{"id":41728,"date":"2017-03-31T07:26:29","date_gmt":"2017-03-31T05:26:29","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=41728"},"modified":"2017-03-29T12:50:27","modified_gmt":"2017-03-29T10:50:27","slug":"auf-der-suche-nach-regeln-fuer-eine-nachhaltige-biooekonomie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/auf-der-suche-nach-regeln-fuer-eine-nachhaltige-biooekonomie\/","title":{"rendered":"Auf der Suche nach Regeln f\u00fcr eine nachhaltige Bio\u00f6konomie"},"content":{"rendered":"<p>Die moderne Umweltethik hat sich durch den globalen Nachhaltigkeitsdiskurs zu einer Mitweltethik entwickelt. Sie argumentiert nicht l\u00e4nger blo\u00df mit Bezug auf ein anthropozentrisches Menschen- und Weltbild. Vielmehr gr\u00fcndet sie in einem bio- oder \u00f6kozentrischen Paradigma. In diesem sind Sinngebungen aus den Weltreligionen (Sch\u00f6pfungskonzepte), den verschiedenen Kulturr\u00e4umen (Wertemuster, die mit dem Lebendigen in Natur und Gesellschaft zusammenh\u00e4ngen), naturwissenschaftlich gewonnene Daten und Fakten sowie gesellschaftlich ausgehandelte oder auszuhandelnde politische Regeln gleicherma\u00dfen Einflussfaktoren. Sie konvergieren (idealerweise) in einem konvivialen, zukunftsvertr\u00e4glichen Gestalten der Lebensbedingungen auf dem Planeten Erde. Um Regeln f\u00fcr die Gestaltung der weltweit zu erwartenden bio\u00f6konomisch verursachten Ver\u00e4nderungen (disruptive Ver\u00e4nderungen!) zu identifizieren, braucht es ein Zusammenwirken legitimierter Institutionen, die einen globalen Einfluss haben (UN-Organisationen, Weltkirchenrat, p\u00e4pstliche Akademie der Wissenschaften, muslimische Weltorganisation OIC u.\u00e4.m.).<\/p>\n<p>Die sog. Bio\u00f6konomie hat soziale, \u00f6kologische und \u00f6konomische Auswirkungen. In allen Hinsichten besteht deshalb Regelungsbedarf. Besondere Aufmerksamkeit verlangt allerdings ihr naturwissenschaftlich basierter technologischer Kern. Aus dem technologischen Fortschritt der Verfahren modernster Molekularbiologie (Biobricks, Genomsequenzierung, Erbgut-Manipulation, Genomic Editing, CRISPR\/Cas9) werden die gr\u00f6\u00dften Ver\u00e4nderungen im 21. Jahrhundert zu erwarten sein. An sie sind auch die gr\u00f6\u00dften Hoffnungen auf neues Wirtschaftswachstum gekn\u00fcpft. Derzeit gibt es bestenfalls Prinzipien, die den Umgang (governance) mit einer nachhaltigen Bio\u00f6konomie politisch orchestrieren sollen. Angesichts der disruptiven Kraft moderner Biotechnologien und ihrem Zusammenwirken mit Verfahren der Digitalisierung, der Informations- und Kommunikationstechnik sowie der Robotik reicht dies nicht f\u00fcr eine gesellschaftlich und kulturell belastbare und zukunftsvertr\u00e4gliche politische Gestaltung im Sinne einer gesetzgeberischen Normierung des zu erwartenden Wandels in allen Lebensbereichen.<\/p>\n<p>Die absehbare Durchschlagskraft bio\u00f6konomischer Entwicklungen, ihr Impact auf die Lebensbedingungen aller Arten auf diesem Planeten ruft nach umfassenden ethischen Reflexionen. Diese sind umso schwieriger, als sich die sog. Bio\u00f6konomie auf eine naturwissenschaftlich-technische Methodik beruft, die eine scheinbar objektiv gesicherte Perspektive auf Natur, auf das Leben und auf die Welt darstellt. Mit ihren Biomasse- und Bioenergiestrategien bezieht sie sich gleicherma\u00dfen auf organisch und anorganisch Gegebenes, letztlich auf die Totalit\u00e4t des Lebendigen. Somit nimmt sie einen sachlichen Ausschnitt der Welt\/Natur in den Fokus. Wenn alles zum sachlich Gegebenen wird, zum Ding im \u201eInternet der Dinge\u201c(!), kann mit allem nach Ma\u00dfgabe des biotechnisch M\u00f6glichen umgegangen werden.