{"id":43735,"date":"2017-06-22T07:32:39","date_gmt":"2017-06-22T05:32:39","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=43735"},"modified":"2017-06-20T14:25:06","modified_gmt":"2017-06-20T12:25:06","slug":"biokunststoffe-die-durchsichtige-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/biokunststoffe-die-durchsichtige-revolution\/","title":{"rendered":"Biokunststoffe: Die durchsichtige Revolution"},"content":{"rendered":"<p>Ein Beutel mit Instantsuppe, der sich im Wasser aufl\u00f6st; K\u00e4sescheiben, deren Trennfolie man essen kann; Lebensmittel, die in Folie verpackt viel l\u00e4nger haltbar sind: Geht es nach den Forschern des US-Landwirtschaftsministeriums, k\u00f6nnte das die Zukunft der Kunststoffverpackung sein. K\u00fcrzlich pr\u00e4sentierten sie eine Entwicklung, die all das erm\u00f6glichen soll \u2013 eine essbare Folie, hergestellt aus dem Milchprotein Kasein. Doch kann dieses Produkt wirklich den Verpackungsmarkt revolutionieren? Wenn ja: W\u00e4re das wirklich nachhaltig?<\/p>\n<p>Seit Jahren experimentieren Unternehmen mit Biokunststoffen, die teilweise oder vollst\u00e4ndig aus nachwachsenden Rohstoffen bestehen, manche sind biologisch abbaubar. Insgesamt liegt der Anteil von Biokunststoffen im Verpackungsbereich derzeit im niedrigen einstelligen Bereich; die meisten Verpackungen sind aus Erd\u00f6l. Nur ein kleiner Teil wird recycelt, der Rest wird verbrannt, auf Deponien oder ins Meer gekippt. Sch\u00e4tzungen zufolge rund acht Millionen Tonnen j\u00e4hrlich. Cornflakes und Pizza in Folie Eine Folie, die sich von selbst aufl\u00f6st, klingt vielversprechend.<\/p>\n<p>Vergangenes Jahr hat ein Team um <a href=\"https:\/\/www.ars.usda.gov\/northeast-area\/wyndmoor-pa\/eastern-regional-research-center\/dairy-and-functional-foods-research\/\" target=\"_blank\">Peggy Tomasula<\/a> diese Entwicklung bei der American Chemical Society vorgestellt. Sie besteht aus einer Art Proteinfilm, ist zwar weniger elastisch als herk\u00f6mmliche Folien, soll dank kleinerer Poren aber deutlich weniger Sauerstoff durchlassen. Laut den Entwicklern soll sie Lebensmittel haltbarer machen und so gegen Verschwendung helfen. Die Forscherinnen und Forscher wollen nun mit Zusatzstoffen experimentieren; Vitamine oder Aromen k\u00f6nnten irgendwann mit der Folie mitgegessen werden. Auch k\u00f6nnten etwa Cornflakes mit der Folie anstatt mit Zucker bespr\u00fcht werden, damit sie in der Milch knusprig bleiben. Oder Pizzakartons: Die k\u00f6nnten damit impr\u00e4gniert werden, um sich nicht mit Fett vollzusaugen. Bis das Produkt reif f\u00fcr die Praxis ist, ist aber noch viel Entwicklung n\u00f6tig; 2019 k\u00f6nnte es marktreif sein.<\/p>\n<p>Dabei ist Folie aus Kasein laut Martin H\u00f6her von der \u00d6sterreichischen Energieagentur seit 1994 patentiert, eine essbare Variante hat das Start-up QMilk aus Hannover 2013 entwickelt. Gr\u00fcnderin Anke Domaske zufolge liege die Produktion auf Eis, auch wenn man im Vergleich zum Laborma\u00dfstab der US-Forscher um Tomasula &#8220;definitiv weiter&#8221; sei. Milchabfallprodukte Derzeit fokussiere man auf andere Produkte, auf haut- und umweltvertr\u00e4gliche Textilfasern und Kosmetik aus Milch. Die bezieht Domaske von regionalen Landwirten; sie betont, dass es sich dabei ausschlie\u00dflich um sogenannte Non-Food-Milch handelt, die nicht als Lebensmittel verkauft werden darf, etwa um Kolostral- oder verkeimte Milch.