{"id":44063,"date":"2017-07-04T07:23:31","date_gmt":"2017-07-04T05:23:31","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=44063"},"modified":"2017-06-30T15:10:15","modified_gmt":"2017-06-30T13:10:15","slug":"die-biooekonomie-modewort-oder-zukunftskonzept","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/die-biooekonomie-modewort-oder-zukunftskonzept\/","title":{"rendered":"Die Bio\u00f6konomie \u2013 Modewort oder Zukunftskonzept?"},"content":{"rendered":"<p>Die Verwendung von Holz und anderen nachwachsenden Rohstoffen f\u00fcr die Produktion von Industrieg\u00fctern birgt Chancen und Risiken. Kann der Wandel vom Erd\u00f6l zum Holz gelingen und wie ist er am besten zu gestalten? Ein Forschungsprojekt der Universit\u00e4t Freiburg verbindet forstliches Know-how mit politikwissenschaftlicher Methodik, um der Bio\u00f6konomie auf den Zahn zu f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Alex Giurca ist ein Forstwissenschaftler, der sich f\u00fcr das gro\u00dfe Ganze interessiert \u2013 \u201ethe big picture\u201c, wie er sagt. In seiner Doktorarbeit an der Professur f\u00fcr Forst- und Umweltpolitik der Universit\u00e4t Freiburg forscht er mit Prof. Dr. Daniela Kleinschmit im Projekt \u201eLignocellulose-basierte Bio\u00f6konomie: Akteure und ihre Netzwerke\u201c. \u201eWir versuchen zu verstehen, was der Wandel zu einer holzbasierten Bio\u00f6konomie eigentlich bedeutet. Was beinhaltet der Begriff und was f\u00fcr Akteure sind daran beteiligt? Und: Ist der Wandel m\u00f6glich?\u201c<\/p>\n<p>Um Antworten auf diese Fragen zu finden, haben Giurca und sein Kollege Michael Stein standardisierte Interviews mit Experten von Universit\u00e4ten, Forschungsinstituten und aus der Industrie gef\u00fchrt und empirisch ausgewertet. Was verstehen die einzelnen Akteure unter \u201eBio\u00f6konomie\u201c und wie nehmen sie ihre Rolle und die Rolle ihrer Institution dabei wahr?<\/p>\n<p>\u201eViele Leute aus dem Forstsektor sagen uns: Wir vom Forst sind doch die Bio\u00f6konomie, das machen wir doch schon immer! Aber sie sind sich andererseits nicht einig, was das eigentlich ist, \u201edie Bio\u00f6konomie\u201c. Das Konzept ist noch schwammig, im Fluss, und erstmal sagen alle: Ja, wir sind dabei!\u201c Manche befragten Experten beschreiben die \u201eBio\u00f6konomie\u201c als eine H\u00fclle, die es mit Substanz zu f\u00fcllen gilt. Im besten Fall kann das Konzept viele sehr unterschiedliche Akteure auf einen gemeinsamen Weg f\u00fchren. Weg vom Erd\u00f6l und hin zu einer auf nachwachsenden Rohstoffen basierten Wirtschaft. In sogenannten \u201eBioraffinerien\u201c etwa kann der Holzbestandteil Lignin zu verschiedensten, bislang erd\u00f6lbasierten Produkten weiterverarbeitet werden1. Von Textilien und Kraftstoffen bis hin zu Plastik. Momentan aber besteht die Bio\u00f6konomie noch zum gro\u00dfen Teil aus schlichter Holzverbrennung zur Energieproduktion. Die Aufgabe ist es, die Wertsch\u00f6pfungsketten f\u00fcr Holz zu verbessern. Insbesondere f\u00fcr Laubh\u00f6lzer wie die heimische Buche und Eiche, die aus forstlicher und \u00f6kologischer Sicht dringend gegen\u00fcber Nadelh\u00f6lzern aufgewertet werden sollten2.<\/p>\n<p>Die Bio\u00f6konomie-Arena<\/p>\n<p>Mittels der Netzwerkanalyse konnte Giurca Hindernisse und Chancen f\u00fcr den Wandel zur Bio\u00f6konomie identifizieren: \u201eWichtig ist, dass es das Sozialkapital, also Menschen und Institutionen mit dem n\u00f6tigen Know-how, bereits gibt. Auf diese bereits vorhandenen Netzwerke sollten wir bauen und sie weiterentwickeln, aber (mit Ausrufezeichen): Diese Netzwerke d\u00fcrfen keine geschlossenen Zirkel sein, sondern offen f\u00fcr Kooperationen und Austausch!