{"id":46393,"date":"2017-10-18T06:50:33","date_gmt":"2017-10-18T04:50:33","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=46393"},"modified":"2017-10-09T13:17:34","modified_gmt":"2017-10-09T11:17:34","slug":"fao-nahrungsmittel-herausforderung-kann-ohne-genpflanzen-gemeistert-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/fao-nahrungsmittel-herausforderung-kann-ohne-genpflanzen-gemeistert-werden\/","title":{"rendered":"FAO: Nahrungsmittel-Herausforderung kann ohne Genpflanzen gemeistert werden"},"content":{"rendered":"<p>Die Herausforderungen f\u00fcr die Nahrungsmittelerzeugung k\u00f6nnen ohne den Einsatz von genetisch ver\u00e4nderten Pflanzen gemeistert werden, aber man sollte weitere Vorteile der Biotechnologie nicht ausblenden, sagt der hochrangige UN-Beamte Daniel Gustafson im Interview mit EURACTIV.com.<\/p>\n<p>Daniel Gustafson ist der Vize-Generalsekret\u00e4r der Ern\u00e4hrungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO). Er sprach mit Sarantis Michalopoulos und Paola Tamma von EURACTIV.<\/p>\n<p>EURACTIV: Es gibt einen strategischen Dialog zwischen der EU und der FAO \u00fcber zuk\u00fcnftige Zusammenarbeit. Welche Resultate gibt es bisher und was erwarten Sie in Zukunft von dieser Partnerschaft?<\/p>\n<p>Daniel Gustafson: Viele unserer am l\u00e4ngsten bestehenden Beitr\u00e4ge sind aus der Zusammenarbeit mit der EU entstanden, zum Beispiel die Arbeit f\u00fcr Ern\u00e4hrungssicherheit und N\u00e4hrwertangaben in Krisensituationen. Wir m\u00f6chten diese Kooperation jetzt intensivieren. Es ist wichtig, dass die EU sehr stark darin ist, multilaterale Organisationen anzuerkennen. Global gesehen ist das Klima f\u00fcr multilaterale Zusammenarbeit momentan nicht so gut, aber sie ist dennoch wichtig. Wie arbeiten wir zusammen? Die FAO wird finanziell von der Europ\u00e4ischen Kommission unterst\u00fctzt; sie ist der gr\u00f6\u00dfte freiwillige Einzahler. Im Dialog geht es nun aber auch darum, herauszufinden, wo unsere Agenden am meisten \u00fcbereinstimmen.<\/p>\n<p>Der Klimawandel und das Management von nat\u00fcrlichen Ressourcen ist ein sehr wichtiges Feld, in dem sich die EU-Mitglieder und FAO-Mitglieder (die EU ist auch Mitglied der FAO), in dem sich alle L\u00e4nder in Paris verpflichtet haben, sich gegen illegale und unregulierte Fischerei, f\u00fcr die W\u00e4lder, gegen Bodensch\u00e4digung usw. zu engagieren. Viele L\u00e4nder brauchen Unterst\u00fctzung bei der tats\u00e4chlichen Umsetzung ihrer Verpflichtungen. Das ist viel technische Arbeit.<\/p>\n<p>Nahrungsmittelkrisen und Information und Analyse sind ein weiteres Feld. Dort wurden k\u00fcrzlich viele Fortschritte gemacht. Anfang des Jahres wurde ein Bericht ver\u00f6ffentlicht, der als Bezugspunkt f\u00fcr die Diskussionen funktioniert. Die Fragen, um die es geht, sind: Wie viele L\u00e4nder melden Hungersn\u00f6te? Was genau meinen sie damit? Wie schlimm ist die Situation? Diese Methoden werden schon lange angewendet, aber wir brauchen bessere, regelm\u00e4\u00dfigere Daten.<\/p>\n<p>Ein weiterer Punkt: Ern\u00e4hrung und Ern\u00e4hrungssysteme. Jedes Land hat Probleme: \u00dcbergewicht, antimikrobielle Resistenzen, Unterern\u00e4hrung, und auch die Verringerung von Lebensmittelverschwendung, sei es auf der Ebene der H\u00f6fe oder auf der der Verbraucher.