{"id":41675,"date":"2017-03-30T07:23:26","date_gmt":"2017-03-30T05:23:26","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=41675"},"modified":"2017-03-28T13:52:41","modified_gmt":"2017-03-28T11:52:41","slug":"vielfalt-steigert-ertrag-biooekonomie-bietet-chancen-fuer-baden-wuerttembergs-waelder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/vielfalt-steigert-ertrag-biooekonomie-bietet-chancen-fuer-baden-wuerttembergs-waelder\/","title":{"rendered":"Vielfalt steigert Ertrag: Bio\u00f6konomie bietet Chancen f\u00fcr Baden-W\u00fcrttembergs W\u00e4lder"},"content":{"rendered":"<p>Holz aus heimischen W\u00e4ldern ist ein wichtiger Rohstoff f\u00fcr die Bio\u00f6konomie. Bislang wird aber sehr viel davon als Brennstoff zur Energiegewinnung genutzt. Mehr Diversit\u00e4t im Wald und neue holzbasierte Materialien k\u00f6nnten die Holzwirtschaft nachhaltiger machen. Die Bio\u00f6konomie kann dabei helfen, etwa indem sie die Verwertung von Laubh\u00f6lzern f\u00f6rdert.<\/p>\n<p>Ein Buchenwald auf der Schw\u00e4bischen Alb. Wie in einer riesigen S\u00e4ulenhalle wachsen die silbrig-grauen Buchenst\u00e4mme gerade in die H\u00f6he. Spechte h\u00e4mmern und die Sonne schickt erste w\u00e4rmende Strahlen durch die winterlich kahlen Baumkronen. Im Waldboden machen sich Fr\u00fchbl\u00fcher wie Buschwindr\u00f6schen, Lungenkraut und Leberbl\u00fcmchen bereit, um das Licht zu nutzen, bis sich die Baumkronen mit frischem Gr\u00fcn f\u00fcllen und das Bl\u00e4tterdach sich schlie\u00dft. Aus \u00f6kologischer Sicht sind Deutschlands Buchenw\u00e4lder ein schutzbed\u00fcrftiger Schatz \u2013 von forstlicher Warte aus aber eher das Gegenteil. \u201eF\u00fcr die Forstwirtschaft ist die Buche ein Sorgenkind\u201c, sagt J\u00fcrgen Bauhus, Professor f\u00fcr Waldbau an der Universit\u00e4t Freiburg \u201edenn was Produktivit\u00e4t und Marktwert des Holzes angeht, kann sie nicht mit den Nadelbaumarten mithalten.\u201c Aus Fichten, Tannen und Douglasien werden Bau- und Konstruktionsholz sowie Holzwerkstoffe wie Sperrholz, Leimholz, oder Spanplatten, Papier und Paletten hergestellt. Buchenst\u00e4mme dagegen landen viel zu oft auf direktem Weg im Kamin oder Holzofen.<\/p>\n<p>Bauhus setzt Hoffnungen in die bio\u00f6konomische Forschung: \u201eDie Bio\u00f6konomie bietet ein gro\u00dfes Potenzial f\u00fcr den Wald, indem bestimmte Waldressourcen wie etwa das Buchenholz st\u00e4rker in Wert gesetzt werden. Es gibt da bereits ein paar vorzeigbare Produkte.\u201c Etwa die von Prof. Dr.-Ing. Peer Haller an der TU Dresden entwickelten Baur\u00f6hren aus Buchensperrholz, welche die gleiche Tragkraft haben wie Stahlr\u00f6hren. Oder das Furnierschichtholz BauBuche der Firma Pollmeier, das laut Hersteller aufgrund seiner hohen Festigkeit wesentlich schlankere Bauteile als Nadelholzwerkstoffe erm\u00f6glicht.<br \/>\nGlossar<\/p>\n<p>Eine Sonde im molecularbiologischen Sinn ist ein St\u00fcck markierte RNA oder DNA, die mit einer gesuchten Sequenz binden (hybridisieren) kann.<br \/>\nDie Vielfalt von auf der Erde vorkommenden Lebewesen und den unterschiedlich vorkommenden \u00d6kosystemen wird als Biodiversit\u00e4t bezeichnet. Biodiversit\u00e4tsforschung besch\u00e4ftigt sich mit dem Einfluss der in einem speziellen \u00d6kosystem vorkommenden Lebewesen auf die Umwelt.