{"id":42086,"date":"2017-04-18T07:32:31","date_gmt":"2017-04-18T05:32:31","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=42086"},"modified":"2017-04-12T14:26:03","modified_gmt":"2017-04-12T12:26:03","slug":"biooekonomie-chancen-herausforderungen-und-konfliktpotentiale","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/biooekonomie-chancen-herausforderungen-und-konfliktpotentiale\/","title":{"rendered":"Bio\u00f6konomie: Chancen, Herausforderungen und Konfliktpotentiale"},"content":{"rendered":"<p>Globale Herausforderung Klimaschutz<br \/>\nAm 4. November 2016 ist das Pariser Klimaschutzabkommen in Kraft getreten. 72 Nationen, die zusammen mehr als 55 Prozent der von fossilen Kohlenstoffquellen stammenden Emissionen verursachen, haben das Abkommen ratifiziert; darunter auch Deutschland. Es wurde vereinbart, bis 2050 die Treibhausgasemissionen gegen\u00fcber 1990 um mindestens 95 Prozent zu reduzieren, um die globale Erw\u00e4rmung zu verlangsamen und auf 1,5\u00b0C zu begrenzen. Es geht also darum, den Rohstoffwandel von fossilen zu erneuerbaren, das hei\u00dft biologischen Kohlenstoffquellen zu erreichen.<\/p>\n<p>Weil diese Umstellung eine umfassende Transformation nicht nur der produzierenden Gewerbe, sondern der Wirtschaft insgesamt impliziert, wird die zuk\u00fcnftige bio-basierte Wirtschaft als Bio\u00f6konomie bezeichnet. Dieser Beitrag stellt die mit dem Wandel einhergehenden Herausforderungen und Chancen vor und diskutiert daraus resultierende Konfliktpotentiale.<\/p>\n<p>Bio\u00f6konomie ist die L\u00f6sungsoption<br \/>\nAls Alternative zur fossil-basierten Wirtschaft verfolgen die EU und die Bundesregierung (BMEL 2014) seit vielen Jahren das Konzept der Bio\u00f6konomie. Auch Industrieverb\u00e4nde (VCI 2017) und gesellschaftliche Repr\u00e4sentanten (IG-BCE 2012) empfehlen die Bio\u00f6konomie als das Modell einer zukunftsorientierten und nachhaltigen Wirtschaft. Der von der Bundesregierung eingesetzte Bio\u00f6konomierat definiert die Bio\u00f6konomie als \u201edie wissensbasierte Erzeugung und Nutzung biologischer Ressourcen, um Produkte, Verfahren und Dienstleistungen in allen wirtschaftlichen Sektoren im Rahmen eines zukunftsf\u00e4higen Wirtschaftssystems bereitzustellen\u201c (Bio\u00f6konomierat 2017). Sie soll Chemikalien, Treibstoff und Energie ebenso wie heute die fossil-basierte Wirtschaft bereitstellen. Weil die im Zuge der Verarbeitung, Verwendung und Entsorgung freigesetzte Kohlenstoff-Emission biologischen Ursprungs ist und \u00fcber die Photosynthese in den nat\u00fcrlichen Kohlenstoffkreislauf zur\u00fcckgef\u00fchrt wird, bleibt die Kohlenstoffbilanz bio-basierter Produktionsverfahren theoretisch neutral. Als Rohstoffe bieten sich land- und forstwirtschaftliche sowie marine Biomasse an.<\/p>\n<p>Bio\u00f6konomie braucht Priorit\u00e4ten<br \/>\nDie fossil-basierte Wirtschaft abzul\u00f6sen, ist allerdings schon allein bez\u00fcglich der Rohstoffversorgung eine enorme Herausforderung. Weltweit werden heute 11 Mrd. Tonnen fossiler Kohlenstoff aus \u00d6l, Gas und Kohle verbraucht. 95 Prozent davon werden energetisch genutzt (Strom, W\u00e4rme, Treibstoff, energieintensive Industrien). 