable Entrepreneurship Award 2016.<\/p>\n<div class=\"BorlabsCookie _brlbs-cb-youtube\">\n<div class=\"_brlbs-content-blocker\">\n<div class=\"_brlbs-embed _brlbs-video-youtube\"> <img decoding=\"async\" class=\"_brlbs-thumbnail\" src=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-content\/plugins\/borlabs-cookie\/assets\/images\/cb-no-thumbnail.png\" alt=\"YouTube\"> <\/p>\n<div class=\"_brlbs-caption\">\n<p>By loading the video, you agree to YouTube&#8217;s privacy policy.<br \/><a href=\"https:\/\/policies.google.com\/privacy?hl=en&amp;gl=en\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener noreferrer\">Learn more<\/a><\/p>\n<p><a class=\"_brlbs-btn _brlbs-icon-play-white\" href=\"#\" data-borlabs-cookie-unblock role=\"button\">Load video<\/a><\/p>\n<p><label><input type=\"checkbox\" name=\"unblockAll\" value=\"1\" checked> <small>Always unblock YouTube<\/small><\/label><\/p><\/div>\n<\/p><\/div>\n<\/p><\/div>\n<div class=\"borlabs-hide\" data-borlabs-cookie-type=\"content-blocker\" data-borlabs-cookie-id=\"youtube\"><script type=\"text\/template\">PGlmcmFtZSB0aXRsZT0iSXMgVGhpcyBUaGUgU29sdXRpb24gVG8gUGxhc3RpYyBXYXN0ZSBQb2xsdXRpb24\/IiB3aWR0aD0iNTAwIiBoZWlnaHQ9IjI4MSIgc3JjPSJodHRwczovL3d3dy55b3V0dWJlLW5vY29va2llLmNvbS9lbWJlZC9vX1NUQkVVN3lrST9mZWF0dXJlPW9lbWJlZCIgZnJhbWVib3JkZXI9IjAiIGFsbG93PSJhY2NlbGVyb21ldGVyOyBhdXRvcGxheTsgY2xpcGJvYXJkLXdyaXRlOyBlbmNyeXB0ZWQtbWVkaWE7IGd5cm9zY29wZTsgcGljdHVyZS1pbi1waWN0dXJlOyB3ZWItc2hhcmUiIHJlZmVycmVycG9saWN5PSJzdHJpY3Qtb3JpZ2luLXdoZW4tY3Jvc3Mtb3JpZ2luIiBhbGxvd2Z1bGxzY3JlZW4+PC9pZnJhbWU+<\/script><\/div>\n<\/div>\n<p>Biokunststoffe aus organischem Material wie Zucker, St\u00e4rke oder Zellulose schienen mal die L\u00f6sung f\u00fcr alle Plastikprobleme und sind ein hei\u00df umk\u00e4mpfter Markt, mit zweistelligen Wachstumsraten auf der ganzen Welt. Aber dann stellte sich heraus, dass vieles nur Greenwashing ist \u2013 f\u00fcr die Herstellung braucht man dann doch viel Chemie, Unmengen Wasser oder muss die nat\u00fcrlichen Stoffe mit Weichmachern gef\u00fcgig machen. Das ist n\u00e4mlich das Problem bei Bioplastik: Der Begriff ist nicht klar definiert. So gut viele Ideen sind \u2013 l\u00e4ngst nicht alles, wo Bio draufsteht, ist auch vertr\u00e4glich f\u00fcr die Umwelt; und Bioplastik heisst nicht automatisch, dass es biologisch abbaubar ist.<\/p>\n<p>Der gr\u00f6\u00dfte Vorteil der Anderson-Br\u00fcder: Anders als viele Hersteller brauchen sie keine extra gez\u00fcchteten Pflanzen wie Zuckerrohr, keine Chemikalien und auch keine genetisch modifizierten Bakterien. \u00bbAndere verwenden sehr teures Rohmaterial wie Zucker oder Saat\u00f6le und chlorinierte L\u00f6sungsmittel, um das PHA zu extrahieren. Abf\u00e4lle dagegen gibt es \u00fcberall, und viele Firmen bezahlen sogar daf\u00fcr, sie zu entsorgen. Unser Prozess ist nat\u00fcrlich, ohne Chemikalien, Petroleum oder GMO.\u00ab<\/p>\n<p>Im Idealfall nehmen die Anderson-Br\u00fcder ihre Produkte wieder zur\u00fcck, deshalb nennen sie sich ja Full Cycle Bioplastics: \u00bbWir kompostieren sie wieder und stellen daraus jungfr\u00e4uliches Bioplastik her.\u00ab Landet es im Stra\u00dfengraben oder im Meer, richtet es zumindest keinen Schaden an: Es verrottet oder wird zu Fischfutter.<\/p>\n<p>Ein weiterer Kritikpunkt bei der Bioplastik-Herstellung ist oft der hohe Energie- und Wasserverbrauch. Die Anderson-Br\u00fcder glauben, auch diese Probleme gel\u00f6st zu haben: \u00bbDer Kompostiervorgang selbst braucht wenig Energie und kaum Wasser, sondern erzeugt Wasser.\u00ab Au\u00dferdem sei ihre Methode CO2-negativ oder zumindest neutral. Bei normalem Kompostieren werden CO2 und ein wenig Methan frei. Das Anderson-System bindet das Kohlendioxid als Biopolymere \u2013 allerdings, so geben die beiden zu, nicht dauerhaft, weil es schlie\u00dflich wieder freigesetzt wird, wenn das fertige Produkt wieder kompostiert wird. Aber ihre Methode setzt zumindest kein zus\u00e4tzliches CO2 frei.