{"id":43489,"date":"2017-06-13T07:20:01","date_gmt":"2017-06-13T05:20:01","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=43489"},"modified":"2017-06-09T15:23:15","modified_gmt":"2017-06-09T13:23:15","slug":"kunststoff-ist-nicht-umsonst-so-erfolgreich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/kunststoff-ist-nicht-umsonst-so-erfolgreich\/","title":{"rendered":"Kunststoff ist nicht umsonst so erfolgreich"},"content":{"rendered":"<p>T\u00e4glich lesen wir Berichte, dass sich Kunststoffe in immer gr\u00f6\u00dferen Mengen in den Ozeanen ansammeln, doch wegen ihrer Vorz\u00fcge sind sie schwer zu ersetzen. Das Mainzer Max-Planck-Institut f\u00fcr Polymerforschung beteiligt sich am Projekt Plast X, um das Risiko durch Kunststoffe und m\u00f6gliche Alternativen zu erforschen.<\/p>\n<p>Aus guten Gr\u00fcnden stecken Kunststoffe heute beinahe in allen Dingen, die uns das Leben erleichtern: Computern, Autos und nat\u00fcrlich Verpackungen. Doch weil sie so stabil sind und oft nicht ordentlich entsorgt werden, sammelt sich immer mehr Kunststoffabfall in den Meeren an. Um das Risiko durch Kunststoffe und m\u00f6gliche Alternativen zu erforschen, beteiligen Frederik Wurm und seine Mitarbeiter vom Mainzer Max-Planck-Institut f\u00fcr Polymerforschung am Projekt Plast X.<\/p>\n<p>T\u00fctenverbot hat kaum Efffekt<\/p>\n<p>Die Kunststofft\u00fcte ist die Gl\u00fchbirne der Abfallwirtschaft. Wie der Bann gegen den Leuchtk\u00f6rper, der mehr W\u00e4rme als Licht erzeugt, hat auch das EU-weite Verbot kostenloser T\u00fcten, das ab 2018 wirksam wird, viel \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit gefunden \u2013 und nicht nur wohlwollende. Und im einen wie im anderen Fall handelt es sich um eine Aktion mit Symbolkraft, die ein Bewusstsein f\u00fcr ein Problem schaffen kann, deren Effekt f\u00fcr das Erreichen des eigentlichen Ziel aber bescheiden bleiben d\u00fcrfte. Gemeinsam ist beiden Verboten zudem, dass sie auch unerw\u00fcnschte Nebenwirkungen haben.<\/p>\n<p>Irrweg Verbote<\/p>\n<p>So leisten Energiesparlampen nur einen kleinen Beitrag, um den CO2-Aussto\u00df Europas auf ein klimavertr\u00e4gliches Ma\u00df zu reduzieren, die Schwermetalle in ihnen k\u00f6nnen im normalen Hausm\u00fcll aber zur Giftquelle werden. Und das Verbot kostenloser Kunststofft\u00fcten in Europa f\u00fchrt wahrscheinlich nicht dazu, dass sich sp\u00fcrbar weniger Kunststoff in den Weltmeeren ansammelt. &#8220;Vor allem in Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4ndern gelangen Kunststoffe oft aus Achtlosigkeit in die Umwelt&#8221;, sagt Frederik Wurm, Forschungsgruppenleiter am Max-Planck-Institut f\u00fcr Polymerforschung in Mainz. &#8220;Aber in L\u00e4ndern wie Deutschland, wo Kunststoffabf\u00e4lle meistens in der M\u00fclltonne oder im gelben Sack landen, liegt das Problem eher im ungewollten Kunststoff-Abfall, das hei\u00dft in Mikropartikeln, die von Autoreifen oder beim Waschen von Kunstfaser-Textilien abgerieben werden und in die Gew\u00e4sser geraten.&#8221; Dagegen hilft kein Verbot, kein guter Wille und bislang auch noch keine Kl\u00e4ranlage.<\/p>\n<p>Projekt Plast X will die Umweltbelastung durch Kunststoffe reduzieren<\/p>\n<p>Um das Risiko abzusch\u00e4tzen, das von den Kunststoffen ausgeht, wenn sie sich in der Umwelt statt der M\u00fclltonne ansammeln, arbeiten die Chemiker um Frederik Wurm gemeinsam mit Sozialwissenschaftlern der Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt und des Instituts f\u00fcr sozial\u00f6kologische Forschung am Projekt Plast X. Die Forscher wollen darin auch m\u00f6gliche Alternativen zu den g\u00e4ngigen Polymer-Materialien vorstellen und Vorschl\u00e4ge machen, wie man die Umweltbelastung durch Kunststoffe nicht nur in Deutschland, sondern vor allem in Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4nder reduzieren kann. An dem Projekt, das vom Bundesforschungsministerium gef\u00f6rdert wird, sind auch die Verbraucherzentrale Nordrheinwestfalen, die Gesellschaft f\u00fcr Internationale Zusammenarbeit und verschiedene Unternehmen wie etwa die Supermarktkette Tegut beteiligt.