5 Prozent gehen in die Chemieindustrie und dienen der stofflichen Verwertung (Polymere, Pflanzenschutz, Industrie- und Haushaltschemie, Arzneimittel u.a.) (Kircher 2015). Die heutige weltweite Landwirtschaft liefert in Form von Biomasse allerdings nur 7 Mrd. Tonnen Kohlenstoff (insgesamt wird die gesamte photosynthetische Kohlenstofffixierung an Land auf 123 Mrd. Tonnen gesch\u00e4tzt). Rein rechnerisch m\u00fcsste die Landwirtschaft also auf 18 Mrd. Tonnen fast verdreifacht werden, sollte sie den heutigen Kohlenstoffverbrauch ersetzen (der Energiegehalt ist hier nicht ber\u00fccksichtigt). Ertragssteigerung, Fl\u00e4chenerweiterung und die Erschlie\u00dfung weiterer biologischer Rohstoffe aus dem Forst- und marinen Sektor k\u00f6nnen zwar dazu beitragen die Rohstoffl\u00fccke zu schlie\u00dfen; allerdings muss zugleich angesichts der wachsenden Weltbev\u00f6lkerung ein weiter zunehmender Bedarf f\u00fcr Ern\u00e4hrung und Industrie bedacht werden. Die heutige Wirtschaft einfach mit Bio-Rohstoffen unver\u00e4ndert weiter betreiben zu wollen ist deshalb keine Option.<\/p>\n<p>Die L\u00f6sung liegt in einer Priorit\u00e4tensetzung f\u00fcr die Nutzung nachwachsender Rohstoffe. Weltweit besteht Konsens, dass die Sicherung der Ern\u00e4hrung absoluten Vorrang hat. An zweiter Stelle der Priorit\u00e4tensetzung sollte die stoffliche Verwertung stehen. Chemikalien f\u00fcr die bereits erw\u00e4hnten Polymere, Pflanzenschutzmittel, Haushaltschemikalien, Arzneimittel, um nur einige zu nennen, sind kohlenstoffhaltig und f\u00fcr den Kohlenstoff gibt es keine Alternative. Die (organische) Chemieindustrie ist deshalb vollst\u00e4ndig von der Verf\u00fcgbarkeit von Kohlenstoff abh\u00e4ngig. Sie verbraucht heute weltweit rund 500 Mio. Tonnen Kohlenstoff.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Energiesektor bieten Solar- und Windenergie, Geothermie und Wasserkraft, in vielen Staaten auch Kernkraft, kohlenstofffreie Alternativen, um Strom f\u00fcr die verschiedensten Anwendungen bis hin zu W\u00e4rme und Mobilit\u00e4t bereitzustellen. Diese Bereiche k\u00f6nnen deshalb weitgehend auf Kohlenstoffquellen verzichten, was in dem Schlagwort \u201eDekarbonisierung der Wirtschaft\u201c stark verk\u00fcrzend zusammen gefasst ist. Der Schwerlastverkehr (Schiff, Flugzeug, LKW) bleibt allerdings auf absehbare Zeit auf kohlenstoffhaltige Treibstoffe hoher Energiedichte angewiesen. Hier liegt der Bedarf an Bio-Kohlenstoff im 3-stelligen Millionen Tonnen Bereich. Die priorisierten Anwendungen mit Bio-Rohstoffen zu versorgen, erscheint unter Ber\u00fccksichtigung bisher wenig genutzter Agrarstoffe (Reststoffe der Prim\u00e4rproduktion und Verarbeitung) erreichbar.<\/p>\n<p>Bio\u00f6konomie verschiebt Versorgungsketten<br \/>\nRohstoffe wie St\u00e4rke, Zucker und pflanzliche \u00d6le werden an Bedeutung gewinnen. Dies bietet deutschen und europ\u00e4ischen Produzenten Chancen und L\u00e4nder wie zum Beispiel Brasilien (Rohrzucker, Soja\u00f6l), Malaysia (Palm\u00f6l) oder Russland (Holz, Getreide) k\u00f6nnen sich zu Rohstofflieferanten von globaler Bedeutung entwickeln. Handels- und Wertsch\u00f6pfungsketten, die heute zum Beispiel \u00d6l-Regionen mit Industriezentren verbinden, werden sich entsprechend verschieben. Im Vergleich zu \u00d6l ist die Logistik von Bio-Rohstoffen allerdings aufw\u00e4ndig und damit teurer. Deshalb kann die Investition in Bioraffinieren in Rohstoffregionen attraktiver als in entfernten Industriezentren sein. Zum Beispiel erschlie\u00dfen Anlagen f\u00fcr Bio-Ethanol ihren Rohstoff aus einem Radius von rund 50 km. Langfristig k\u00f6nnte deshalb nicht nur die Herstellung von Bio-Treibstoff, sondern auch die bio-basierter Chemie inklusive der entsprechenden Arbeitspl\u00e4tze diesen Regionen Chancen bieten.