{"id":44760,"date":"2017-07-27T07:23:55","date_gmt":"2017-07-27T05:23:55","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=44760"},"modified":"2021-09-09T21:37:19","modified_gmt":"2021-09-09T19:37:19","slug":"sprit-aus-strom-oekodiesel-ein-leeres-versprechen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/sprit-aus-strom-oekodiesel-ein-leeres-versprechen\/","title":{"rendered":"Sprit aus Strom: \u00d6kodiesel, ein leeres Versprechen"},"content":{"rendered":"<p>Die Firma Sunfire nennt ihr Verfahren \u201erevolution\u00e4r\u201c. In einer Anlage in Dresden seien j\u00fcngst \u201emehr als drei Tonnen des synthetischen Erd\u00f6lsubstituts Blue Crude\u201c produziert worden. Damit sei \u201eein weiterer Meilenstein auf dem Weg zur industriellen Kommerzialisierung gelungen\u201c, sagt Sunfire-Mitbegr\u00fcnder Nils Aldag. Man habe einen \u201eCO2-neutralen \u00adErd\u00f6lersatz\u201c geschaffen, der \u201emassiv zur Erreichung der Klimaschutzziele beitragen\u201c k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Es sind gro\u00dfe Worte, die einer genaueren Betrachtung bed\u00fcrfen. Die Firma erzeugt einen synthetischen Kraftstoff aus CO2 und Wasser, was aus Sicht der Chemie wenig spektakul\u00e4r ist: Unter Einsatz von Strom wird per Elektrolyse Wasser in seine chemischen Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt; aus dem Wasserstoff und aus zugef\u00fchrtem CO2 werden dann fl\u00fcssige Kohlenwasserstoffe synthetisiert \u2013 also Treibstoff.<\/p>\n<p>Aber ist das Verfahren wirklich \u201eCO2-neutral\u201c? Am Lehrstuhl f\u00fcr Bauphysik der Universit\u00e4t Stuttgart wurde das Sunfire-Konzept bereits im Oktober 2015 aus Klimasicht bilanziert. Das Fazit ist wenig \u00fcberraschend: Es kommt auf den eingesetzten Strom an. Verwendet man den deutschen Strommix, so seien \u201edeutliche Mehremissionen gegen\u00fcber fossilem Diesel gegeben\u201c. Nur wenn ausschlie\u00dflich Strom aus erneuerbaren Energien verwendet wird, sei \u201eein deutlicher Vorteil des synthetischen Diesels gegen\u00fcber fossilem Diesel gegeben\u201c.<\/p>\n<p>\u00d6kostrom rein, passt<\/p>\n<p>Aber das ist nat\u00fcrlich eine Plattit\u00fcde. Denn jeder Prozess der Energieumwandlung, und sei er noch so ineffizient, l\u00e4sst sich klimafreundlich rechnen, wenn man vorne \u00d6kostrom reinsteckt, den man als CO2-frei bilanziert.<\/p>\n<p>Die relevante Frage ist daher eine andere: Weil jede Kilowattstunde \u00d6kostrom bekanntlich nur einmal genutzt werden kann (und die Potenziale der Erzeugung durchaus limitiert sind), sollte die Energie dort eingesetzt werden, wo sie die gr\u00f6\u00dfte Menge an CO2 vermeidet. Und das ist eher nicht die Kraftstoffgewinnung.<\/p>\n<p>Aus Klimaperspektive steht die Substituierung von Kohlestrom ganz vorne. Jede Kilowattstunde \u00d6kostrom, die Braunkohlestrom ersetzt, erspart der Atmosph\u00e4re rund 1.000 Gramm CO2. Wird die Kilowattstunde \u00d6kostrom hingegen genutzt, um nach dem Sunfire-Verfahren Diesel zu synthetisieren, vermeidet sie bestenfalls 160 Gramm. Denn 16,7 Kilowattstunden Strom werden f\u00fcr die Erzeugung von einem Liter Blue Crude ben\u00f6tigt, der wiederum 2,6 Kilogramm CO2 aus fossilem Diesel \u00fcberfl\u00fcssig macht.