<\/p>\n<p>Keine einfachen L\u00f6sungen<\/p>\n<p>Schnell wurde den Forschern im Plast X-Projekt klar, dass es f\u00fcr die Fragen, die sie beantworten wollen, keine einfachen L\u00f6sungen gibt. Das f\u00e4ngt mit den Gefahren, die Kunststoffe in der Umwelt f\u00fcr Tiere und Menschen darstellen. Die Materialien werden heute alleine deshalb als Bedrohung gesehen, weil sie so unverw\u00fcstlich sind und sich massenhaft in der Umwelt ansammeln, wenn sie nicht ordentlich entsorgt werden.<\/p>\n<p>Und tats\u00e4chlich wirken alleine die Zahlen be\u00e4ngstigend: Eine US-amerikanische Studie unter anderem von Forschern der Universit\u00e4t Georgia hat ergeben, dass die Menge an Kunststoffm\u00fcll j\u00e4hrlich um 4,8 bis 12,7 Mio. t w\u00e4chst \u2013 vor allem weil Verpackungen und ausgediente Ger\u00e4te gedankenlos weggeworfen werden. Zudem werden einer Studie der internationalen Naturschutz-Organisation IUCN zufolge pro Jahr zwischen 0,8 und 2,5 Mio. Tonnen Kunststoff-Mikropartikel in die Ozeane gesp\u00fclt.<\/p>\n<p>&#8220;Bislang ist aber noch nicht klar, inwieweit Kunststoffe vor allem in Form von Mikropartikeln f\u00fcr Tiere und Menschen gef\u00e4hrlich sind&#8221;, sagt Frederik Wurm. &#8220;Wir wissen zum Beispiel noch nicht, ob daraus Nanopartikel entstehen, die vom K\u00f6rper viel besser aufgenommen werden als Mikropartikel.&#8221; Unklar sei zudem, ob \u00fcber die Kunststoffteilchen Schadstoffe in den tierischen oder menschlichen Organismus gelangen und ob sie dort dann auch von den Kunststoffteilchen abgel\u00f6st werden.<\/p>\n<p>Kunststoffe sind leicht, stabil, luft- und wasserdicht und nicht zuletzt billig<\/p>\n<p>Auch wenn mit Kunststoffen Risiken verbunden sind, wer sie deswegen von vorneherein \u00e4chtet, macht es sich zu einfach. Denn auch auf der Haben-Seite der Materialien l\u00e4sst sich einiges verbuchen. Nicht zu Unrecht sind Kunststoffe seit einigen Jahrzehnten nicht mehr aus unserem Alltag wegzudenken und finden sich in fast jedem Ger\u00e4t, das uns das Leben erleichtert. So geh\u00f6rt auch zu ihren Vorteilen, dass sie so haltbar sind, obwohl genau das zu einem \u00f6kologischen Problem werden kann. Sie sind zudem leicht, stabil, luft- und wasserdicht und nicht zuletzt billig.<\/p>\n<p>Wegen ihrer Vorz\u00fcge sind Kunststoffe nicht einfach zu ersetzen. Zum Beispiel in T\u00fcten. So bieten Taschen aus Papier der Deutschen Umwelthilfe zufolge keine umweltfreundliche Alternative. Denn ihre Produktion verbraucht deutlich mehr Energie und Wasser, zudem werden dabei Chemikalien eingesetzt, die der Umwelt schaden. So f\u00e4llt die \u00d6kobilanz einer Papiert\u00fcte schlechter aus als die einer ordentlich entsorgten Kunststofft\u00fcte.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend aus dem T\u00fcten-Dilemma noch der Stoffbeutel hilft, den man bei jedem Einkauf wiederverwenden kann, ist das in anderen F\u00e4llen deutlich schwieriger. Vor allem wenn es darum geht, feuchte und leicht verderbliche Lebensmittel entsprechend der heutigen Hygiene-Standards zu verpacken, gibt es kaum Alternativen zu Kunststoff. Auch mit der eigenen Kunststoffdose oder einem Glas in den Supermarkt zu gehen und sich darin den Joghurt abf\u00fcllen oder die Wurst einpacken zu lassen, sei keine, sagt Frederik Wurm. &#8220;Die Beh\u00e4ltnisse zu waschen, belastet die Umwelt mehr als Kunststoff-Verpackungen, die ordentlich entsorgt werden.