<\/p>\n<p>Bis zu welcher Wertsch\u00f6pfungsstufe in der Rohstoffregion produziert wird, ab welcher Stufe der Transport zu gro\u00dfskaligen Anlagen profitabel ist, und welchen Regionen die Transformation in die Bio\u00f6konomie fr\u00fchzeitig erfolgreich gelingt, wird die Zukunft weisen. Etablierte Industriestandorte m\u00fcssen sich jedenfalls auf Ver\u00e4nderungen einstellen und Anpassungsma\u00dfnahmen vorbereiten. Dies kann Implikationen f\u00fcr das Arbeitsplatzangebot und damit f\u00fcr den Wohlstand ganzer Regionen haben.<\/p>\n<p>Bio\u00f6konomie braucht nachhaltige Landwirtschaft<br \/>\nZahlreiche Studien (Souza et.al. 2015; Carus et al. 2009) haben gezeigt, dass die weltweite Agrarwirtschaft bei richtiger Priorit\u00e4tensetzung die Ern\u00e4hrung der Weltbev\u00f6lkerung sichern und zugleich zusammen mit der Forstwirtschaft die Industrie mit Rohstoffen versorgen kann. Trotzdem m\u00fcssen aus Gr\u00fcnden des Klimaschutzes Wege gesucht werden, die Agrarproduktion zu entlasten, denn heute stammen 20 bis 30 Prozent der klimasch\u00e4digenden Emission aus der Landwirtschaft. Der gr\u00f6\u00dfte Teil wird durch D\u00fcngung und die Aktivierung der Bodenflora durch Bel\u00fcftung (Pfl\u00fcgen) verursacht. Den Fu\u00dfabdruck der Rohstoffproduktion zu senken ist deshalb eine der Herausforderungen f\u00fcr die Bio\u00f6konomie.<\/p>\n<p>Die zweite mit den wachsenden Erwartungen an die Land- und Forstwirtschaft einhergehende Herausforderung betrifft die Biodiversit\u00e4t. Menschliche Aktivit\u00e4ten verursachen schon heute ein um den Faktor 1000 h\u00f6heres Artensterben als es nat\u00fcrlicherweise zu beobachten w\u00e4re (Wilson 2016); vor allem durch den Verlust naturbelassener, das hei\u00dft vollst\u00e4ndig unbewirtschafteter Gebiete. Deshalb sind der Erhalt solcher R\u00e4ume und eine die Biodiversit\u00e4t schonende Fl\u00e4chennutzung eine Bedingung f\u00fcr die Nachhaltigkeit der Bio\u00f6konomie. Langfristig wird sogar eine erhebliche Ausweitung dauerhaft gesch\u00fctzter Naturr\u00e4ume f\u00fcr notwendig erachtet. Dabei geht es nicht nur um publizit\u00e4tstr\u00e4chtige Gesch\u00f6pfe wie den Pandab\u00e4ren; die Vielfalt der nicht sichtbaren Bodenflora ist die Grundlage der Fruchtbarkeit unserer B\u00f6den.<\/p>\n<p>Ob umweltschonende Agrarproduktion durch intensive oder extensive Landwirtschaft erreicht werden kann, wird international unterschiedlich bewertet. Intensive Landwirtschaft zielt auf hohe Fl\u00e4chenertr\u00e4ge mittels auf Hochleistung gez\u00fcchteten Saatguts einschlie\u00dflich gentechnisch ver\u00e4nderter Pflanzen (GMO), der Verwendung von Agrarchemie, einschlie\u00dflich Totalherbiziden (wodurch auf das emissionsverursachende Pfl\u00fcgen verzichtet werden kann) und IT-gest\u00fctzter Kultivierungsmethoden wie zum Beispiel precision farming. Derartige Fl\u00e4chen werden auf die Bed\u00fcrfnisse der Kulturpflanzen hin optimiert. Dies geht zwar zu Lasten der Biodiversit\u00e4t, begrenzt aber zugleich den Fl\u00e4chenbedarf insgesamt.