<\/p>\n<p>Nachdem mittlerweile auch \u00fcber Artgrenzen hinweg in gewisser Weise neu Leben oder Ressourcen geschaffen werden k\u00f6nnen, gilt, h\u00e4ufig unhinterfragt und wie selbstverst\u00e4ndlich, dass Regeln durch das technisch Machbare (in gewisser Weise durch die Naturgesetze) vorgegeben seien. Dies ist ein naturalistischer Fehlschluss. Gegen ihn muss der ethische und gesellschaftspolitische Diskurs mobilisiert werden, soll denn eine einigerma\u00dfen friedliche Transformation aller gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse im \u201eJahrhundert der Biologie\u201c gelingen.<\/p>\n<p>Damit nicht Leben ausschlie\u00dflich zur beliebig manipulierbaren Ressource wird, k\u00f6nnte eine andere Perspektive verst\u00e4rkt an den Tisch des Aushandelns von Regeln f\u00fcr eine nachhaltige Entwicklung eingeladen werden: die Sch\u00f6pfungsethik bzw. die Sch\u00f6pfungstheologie. Beide Zug\u00e4nge berufen sich auf kulturell Tradiertes, das den Test der Zeit bestanden hat und als Fundament auch in modernen Gesellschaften taugt. Sie beziehen sich religi\u00f6s und philosophisch auf historisch \u00fcberkommene Auffassungen von Leben als:<\/p>\n<p>unreduzierbar (positiv gesprochen: ganzheitlich und nicht auf Bausteine oder eine \u201eLegowelt des Lebens\u201c reduzierbar)<br \/>\nunver\u00e4u\u00dferbar (wenn \u00fcberhaupt, dann nur nach strengsten Regeln kommodifizierbar und monetarisierbar)<br \/>\nunverf\u00fcgbar (mit eigener W\u00fcrde, Eigenwerten und Freiheitsrechten versehen)<br \/>\nunbedingt (von Gott\/einem Sch\u00f6pfer so gewollt, wie es ist, d.h. mit Schutzrechten ausgestattet bzw. sogar unbedingt sch\u00fctzensw\u00fcrdig).<\/p>\n<p>In vielen nationalen Verfassungen wird der Zusammenhalt moderner Gesellschaften \u00fcber Grundrechte definiert, die aus diesen Prinzipien zum Wertsch\u00e4tzen des Lebens und zu seinem unbedingten Schutz abgeleitet sind. Die absehbaren Transformationen, die die sog. Bio\u00f6konomie weltweit in Gang setzt, m\u00fcssen auf ihre Verfassungskonformit\u00e4t gepr\u00fcft werden und nicht nur in (ebenfalls weitestgehend ausstehenden) Technikfolgenabsch\u00e4tzungen oder Risikoassessments auf ihre Vertr\u00e4glichkeit und inner- und intergenerationale Fairness \u00fcberpr\u00fcft werden.<\/p>\n<p>Bio\u00f6konomie steht vor aller (politischen) Regelsuche zun\u00e4chst unter einem mehrfachen Rechtfertigungsdruck\/Legitimationsbedarf:<\/p>\n<p>Sie ist, wenn \u00fcberhaupt (was erst einmal gepr\u00fcft werden m\u00fcsste), nicht ohne intensivste Auseinandersetzung mit Religions- oder Glaubensgemeinschaften, kulturell gewachsenen Wertevorstellungen und gesellschaftlichen Zukunftsvorstellungen vereinbar. Z.B. widerspricht es dem christlichen Welt- und Lebensbild, von einer \u201ePerfektion aus der Petrischale\u201c zu sprechen.<\/p>\n<p>Die zu erwartenden Impacts auf neue Lebensformen beim biotisch Gegebenen hin (Stichwort gr\u00fcne, rote, wei\u00dfe, graue und blaue Gentechnik), k\u00f6nnten als ein Totalangriff auf das Leben gesellschaftlich gewertet werden; d. h. es gibt extremen Erkl\u00e4rungsbedarf und Rechtfertigungsdruck, will man wirtschaftlichen Nutzen aus dem biotechnologisch M\u00f6glichen ziehen.<\/p>\n<p>Es sind derzeit Versuche zum Aufbau einer Governance-Struktur f\u00fcr Bio\u00f6konomie zu beobachten. Stichworte: OECD-Strategie, Einrichtung von Bio\u00f6konomier\u00e4ten, internationale Konferenzen, Einrichtung von Fachreferaten in Ministerien und Beh\u00f6rden, Forschungsf\u00f6rderung seitens der \u00f6ffentlichen Hand zur Steuerung von Wissenschaft und Forschung und Entwicklung. Diese Versuche zahlen ethisch gesehen auf das slippery-slope Argument ein. Sie dienen m\u00f6glicherweise einer langsamen Grenzverschiebung der Lebensvorstellungen breiter Bev\u00f6lkerungskreise. Vielleicht besteht dabei die Hoffnung, dass nach einem gewissen Zeitraum genetisch ver\u00e4ndertes biotisches Leben f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich gehalten wird.