{"id":44880,"date":"2017-08-02T07:26:09","date_gmt":"2017-08-02T05:26:09","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=44880"},"modified":"2018-02-16T15:07:10","modified_gmt":"2018-02-16T14:07:10","slug":"expertengespraech-biokunststoffe-nachfrage-und-angebot","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/expertengespraech-biokunststoffe-nachfrage-und-angebot\/","title":{"rendered":"Expertengespr\u00e4ch Biokunststoffe \u2013 Nachfrage und Angebot"},"content":{"rendered":"<p>Das Fazit der Runde: Ein erh\u00f6hter Bedarf k\u00f6nnte die vergleichsweise hohen Rohstoffpreise senken. Doch problematisch ist die unklare Kommunikation \u00fcber Biokunststoffe und eine inkonsequente Bewertung im Vergleich zu konventionellen Kunststoffen. Auch die ethische Diskussion um Rohstoffquellen, die in Konkurrenz zu Nahrungsmitteln stehen, hemmt den Markt. Doch k\u00f6nnen Biokunststoffe den konventionellen Alternativen \u00fcberlegen sein und damit neue Anwendungen erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Ralf Mayer &#8211; Herzlich willkommen zu unserem Expertengespr\u00e4ch Biokunststoffe, in dem wir diskutieren m\u00f6chten, warum biobasierte und bioabbaubare Kunststoffe vor allem in Deutschland ein Nischendasein fristen, wie sich dies \u00e4ndern lie\u00dfe und welche technischen M\u00f6glichkeiten bestehen. Wir m\u00f6chten Sie zun\u00e4chst nach ihren Erfahrungen mit Biokunststoffen fragen?<\/p>\n<p>Stefanie Sch\u00f6nherr &#8211; <a href=\"https:\/\/www.dm.de\/ebelin-nature-kamm-p4010355011114.html\" target=\"_blank\">Also wir setzen kaum Biokunststoffe ein<\/a>. Aber wir setzen inzwischen relativ viele Verpackungsmittel ein, die einen Recyclinganteil haben. Daran arbeiten wir sehr intensiv, wobei das f\u00fcr uns eigentlich eine \u00dcbergangsl\u00f6sung ist, denn mein Ziel w\u00e4re es schon, mehr biobasierte Kunststoffe einzusetzen. Das Thema biologische Abbaubarkeit ist f\u00fcr uns, f\u00fcr unsere Verpackungen eher kein Thema. Unsere Lieferanten und deren Packmittelhersteller haben teilweise schon mit biobasierten Materialien experimentiert, aber wir haben jetzt f\u00fcr uns noch keine gute L\u00f6sung gefunden oder wenig gute L\u00f6sungen. Wir arbeiten teilweise mit Folien, die auf Basis von Zellulose hergestellt sind. Es funktioniert nicht in jedem Segment, aber wir wollen das ausbauen. Tats\u00e4chlich hatten wir auch ein Produkt mit Lignin, eine Zahnb\u00fcrste. Aber der Abverkauf war eben leider nicht so wie erwartet, sodass wir das Produkt am Ende wieder ausgelistet haben.<\/p>\n<p>Dr. Etwina Gandert &#8211; War das Produkt vergleichsweise teuer oder was meinen Sie war der Grund f\u00fcr den geringen Absatz?<\/p>\n<p>Stefanie Sch\u00f6nherr &#8211; Es war etwas teurer, weil es nat\u00fcrlich auch deutlich teurer ist in der Herstellung. Aber die meisten Verbraucher werden nicht bereit sein, f\u00fcr eine nachhaltigere Verpackungsalternative deutlich mehr zu bezahlen. Das ist vielleicht im Super-\/\u00d6komarktbereich noch was anderes. Wenn bei uns ein Duschgel 55 Eurocent kostet \u2013 da haben wir schon sehr stark an den Verpackungen gearbeitet, um einen m\u00f6glichst geringen Ressourceneinsatz zu haben \u2013 w\u00e4re jedoch der Kunde nicht bereit, 5 Cent mehr zu bezahlen, weil wir die Flasche aus biobasiertem Kunststoff herstellen lassen.