<\/p>\n<p>Extensive Landwirtschaft verzichtet dagegen auf GMO und vermeidet weitgehend Agrarchemie. Die weltweit durchschnittliche Ertragsminderung im Vergleich zu konventioneller Intensivlandwirtschaft in H\u00f6he von 19 Prozent (Young 2014) f\u00fchrt allerdings zugleich zu einem erh\u00f6hten Fl\u00e4chenbedarf.<\/p>\n<p>Landwirtschaft durch Kohlenstoff-Recyclierung entlasten<br \/>\nZu einer Entlastung der biologischen Rohstoffproduktion kann die zuk\u00fcnftige Kohlenstoff-Kreislaufwirtschaft beitragen. Kohlenstoffhaltige Abf\u00e4lle k\u00f6nnen verst\u00e4rkt recycliert und nicht nur energetisch (M\u00fcllverbrennung), sondern auch stofflich genutzt werden. Auch die Verwendung von CO- und CO2-Emission aus technischen Anlagen (Zement-, Stahlwerke, Bioraffinerien) ist f\u00fcr die Herstellung von Energie, Treibstoffen und Chemikalien m\u00f6glich. Auf diese Weise kann Kohlenstoff innerhalb technischer Verfahren recycliert und die Emission in die Atmosph\u00e4re vermieden werden.<\/p>\n<p>Die so gewonnene Kapazit\u00e4t technischer Kohlenstoffrecyclierung entlastet die f\u00fcr die photosynthetische Kohlenstoffbindung notwendigen Agrarfl\u00e4chen. Allein die Zementindustrie verursacht 5 Prozent der globalen fossil-verursachten CO2-Emission. Zusammen mit weiteren emissionsintensiven Branchen bietet sich hier signifikantes Potential. Auch die CO2-Emission biobasierter Verfahren kann genutzt werden. So produzieren Biogasanlagen einen Gasstrom, der zu 50 bis 60Prozent aus Biogas (Methan) besteht; der Rest ist gr\u00f6\u00dftenteils CO2, das heute in die Atmosph\u00e4re freigesetzt wird. Ein in Deutschland entwickeltes Verfahren zur Umwandlung von CO2 und Wasserstoff zu Methan bew\u00e4hrt sich derzeit im Pilotma\u00dfstab (MicrobEnergy 2015). Methoden der CO2\u2013Konversion sind zwar sehr energieaufw\u00e4ndig, k\u00f6nnen aber die Stromspitzen volatiler erneuerbarer Energien (z.B. Windkraft) flexibel nutzen. Hier zeigt sich das Synergiepotential von Bio\u00f6konomie und Energiewende.<\/p>\n<p>Bio\u00f6konomie heute<br \/>\nDass bio\u00f6konomische Produkte den Markt mit unterschiedlicher Intensit\u00e4t erreichen, liegt an den Herstellkosten und den Rahmenbedingungen. Letztere priorisieren die energetische Nutzung, w\u00e4hrend die stoffliche Verwertung sich im Wettbewerb bew\u00e4hren muss. In der Herstellung von Grundchemikalien, die mit mehr als 100.000 Tonnen pro Jahr hergestellt werden, haben Rohstoffkosten einen Anteil von mehr als 50 Prozent. Vergleichsweise teure biologische Kohlenstoffquellen f\u00fchren deshalb zum Verlust der Wettbewerbsf\u00e4higkeit. Zudem ist die Verarbeitung von Biomasse grunds\u00e4tzlich aufw\u00e4ndiger und die Verarbeitungsverfahren k\u00f6nnen nicht auf abgeschriebene Anlagen und jahrzehntelange Optimierung verweisen.