<\/p>\n<p>Bio\u00f6konomie kann Laubholz aufwerten<\/p>\n<p>\u201eWir m\u00fcssen Materialien aus Laubh\u00f6lzern entwickeln, etwa Bauholz oder neue holzbasierte Komposite aus der Bioraffinerie. Dann w\u00e4re die Klimaschutzleistung der W\u00e4lder viel h\u00f6her und f\u00fcr die Waldbesitzer w\u00e4re es attraktiver einheimische Baumarten zu kultivieren\u201c, erl\u00e4utert Bauhus. Neben dem Ersatz von Stahl und Beton im Baugewerbe gilt insbesondere die Verwendung von Holz oder Holzbestandteilen in der Chemie- und Automobilindustrie als zukunftstr\u00e4chtig.1<\/p>\n<p>Wem die Bio\u00f6konomie am Herzen liegt, der sollte sich f\u00fcr vielf\u00e4ltigere W\u00e4lder in Baden-W\u00fcrttemberg einsetzen<\/p>\n<p>Mehr Vielfalt im Wald steigert auch die Produktivit\u00e4t. Da sind sich die Experten inzwischen weitgehend einig. \u201eGrunds\u00e4tzlich l\u00e4sst sich sagen, dass Mischbest\u00e4nde verschiedener Baumarten produktiver sind\u201c, sagt Bauhus. \u201eDas gilt sicher nicht f\u00fcr jeden einzelnen Mischbestand, aber im Durchschnitt ist der Ertrag in Mischbest\u00e4nden in Mitteleuropa um ca. 20 % h\u00f6her als auf der gleichen Fl\u00e4che in Reinbest\u00e4nden.\u201c In einer k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichten Studie von Liang et al. 2 wurden die Daten von W\u00e4ldern weltweit analysiert und dabei eine Faustformel aufgestellt, nach der eine 10%ige Abnahme der Biodiversit\u00e4t im Wald zu einem 3%igen R\u00fcckgang der Produktivit\u00e4t f\u00fchrt. Entsprechende Studien in Deutschland weisen in die gleiche Richtung\u201c, berichtet Bauhus. An 13.000 Rasterpunkten in Baden-W\u00fcrttemberg erfasst die alle zehn Jahre stattfindende Bundeswaldinventur Daten \u00fcber den Zustand der W\u00e4lder. Diese Gro\u00dfrauminventuren sind aber nicht zur Erfassung der Biodiversit\u00e4t konzipiert worden.<\/p>\n<p>Mit seinem Doktoranden Felix Storch hat sich Bauhus zum Ziel gesetzt, aus den vorhandenen Daten mehr \u00fcber die Diversit\u00e4t der W\u00e4lder und den Einfluss der jeweiligen Bewirtschaftung herauslesen zu k\u00f6nnen. Aus dem Wust an Daten hat Storch elf Variablen gefiltert, die ihm R\u00fcckschl\u00fcsse auf die strukturelle Diversit\u00e4t im Wald erlauben. Darunter finden sich Baumartenzusammensetzung, Stammdurchmesser, Totholzvolumen, Totholzzersetzungsgrad oder die Rindendiversit\u00e4t. Manche Werte, wie die Rindendiversit\u00e4t, ergeben sich erst aus der Kombination bestimmter Basisdaten.<\/p>\n<p>\u201eDas gro\u00dfe Ziel ist es, \u00fcber diese Strukturelemente auch die vielen anderen Waldarten mit ins Boot zu holen, damit man sie nicht durch ein weiteres Monitoring gesondert aufnehmen muss\u201c, erl\u00e4utert Storch und f\u00fchrt aus: \u201eEine junge Douglasie mit d\u00fcnner Rinde bietet im Vergleich zu einem dicken, alten Exemplar mit einer stark zerrissenen Rinde einen ganz anderen Lebensraum f\u00fcr Kleintiere\u201c. In der Rinde wimmelt das Leben. Sie dient nicht nur dem Schutz des Baumes vor Regen, Wind, Sonne und Feuer. Sie beherbergt auch K\u00e4fer, Tausendf\u00fc\u00dfer, Ameisen, Springschw\u00e4nze, Milben, Moose und Pilze. Der aus den Datenbergen der bestehenden Waldinventuren gefilterte \u201eStrukturindex\u201c erlaubt dann wiederum R\u00fcckschl\u00fcsse auf die Biodiversit\u00e4t an einem bestimmten Rasterpunkt. So die Theorie. Um den Zusammenhang zwischen Strukturindex und tats\u00e4chlicher Biodiversit\u00e4t in der Praxis zu testen, greift Storch auf eine zweite umfangreiche Datensammlung zur\u00fcck, die sogenannten Biodiversit\u00e4tsexploratorien.<\/p>\n<p>So wie bei der Bundeswaldinventur ein Heer von Forstleuten seit fast drei Jahrzehnten Daten erhebt, bestimmen 300 Wissenschaftler seit 2006 in drei deutschen Naturr\u00e4umen, den sogenannten Biodiversit\u00e4tsexploratorien die Artenvielfalt. Eines der drei Gebiete ist die Schw\u00e4bische Alb. Dort wird auf je 50 Gr\u00fcnland- und 50 Waldfl\u00e4chen alles gez\u00e4hlt, was kreucht, fleucht und w\u00e4chst: von Mikroben, Pilzen und Pflanzen \u00fcber Insekten und anderen Kerbtieren bis hin zu V\u00f6geln und S\u00e4ugern. Durch einen Abgleich der Walddaten zur Biodiversit\u00e4t mit den Daten der Waldinventuren auf den gleichen Fl\u00e4chen will Storch die Aussagekraft des neu berechneten Strukturindex bzgl. der Biodiversit\u00e4t testen. Bis Mitte des Jahres sollen die Ergebnisse vorliegen.