<\/p>\n<p>Dr. Etwina Gandert &#8211; Wenn vom Markt keine Nachfrage kommt, dann wird auch kein Unternehmen eine nachhaltige Motivation zum Einsatz von Biokunststoff haben.<\/p>\n<p>Robert Czichos &#8211; Ich finde es relativ schwierig Verallgemeinerungen in einem sehr vielschichtigen Markt zu verwenden. Es gibt eine Konsumentenschicht, die sind innovativen Produkten gegen\u00fcber, auch mit Biokunststoffen, sehr aufgeschlossen.<br \/>\nWir haben Verpackungen, die in gro\u00dfen Mengen im Foodservice-Bereich verkauft werden, weil die Kunden beispielsweise eine Biobeschichtung gut finden. Wir haben aber auch ganz viele Kunden, denen ist das total egal, ob diese Beschichtung Bio ist oder nicht. Die finden einfach nur, diese Verpackung sieht gut aus. Keiner kauft einen K\u00e4se, weil er in einer Bioverpackung ist. Die Leute kaufen den K\u00e4se, weil sie einen K\u00e4se kaufen wollen. Zudem haben die meisten Folien aus Biokunststoffen nicht die geforderten Barriere-Eigenschaften. Und der Kostendruck bei Folienverpackungen ist enorm gro\u00df, in diesem Massen-Foodmarkt geht es um 0,05 Cent pro Quadratmeter, den Sie teurer sein d\u00fcrfen oder auch nicht. Und daran machen die gro\u00dfen Unternehmen am Ende die Entscheidung aus, ob ich diese Folie einsetze oder nicht.<\/p>\n<p>Susanne Kurz &#8211; Ich meine, es ist ja ein globales Problem, ein weltweites Plastikproblem, was wir letztlich haben. Und damit ist es ein politisches Problem. Kann man denn das nun eigentlich den Verbrauchern \u00fcberlassen?<\/p>\n<p>Prof. Hans-Josef Endres &#8211; Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen die Biokunststoffe das teilweise negative Image von Kunststoffverpackungen nicht verbessern, diese Aufgabe muss die Kunststoffindustrie und die entsprechenden Kunststoffverb\u00e4nde l\u00f6sen. Hier ist meiner Ansicht nach eine Versachlichung der Diskussion notwendig. Es ist ein grunds\u00e4tzliches Problem, dass man oft sehr emotional nur den Schaden und nicht den Nutzen von Kunststoffen bewertet. Biokunststoffe k\u00f6nnen in vielen F\u00e4llen mindestens den gleichen Nutzen auf nachhaltigere Art und Weise bieten. Werden sie als Verpackungen genutzt, m\u00fcssen Biokunststoffe sich in das bestehende Entsorgungslogistiksystem integrieren. Auch in Deutschland werden aus wirtschaftlichen Gr\u00fcnden nur die Kunststoffe recycelt, von denen ausreichende Mengen im Abfallstrom vorhanden sind. Ein wirtschaftliches Recycling von Kunststofftypen, die nur in kleineren Mengen vorhanden sind ist schwierig. Dies gilt f\u00fcr konventionelle Kunststoffe ebenso wie f\u00fcr Biokunststoffe. Das ist einfach ein wirtschaftliches oder politisches Problem, und der Biokunststoff, um das zu sagen, der rechtfertigt auch keinen Mehrpreis oder eine Abfall- bzw. gesonderte Verwertungslogistik, und die Entscheidung dar\u00fcber k\u00f6nnen wir dem Verbraucher auch nicht zumuten.<\/p>\n<p>Der Verbraucher h\u00e4tte auch nie gr\u00fcnen Strom haben wollen, und der Verbraucher h\u00e4tte auch nie f\u00fcr gr\u00fcnen Strom mehr bezahlt, wenn er die Wahl gehabt h\u00e4tte. Da haben wir einfach ein politisches Instrument geschaffen, um solche Dinge in den Markt einzuf\u00fchren, weil wir an deren Nachhaltigkeit, Zukunftsf\u00e4higkeit und Notwendigkeit geglaubt haben. Auch die Elektromobilit\u00e4t lassen wir uns politisch etwas kosten. Bei den Biokunststoffen l\u00e4sst man den Verbraucher und die gesamte Branche am Markt politisch etwas alleine.