{"id":41631,"date":"2017-03-28T07:32:36","date_gmt":"2017-03-28T05:32:36","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=41631"},"modified":"2017-03-26T12:04:15","modified_gmt":"2017-03-26T10:04:15","slug":"biooekonomie-als-gesellschaftlicher-fortschritt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/biooekonomie-als-gesellschaftlicher-fortschritt\/","title":{"rendered":"Bio\u00f6konomie als gesellschaftlicher Fortschritt?"},"content":{"rendered":"<p>Mit ihrer Politikstrategie Bio\u00f6konomie, die das Bundesministerium f\u00fcr Ern\u00e4hrung und Landwirtschaft (BMEL) federf\u00fchrend erarbeitete, unterst\u00fctzt die Bundesregierung seit 2013 den Wandel zu einer rohstoffeffizienten Wirtschaft, die nicht auf fossilen, sondern auf nachwachsenden Ressourcen basiert (BMEL 2014). Das Konzept ist an nat\u00fcrlichen Stoffkreisl\u00e4ufen orientiert und umfasst alle Wirtschaftsbereiche, die nachwachsende Ressourcen wie Pflanzen, Tiere sowie Mikroorganismen und deren Produkte, erzeugen, verarbeiten, nutzen und damit handeln. Der umfassende Ansatz dieser Politikstrategie, die eng verzahnt ist mit der 2010 beschlossenen \u201eNationalen Forschungsstrategie Bio\u00f6konomie 2030 \u2013 Unser Weg zu einer biobasierten Wirtschaft\u201c wird in einer Ausschreibung deutlich, die das Bundesministerium f\u00fcr Bildung und Forschung (BMBF) unter dem Titel \u201eBio\u00f6konomie als gesellschaftlicher Wandel\u201c zur F\u00f6rderung sozial- und wirtschaftswissenschaftlicher Forschung ver\u00f6ffentlicht hat. Nicht allein biotechnologische Innovationen verbunden mit der Steigerung von Wettbewerbsf\u00e4higkeit werden als Ziel der Politik- und Forschungsstrategie genannt. Anvisiert wird vielmehr \u201eeine umfassende gesellschaftliche Transformation, die sich aus der systemischen Verkn\u00fcpfung von \u00d6kologie, Wirtschaft und Gesellschaft ergibt, und zwar in einer ganzheitlichen und globalen Perspektive\u201c (BMBF 2014, S. 2). Mit dieser Ausrichtung kn\u00fcpft das BMBF un\u00fcbersehbar an das Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltver\u00e4nderungen (WBGU) an, das dieser im Jahre 2011 unter dem Titel \u201eWelt im Wandel \u2013 Gesellschaftsvertrag f\u00fcr eine Gro\u00dfe Transformation\u201c ver\u00f6ffentlichte. Darin wird ein neuer \u201eWeltgesellschaftsvertrag f\u00fcr eine klimavertr\u00e4gliche und nachhaltige Weltwirtschaftsordnung\u201c gefordert, der nichts weniger bedeutet \u201eals einen Paradigmenwechsel von der fossilen zur postfossilen Gesellschaft, der als offener Suchprozess gestaltet werden muss\u201c (WBGU 2011, S. 2)<\/p>\n<p>Bio\u00f6konomie \u2013 ein \u201etotalit\u00e4rer Ansatz\u201c?<\/p>\n<p>\u201eWeltgesellschaftsvertrag\u201c und \u201eGro\u00dfe Transformation\u201c \u2013 diese Gro\u00dfbegriffe wecken Erinnerungen an altehrw\u00fcrdige Aufbr\u00fcche aufkl\u00e4rerischer Geschichtsphilosophie, welche die Welt nicht nur verschieden interpretiert, sondern entschieden ver\u00e4ndern wollten.1 Mit dem Unterschied, dass es nun nicht mehr Philosophen, sondern politische Planungsst\u00e4be sind, die sich an den Umbau der Gesellschaft wagen. Deshalb sei die Frage erlaubt: Was ist davon zu halten, wenn nun ausgerechnet in den Abteilungen von Ministerien mit Hilfe von wissenschaftlichen Experten \u201eVisionen\u201c einer