&#8221; Au\u00dferdem m\u00fcssten sich die Verbraucher dann selbst darum k\u00fcmmern, dass ihre Beh\u00e4lter immer sauber sind.<\/p>\n<p>Abbaubare Joghurtbecher d\u00fcrfen sich nicht schon im K\u00fchlschrank aufl\u00f6sen<\/p>\n<p>Eine L\u00f6sung des Problems w\u00e4ren Kunststoffe, die entweder biologisch oder durch Wasser, Luft und Licht in einer \u00fcberschaubaren Zeit abgebaut werden. Genau an solchen Polymeren arbeiten der Mainzer Chemiker und seine Mitarbeiter. Sie erforschen Synthesewege f\u00fcr phosphathaltige Polymere. Diese Kunststoffe l\u00f6sen sich im Wasser allm\u00e4hlich auf und bringen sich bereits f\u00fcr die eine oder andere Anwendung in Position. Etwa als abbaubare Flammschutzmittel oder als Beschichtung von Mikro- und Nanotransportern, die im menschlichen K\u00f6rper einmal medizinische Wirkstoffe direkt zum Krankheitsherd bringen sollen. &#8220;Unsere Polyphosphorester eignen sich nur f\u00fcr solche relativ speziellen Anwendungen&#8221;, sagt Frederik Wurm. &#8220;F\u00fcr kurzlebige Massenprodukte wie Verpackungen sind sie zu teuer.&#8221;<\/p>\n<p>Auch wenn die phosphathaltigen Polymeren f\u00fcr die breite Anwendung nicht in Frage kommen, wollten die Mainzer Forscher mit ihrer Erfahrung aus der Forschung an diesen Materialien abbaubare Kunststoffe f\u00fcr T\u00fcten und andere Verpackungen entwickeln. Das war zumindest der Plan, als das Plast X-Projekt startete. &#8220;Wir haben aber schnell gemerkt, dass das viel komplizierter ist, als wir dachten&#8221;, sagt Frederik Wurm.<\/p>\n<p>Das f\u00e4ngt dabei an, dass die Chemiker steuern m\u00fcssen, wann ein Kunststoff abgebaut wird. Schlie\u00dflich soll sich der Joghurtbecher, der im Wasser abgebaut wird, ja nicht schon aufl\u00f6sen, wenn er mit seinem wasserhaltigen Inhalt noch im K\u00fchlschrank steht. &#8220;Au\u00dferdem m\u00fcssen wir steuern, an welchen Stellen ein Polymer gespalten wird, damit nicht Produkte entstehen, die f\u00fcr die Umwelt auch sch\u00e4dlich sind.&#8221; So entstehen aus den abbaubaren Kunststoffen, die derzeit erforscht werden oder sogar schon zu Verpackungen verarbeitet werden, Tenside, sobald sie zerfallen. Und die sind in Gew\u00e4ssern genauso unwillkommen wie Kunststoffe, weil sie dort zur \u00dcberd\u00fcngung f\u00fchren. Zudem erf\u00fcllen viele Kunststoffe, die als abbaubar beworben werden, dieses Versprechen nur in der Kompostieranlage.<\/p>\n<p>Gegen Mikropartikel helfen nur Filter in Kl\u00e4ranlagen<\/p>\n<p>Die Mainzer Chemiker gehen daher nun anders vor: &#8220;Wir analysieren jetzt erst einmal, was wir wollen, welche Alternativen zu g\u00e4ngigen Kunststoffen es bereits gibt und welche davon f\u00fcr die Umwelt unterm Strich am besten ist&#8221;, sagt Frederik Wurm. Um Mikropartikel aus den Gew\u00e4ssern fernzuhalten, bleibe wahrscheinlich ohnehin nur die M\u00f6glichkeit, Kl\u00e4ranlagen mit Filtern auszustatten, die diese Verunreinigungen aus dem Abwasser entfernen.<\/p>\n<p>Aber auch unabh\u00e4ngig von dem M\u00fcll-Problem l\u00e4sst sich die \u00d6kobilanz von Kunststoffen vielleicht aufbessern. Kunststoffe aus regenerativen Rohstoffen oder gar aus Kohlendioxid, das bei der Verfeuerung von Kohle entsteht, k\u00f6nnten da helfen. Denn sie k\u00f6nnten das Kunststoff ersetzen, das heute noch fast ausschlie\u00dflich aus Erd\u00f6l erzeugt wird. Solche Materialien k\u00f6nnten vor allem die Klimabilanz des Allzweckmaterials aufbessern und helfen fossile Ressourcen zu sparen. &#8220;Das Post-Erd\u00f6lzeitalter ist leichter zu erreichen, als das Problem des Kunststoff-M\u00fclls zu l\u00f6sen&#8221;.