<br \/>\nSo, und nun ein Wort zu den Barriere-Eigenschaften. Dass Biokunststoffe schlechtere Barriereeigenschaften haben, kann man so pauschal nicht sagen. Es gibt bei den Biokunststoffen z.B. sogenannte Drop-In-L\u00f6sungen, wie ein biobasiertes Polyethylen, das exakt die chemische Struktur und damit auch gleiche Barriere-Eigenschaften wie normales Polyethylen hat. Neben den Drop-Ins gibt es aber auch neuartige Biokunststoffe, die einfach von der chemischen Struktur her neuartig sind. Und das sind dann auch die, die neue Funktion mitbringen, wie eine gute Wasserdampfdurchl\u00e4ssigkeit oder eine hohe Sperrwirkung gegen Sauerstoff oder auch m\u00f6glicherweise eine biologische Abbaubarkeit am Ende eines Produktlebens. Also woran es dann h\u00e4ngt, ist nachher ein wirklich ma\u00dfgeschneiderter Biowerkstoff f\u00fcr Verpackungszwecke mit ma\u00dfgeschneiderten Eigenschaften.<\/p>\n<p>Ralf Mayer &#8211; Gibt es \u00fcberhaupt ausreichend Daten, was die einzelnen Biokunststoffe k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Prof. Hans-Josef Endres &#8211; Ja, z.B. in der Campus-Datenbank sind alle technischen Kunststoffe verzeichnet. Und es gab ein vom BMEL gef\u00f6rdertes Projekt, in dem auch die Biokunststoffe mit der Firma M-Base zusammen und uns in diese Datenbank aufgenommen wurden. Das zeigt, es braucht zumindest in der Anfangsphase eine politische Unterst\u00fctzung, damit die Produkte der Biokunststoffhersteller den gleichen Stand erreichen wie die petrochemischen Kunststoffe. Ein Vergleichsbeispiel: Chemieunternehmen wie die BASF schicken ihre Materialdaten an die Datenbankbetreiber und bezahlen auch noch Geld f\u00fcr das Einpflegen der Daten. Die Biokunststoffhersteller mussten dagegen in der Vergangenheit oft \u00fcberzeugt werden, dass die Bereitstellung umfassender und nachvollziehbarer Materialdaten eine absolute Notwendigkeit am Kunststoffmarkt ist. Wenn wir als Forschungsinstitut nachfragen, ob wir den Biokunststoff untersuchen d\u00fcrfen, um die Daten f\u00fcr diese Datenbank zu generieren, dann besteht vonseiten des Anbieters heute noch manchmal ein gro\u00dfes Misstrauen. Neben den Gebrauchseigenschaften gibt es zudem auch verschiedene, ebenfalls vom BMEL unterst\u00fctzte Forschungsarbeiten zur Ermittlung von verarbeitungsrelevanten Materialcharakteristika der Biokunststoffe.<\/p>\n<p>Nicole Kalytta &#8211; Ja, die Datenbank ist sehr interessant, mit Produktbildern f\u00fcr Anregungen. Meiner Ansicht nach gibt es zu wenig Informationen zu den Begrifflichkeiten, z.B. Bioabbaubarkeit, biobasierend usw. Hinzukommt, dass die von unseren Kunden und Mitarbeitern, den Kunststoffformgebern, gemachten schlechten Erfahrungen sich gefestigt haben und sehr schwer zu eliminieren sind.<\/p>\n<p>Katrin Schwede &#8211; Es gibt bereits viele ausf\u00fchrliche Informationen rund um Biokunststoffe. Worin wir als Verband noch besser werden m\u00fcssen, und das gebe ich zu, ist, diese Informationen einfach verst\u00e4ndlich aufzubereiten, um die allgemeine \u00d6ffentlichkeit und die Verbraucher damit besser zu erreichen.