<\/p>\n<p>&#8220;Allein in Deutschland fallen j\u00e4hrlich etwa zwei Millionen Kilogramm an&#8221;, sagt sie; f\u00fcr \u00d6sterreich liegt keine Erfassung vor. Aus welcher Milch die US-Forscher ihre Folie herstellen wollen, ist bisher nicht bekannt. Folie aus verzehrbarer Milch jedenfalls w\u00fcrde mit Lebensmitteln konkurrieren und w\u00e4re deshalb problematisch, sagen Experten wie H\u00f6her. Die industrielle stoffliche Nutzung sollte seiner Meinung nach auf Neben- und Abfallprodukte beschr\u00e4nkt bleiben.<\/p>\n<p>Auch wenn die Folie aus einem Abfallprodukt hergestellt w\u00fcrde, w\u00e4re ihr Klimafu\u00dfabdruck wohl ziemlich hoch, sagt Harald Pilz von Denkstatt, einer \u00f6sterreichischen Unternehmensberatung f\u00fcr Umwelt und Nachhaltigkeit. Verantwortlich daf\u00fcr seien Methanemissionen aus Kuhm\u00e4gen und verschiedene Futterkomponenten. Bei bisherigen biogenen Kunststoffen muss laut \u00f6sterreichischem Umweltbundesamt zudem teilweise mehr Material verwendet werden, damit eine Folie aus Kasein so rei\u00dffest wird wie konventionelle. Eine weitere offene Frage betrifft die Verwertbarkeit der essbaren Kasein-Folie: Was passiert mit ihr, wenn sie nicht aufgel\u00f6st und nicht verspeist wird? Die US-Forscher beschreiben ihre Folie als &#8220;bio-degradable&#8221;, als biologisch abbaubar. Doch selbst f\u00fcr g\u00e4ngige biobasierte Kunststoffe wie Polymilchs\u00e4ure ist im Abfallwirtschaftssystem derzeit kein organischer Abbau vorgesehen, obwohl dieser theoretisch m\u00f6glich w\u00e4re.<\/p>\n<p>&#8220;Das Ziel sind hohe Kompostqualit\u00e4ten&#8221;, hei\u00dft es beim Umweltbundesamt. S\u00e4mtliche Kunststoffe werden deshalb vor der Kompostierung verbrannt. Ungewiss: Nachhaltigkeit Neben Rohstoffquellen und Entsorgung stellen sich weitere Fragen in Sachen Nachhaltigkeit: Ist die Folie sicher f\u00fcr biologische Kreisl\u00e4ufe und unsch\u00e4dlich f\u00fcr Prozesswasser? Wird sie mit erneuerbarer Energie, wenig Kohlenstoffaussto\u00df und sozial vertr\u00e4glich produziert? Gilt das auch auf alle Zusatzchemikalien wie Additive, Druckfarben und Katalysatoren? &#8220;F\u00fcr Biolebensmittel gibt es l\u00e4ngst einen Markt.<\/p>\n<p>Nur die Verpackung kann noch nicht mithalten&#8221;, sagt Albin K\u00e4lin, dessen Institut Epea Switzerland Unternehmen bei der Einf\u00fchrung zirkul\u00e4rer Prozesse ber\u00e4t. Er ist \u00fcberzeugt, dass Verbraucher grunds\u00e4tzlich gro\u00dfes Interesse an einer nachhaltigen Folie haben. Doch letztlich m\u00fcssten sie daf\u00fcr auch mehr zahlen, sagt Bernhard Sprockamp vom deutschen Industrieverband Papier- und Folienverpackung.<\/p>\n<p>Laut Stephan Becker-Sonnenschein vom deutschen Lobbyingverband &#8220;Die Lebensmittelwirtschaft&#8221; wollen gerade gro\u00dfe Handelsketten zeigen, dass sie etwas f\u00fcr die Umwelt tun. F\u00fcr sie es sei aber auch wichtig, wie skalierbar ein Produkt sei und wie schnell eine Versorgung damit aufgebaut werden kann. &#8220;Beides h\u00e4ngt von den Kosten f\u00fcr Ressourcen und Produktion ab und vom Absatz.&#8221; Laut dem deutschen Umweltbundesamt zeigen Biokunststoffverpackungen bisher keine Umweltvorteile gegen\u00fcber herk\u00f6mmlichem Kunststoff. Wenn es nach dem Verband European Bioplastics e. V. geht, sollen die Produktionskapazit\u00e4ten f\u00fcr Biokunststoffe in den n\u00e4chsten Jahren trotzdem kr\u00e4ftig steigen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Beutel mit Instantsuppe, der sich im Wasser aufl\u00f6st; K\u00e4sescheiben, deren Trennfolie man essen kann; Lebensmittel, die in Folie verpackt viel l\u00e4nger haltbar sind: Geht es nach den Forschern des US-Landwirtschaftsministeriums, k\u00f6nnte das die Zukunft der Kunststoffverpackung sein. 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