<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich wird die Wettbewerbsf\u00e4higkeit durch die relativ kleine Kapazit\u00e4t von Bioraffinerien erschwert, die nur etwa einem Prozent des Kohlenstoffdurchsatzes einer \u00d6l-Raffinerie entspricht. Der f\u00fcr die Wirtschaftlichkeit einer Anlage mitentscheidende Skaleneffekt ist f\u00fcr Bioraffinerien deshalb nur begrenzt wirksam. Biobasierte Chemieprodukte sind heute nur erfolgreich, wenn sie ein verbessertes Leistungsspektrum zeigen oder einen Kostenvorteil mitbringen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich sind bio-basierte Produkte mit signifikant reduziertem \u00f6kologischem Fu\u00dfabdruck bereits am Markt und zunehmend Teil unseres Alltags. Danone beispielsweise verwendet Lebensmittelverpackungen aus Biopolymeren; einer der f\u00fchrenden Produzenten ist Corbion in den Niederlanden, der k\u00fcrzlich auf diesem Gebiet mit Total ein Joint Venture vereinbart hat. Coca Cola bereitet f\u00fcr seine Flaschen ein Biopolymer mit verbesserter Gasdichtigkeit vor, das in einem Joint Venture mit BASF hergestellt werden soll. Treibstoffe enthalten Bioethanol, das unter anderem von CropEnergies, einer Tochter von S\u00fcdzucker, produziert wird. Biogas wird unter anderem von dem Standortbetreiber Infraserv H\u00f6chst in Frankfurt aus Abfallstr\u00f6men des Industrieparks und des \u00f6ffentlichen Bereichs hergestellt. Dieses Biogas wird zum Teil verstromt und in das \u00f6ffentliche Gasnetz eingespeist (Biogas ist chemisch mit Erdgas identisch). Weitere Beispiele lassen sich aus allen Wirtschaftsregionen f\u00fcr Klebstoffe, Schmiermittel, Hautpflegeprodukte, Autoteile etc. nennen.<\/p>\n<p>Die Konsumentenakzeptanz ist grunds\u00e4tzlich hoch und Unternehmen setzen den biologischen Ursprung ihrer Produkte l\u00e4ngst als Unterscheidungs- und Qualit\u00e4tsmerkmal ein. Die Beispiele zeigen, dass sich auch Industrien engagieren, deren Gesch\u00e4ft heute noch vorwiegend fossil-basiert ist.<\/p>\n<p>Bio\u00f6konomie braucht Innovation<br \/>\nDie Bio\u00f6konomie bietet mit dem zu erwartenden Innovationsschub, der bisher mit jedem Rohstoffwechsel (im 19. Jahrhundert von Getreide und Holz zu Kohle; im 20. Jahrhundert von Kohle zu \u00d6l) einhergegangen ist, gro\u00dfe Chancen. Die in Deutschland traditionell starke Position in Wissenschaft und Ausbildung, Biotechnologie, Chemie, Maschinen- und Anlagenbau ist eine gute Ausgangsposition. So sind Entwicklungsprojekte auf dem Weg, die aromatische Grundchemikalien (40 Prozent der Grundchemie) aus holzartiger Biomasse und Polymerbausteine aus Kohlenmonoxid unter Beteiligung von Unternehmen und Forschungsinstituten aus Deutschland, Niederlanden und Flandern anstreben (CLIB2021 2016). Neben der Chemieindustrie investiert neuerdings auch die Stahlindustrie in neue bio-basierte Verfahren (ArcelorMittal 2016) und Forschungsinstitute treiben mit Start-ups die Innovationswelle voran. Genetische Verfahren spielen hier eine Schl\u00fcsselrolle. Dabei bleibt kritisch anzumerken, dass manche \u00f6ffentlichen F\u00f6rdermittelgeber die Finanzierung solcher Forschung grunds\u00e4tzlich verweigern. Dies ber\u00fchrt die f\u00fcr eine erfolgreiche Innovationskultur essentielle Forschungsfreiheit und zugleich den Markt f\u00fcr neue Produkte und Anwendungen, der die privat finanzierte Innovation treibt.