<\/p>\n<p>Robert Czichos &#8211; Im Gegensatz zu anderen L\u00e4ndern ist f\u00fcr dieses Thema biobasierte Kunststoffe oder Kunststoffe aus nachhaltigen Ressourcen in Deutschland kein einheitlicher politischer Wille da, diese Dinge zu pushen. Darauf zu warten, dass der Pull kommt von den Verbrauchern dauert lange, und man braucht viel Geld und viele Akteure, die in dem Markt rumrennen und die Verbraucher aufkl\u00e4ren, um einen Pull-Effekt zu erzielen.<\/p>\n<p>Katrin Schwede &#8211; In den Niederlanden beispielsweise sind biologisch abbaubare Verpackungsmaterialien in der Bioabfalltonne zugelassen und werden gemeinsam mit dem Biom\u00fcll in industriellen Kompostieranlagen kompostiert oder in einer Biogasanlage in Biogas verwandelt. Das Verst\u00e4ndnis der Verbraucher in den Niederlanden f\u00fcr die Eigenschaften und Vorteile von biologisch abbaubare Verpackungen ist entsprechend sehr viel h\u00f6her und entsprechend gr\u00f6\u00dfer ist dort auch der Markt f\u00fcr diese Produkte.<\/p>\n<p>Susanne Kurz &#8211; In Deutschland agieren die Entsorgungsbetriebe auf kommunaler Ebene mit sehr unterschiedlichen Konzepten.<\/p>\n<p>Katrin Schwede &#8211; In Deutschland sind laut Bioabfallverordnung bisher nur kompostierbare Bioabfallbeutel in der Biotonne zugelassen. Die kommunalen Entsorger k\u00f6nnen aber selbst dar\u00fcber entscheiden, ob sie die Beutel erlauben oder nicht. Alle anderen kompostierbaren Verpackungsmaterialien d\u00fcrfen in Deutschland nicht in die braune Tonne.<\/p>\n<p>Susanne Kurz &#8211; Aber wo ist genau das technische Problem?<\/p>\n<p>Katrin Schwede &#8211; Die H\u00fcrden sind nicht technischer sondern politischer Natur. W\u00e4hrend in L\u00e4ndern wie den Niederlanden, Italien und Belgien kompostierbare Kunststoffverpackungen f\u00fcr die Entsorgung \u00fcber die Biotonne und die industrielle Kompostierung erlaubt sind \u2013 und das funktioniert dort sehr gut und technisch einwandfrei \u2013 fehlt es in Deutschland an einem entsprechenden gesetzlichen Rahmen, der das zul\u00e4sst.<\/p>\n<p>Dr. Etwina Gandert &#8211; Ich m\u00f6chte gern noch mal auf den Aspekt der Nachhaltigkeit zur\u00fcckkommen. Herr Czichos, Sie entwickeln ein Produkt, weil der Biokunststoff die geforderten technischen Eigenschaften hat und weniger weil das Produkt dann nachhaltiger ist, richtig?<\/p>\n<p>Robert Czichos &#8211; Also die Nachhaltigkeit kann unterschiedliche Bedeutungen haben f\u00fcr ein Produkt. Es kann zum einen nat\u00fcrlich der Hauptgrund sein, ein Produkt zu kaufen. Doch der prim\u00e4re Kaufanreiz besteht vielleicht eher im Design oder in der Funktionalit\u00e4t. Die Verwendung des Biokunststoffes ist da ein zus\u00e4tzlicher Nutzen. Wenn Sie ein Elektroauto bauen und lassen es von ein paar Studenten zusammenschrauben, wird das voraussichtlich weniger K\u00e4ufer finden als ein Modell von Tesla, das einfach wie ein schicker Sportwagen aussieht und entsprechend Spa\u00df bringt auf der Stra\u00dfe. In Deutschland fokussieren wir h\u00e4ufig sehr stark auf rationale Effekte und vernachl\u00e4ssigen die Emotionen. Mit Marketing die Geschichte drum herum und \u00fcber das Material positiv zu transportieren, w\u00e4re eine Aufgabe.<\/p>\n<p>Susanne Kurz &#8211; Aber welche Zielgruppen m\u00fcssen mit gutem Beispiel vorangehen? Beispielsweise der \u00f6ffentliche Sektor. Und so k\u00f6nnte es auch sein, dass im B2B-Gesch\u00e4ft entsprechend nachhaltige Materialien verwendet werden. Das muss jedoch auch sichtbar sein, sonst hat es keine Signalwirkung f\u00fcr die Endverbraucher.