<\/p>\n<p>Mit deutschem Strom hat Blue Crude \u00ad\u201edeutliche Mehr\u00ademissionen gegen\u00fcber fossilem Diesel\u201c<\/p>\n<p>Nun kann man die Dieselerzeugung nat\u00fcrlich auf jene Stunden des Jahres beschr\u00e4nken, in denen so viel \u00d6kostrom im Netz vorhanden ist, dass er partout nicht anderweitig nutzbar ist. Dann w\u00e4re die \u00d6kobilanz in der Tat gut. Aber das Verfahren w\u00fcrde damit noch unwirtschaftlicher, als es ohnehin schon ist, weil die Fixkosten der Anlage nicht mehr auf 8.000 Stunden im Jahr umgelegt werden k\u00f6nnen (was quasi einem Dauerbetrieb entspricht), sondern auf einen Bruchteil dessen.<\/p>\n<p>Wie weit man mit diesem Verfahren von der Wirtschaftlichkeit entfernt ist, zeigen Pl\u00e4ne zum Bau einer Anlage, die Sunfire vergangene Woche als \u201eerste kommerzielle Blue-Crude-Produktion\u201c ank\u00fcndigte.<\/p>\n<p>Motorenbauer lieben Synthetisches<\/p>\n<p>Im norwegischen Industriepark Her\u00f8ya hofft die Firma, ab 2020 in einer Anlage mit einer elektrischen Leistung von 20 Megawatt den synthetischen Kraftstoff f\u00fcr \u201eunter 2 Euro\u201c pro Liter erzeugen zu k\u00f6nnen. Hingegen kostet fossiler Diesel aktuell rund 35 Cent je Liter (ohne Steuern und Kosten f\u00fcr Transport und Lagerung, die ja auch f\u00fcr Blue Crude noch zus\u00e4tzlich anfallen).<\/p>\n<p>Zu Finanzierungsfragen des Projekts in Norwegen \u00e4u\u00dfert sich das Unternehmen allerdings noch nicht, und so bleibt offen, wie diese \u201ekommerzielle\u201c Anlage sich je amortisieren soll. Allein die Stromkosten pro Liter sind \u2013 selbst wenn man optimistisch nur 4 Cent je Kilowattstunde ansetzt \u2013 fast doppelt so hoch wie die Gro\u00dfhandelspreise des fossilen Diesels.<\/p>\n<p>Allenfalls ein extrem hoher CO2-Preis k\u00f6nnte den Spie\u00df zugunsten des Designerkraftstoffs umdrehen. Solange ein solcher aber nicht absehbar ist, ist es auch kaum ein Trost, dass Audi in Tests die \u201ePremium-Eigenschaften\u201c des Energietr\u00e4gers best\u00e4tigt hat. Die positive technische Bewertung \u00fcberrascht ohnehin nicht; Motorenbauer lieben synthetische Treibstoffe, weil sie deutlich homogener in ihrer Zusammensetzung sind als Kraftstoffe aus Roh\u00f6l.<\/p>\n<p>Aus technischer Sicht sind die Designerkraftstoffe also durchaus problemlos herzustellen und zu nutzen. Allerdings gilt: Den billigen und zugleich CO2-freien Treibstoff hat auch Sunfire noch nicht gefunden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Firma Sunfire nennt ihr Verfahren \u201erevolution\u00e4r\u201c. In einer Anlage in Dresden seien j\u00fcngst \u201emehr als drei Tonnen des synthetischen Erd\u00f6lsubstituts Blue Crude\u201c produziert worden. Damit sei \u201eein weiterer Meilenstein auf dem Weg zur industriellen Kommerzialisierung gelungen\u201c, sagt Sunfire-Mitbegr\u00fcnder Nils Aldag. Man habe einen \u201eCO2-neutralen \u00adErd\u00f6lersatz\u201c geschaffen, der \u201emassiv zur Erreichung der Klimaschutzziele beitragen\u201c k\u00f6nne. 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