neuen, besseren Welt entworfen werden? Haben wir nicht bisher der politischen Administration gerade deshalb eine hohe Wertsch\u00e4tzung entgegengebracht, weil diese daf\u00fcr einstand, dass die Kompetenz zu konkreter Probleml\u00f6sung auf einen Sachverstand angewiesen ist, der sich weder mit apokalyptischer Rhetorik noch mit geschichtsphilosophischen Utopien einer \u201eGro\u00dfen Transformation\u201c vertr\u00e4gt? Die folgende Analyse der Politikstrategie Bio\u00f6konomie ist der Versuch, die \u201eganzheitliche Perspektive\u201c auf ihre Realit\u00e4tsn\u00e4he hin zu befragen.<\/p>\n<p>Der umfassende und ambitionierte Transformationsanspruch, der hier zum Ausdruck kommt, scheint auf den ersten Blick der Kritik Recht zu geben, die Franz-Theo Gottwald und Anita Kr\u00e4tzer in ihrem Essay \u201eIrrweg Bio\u00f6konomie\u201c ge\u00fcbt haben (Gottwald\/Kr\u00e4tzer 2014). Darin bezeichnen sie diese Strategie als einen \u201etotalit\u00e4ren Ansatz\u201c, weil er \u201enicht eine \u00d6kologisierung der \u00d6konomie, sondern eine \u00d6konomisierung des Biologischen, also des Lebendigen\u201c zum Ziel habe (ebd. S. 12). Im Begriff der \u201eBio\u00f6konomie\u201c erfahre der Begriff der Nachhaltigkeit eine illegitime Umwertung, weil nun \u201enicht die vorsorgende Bewahrung der Um- und Mitwelt, sondern vielmehr ihre dauerhafte kommerzielle Nutzung (\u2026) als \u2019nachhaltig\u2018 bezeichnet\u201c werde (ebd. S. 19). Die Autoren erblicken darin eine Relativierung des \u201eVorsorgeprinzips\u201c, das f\u00fcr ihr Paradigma einer \u201e\u00d6kologisierung des \u00d6konomischen\u201c von zentraler Bedeutung ist. Stattdessen bilde die Rede von einer \u201eWirtschaftskrise (\u2026) den idealen N\u00e4hrboden, um mit dem Versprechen, es gebe einen Ausweg aus allen N\u00f6ten, die Gentechnik als unverzichtbaren Teil eines rettenden Gesamtpakets salonf\u00e4hig zu machen\u201c (ebd. S. 20). Insbesondere die Genomforschung und die Anwendung der Gentechnik bei Mensch, Pflanze und Tier werden von den Autoren an immerhin 72 Stellen im Buch als Ausweis f\u00fcr eine einseitige Orientierung an den Vermarktungsinteressen von Gro\u00dfkonzernen kritisiert. F\u00fcr Gottwald und Kr\u00e4tzer bedeutet die Kombination von Biotechnologie, \u00d6kologie und wirtschaftlichem Wachstum den S\u00fcndenfall einer am nat\u00fcrlichen Kreislauf orientierten Wirtschaft. Mit \u201eder Umwertung von Leben in eine beliebig handel- und verhandelbare Ware\u201c (ebd. S. 9) werde weder die erforderliche Umorientierung hin auf eine effiziente und suffiziente Wirtschaftsweise realisiert, die auf Selbstbeschr\u00e4nkung bei Wachstum und Konsum setzt, noch f\u00f6rdere das Konzept der \u201eBio\u00f6konomie\u201c die dritte Leitlinie einer echten \u201ealternativen Politik der Nachhaltigkeit\u201c, n\u00e4mlich den \u201eKonsistenz-Ansatz\u201c, \u201eder eine Anpassung von Innovationen an die Kreisl\u00e4ufe der Natur verlangt\u201c (ebd. S. 154).