<\/p>\n<p>Katrin Schwede &#8211; Es gibt durchaus sehr viele gute Beispiele f\u00fcr den Einsatz und die Vermarktung von Biokunststoffen. Der Fokus liegt dabei nicht in erster Linie auf den Nachhaltigkeitsaspekten sondern an den innovativen und verbesserten Materialeigenschaften. Das Chemieunternehmen Mitsubishi Chemicals, zum Beispiel, bietet einen biobasierten Kunststoff namens DURABIO an, den Sharp f\u00fcr ein Smartphone Touchpanel nutzt. Sharp hat den biobasierten Kunststoff gew\u00e4hlt, nicht weil er biobasiert ist, sondern weil er sehr viel bessere optische Eigenschaften hat und auch sehr viel bessere haptische Eigenschaften. Der biobasierte Kunststoff war hier den konventionellen Alternativen \u00fcberlegen. Sharp hat den Nachhaltigkeitsaspekt in seiner Produkt-Kommunikation zun\u00e4chst nicht gesondert herausgestellt.<br \/>\nEin anderes Beispiel ist ein biobasiertes Polyurethan-Coating f\u00fcr Z\u00fcge von Covestro. Z\u00fcge mit dem biobasierten Coating k\u00f6nnen besser gereinigt werden, Graffiti l\u00e4sst sich besser entfernen und das Coating ist zudem best\u00e4ndiger gegen \u00e4tzende Reinigungsmittel.<\/p>\n<p>Susanne Kurz &#8211; Das ist ein sch\u00f6nes Beispiel, weil im \u00f6ffentlichen Sektor meist \u00fcber eine funktionale Leistungsbeschreibung und den Preis die Auswahl getroffen wird. Und die Leistung war hier ja offensichtlich besser.<\/p>\n<p>Ralf Mayer &#8211; Vielleicht Frau Kalytta, k\u00f6nnen Sie das als Kunststoffverarbeiter best\u00e4tigen? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht mit den Eigenschaften von Biokunststoffen?<\/p>\n<p>Nicole Kalytta &#8211; Wir bieten unsere Standardartikel gerne in beiden Varianten (konventionell und Bio) an und m\u00f6chten uns nicht auf den ein oder anderen Kunststoff festlegen. Unser Problem ist nicht unbedingt der h\u00f6here Materialpreis. Bis dahin kommen wir zurzeit leider erst gar nicht. Viele Kunden haben Vorurteile in Bezug auf die vergleichbare Produktqualit\u00e4t zu den herk\u00f6mmlichen Kunststoffen. Wir w\u00e4ren sofort in der Lage Bio-Kunststoffteile anzubieten.<\/p>\n<p>Ralf Mayer &#8211; Es muss einfach Nachfrage geschaffen werden. Schauen wir mal \u00fcber unsere Grenzen. Warum werden zum Beispiel in Asien so viel mehr Biokunststoffe produziert? Liegt das allein an der anderen Gr\u00f6\u00dfenordnung der M\u00e4rkte oder gibt es andere Gr\u00fcnde daf\u00fcr?<\/p>\n<p>Prof. Hans-Josef Endres &#8211; In Asien, in S\u00fcdamerika haben wir nat\u00fcrlich tats\u00e4chlich etwas andere klimatische Bedingungen und das Zuckerrohr beispielsweise ist in Bezug auf die Fl\u00e4cheneffizienz der Zuckerr\u00fcbe \u00fcberlegen. Der zweite Grund ist aber auch der, dass in Asien ein klarer Wille dazu vorhanden ist und die Ansiedlung von Biokunststoffherstellern politisch gef\u00f6rdert wird.<\/p>\n<p>Robert Czichos &#8211; Wir bekommen ja auch einige unserer PLA-Produkte beispielsweise aus Taiwan. Die Taiwanesen sind da sehr, sehr, sehr gut aufgestellt, auch was die Produktionskapazit\u00e4ten, Herstellkosten und so weiter angeht. Das hat ganz klar etwas mit der dortigen Gesetzgebung zu tun.