<\/p>\n<p>Die Br\u00fcder wollen Plastik nicht komplett abschaffen. Bei Gegenst\u00e4nden, die lange halten sollen, etwa der harten Schale eines Laptops, sollte man eher nicht mit Kompost experimentieren. Aber vor allem bei Dingen, die nur einmal benutzt werden \u2013 Verpackungen, Einweggeschirr, Plastikt\u00fcten \u2013 ist es Wahnsinn, sie aus einem Material herzustellen, das 400 Jahre lang nicht verdirbt. Allein in Deutschland sind das sechs Millionen Tonnen Wegwerfprodukte jedes Jahr.<\/p>\n<p>Nachdem sich die Br\u00fcder unz\u00e4hlige Recycling-Firmen und Agrar-Konzerne anschauten, sind sie davon \u00fcberzeugt, \u00bbdass das konventionelle System total kaputt ist.\u00ab Aber sie wissen auch, dass sich Biokunststoff nur durchsetzen wird, wenn er billig ist. \u00bbDas fragen alle Firmen als erstes: Was kostet das?\u00ab Weil ihr Rohstoff kostenlos und im \u00dcberma\u00df verf\u00fcgbar ist, hoffen sie, dass sie in der Plastikindustrie bald auch preislich mithalten k\u00f6nnen. \u00bbDer wahre Preis eines Plastikbechers ist ohnehin um ein Vielfaches h\u00f6her als das, was der Kunde daf\u00fcr bezahlt.\u00ab Allerdings l\u00e4sst sich noch nicht \u00fcberpr\u00fcfen, wie gut die Plastikprodukte der Br\u00fcder in der Praxis funktionieren \u2013 ihr Labor produziert bisher erst ein Kilo PHA pro Tag, die Fabrik ist noch im Bau.<\/p>\n<p>Aber in Deutschland ist Eduardo Gordillo da schon zwei Schritte weiter: Der in Kolumbien geborene Erfinder, der in Stuttgart Industriedesign studierte, hat in Hamburg die Firma Bio-Lutions gegr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Auch er stellt seine Verpackungen aus Agrar-Abfallprodukten her, allerdings mit einem ganz anderen Verfahren: Er nimmt faserhaltigen Pflanzen-Abfall wie Tomatenpflanzen, Bananenst\u00e4mme oder Zuckerrohrbl\u00e4tter, und stellt durch Faserguss, ebenfalls ohne Chemie, Verpackungen her, die so stabil sind wie Pappe oder Eierkartons. Der Karton f\u00fcr die Weizen-Spaghetti besteht dann aus den Weizenfasern, die Schale f\u00fcr die Tomaten aus den Tomatenstengeln. \u00bbWir nutzen die Natur an sich\u00ab, sagt Gordillo. Wird die Verpackung weggeworfen, verrottet sie wie Laub. Gordillo hat eine Pilotfabrik in Indien gebaut, die bereits l\u00e4uft und eine knappe Tonne pro Monat produziert. Warum Indien? Weil das Plastikm\u00fcllproblem in Indien noch gravierender ist als hierzulande und einzelne Bundesstaaten dort bereits ein komplettes Plastikverbot f\u00fcr Einwegprodukte aussprachen. Aber auch in Deutschland will er in den n\u00e4chsten Jahren Verpackungen herstellen.<\/p>\n<p>Die Andersons freuen sich \u00fcber jeden Konkurrenten, \u00bbweil es gar nicht genug Unternehmer geben kann, die umweltfreundliche Verpackungen herstellen. Wir wollen, dass die alle erfolgreich sind.\u00ab Denn auch das ist die traurige Wahrheit: Der Bioplastik-Umsatz w\u00e4chst zwar rasant, liegt aber bis jetzt in Deutschland wie fast \u00fcberall auf der Welt immer noch erst bei knapp 2 Prozent. Bis es mehr wird, werden sich noch viele Surfer (und Fische) im Meer den Kopf an Plastikm\u00fcll sto\u00dfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei kalifornische Br\u00fcder waren beim Surfen so vom Plastikm\u00fcll genervt, dass sie jetzt Biokunststoff herstellen \u2013 mit einer Methode, die zumindest in Teilen jedem Gartenbesitzer bekannt vorkommen d\u00fcrfte. F\u00fcr Jeff und Dane Anderson, 32, gibt es nichts Sch\u00f6neres, als morgens gleich zum Sonnenaufgang ans Meer zu eilen. 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