<\/p>\n<p>Bio\u00f6konomie braucht gesellschaftliche Akzeptanz<br \/>\nObwohl der Anteil der Bio\u00f6konomie an der Gesamtwirtschaft heute noch sehr klein ist, wird der Fl\u00e4chenbedarf f\u00fcr Ern\u00e4hrung und industrielle Rohstoffe bereits als konflikttr\u00e4chtig wahrgenommen und sensibel registriert. Indikatoren sind Stichworte wie der sogenannte Tank\/Teller-Konflikt und die als \u201eVermaisung der Landschaft\u201c kritisierte Ver\u00e4nderung des Landschaftsbildes. Dabei wird der enorme Bedarf an Bio-Kohlenstoff f\u00fcr die Bio\u00f6konomie in der \u00f6ffentlichen Debatte kaum mit Fakten thematisiert. Der Rohstoffbedarf der deutschen Chemieindustrie wird heute erst zu 13 Prozent aus biologischen Ressourcen befriedigt (VCI 2016), erneuerbare Energien stellen 12,5 Prozent (davon 50 Prozent Bioenergie) des Prim\u00e4renergieverbrauchs (BMWi 2016) und Biokraftstoffe erreichen einen Anteil von 4,8 Prozent (FNR 2015a). Das mehr gef\u00fchlte, aber nicht durch Fakten begr\u00fcndete Problembewusstsein wird zudem durch eine unbek\u00fcmmerte Berichterstattung erhalten. Ein Beispiel daf\u00fcr ist die Empfehlung einer auflagenstarken Zeitschrift, Biopolymere statt aus Maisst\u00e4rke aus Kartoffel- und Orangenschalen herzustellen (Herbst 2016). Derartige Reststoffe der Lebensmittelindustrie k\u00f6nnten in Deutschland rund 250.000 Tonnen Kohlenstoff liefern (FNR 2015b); zum Vergleich: Allein die deutsche Kunststoffproduktion enth\u00e4lt rund 19 Mio. Tonnen Kohlenstoff (WECOBIS 2010).<\/p>\n<p>Eine derart wirklichkeitsferne Pr\u00e4sentation der Bio\u00f6konomie ist auch deshalb problematisch, weil Akzeptanz verloren zu gehen droht, wenn die tats\u00e4chliche Herausforderung erkannt wird. Dabei geh\u00f6rt zu einer n\u00fcchternen Betrachtung der globalen und der heimischen Bio\u00f6konomie auch, dass Fl\u00e4chen nicht nur oder vor allem in fernen L\u00e4ndern vor negativen Auswirkungen gesch\u00fctzt werden m\u00fcssen, sondern auch in Deutschland. In der hiesigen gesellschaftlichen Debatte zur Fl\u00e4chennutzung wird zwar der Erhalt tropischer Regenw\u00e4lder gefordert, aber der Verlust heimischer B\u00f6den wird nur selten thematisiert. Obwohl Deutschland diese Ressource k\u00fcnftig dringend brauchen wird, werden \u00c4cker nicht als solche \u201ewertgesch\u00e4tzt\u201c. Ein Beispiel daf\u00fcr ist die Diskussion zur Bebauung von Ackerfl\u00e4che h\u00f6chster Qualit\u00e4t in Frankfurt am Main (Schulze 2016). Bis 2020 soll der t\u00e4gliche Fl\u00e4chenverbrauch in Deutschland von heute 70 auf 30 ha gesenkt werden und ab 2030 sind Neufl\u00e4chen gem\u00e4\u00df einer UNO Vereinbarung nur gegen Ausgleich bebaubar (UBA 2016). Auch dieses Ziel geh\u00f6rt in den Kontext der Bio\u00f6konomie.<\/p>\n<p>Die \u00dcbergangsphase gestalten<br \/>\nDie Bio\u00f6konomie impliziert mehr als nur den Rohstoffwechsel. Sie f\u00fchrt zur Ver\u00e4nderung von globalen Handels- und Wertsch\u00f6pfungsketten, Wirtschaftsbranchen, Industriestandorten, Arbeitspl\u00e4tzen und erfordert die Anpassung der Infrastruktur und der Rahmenbedingungen. Sie hat deshalb wirtschaftliche, soziale und \u00f6kologische Auswirkungen. Bis 2050 sollen Treibhausgasemissionen gegen\u00fcber 1990 um mindestens 95 Prozent reduziert werden und der Rohstoffwandel weitgehend vollzogen sein. Allein bis 2030 sch\u00e4tzt die EU den privaten Investitionsbedarf auf 379 Mrd. Euro pro Jahr (FAZ 2017). F\u00fcr Deutschland setzt die Bundesregierung eine zwischen mehreren Bundesministerien (BMBF, BMELV, BMU) abgestimmte Bio\u00f6konomiestrategie fort, die die Energie- und Industriepolitik, die Agrarpolitik, die Klima- und Umweltpolitik sowie die Forschungs- und