<\/p>\n<p>Prof. Hans-Josef Endres &#8211; Der Biokunststoffmarkt hierzulande ist in den letzten Jahren bei den Anwendungen durch die Drop-In-L\u00f6sungen \u00fcberwiegend gewachsen. Also das sind chemisch strukturgleiche Kunststoffe, mit gleichen Verarbeitungs-, Gebrauchs- und Entsorgungseigenschaften, die aber biobasierten Feedstock haben. Das bedeutet aber auch, dass das biobasierte Drop-In-Polyethylen technisch \u00fcberhaupt keine Vorteile hat, aber auch keine Nachteile, es ist absolut ebenb\u00fcrtig, bis hin zum Entsorger, zum Recycling. Das hei\u00dft, diese Produkte kann ich \u00fcber technische Eigenschaften nicht vermarkten, sondern ich kann sie bestenfalls wie in den USA als Bio-based preferred im \u00f6ffentlichen Sektor absetzen. Bei diesen technisch gleichwertigen Produkten kann aus meiner Sicht nur die Politik helfen, weil der gr\u00f6\u00dfte Teil der Verbraucher nie von sich aus nachfragen wird. Auch hier sind die Parallelit\u00e4ten zum technisch gleichwertigen, jedoch erneuerbaren gr\u00fcnen Strom wieder sichtbar.<\/p>\n<p>Dr. Etwina Gandert &#8211; Gibt es in Deutschland solche Kriterien in der \u00f6ffentlichen Beschaffung?<\/p>\n<p>Susanne Kurz &#8211; Also es gibt ein \u00e4hnliches Beispiel im Bereich der Elektromobilit\u00e4t, wo in einer Gro\u00dfstadt das Motto gilt: E-Mobilit\u00e4t first. Die Beschaffung von Fahrzeugen mit konventionellen Antrieben m\u00fcsste begr\u00fcndet werden. Zahlreiche \u00f6ffentliche Auftraggeber haben in ihren Einkaufsstrategien Innovations- und Nachhaltigkeitskriterien festgelegt. Die Kriterien k\u00f6nnten auch einen h\u00f6heren Anschaffungspreis rechtfertigen.<\/p>\n<p>Stefanie Sch\u00f6nherr &#8211; Ich glaube nicht, dass sich das Umweltbundesamt oder wer auch immer nicht darauf festlegen wird, pauschal zu sagen, Bio-based first. Hier besteht ein gro\u00dfes Risiko in unendliche Diskussionen zu geraten, weil nachwachsende Rohstoffe h\u00e4ufig in Konkurrenz zum Lebensmittelanbau stehen und damit ethische Fragen auf den Tisch kommen. Daher w\u00fcrde ich mir Biokunststoffe w\u00fcnschen f\u00fcr meine Verpackungen, bei denen ich nicht in diese ethischen Diskussion geraten w\u00fcrde. Und auch sehr wichtig, der Biokunststoff f\u00fcr meine Balea Dusche zum Preis von 55 Cent, h\u00e4tte den gleichen Einkaufspreis und die gleichen technischen Eigenschaften.<\/p>\n<p>Robert Czichos &#8211; Ich glaube, wir sind uns alle am Tisch einig, das w\u00e4re ideal. Aber 100-prozentig \u00f6kologisch, 100-prozentig unbedenklich, nachgewiesen, gepr\u00fcft, gestempelt, mit allen technischen Eigenschaften, die ich mir w\u00fcnsche, plus kostenm\u00e4\u00dfig auf einer Ebene mit petrochemischen, das wird schwierig.<\/p>\n<p>Prof. Hans-Josef Endres &#8211; Ich w\u00fcnsche mir, dass wir in Bezug auf die Bewertung der Werkstoffe gleichberechtigt diskutieren. Ein Beispiel: Der Blaue Engel vergibt den Blauen Engel f\u00fcr Schreibger\u00e4te, wenn besonders ressourceneffizienter Werkstoff eingesetzt wird. In den Richtlinien hei\u00dft es dann weiter, dass sowohl Rezyklate konventioneller Kunststoffe wie auch Biokunststoffe als ressourceneffiziente Werkstoffe eingestuft werden. W\u00e4hrend jedoch beim konventionellen Kunststoff alle Umweltlasten des Prim\u00e4rmaterials beim Rezyklat abgeschnitten werden, muss beim biobasierten Kunststoff zus\u00e4tzlich auch die soziale Nachhaltigkeit im Bereich des Anbaus der nachwachsenden Rohstoffe nachgewiesen werden. Was grunds\u00e4tzlich richtig ist, klar. Aber wieso fragt man denn nicht, ob auch das Erd\u00f6l aus L\u00e4ndern kommt, in denen der Rohstoff sozial nachhaltig erzeugt wird?