<\/p>\n<p>Nachhaltigkeit und Innovation als Prinzipien der Bio\u00f6konomie<\/p>\n<p>Den Autoren ist zuzustimmen: Die Politikstrategie Bio\u00f6konomie folgt nicht der Vision einer Vers\u00f6hnung von \u00d6kologie und \u00d6konomie, wie sie dagegen \u00fcber weite Strecken in den \u201eLeitlinien einer alternativen Politik der Nachhaltigkeit\u201c bei Gottwald und Kratzer aufscheint. Im Gegenteil: Indem die Politikstrategie als zweite S\u00e4ule einer zu verfolgenden Bio\u00f6konomie neben dem Prinzip Nachhaltigkeit das Prinzip Innovation einf\u00fchrt, verl\u00e4sst sie den Pfad utopischer Vers\u00f6hnungsangebote und begibt sich auf einen konfliktreichen Weg, der mit der Charakterisierung von \u201eZielkonflikten\u201c, die \u201edie \u00fcber geeignete Rahmenbedingungen entsch\u00e4rft werden m\u00fcssen\u201c nur m\u00fchsam pragmatisiert werden kann (BMEL 2014, S. 9). Aus meiner Sicht ist jedoch die Komplexit\u00e4t und zumindest partielle Unvereinbarkeit, die durch die Gleichrangigkeit der beiden Prinzipien von Nachhaltigkeit und Innovation in den Blick kommen, keine Schw\u00e4che der Strategie. Im Gegenteil, sie ist ein Zeichen daf\u00fcr, dass man angesichts der gro\u00dfen Herausforderungen die inneren Widerspr\u00fcche des Konzepts realistisch erkennt. Diese k\u00f6nnen z.B. bei Fl\u00e4chenkonkurrenzen zwischen der stofflichen und energetischen Nutzung von Pflanzen einerseits und der Ern\u00e4hrungssicherung andererseits auftreten. Aber auch M\u00f6glichkeiten einer biotechnologischen Pflanzenz\u00fcchtungs- und Tierzuchtforschung in Verbindung mit Erwartungen einer verbesserten \u00f6konomischen Wertsch\u00f6pfung k\u00f6nnen in Konkurrenz mit anderen Werten wie der Biodiversit\u00e4t oder der Erhaltung kleinb\u00e4uerlicher Landwirtschaftsstrukturen treten. Dieser \u201eRealismus\u201c schl\u00e4gt sich auch in einer bisweilen zur\u00fcckgenommen Semantik nieder. So formuliert die Politikstrategie f\u00fcr den internationalen Kontext die Aufgabe, Nahrungsmittelerzeugung und die Bereitstellung von nachwachsenden Rohstoffen f\u00fcr Energie und Industrie \u201eauszubalancieren\u201c (BMEL 2014, S. 70). Hier sind realistischer Weise auch in Zukunft Spannungen und Verwerfungen m\u00f6glich, deren Hinnahme in dem Ma\u00dfe akzeptabel sind, als sie nicht nur \u00f6konomischen Gewinnerzielungsinteressen gehorchen, sondern eine Entwicklungsperspektive anvisieren, bei der \u00f6kologische, \u00f6konomische und soziale Aspekte m\u00f6glichst gleichberechtigt zum Zuge kommen. Die Akzeptabilit\u00e4t der Bio\u00f6konomie wird davon abh\u00e4ngen, ob ihre politische Umsetzung geeignet ist, diese \u201eBalance\u201c unterschiedlicher G\u00fcter in einer fairen und gerechten Weise zu f\u00f6rdern. Fragen der Gerechtigkeit sind aber nicht abzukoppeln von \u00f6konomischen Entwicklungschancen. Die Forderung von Nachhaltigkeit und Innovation ist insofern gerechtfertigt, als sie Prozesse des Marktgeschehens und Chancen der Umsetzung unternehmerischen Handelns in den Blick nimmt ohne deren Ber\u00fccksichtigung die Vision einer gerechten Verteilung von G\u00fctern merkw\u00fcrdig substanzlos bleiben muss.<\/p>\n<p>Bio\u00f6konomie als gesellschaftliche Innovation<\/p>\n<p>Die intendierte Akzeptabilit\u00e4t der Bio\u00f6konomie h\u00e4ngt freilich von der Frage ab, was man unter \u201eInnovation\u201c versteht.2 Geht es nur um eine technische und \u00f6konomische Innovation oder will man deren R\u00fcckwirkungen auf die soziale Praxis der Akteure miteinbeziehen? In den Diskussionen um die gesellschaftlichen Wirkungen der Bio\u00f6konomie wird dieser Effekt exemplarisch unter dem Stichwort des \u201eRebound-Effekts\u201c