\u201c Sprich: Der Wandel zur Bio\u00f6konomie sollte sich nicht nur in Forschung und (bereits etablierter) Industrie vollziehen, sondern m\u00f6glichst viele weitere Akteure einschlie\u00dfen. B\u00fcrger, Landwirtschaft, Forst- und Holzsektor, Firmen, Vereine und Verb\u00e4nde.<\/p>\n<p>Denn das urspr\u00fcngliche Konzept der \u201eBio\u00f6konomie\u201c beinhaltet nicht nur den Ersatz von Erd\u00f6l, Erdgas und Kohle durch nachwachsende Rohstoffe, sondern auch ein nachhaltiges Wirtschaften im Rahmen der biologisch-physikalischen M\u00f6glichkeiten. Also weg vom unbegrenzten quantitativen Wachstum hin zu einem qualitativen Wachstum der Vielfalt4. Giurca hat mehrere Jahre in Finnland und Schweden geforscht und nennt insbesondere Finnland als Vorreiter beim Konzept einer \u201ezirkul\u00e4ren Wirtschaft\u201c, deren Ziel es ist, aus den vorhandenen (nachwachsenden) Ressourcen deutlich mehr Wertsch\u00f6pfung bei weniger Abfall zu ziehen5,6.<\/p>\n<p>Offene Strukturen und zirkul\u00e4re Wirtschaft<\/p>\n<p>F\u00fcr solch einen grundlegenden wirtschaftlichen Wandel ist die Beteiligung aller gesellschaftlichen Gruppen n\u00f6tig. Alex Giurca und sein Kollege Philipp Sp\u00e4th7 weisen in ihrer Ver\u00f6ffentlichung auf m\u00f6gliche politische Ma\u00dfnahmen hin, um den Wandlungsprozess zu unterst\u00fctzen. Darunter fallen eine l\u00e4ngerfristige Finanzierung von Forschung und Entwicklung sowie die Verteuerung von fossil basierten Produkten, etwa durch eine CO2-Steuer. Bei den m\u00f6glichen Fallstricken nennen sie die Gefahr, dass einzelne Akteure oder bereits etablierte Netzwerke den Begriff \u201eBio\u00f6konomie\u201c kapern, f\u00fcr ihre Zwecke nutzen, aber gleichzeitig einen gr\u00f6\u00dferen Wandel ausbremsen. Giurca hat aber keine Angst vor Kontroversen zum Thema Bio\u00f6konomie, im Gegenteil: \u201eIch finde es sehr gut, dass es in Deutschland eine offene und kritische Debatte dar\u00fcber gibt.\u201c<\/p>\n<p>ForWerts wider die Fachidioten<\/p>\n<p>Der Wert des Konzeptes \u201eBio\u00f6konomie\u201c zeigt sich auch an Alex Giurca ganz pers\u00f6nlich. Denn seine Doktorarbeit entsteht im Rahmen des BBW ForWerts Graduiertenkollegs9, das die bio\u00f6konomische Forschung von 50 bis 100 Doktoranden verschiedenster Fachrichtungen f\u00f6rdert10. Forstwissenschaftler, Chemiker, Biologen und Ingenieure tauschen sich bei den regelm\u00e4\u00dfigen Treffen aus. Giurca: \u201eEs ist spannend, solche \u00fcbergreifenden Konzepte wie eine biobasierte nachhaltige \u00d6konomie mit Leuten anderer Fachrichtungen zu diskutieren. Man muss sich dann \u00fcberlegen, wie man Fachbegriffe kommunizieren kann und lernt andere Sichtweisen kennen.\u201c<\/p>\n<p>Giurca betont die Bedeutung eines offenen und integrativen Prozesses: &#8220;Ich glaube, die Bio\u00f6konomie ist ein gutes Konzept. Wir m\u00fcssen so schnell wie m\u00f6glich diesen Wandel machen, wir haben keine Alternativen mehr. Der Klimawandel, die Konflikte um Erd\u00f6l, das kann so nicht weitergehen. Aber es ist auch wichtig, dass dieses Konzept offen f\u00fcr die Debatte ist. Wenn wir jetzt die Chance haben eine neue Wirtschaft zu entwickeln, dann sollten nicht nur die etablierten Industrien bestimmen, wie sie aussieht, sondern es sollten m\u00f6glichst viele daran teilnehmen und mitbestimmen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Quellen:<\/p>\n<p>1 https:\/\/www.biooekonomie-bw.de\/de\/fachbeitrag\/dossier\/lignin-ein-rohstoff-mit-viel-potenzial\/<\/p>\n<p>2 https:\/\/www.biooekonomie-bw.de\/de\/fachbeitrag\/aktuell\/biooekonomie-bietet-chancen-fuer-baden-wuerttembergs-waelder\/<\/p>\n<p>3 https:\/\/giurcalex.wordpress.com\/2016\/11\/06\/the-bioeconomy-arena\/<\/p>\n<p>4 Grefe, C (2016) Bio\u00f6konomie \u2013 Wie eine gr\u00fcne Idee gekapert wird. Bl\u00e4tter f\u00fcr deutsche und internationale Politik, August 2016 