Entwicklungspolitik b\u00fcndelt (BMBF 2013). Notwendig sind Rahmenbedingungen, die der Wirtschaft Planungssicherheit geben, Priorit\u00e4ten setzen, Technologiekompetenz gew\u00e4hrleisten, Innovation f\u00f6rdern und gesellschaftlich akzeptiert werden. Mit unserer Verantwortungskultur und der Bereitschaft, Konflikte des gesellschaftlichen und industriellen Wandels f\u00fcr alle gesellschaftlichen Teilhaber annehmbar zu l\u00f6sen, haben wir gute Aussichten, den \u00dcbergang in die Bio\u00f6konomie erfolgreich zu gestalten. Aber die Zeit dr\u00e4ngt; 2050 ist nicht weit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Literatur<br \/>\nArcelorMittal (2016): Towards a circular economy breakthrough: Our partnership with LanzaTech, online: http:\/\/tinyurl.com\/m42qhbt (Zugriff am 29.3.2017).<\/p>\n<p>Bio\u00f6konomierat (2017), online: http:\/\/biooekonomierat.de\/biooekonomie.<\/p>\n<p>BMBF (2013): Bundeskabinett beschlie\u00dft neue Bio\u00f6konomiestrategie, online: http:\/\/tinyurl.com\/m5tyf9u (Zugriff am 29.3.2017).<\/p>\n<p>BMEL (2014): Politikstrategie Bio\u00f6konomie, online: http:\/\/tinyurl.com\/mkozyqw (Zugriff am 29.3.2017).<\/p>\n<p>BMWi (2016): Prim\u00e4renergieverbrauch in Deutschland 2015, online: http:\/\/tinyurl.com\/nq323qm (Zugriff am 29.3.2017).<\/p>\n<p>Carus M. \u2013 Piotrowski, S. (2009): Land use for bioplastics, bioplastics MAGAZINE 04\/09, 4, S. 46-49, online: http:\/\/tinyurl.com\/kp7balh (Zugriff am 29.3.2017).<\/p>\n<p>CLIB2021 (2016): BIG-C BioInnovation Growth mega-Cluster, online: http:\/\/tinyurl.com\/mlkk9g3 (Zugriff am 29.3.2017).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>FAZ (2017): EU muss 4 Billionen Euro f\u00fcr Klimaschutz ausgeben; 2.2.2017.<\/p>\n<p>FNR (2015a): Kraftstoffabsatz in Deutschland, online: http:\/\/tinyurl.com\/keucadc (Zugriff am 29.3.2017).<\/p>\n<p>FNR (2015b): Bestandsaufnahme zum biogenen Reststoffpotential der deutschen Lebensmittel- und Biotechnikindustrie, FKZ22001900M.<\/p>\n<p>Herbst M. (2016): Sprechen Sie \u00d6ko?; Brigitte 24\/2016, S. 155-159.<\/p>\n<p>IG-BCE (2012): Anforderungen an eine biobasierte Wirtschaft, Hannover 18.9.2012.<\/p>\n<p>Kircher (2015): Sustainability of biofuels and renewable chemicals production from biomass. Current Opinion in Chemical Biology 29, S. 26-31.<\/p>\n<p>MicrobEnergy (2015): BioPower2Gas, online: http:\/\/www.biopower2gas.de\/projekt\/ (Zugriff am 27.1.2017).<\/p>\n<p>Schulze, R.: Auf der Suche nach den letzten \u00c4ckern, FAZ 25.5.2016, online: http:\/\/tinyurl.com\/mnslvlt (Zugriff 29.3.2017).<\/p>\n<p>Souza, G.M. \u2013 Victoria, L. \u2013 Joly, C. A. \u2013 Verdade L. M (Hg.) (2015): Bioenergy &amp; Sustainability, bridging the gaps, SCOPE.<\/p>\n<p>UBA (2016): Deutschland muss mehr Fl\u00e4che sparen, 8.12.2016, online: http:\/\/tinyurl.com\/l3umbtr (Zugriff am 29.3.2017).<\/p>\n<p>VCI (2016): Rohstoffbasis der chemischen Industrie, online: http:\/\/tinyurl.com\/mpqym3c (Zugriff am 29.3.2017).<\/p>\n<p>VCI (2017): Bio\u00f6konomie, online: http:\/\/tinyurl.com\/ltrtv9t (Zugriff am 29.3.2017).<\/p>\n<p>WECOBIS (2010): Polyethylen, online: http:\/\/tinyurl.com\/l2u9t6e (Zugriff am 29.3.2017).