<\/p>\n<p>Beim EU-Investitionsplan (EIP) geht es darum, wie F\u00f6rdergelder so eingesetzt werden k\u00f6nnen, dass Investments des Privatsektors in die Landwirtschaft und die Nahrungsmittelsicherheit in der Dritten Welt stimuliert werden. Es geht auch darum, wie wir die EU dabei unterst\u00fctzen k\u00f6nnen \u2013 wir haben B\u00fcros und Angestellte, die den b\u00fcrokratischen Aufwand verringern k\u00f6nnten. Die Frage ist also: Wie bringt man private Investoren dazu, in Felder zu investieren, in denen sie bisher nicht aktiv sind?<\/p>\n<p>Um welche L\u00e4nder und um welche Art der Investitionen geht es?<\/p>\n<p>Es gibt eine festgelegte Zahl an L\u00e4ndern, die meisten davon in Afrika und im Nahen Osten. Wenn es um die Art der Investitionen geht, sind wir offen. Die EU ist an kombinierter Finanzierung interessiert, mit der der Privatsektor auf vorteilhafter Weise in die Landwirtschaft und die Ern\u00e4hrungssicherheit investiert. Wir von der FAO wollen mit Regierungen zusammenarbeiten, um Regularien zu vereinheitlichen und dadurch beispielsweise Bauern beim Thema Landbesitz sowie nachhaltige Landwirtschaftsinvestitionen und andere Dinge, die die Rechte von Landwirten und den Einheimischen sch\u00fctzen, zu f\u00f6rdern. Das kann im kleinen oder mittelgro\u00dfen Rahmen geschehen. Ich glaube, die Big Player brauchen unsere Hilfe nicht. Es geht mehr um die kleinen und mittleren Betriebe und Unternehmer, auf die wir zielen und die wir zu mehr Investitionen ermutigen wollen.<\/p>\n<p>Mit Hinblick auf die Trump-Regierung und ihre Haltung zum Pariser Abkommen: Ist es f\u00fcr Sie jetzt wichtiger als je zuvor, mit der EU zusammenzuarbeiten?<\/p>\n<p>Auf jeden Fall. Das liegt nicht nur an den USA; sondern auch am Wissen, dass Kooperation bei globalen Themen sehr viel Mehrwert bietet. Wir h\u00e4tten vor einigen Jahren nicht gedacht, dass diese Idee der Kooperation ernsthaft in Frage gestellt werden k\u00f6nnte, wie es jetzt geschieht. Zusammenarbeit im multilateralen Kontext, mit gemeinsamen globalen Zielen, wobei jedes Land seinen eigenen Weg dorthin definiert \u2013 das ist es, was wir bei der FAO tun, und das ist auch, was die EU tut.<\/p>\n<p>\u00dcberall auf der Welt sind neue Landwirtschaftstechnologien auf dem Vormarsch. In Europa wird die Bedeutung der Pr\u00e4zisionslandwirtschaft f\u00fcr die GAP nach 2020 diskutiert. Helfen diese Technologien aus Sicht der FAO den Landwirten dabei, belastbarer zu werden?<\/p>\n<p>Landwirtschaft ist die Wissenschaft des Lokalen. Was auf dem einen Feld funktioniert, funktioniert auf dem n\u00e4chsten wom\u00f6glich nicht. Viele der Bauern, mit denen wir kooperieren, habe sehr kleine H\u00f6fe. Beim D\u00fcngen und dem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln muss man sein Feld genau kennen. Je mehr Sie verstehen, was in der unmittelbaren Umgebung vorgeht, desto besser. Das ist der Schl\u00fcssel f\u00fcr nachhaltige Landwirtschaft, gerade f\u00fcr Kleinbauern.<\/p>\n<p>Zu wissen: hier muss ich d\u00fcngen, dort nicht \u2013 das ist im Prinzip das gleiche Konzept wie Pr\u00e4zisionslandwirtschaft. Vormals hatte man riesige Felder und darauf ein einziges D\u00fcnge- oder Pflanzenschutzmittel angewendet. Das f\u00fchrte zu Bodensch\u00e4den. Man braucht sehr viel mehr Daten und Wissen. Was Kleinbauern in Entwicklungsl\u00e4ndern machen, l\u00e4sst sich auch auf viel gr\u00f6\u00dferer Ebene wiederholen, wenn man es auf kosteneffektive Weise tut. Pr\u00e4zisionslandwirtschaft ist global gesehen die hochtechnologisierte Anwendung dessen, was wir schon lange verfechten.