https:\/\/www.blaetter.de\/archiv\/jahrgaenge\/2016\/august\/biooekonomie-wie-eine-gruene-idee-gekapert-wird<\/p>\n<p>5 https:\/\/www.theguardian.com\/global-development-professionals-network\/2017\/jun\/06\/the-circular-economy-enters-the-world-stage-with-finland-leading-the-way?CMP=share_btn_tw&amp;cn=ZmF2b3JpdGU%3D<\/p>\n<p>6 http:\/\/www.bioeconomy.fi\/publication-finland-is-a-forerunner-in-new-bioeconomy-innovations\/#.WSxWxzxXUs5.twitter<\/p>\n<p>7 https:\/\/www.envgov.uni-freiburg.de\/de\/prof-sugov\/Team-SuGov\/philipp-spaeth%20<\/p>\n<p>8 Giurca A, Sp\u00e4th P (2017): A forest-based bioeconomy for Germany? Strengths, weaknesses and policy options for lignocellulosic biorefineries. J Clean Prod, 2017; 153: 51-62. : http:\/\/dx.doi.org\/10.1016\/j.jclepro.2017.03.156<\/p>\n<p>9 Bio\u00f6konomie Baden-W\u00fcrttemberg: Erforschung innovativer Wertsch\u00f6pfungsketten<br \/>\nhttps:\/\/biooekonomie-bw.uni-hohenheim.de\/bbwforwerts-about<\/p>\n<p>10 F\u00f6rderung mit Mitteln des baden-w\u00fcrttembergischen Ministeriums f\u00fcr Wissenschaft, Forschung und Kunst<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Literatur:<\/p>\n<p>Giurca A, Sp\u00e4th P (2017): A forest-based bioeconomy for Germany? Strengths, weaknesses and policy options for lignocellulosic biorefineries. J Clean Prod, 2017; 153: 51-62. : http:\/\/dx.doi.org\/10.1016\/j.jclepro.2017.03.156<\/p>\n<p>Hodge D, Brukas V, Giurca A (2017): Forests in a bioeconomy: bridge, boundary or divide? Scandinavian Journal of Forest Research, DOI: 10.1080\/02827581.2017.1315833<\/p>\n<p>Grefe, C (2016) Global Gardening &#8211; Bio\u00f6konomie &#8211; Neuer Raubbau oder Wirtschaftsform der Zukunft? Kunstmann Verlag<\/p>\n<p>https:\/\/www.blaetter.de\/archiv\/jahrgaenge\/2016\/august\/biooekonomie-wie-eine-gruene-idee-gekapert-wird<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unterschiedliche Akteure unter einen bio\u00f6konomischen Hut bringen will die Akteursplattform Bio\u00f6konomie Baden-W\u00fcrttemberg: https:\/\/www.biooekonomie-bw.de\/de\/angebot\/akteursplattform-biooekonomie-baden-wuerttemberg\/<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Alex Giurca an der Universit\u00e4t Freiburg: https:\/\/www.ifp.uni-freiburg.de\/team\/ma-fopof\/alex-giurca?set_language=de<\/p>\n<p>Blog Alex Giurca: https:\/\/giurcalex.wordpress.com\/<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Verwendung von Holz und anderen nachwachsenden Rohstoffen f\u00fcr die Produktion von Industrieg\u00fctern birgt Chancen und Risiken. Kann der Wandel vom Erd\u00f6l zum Holz gelingen und wie ist er am besten zu gestalten? Ein Forschungsprojekt der Universit\u00e4t Freiburg verbindet forstliches Know-how mit politikwissenschaftlicher Methodik, um der Bio\u00f6konomie auf den Zahn zu f\u00fchlen. Alex Giurca ist [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":59,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_seopress_robots_primary_cat":"","nova_meta_subtitle":"","footnotes":""},"categories":[5572],"tags":[10608,13536],"supplier":[409],"class_list":["post-44063","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bio-based","tag-biooekonomie","tag-forstwirtschaft","supplier-universitaet-freiburg"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44063","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/59"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=44063"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44063\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=44063"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=44063"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=44063"},{"taxonomy":"supplier","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/supplier?post=44063"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}