<\/p>\n<p>Ralf Mayer &#8211; Mir scheint das eine schwierige Ausgangsposition zu sein, dass ausgerechnet in den preissensitivsten Bereichen eigentlich die meisten Biokunststoffe eingesetzt werden, also Verpackung f\u00fcr Konsumartikel. Was gibt es eigentlich f\u00fcr andere Bereiche, die nicht so preissensitiv sind?<\/p>\n<p>Katrin Schwede &#8211; Biokunststoffe finden in fast allen Bereichen Anwendung in denen auch herk\u00f6mmliche Kunststoffe verwendet werden, zum Beispiel in den Bereichen Bau und Konstruktion, Automobilien, Textilien, Verbraucherprodukte wie Spielzeuge und Sportartikel, Elektronik und elektrische Ger\u00e4te vom Lautsprecher zum Handy \u00fcber die Computermaus und der Verkabelung. Mit der steigenden Nachfrage nach Biokunststoffen werden Prozesse effizienter und Preise sinken.<\/p>\n<p>Prof. Hans-Josef Endres &#8211; Die Wissenschaft liefert die Grundlagen. Aber was wir dann brauchen an der Stelle ist einfach aus meiner Sicht die Industrie. Auch bei Coca-Cola hat man ein Produkt, wo die Verpackung deutlich teurer ist als der Inhalt, und trotzdem hat man ein biobasiertes PET eingef\u00fchrt. F\u00fcr diesen Biokunststoff gilt, dass er technisch nicht besser, sondern \u201enur\u201c nachhaltiger und teurer ist. An diesen Stellen brauchen wir einfach auch die Vision sowie ein st\u00e4rker ausgepr\u00e4gtes \u00f6kologisches und soziales Bewusstsein.<\/p>\n<p>Dr. Etwina Gandert &#8211; Sie sagten vorhin, dass es notwendig sei, eine verl\u00e4ssliche Vergleichbarkeit herzustellen. G\u00e4be es eine M\u00f6glichkeit, einen Parameter zu nutzen, um die Vorteile eines biobasierten Kunststoffs leichter transparent und vor allem glaubhaft zu machen?<\/p>\n<p>Prof. Hans-Josef Endres &#8211; Also es gibt nat\u00fcrlich die \u00d6kobilanzierung als Instrument zur Bewertung der Nachhaltigkeit. Das ist aber ein Instrument, was losgel\u00f6st von den Biokunststoffen entwickelt wurde. Es gibt daher noch eine Reihe von Fragestellungen bei der \u00d6kobilanzierung, die f\u00fcr Biokunststoffe nicht ganz gekl\u00e4rt sind. Auch auf der technischen Seite beispielweise in Bezug auf die Herstellung ist aufgrund der h\u00e4ufig noch kleinen Produktionsanlagen eine Vergleichbarkeit schwer herzustellen. Auch die Kommunikation der \u00d6kobilanzergebnisse in Richtung Verbraucher ist ein gro\u00dfes Problem. CO2 ist noch das einfachste, was wir haben. Und selbst wenn wir das dem Verbraucher schon nicht richtig erkl\u00e4ren k\u00f6nnen, dann hat man bei allen anderen Impact-Kategorien im Bereich der \u00d6kobilanz aus meiner Sicht \u00fcberhaupt keine Chance, dem Verbraucher das zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Dr. Etwina Gandert &#8211; Ich halte fest in unserer Runde, dass sie technisch eigentlich keine unl\u00f6sbaren Probleme sehen. Dass jedoch ein Problem mit dem h\u00f6heren Preis f\u00fcr Biokunststoffe besteht und dieser eng mit der Nachfrage verkn\u00fcpft ist. Die \u00f6ffentliche Beschaffung k\u00f6nnte hier als Vorreiter vorangehen, wenn es ein Kriterium f\u00fcr mehr Nachhaltigkeit g\u00e4be und der politische Wille vorhanden w\u00e4re.<\/p>\n<p>Robert Czichos &#8211; Wir brauchen entsprechende Lenkungs- und Steuerungsinstrument, sonst wird das nichts. Im Prinzip muss man eine k\u00fcnstliche Verteuerung der konventionellen Kunststoffe herbeif\u00fchren oder eine k\u00fcnstliche Verbilligung der Biokunststoffe, beispielsweise \u00fcber eine Besteuerung von Kohlenstoffanteilen.