<\/p>\n<p>Ist Pr\u00e4zisionslandwirtschaft f\u00fcr Kleinbauern erschwinglich?<\/p>\n<p>Pr\u00e4zision kann erschwinglich sein. Was die Kleinbauern tun, ist, die lokalen Gegebenheiten zu verstehen. Pr\u00e4zisionslandwirtschaft beinhaltet sehr viel High-Tech, das wird sich bei diesen Bauern nicht umsetzen lassen. Aber sie setzen Low-Tech-Pr\u00e4zision ein, weil ihr Land so begrenzt ist.<\/p>\n<p>Ist die Belastbarkeit von Bauern ein globales Schl\u00fcsselthema?<\/p>\n<p>Ja, insbesondere die Belastbarkeit und Widerstandskraft gegen\u00fcber des Klimawandels. Die Bauern m\u00fcssen wirtschaftlichen Schocks, extremen Wetterph\u00e4nomenen, niedrigen Preisen, Bankrotten trotzen. Es geht darum, wie das System es Haushalten erm\u00f6glicht, zu wachsen und ihr Ungl\u00fccksrisiko zu minimieren. Wie machen wir die Landwirte in einer sich st\u00e4ndig ver\u00e4ndernden Welt widerstandsf\u00e4higer? Das ist die gro\u00dfe Herausforderung.<\/p>\n<p>Was k\u00f6nnen EU-Landwirte von Entwicklungsl\u00e4ndern lernen?<\/p>\n<p>Eine der Lektionen, die wir von woanders lernen k\u00f6nnen, ist Diversifizierung und Agrobiodiversit\u00e4t. Landwirtschaftliche Biodiversit\u00e4t ist eine M\u00f6glichkeit, die Widerstandsf\u00e4higkeit zu verbessern; und das w\u00fcrde nat\u00fcrlich auch in Europa gelten. Wichtig ist auch, wie Gemeinschaften\/Gemeinden zusammenarbeiten. Es geht um die Unterst\u00fctzung f\u00fcr einzelne Gemeindemitglieder, damit sie nach einem schlechten Jahr nicht ruiniert sind. Es gibt viele \u00e4hnliche Ans\u00e4tze, wie man externen Schocks besser standhalten kann.<\/p>\n<p>Man muss vorbereitet sein und einen gewissen Grad der Diversifizierung haben, damit nicht die gesamte Produktion auf einen Schlag ausgel\u00f6scht wird.<\/p>\n<p>Sollten agro\u00f6kologische Praktiken und eine diversifiziertere Produktion Teil der zuk\u00fcnftigen EU-Landwirtschaft und der GAP sein?<\/p>\n<p>Ich lasse die GAP einmal au\u00dfen vor, aber solche Praktiken m\u00fcssen Teil einer erfolgreichen, langfristigen Landwirtschaftsstrategie sein.<\/p>\n<p>Die Hauptfrage ist, wie die steigende Weltbev\u00f6lkerung langfristig ern\u00e4hrt werden soll. Was ist die Sicht der FAO und steht f\u00fcr Sie Ern\u00e4hrungssicherheit im Zusammenhang mit anderen gro\u00dfen Herausforderungen der Zukunft (Migration, Sicherheit, Klima)?<\/p>\n<p>Sehen Sie sich die Nahrungsmittelproduktion auf dem Planeten an: Sie ist riesig. Es ist eine Frage der Verteilung: Wer hat das ganze Jahr lang Zugang zu n\u00e4hrreichem, sicherem Essen?<\/p>\n<p>Bei der Produktion sieht es anders aus: Ohne Frage, die Nahrungsmittelproduktion muss zwischen jetzt und dem Jahr 2050 und dar\u00fcber hinaus erh\u00f6ht werden. Wir sehen das aber absolut nicht als Ding der Unm\u00f6glichkeit. Vor 40 Jahren h\u00e4tten wir es f\u00fcr unm\u00f6glich gehalten, dass wir unsere Produktion so steigern k\u00f6nnen, wie es geschehen ist. Es geht nicht darum, diese gro\u00dfe Steigerung zu wiederholen, sondern nachhaltige Produktionserh\u00f6hungen zu erreichen, die den Klimawandel, Bodenzerst\u00f6rungen und eben Bev\u00f6lkerungswachstum in Betracht ziehen. Aus Sicht der FAO ist das erreichbar, aber daf\u00fcr ist Arbeit notwendig. Es muss einiges investiert werden: Die Landwirte und Unternehmen m\u00fcssen Geld in die Hand nehmen; man muss Forschung, Infrastruktur und Investitionen f\u00f6rdern. Aber es gibt auch Risiken. Wenn man sich die heutigen Lebensmittelkrisen anschaut, stellt man fest, dass in all diesen Gebieten Konflikte herrschen \u2013 Nigeria, S\u00fcdsudan, Jemen, Syrien\u2026<\/p>\n<p>W\u00fcrden Sie der Sicht von Entwicklungsorganisationen wie der Gates Foundation zustimmen, die sagt, gentechnisch ver\u00e4nderte Organismen (genetically modified organisms, GMO) seien unverzichtbar, um die Ern\u00e4hrungssicherheit zu garantieren?