diskutiert, wobei hier das Verh\u00e4ltnis von direkten und indirekten Wirkungen durchaus kontrovers ist. Deutlich wird bei diesem Thema, dass Innovationen nur dort erfolgreich gestaltet werden k\u00f6nnen, wo die sozio\u00f6konomischen Wechselwirkungen im Hinblick auf die sozialmoralischen Orientierungen einer Bev\u00f6lkerung ber\u00fccksichtigt und aktiv miteinbezogen werden. Dem folgt die oben genannte BMBF-Programmausschreibung \u201eBio\u00f6konomie als gesellschaftlicher Wandel\u201c insofern, als sie ein Verst\u00e4ndnis von Innovation zum Thema macht, bei dem Wachstum und Vorsorge f\u00fcr die Zukunft zugleich realisiert werden sollen. Dabei gilt es zu sehen, dass Innovation den Zusammenhalt einer Gesellschaft zun\u00e4chst grunds\u00e4tzlich in Frage stellt. Technische und \u00f6konomische Innovation erzeugt Unsicherheit \u00fcber den Wert der Dinge und \u00fcber die Normen des Zusammenlebens. Mit Werner Rammert kann man daher sagen, dass der Zusammenhang von Innovation mit dem Thema der Erneuerungsf\u00e4higkeit der Gesellschaft die \u2013 zumindest aus der Sicht der Soziologie \u2013 eigentliche Herausforderung ist. Rammert definiert \u201egesellschaftliche Innovation\u201c als ein zweistufiges Konzept, \u201edas zwischen den sachlichen Relationen von Neuerungen und den gesellschaftlichen Referenzen von Innovationen unterscheidet\u201c (Rammert 2013, S. 2). Es geht um mehr als die blo\u00df proklamierte Neuheit. Eine Gesellschaft, so Rammert, bleibt gerade wegen der tendenziell verunsichernden Effekte von Innovationen auf soziale Referenzen angewiesen, die in den neuen Techniken und digitalen Praktiken Formen der Verl\u00e4sslichkeit von Kooperation und Zusammenhalt erfahrbar und gestaltbar werden lassen.<\/p>\n<p>Zielkonflikte als Zeitkonflikte<\/p>\n<p>An dieser Stelle spielen auch ethische \u00dcberlegungen bei der Gestaltung der Bio\u00f6konomie eine Rolle. Dabei f\u00e4llt auf, dass in der gesellschaftlichen Diskussion die dabei auftretenden Konflikte bisher vor allem als Wertkonflikte zwischen unterschiedlichen Landwirtschaftssystemen zum Thema gemacht worden sind. Ein genauer Blick auf die Eigenart der Konflikte zeigt aber, dass nicht die Legitimit\u00e4t von G\u00fctern als solche zur Diskussion steht, sondern die Frage, wie diese gleichzeitig realisiert werden k\u00f6nnen. Zielkonflikte in der Bio\u00f6konomie sind im Kern nur selten Wertkonflikte, sondern zun\u00e4chst einmal Zeitkonflikte. Denn eine innovative und zugleich nachhaltige bio-basierte Wirtschaft hat es mit spezifischen Problemen der Synchronisation ganz unterschiedlicher \u201eEigenzeiten\u201c zu tun (vgl. Nowotny 1989), wie diese f\u00fcr die F\u00f6rderung der allgemein anerkannten G\u00fcter von Wohlstand, Umweltvertr\u00e4glichkeit und Gerechtigkeit charakteristisch sind: Zeiten der technischen Optimierung und der \u00f6konomischen Effizienzsteigerung konkurrieren mit naturalen und sozialen Zeiten des Wachsens und Tradierens von erstrebten G\u00fctern. In der Diskussion um die Legitimit\u00e4t der gesellschaftlichen Transformation einer bio-basierten Wirtschaft wurde dieser Eigenart der Zielkonflikte bisher zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Zwar sind im Rahmen der vom BMBF gef\u00f6rderten sozial-\u00f6kologischen Forschung FONA dazu einige Studien ver\u00f6ffentlich