<\/p>\n<p>Diese Hoffnung k\u00f6nnte sich jedoch als tr\u00fcgerisch erweisen. Religi\u00f6s und kulturell \u00fcberkommene Muster haben h\u00e4ufig eine erstaunliche Resilienz. Dann k\u00f6nnte es zu einem pl\u00f6tzlichen Aufwachen und einer radikalen Gegenreaktion (B\u00fcrgerprotest, ziviler Ungehorsam, Firmenblockaden etc.) kommen. Die Auswirkungen auf die diversen \u00d6kosysteme auf dem Planeten durch das Einf\u00fchren von biotisch ver\u00e4ndertem Material bzw. biotechnologisch ver\u00e4nderten Lebewesen sind bislang in unzureichender Weise erforscht. Es besteht ein hoher Bedarf an Risikoforschung in dieser Hinsicht.<\/p>\n<p>Bio\u00f6konomie ist hochgradig Kapital intensiv und Wissens abh\u00e4ngig. Dadurch entstehen neue Abh\u00e4ngigkeiten (Lizenzgeb\u00fchren, Nachbaugeb\u00fchren, Patentrechte etc.). Auf dieser Ebene ist erh\u00f6hter Regelbedarf n\u00f6tig, um zu einer nachhaltigen Bio\u00f6konomie zu kommen. In globalisierter Hinsicht ein \u00e4u\u00dferst schwieriges Unterfangen. National ebenfalls schwierig, weil aus sozialethischen und gerechtigkeitsethischen Perspektiven (siehe die Enzyklika Laudato si) weitere oder verst\u00e4rkte Abh\u00e4ngigkeiten nicht akzeptabel sind, wenn es um das Wohl der Menschheit gehen soll.<\/p>\n<p>Es gibt mittlerweile einige Vorschl\u00e4ge zur materialethischen Normierung der sog. Bio\u00f6konomie. Dazu geh\u00f6ren moralisch gemeinte Grenzziehungen oder in einem gesellschaftlichen Konsens fundierte Leitplanken. Diese sollen Politik und Wirtschaft Orientierung bei der anstehenden Erarbeitung einer belastbaren Governance-Struktur bzw. zur ethischen Qualifizierung bio\u00f6konomischer Entwicklungen\/L\u00f6sungen f\u00fcr gesellschaftliche Probleme geben. Um zwei Beispiele zu nennen: Bio\u00f6konomie sollte das Konzept der \u201eglobal boundaries\u201c f\u00fcr die Ermittlung von Priorit\u00e4ten des Klima-, Natur- und Umweltschutzes zugrunde legen; Bio\u00f6konomie sollte ferner darauf ausgerichtet sein, den l\u00e4ndlichen Raum zu st\u00e4rken (so Markus Vogt, Sachverst\u00e4ndigenrat Bio\u00f6konomie Bayern). In diese Richtung sollte der gesellschaftliche Diskurs schnell erweitert werden, um eine Transformation im Sinne der SDGs in Prozessen der Kulturentwicklung (culture of sustainability) zu verankern. Verantwortung \u00fcbernehmen, statt Ideologieproduktion, das w\u00e4re das Motto, unter dem an den Regeln f\u00fcr eine nachhaltige Bio\u00f6konomie gesamtgesellschaftlich gearbeitet werden sollte. Der Schutz des Lebens hat dabei h\u00f6chste Priorit\u00e4t! Innovationen sind nachzuordnen und rechtlich kein herausragendes Schutzgut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Autor<\/p>\n<p>Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald<\/p>\n<p>Vorstand der Schweisfurth Stiftung, ist Honorarprofessor f\u00fcr Umwelt-, Agrar- und Ern\u00e4hrungsethik an der Humboldt Universit\u00e4t zu Berlin und selbstst\u00e4ndiger Politik- und Unternehmensberater. Der Autor zahlreicher Fachpublikationen in den Bereichen nachhaltiges Wirtschaften und sozial-\u00f6kologische Zukunftsperspektiven, ist Vorsitzender der Bayerischen Verbraucherkommission, Herausgeber-Beirat der \u201eZeitschrift f\u00fcr Umweltpolitik und Umweltrecht\u201c und Kurator verschiedener Stiftungen.<\/p>\n<p>info@schweisfurth-stiftung.de<br \/>\nwww.schweisfurth-stiftung.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die moderne Umweltethik hat sich durch den globalen Nachhaltigkeitsdiskurs zu einer Mitweltethik entwickelt. Sie argumentiert nicht l\u00e4nger blo\u00df mit Bezug auf ein anthropozentrisches Menschen- und Weltbild. Vielmehr gr\u00fcndet sie in einem bio- oder \u00f6kozentrischen Paradigma. 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