<\/p>\n<p>Da die Probefl\u00e4chen auf der Schw\u00e4bischen Alb entlang eines Nutzungsgradienten angelegt sind, erlauben sie auch R\u00fcckschl\u00fcsse darauf, wie sich die Nutzungsintensit\u00e4t auf die Diversit\u00e4t auswirkt. \u201eEs ist kein linearer Zusammenhang, sondern wir sehen, dass eine geringe bis m\u00e4\u00dfige Nutzung zu gleichbleibender oder sogar steigender Strukturdiversit\u00e4t f\u00fchrt und die Diversit\u00e4t erst ab einer bestimmten Nutzungsschwelle abnimmt\u201c, sagt Bauhus.<\/p>\n<p>Solche Forschungsergebnisse k\u00f6nnen das Management der Forste verbessern. Denn nach den zur Zeit geltenden Kriterien bedeutet Naturn\u00e4he nicht unbedingt eine gro\u00dfe Artenvielfalt im Wald, sondern vielmehr, wie nah der Baumbestand an die von den nat\u00fcrlichen Standortbedingungen her zu erwartenden Baumartenzusammensetzung herankommt. \u201eDiese Auslegung der Naturn\u00e4he hat bei uns viele W\u00e4lder zu dicht und dunkel werden lassen. Lichtere W\u00e4lder k\u00f6nnen vielen Arten mehr Lebensraum bieten\u201c, sagt Bauhus. So sieht denn auch der Schutzplan f\u00fcr das Auerhuhn in Baden-W\u00fcrttemberg f\u00fcr die n\u00e4chsten Jahre in einigen Gebieten des Schwarzwaldes eine st\u00e4rkere Durchforstung vor, um lichtere Bereiche zu schaffen. Aber: \u201eEs gibt kein Universalrezept. In einigen W\u00e4ldern macht es sicher Sinn verst\u00e4rkt aufzulichten, umgekehrt gibt es andere Waldgesellschaften, wo man die Nutzung herunterfahren sollte, um auch da wieder andere Elemente der Biodiversit\u00e4t zu f\u00f6rdern\u201c, schr\u00e4nkt Bauhus ein, der mit seiner Forschungsarbeit auch dazu beitragen will, das Prozedere der bestehenden Waldinventuren und damit das Management der W\u00e4lder weiterzuentwickeln.<\/p>\n<p>Nachhaltigkeit \u2013 wie lange noch?<\/p>\n<p>Die forstlichen Kenngr\u00f6\u00dfen von Zuwachs und Einschlag bescheinigen den baden-w\u00fcrttembergischen Forsten eine nachhaltige Bewirtschaftung \u2013 noch. Denn unsere W\u00e4lder sind gr\u00f6\u00dftenteils relativ jung, praktisch am H\u00f6hepunkt ihres j\u00e4hrlichen Zuwachses. Wir nutzen aber schon jetzt fast 100% des Zuwachses an Nadelholz. In den n\u00e4chsten Jahrzehnten, wenn unsere W\u00e4lder \u201eerwachsener\u201c werden, wird der Zuwachs zur\u00fcckgehen \u2013 bei weiter steigender Nachfrage.<\/p>\n<p>Aus \u00f6kologischer Sicht kann die Bio\u00f6konomie dem Wald n\u00fctzen, indem sie einheimische Baumarten wie die Buche st\u00e4rkt und die Produktivit\u00e4t \u00fcber eine h\u00f6here Baumartendiversit\u00e4t steigert. Sie birgt aber auch Gefahren, wenn durch den erh\u00f6hten Nutzungsdruck oder spezifische Produktanforderungen der Anbau nicht einheimischer Arten wie K\u00fcstentanne und Douglasie sehr stark ausgedehnt wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Literatur<\/p>\n<p>1 Bio\u00f6konomierat (2016). B\u00d6RMEMO 05 Holz in der Bio\u00f6konomie \u2013 Chancen und Grenzen. www.bioeoekonomierat.de [September 2016]<\/p>\n<p>2 Liang, J. et al. (2016). Positive biodiversity-productivity relationship predominant in global forests, Science Vol. 354, Issue 6309, DOI: 10.1126\/science.aaf8957. http:\/\/science.sciencemag.org\/content\/354\/6309\/aaf8957<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Holz aus heimischen W\u00e4ldern ist ein wichtiger Rohstoff f\u00fcr die Bio\u00f6konomie. Bislang wird aber sehr viel davon als Brennstoff zur Energiegewinnung genutzt. Mehr Diversit\u00e4t im Wald und neue holzbasierte Materialien k\u00f6nnten die Holzwirtschaft nachhaltiger machen. Die Bio\u00f6konomie kann dabei helfen, etwa indem sie die Verwertung von Laubh\u00f6lzern f\u00f6rdert. Ein Buchenwald auf der Schw\u00e4bischen Alb. 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