<\/p>\n<p>Um der Umweltverschmutzung durch Kunststoffm\u00fcll beizukommen, bleibt vielleicht das Recycling, wenn sich Kunststoffe beim Einkauf, aber auch in Telefonen, Computern oder Autos kaum ersetzen lassen und Polymere, die sich nicht von selbst aufl\u00f6sen, nicht in Sicht sind. Tats\u00e4chlich macht der gr\u00fcne Punkt den Verbrauchern in Deutschland schon lange die Hoffnung auf eine Wiederverwertung von Kunststoff. Aber auch das funktioniert nicht so einfach wie etwa bei einer Glasflasche, aus der im Normalfall auch wieder eine Glasflasche wird.<\/p>\n<p>Aus Kunststoffflaschen werden wieder Kunststoffflaschen<\/p>\n<p>&#8220;Eine Verpackung kann man nur zu einer neuen Verpackung recyceln, wenn die Kunststoffe sortenrein getrennt werden&#8221;, sagt Frederik Wurm. Will hei\u00dfen, Polyethylen, Polypropylen, Polyester und wie sie alle hei\u00dfen d\u00fcrfen sich nicht mischen. Genau das tun sie aber im M\u00fcll, und auch in der gelben Tonne oder im gelben Sack. Dazu kommen noch unterschiedliche Zus\u00e4tze und Farbstoffe, die es zus\u00e4tzlich erschweren, das Material wiederzuverwerten.<\/p>\n<p>&#8220;Es gibt zwar die M\u00f6glichkeit Kunststoffe durch Flotation im Luftstrom zu trennen, aber das ist zum einen sehr aufwendig und teuer und f\u00fchrt am Ende auch nicht zu Kunststoffen, die rein genug sind, um daraus wieder hochwertige Produkte herzustellen&#8221;, sagt der Chemiker. Einen Fortschritt hat in dieser Hinsicht immerhin das Einwegpfand gebracht. Es hat zwar die Mehrwegquote nicht erh\u00f6ht, in den Auffangbeh\u00e4ltern der Pfandautomaten sammeln sich aber nur Flaschen aus dem gleichen Kunststoff, sodass sie sich wieder zu Kunststoffflaschen oder aber zum Beispiel zu Fleece-Pullis verarbeiten lassen. Doch aus anderen Verpackungen wird gew\u00f6hnlich keine Verpackung mehr, sondern nur noch eine Parkbank.<\/p>\n<p>Und wenn es auf manchen Verpackungen hei\u00dft, sie best\u00fcnden aus wiederverwertetem Kunststoff, bedeutet das nicht unbedingt, dass das Material aus dem Hausm\u00fcll stammt. &#8220;Bei diesen Materialien handelt es sich gew\u00f6hnlich um Abf\u00e4lle aus der Industrieproduktion, die schon sortenrein vorliegen&#8221;, sagt Frederik Wurm. Auch wenn echtes Recycling bei Kunststoffen schwierig ist, bleibt die beste Option wohl, Kunststoffe zumindest in die M\u00fclltonne zu werfen, in die sie geh\u00f6ren. &#8220;Wir entwickeln daher im Plast X-Projekt ein Konzept, um bei Verbrauchern nicht nur in Deutschland, sondern \u00fcberall auf der Welt ein Bewusstsein zu f\u00f6rdern, dass Kunststoffe ein Rohstoff sind&#8221;, sagt Frederik Wurm.<\/p>\n<p>So wollen die Wissenschaftler die Menschen dazu bewegen, Verpackungen und andere Produkte aus Kunststoff nicht einfach wegzuschmei\u00dfen, sondern ordentlich zu entsorgen. Derzeit werden sie dann zum Teil verbrannt und erzeugen so in ihrem Nachleben wenigstens Strom. Und selbst wenn sie nur auf einer M\u00fcllkippe deponiert werden, landen sie zumindest nicht in den Ozeanen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>T\u00e4glich lesen wir Berichte, dass sich Kunststoffe in immer gr\u00f6\u00dferen Mengen in den Ozeanen ansammeln, doch wegen ihrer Vorz\u00fcge sind sie schwer zu ersetzen. Das Mainzer Max-Planck-Institut f\u00fcr Polymerforschung beteiligt sich am Projekt Plast X, um das Risiko durch Kunststoffe und m\u00f6gliche Alternativen zu erforschen. 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