<\/p>\n<p>Da gibt es zwei Punkte: Erstens k\u00f6nnen wir die Herausforderungen der Nahrungsmittelproduktion ohne GMOs meistern. Es geht ohne GMOs. Trotzdem wollen wir zweitens aber nicht die Vorteile der Biotechnologie im weiteren Sinne ausschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>GMOs sind ein sehr schwieriges Thema. Die FAO hat sich damit noch nicht eingehend besch\u00e4ftigt \u2013 au\u00dfer, dass wir L\u00e4nder dabei unterst\u00fctzen wollen, die besten Regulierungs-Entscheidungen zu treffen. Ein Problem, das in dieser Debatte etwas unter den Tisch f\u00e4llt: Wenn Sie sich arme Bauern anschauen, die ihre Produktivit\u00e4t erh\u00f6hen m\u00fcssen, wird die Mehrzahl von ihnen nicht auf GMO-Saatgut zur\u00fcckgreifen. Sie nutzen Hybride, die durch freie Best\u00e4ubung entstanden sind. Vielleicht sind GMOs zu teuer oder es gibt kein gutes Vertriebsnetzwerk. F\u00fcr diese Bauern kann noch viel getan werden, bevor sie zu GMOs greifen m\u00fcssen. Wir sind trotzdem offen gegen\u00fcber der Biotechnologie.<\/p>\n<p>Sind Innovationen in der Landwirtschaft der Schl\u00fcssel zur Meisterung globaler Herausforderungen? Und wenn ja: Wie k\u00f6nnen die EU und die FAO bei diesem Thema helfen?<\/p>\n<p>Die Nahrungsmittelproduktion ist besonders von Bodenzerst\u00f6rung und Wassermangel betroffen und wird daher sehr viel Innovation ben\u00f6tigen. Dazu z\u00e4hlt auch soziale Innovation: Wie sollte man Dinge anders angehen? Wie bekommt man den Privatsektor dazu, so zu investieren, dass Kleinbauern davon profitieren? Wie kann man Banken, das Internet oder Mobiltelefone miteinander verkn\u00fcpfen, um Kleinbauern zu helfen?<\/p>\n<p>Innovation wird auf allen Stufen der Lebensmittel- und Wertsch\u00f6pfungskette extrem wichtig sein.<\/p>\n<p>Machen Sie sich Sorgen \u00fcber die Fusionen und \u00dcbernahmen von europ\u00e4ischen und globalen Nahrungsmittelkonzernen?<\/p>\n<p>Das verfolgen wir nicht wirklich. Marktkonzentration darf Innovation nicht ersticken. In einigen Industrien muss man allerdings eine gewisse Gr\u00f6\u00dfe haben, um innovativ sein zu k\u00f6nnen. F\u00fcr die Klientel, mit der wir uns am meisten besch\u00e4ftigen, also mit den Bauern, die am verletzbarsten sind und die die niedrigsten Produktivit\u00e4tsraten haben, ist ein gewisser Grad der Konzentration nat\u00fcrlich nicht gut. Aber wir haben dazu bisher keine offizielle Haltung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Herausforderungen f\u00fcr die Nahrungsmittelerzeugung k\u00f6nnen ohne den Einsatz von genetisch ver\u00e4nderten Pflanzen gemeistert werden, aber man sollte weitere Vorteile der Biotechnologie nicht ausblenden, sagt der hochrangige UN-Beamte Daniel Gustafson im Interview mit EURACTIV.com. Daniel Gustafson ist der Vize-Generalsekret\u00e4r der Ern\u00e4hrungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO). 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