<\/p>\n<p>Stefanie Sch\u00f6nherr &#8211; Und die Basis der Kunststoffe ist noch die Frage. Wenn es die biogenen Reststoffe g\u00e4be, aus denen diese Kunststoffe hergestellt werden, und man k\u00f6nnte das klar kommunizieren, dann w\u00e4re vieles leichter und es w\u00e4re auch f\u00fcr die \u00f6ffentliche Beschaffung leichter.<\/p>\n<p>Prof. Hans-Josef Endres &#8211; Emotional zwar ein ganz wichtiger Aspekt, aber in der Realit\u00e4t, einfach nur eine Zahl: Mit 10 Prozent der weggeworfenen Nahrungsmittelfl\u00e4che, also Nahrungsmittel, die nicht konsumiert werden, 10 Prozent der Fl\u00e4che, w\u00fcrde ausreichen, um weltweit alle Kunststoffe biobasiert darzustellen. F\u00fcr mich besteht die Challenge darin, auch bei Biokunststoffen mehr den Nutzen als den \u00f6kologischen Impact darzustellen. Nat\u00fcrlich w\u00e4re es das Beste, wir k\u00f6nnten auch auf Biokunststoffe ebenso wie auf Elektromobilit\u00e4t oder regenerative Energien verzichten, aber wir leben in einer Konsumgesellschaft und Biokunststoffe k\u00f6nnen an vielen Stellen helfen die mit dem Konsum verbundenen Bed\u00fcrfnisse m\u00f6glichst nachhaltig zu befriedigen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Teilnehmer des Expertengespr\u00e4chs<\/p>\n<p>Prof. Dr. Hans-Josef Endres, Institutsleiter IfBB \u2013 Institut f\u00fcr Biokunst-<br \/>\nstoffe und Bioverbundwerkstoffe Hochschule Hannover; Eva Maria Mentzel, IfBB<br \/>\nIfBB \u2013 Institut f\u00fcr Biokunststoffe und Bioverbundwerkstoffe Hochschule Hannover, hans-josef.endres@hs-hannover.de<br \/>\nKatrin Schwede, Head of Communications bei European Bioplastics Berlin, schwede@european-bioplastics.org<br \/>\nRobert Czichos, Bionatic, Bionatic, Bremen, info@bionatic.com<br \/>\nStefanie Sch\u00f6nherr, Produktmanagement\/Nachhaltigkeit bei dm Drogerie-Markt, Karlsruhe, servicecenter@dm-drogeriemarkt.de<br \/>\nNicole Kalytta, Projektmanagerin bei Oskar Lehmann, Blomberg \u2013 Donop, info@olplastik.de<br \/>\nSusanne Kurz (l.), Referentin BME-Sektionen\/Fachgruppen Stellv. Projektleiterin Kompetenzzentrum innovative Beschaffung Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e.V,, Frankfurt\/Main, info@bme.de<br \/>\nVeranstaltungs-Tipp<\/p>\n<p>Biokunststoffe in der Praxis<br \/>\nBei der Tagung 14. September 2017 im IfBB wird praxisnah die Umstellung von konventionellen auf biobasierte Werkstoffe vorgstellt. Es geht um die Entwicklung biobasierter Werkstoffe bis zur Zertifizierung, um die Produktkommunikation und Nachhaltigkeitsbewertungen. Veranstaltungsort ist das Institut f\u00fcr Biokunststoffe und Bioverbundwerkstoffe in Hannover, Anmeldefrist 1. September 2017, Teilnahmegeb\u00fchr 150,00 Euro zzgl. MwSt., Ansprechpaqrtner Eva Maria Mentzel, Tel. 05 11 \/ 92 96 \u2013 22 85, E-Mail: eva-maria.mentzel@ifbb-hannover.det<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Fazit der Runde: Ein erh\u00f6hter Bedarf k\u00f6nnte die vergleichsweise hohen Rohstoffpreise senken. Doch problematisch ist die unklare Kommunikation \u00fcber Biokunststoffe und eine inkonsequente Bewertung im Vergleich zu konventionellen Kunststoffen. Auch die ethische Diskussion um Rohstoffquellen, die in Konkurrenz zu Nahrungsmitteln stehen, hemmt den Markt. 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