<\/p>\n<p>Wilson E.O. (2016): Die H\u00e4lfte der Erde. Ein Planet k\u00e4mpft um sein \u00dcberleben, M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>Young S. (2014): Can organic crops compete with industrial agriculture?, online: http:\/\/tinyurl.com\/hbf5paq (Zugriff am 29.3.2017).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Autor<\/p>\n<p>Dr. Manfred Kircher<\/p>\n<p>Dr. Kircher ist Vorsitzender des Beirats von KADIB (www.kadib.de) und CLIB2021 (www.clib2021.de) mit mehr als 30 Jahren Erfahrung in der Chemieindustrie und Bio\u00f6konomie. Regionale und internationale Bio\u00f6konomiestrategien sowie die Bildung bio\u00f6konomischer Konsortien sind seine Arbeitsschwerpunkte.<\/p>\n<p>Nach Stationen in biotechnologischer Forschung (Degussa AG, Deutschland), Produktion (Fermas s.r.o.; Slovakei), Venture Capital (Burrill &amp; Company; USA) und Industriekooperation (Evonik Industries AG; Deutschland) \u00a0konnte er ab 2007 seine Erfahrung in die Leitung des Clusters industrielle Biotechnologie CLIB2021 e.V. einbringen und den Verein mit deutschen und internationalen Mitgliedern aus Industrie, kleinen und mittleren Unternehmen, akademischen Einrichtungen und Investoren zu einer anerkannten Organisation f\u00fcr die Entwicklung bio\u00f6konomischer Wertsch\u00f6pfungsketten f\u00fchren.<\/p>\n<p>Dr. Kircher publiziert regelm\u00e4\u00dfig zur Bio\u00f6konomie und ber\u00e4t Unternehmen, Investoren und Politik. Er wurde in den Beirat von jungen Unternehmen und in Steuerungsgremien internationaler Bio\u00f6konomieprogramme berufen. Promoviert wurde Dr. Kircher an der Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt im Fachbereich Biologie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Globale Herausforderung Klimaschutz Am 4. November 2016 ist das Pariser Klimaschutzabkommen in Kraft getreten. 72 Nationen, die zusammen mehr als 55 Prozent der von fossilen Kohlenstoffquellen stammenden Emissionen verursachen, haben das Abkommen ratifiziert; darunter auch Deutschland. Es wurde vereinbart, bis 2050 die Treibhausgasemissionen gegen\u00fcber 1990 um mindestens 95 Prozent zu reduzieren, um die globale Erw\u00e4rmung [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":59,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_seopress_robots_primary_cat":"","nova_meta_subtitle":"","footnotes":""},"categories":[5572],"tags":[10608,11229],"supplier":[2908,187,6286,279,1245,769,5585],"class_list":["post-42086","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bio-based","tag-biooekonomie","tag-biotechnologie","supplier-basf-corporation-us","supplier-bundesministerium-fuer-bildung-und-forschung-bmbf","supplier-bundesministerium-ernahrung-landwirtschaft","supplier-bundesministerium-fuer-umwelt-naturschutz-und-reaktorsicherheit","supplier-coca-cola-co","supplier-deutsche-bundesregierung","supplier-european-union"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/42086","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/59"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=42086"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/42086\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=42086"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=42086"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=42086"},{"taxonomy":"supplier","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/supplier?post=42086"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}