worden, allerdings erh\u00e4lt man diesbez\u00fcglich den Eindruck, dass diese in der Forschungsstrategie Bio\u00d6konomie 2030 vor allem ein Programm zur wachstums\u00f6konomischen Optimierung \u00f6kologischer Zeiten erblicken (Bundschuh 2012). Vor dem Hintergrund der hier gew\u00e4hlten Perspektive, welche die Gleichzeitigkeit von \u201eNachhaltigkeit\u201c und \u201eInnovation\u201c als konstruktive Gestaltungsaufgabe versteht, ist dies allerdings zu kurz gegriffen. Weil \u201eZeit\u201c sowohl eine \u00f6konomische Ressource als auch eine Kategorie des Selbsterlebens bzw. der Beobachtung naturaler Rhythmen des Lebens ist, ist eine soziale Synchronisation auf Handlungsorientierungen angewiesen, die beides \u2013 sowohl das Verf\u00fcgen von Zeit unter Knappheitsbedingungen als auch die Achtung von \u201eEigenzeiten\u201c \u2013 miteinander in ein zukunftsf\u00e4higes Verh\u00e4ltnis r\u00fccken.<\/p>\n<p>Wo Bio\u00f6konomie als gesellschaftlicher Wandel zum Thema gemacht wird, kommt es in einer ethischen Perspektive vor allem darauf an, Potenziale einer sozialen Koordination der verschiedenen sozialmoralischen Orientierungen transparent zu machen, die es erm\u00f6glichen, die Freiheits- und Gestaltungsspielr\u00e4ume zeitlicher Aktionsarten auf den Feldern von Natur, Technik und \u00d6konomie aufeinander zu beziehen. Daf\u00fcr eignet sich der Begriff des Fortschritts als temporaler Reflexionsbegriff insofern, als er seit seinem Aufkommen in der \u201eSattelzeit\u201c3 sowohl Erwartungen eines geschichtslinearen, also \u201eoffenen\u201c Zukunftsbegriffs zum Thema machte, als auch mit zyklischen Konzeptionen eines \u201enat\u00fcrlichen\u201c Kreislaufs operierte (Schlobach 1980). Insofern reflektierte der Begriff seit seinen begriffsgeschichtlichen Anf\u00e4ngen in der Aufkl\u00e4rungszeit das Zugleich von Bewahrung und Innovation, wobei f\u00fcr seine normative Verwendung allerdings der Gedanke einer \u201eoffenen Zukunft\u201c konstitutiv ist. Wie anders w\u00e4re es sonst auch moralisch denkbar, Zukunft trotz des Wissens um nichtintendierte Wirkungen des eigenen Handels innovativ gestalten zu wollen.<\/p>\n<p>In der Perspektive einer temporalen Theorie gesellschaftlicher Transformation stehen die Konzeptionen von \u201eNachhaltigkeit\u201c und \u201eInnovation\u201c in einem spannungsreichen Verh\u00e4ltnis. W\u00e4hrend das erste Konzept das Problem einer \u201eGleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen\u201c dadurch bearbeitet, dass es die Unbekanntheit der Zukunft durch die Orientierung an dem, was \u201enach-gehalten\u201c werden soll, entsch\u00e4rfen will, l\u00e4sst das Konzept der Innovation ein Mehr an Unbestimmtheit zu. W\u00e4hrend Nachhaltigkeit sich mit seiner dominanten Orientierung an naturalen Kreislauftheorien vor allem auf die bewahrende Integration neuer Forschungsans\u00e4tze im Hinblick auf die dabei in Anspruch genommenen Ressourcen fokussiert, ist mit dem Innovationsbegriff tendenziell auch die Erwartung einer biotechnologisch vermittelten Verbesserung der Effizienz des Ressourceneinsatzes verbunden, welche die naturale Basis auch zu ersetzen bzw. k\u00fcnstlich nachzuahmen erlaubt. Beide Aspekte \u2013 nat\u00fcrliche Ressourcenerhaltung und technische Innovation \u2013 m\u00fcssen deshalb gleichwohl nicht in einem Ersetzungsverh\u00e4ltnis stehen, sondern k\u00f6nnen als komplement\u00e4re Strategien der intendierten Synchronisation heterogener G\u00fcter und ihrer Eigenzeiten thematisiert werden. Von einem gesellschaftlichen Fortschritt durch die Bio\u00f6konomie kann man dann sprechen, wenn diese Komplementarit\u00e4t insgesamt so gestaltet werden kann, dass sich dabei die mit dem Begriff des Fortschritts angezeigte normative Orientierung als \u201eBesserung des Lebens\u201c einstellt.<\/p>\n<p>Vorsorge und Innovation: Zur aktuellen Diskussion der \u00c4nderung des Gentechnikgesetzes<\/p>\n<p>Dass die oben aufgef\u00fchrten grunds\u00e4tzlichen \u00dcberlegungen von aktueller Relevanz, aber auch Brisanz sind, machen die aktuellen Diskussionen um den Entwurf eines Vierten Gesetzes zur \u00c4nderung des Gentechnikgesetzes deutlich, der von der Bundesregierung am 28.11.2016 vorgelegt wurde. Nationale Anbauverbote f\u00fcr gentechnisch ver\u00e4nderte Pflanzen sind seit 2015 im EU-Recht verankert. Nun schl\u00e4gt die Bundesregierung einen Regelungsrahmen vor, um die durch die EU-Richtlinie 2015\/412 er\u00f6ffnete M\u00f6glichkeit von Anbaubeschr\u00e4nkungen oder -verboten f\u00fcr gentechnisch ver\u00e4nderte Organismen (GVO) in Deutschland nutzen zu k\u00f6nnen. Da jeder zugelassene GVO eine strenge Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung durch die Europ\u00e4ische Agentur f\u00fcr Lebensmittelsicherheit (EFSA) und die Mitgliedstaaten durchlaufen hat, kann ein sogenanntes Opt-out nach der Richtlinie nicht damit begr\u00fcndet werden, dass die Pflanze Gefahren f\u00fcr Gesundheit oder Umwelt birgt. Deshalb werden k\u00fcnftig andere, mehr oder weniger \u201esozio\u00f6konomische Gr\u00fcnde\u201c f\u00fcr eine Anbaubeschr\u00e4nkung herangezogen. Als \u201ezwingende Gr\u00fcnde\u201c sollen nach dem Entwurf \u00a7 16g (Verordnungserm\u00e4chtigungen) umweltpolitische Ziele, die Vermeidung belastender sozio\u00f6konomischer Auswirkungen, die Verhinderung des Vorhandenseins gentechnisch ver\u00e4nderter Organismen in anderen Erzeugnissen oder agrarpolitische Ziele z\u00e4hlen. Auch eine pauschale \u201eBeseitigung oder Verh\u00fctung von erheblichen Nachteilen f\u00fcr das Allgemeinwohl\u201c soll k\u00fcnftig als Ausschlussgrund z\u00e4hlen (Deutscher Bundestag 2016, S. 9). K\u00fcnftig werden also allein politische Pr\u00e4ferenzen und nicht Kriterien einer evidenzbasierten Risikobewertung \u00fcber den Anbau von GVO-Saatgut entscheiden. Freilich lie\u00df es sich die Bundesregierung nicht nehmen, im allgemeinen Teil ihrer Begr\u00fcndung auch auf die Freisetzung und das Inverkehrbringen von Organismen einzugehen, die mittels neuer Z\u00fcchtungstechniken wie CRISPR\/Cas9 erzeugt werden k\u00f6nnen. In diesem Zusammenhang wies sie im Hinblick auf die noch ausstehende bindende Entscheidung auf EU-Ebene darauf hin, dass \u201eunter Zugrundelegung des Vorsorgeprinzips und des Innovationsprinzips ein hohes Ma\u00df an Sicherheit gew\u00e4hrleistet wird\u201c (ebd. S. 16). Die Reaktionen auf diese Erweiterung des Vorsorgeprinzips durch ein \u201enicht n\u00e4her definiertes Innovationsprinzip\u201c (Bundesrat 2016, Ziff. 16, S. 11) l\u00f6sten sowohl im Bundesrat als auch bei Umweltverb\u00e4nden erhebliche Proteste aus (BUND 2016). Aber eignen sich nicht gerade die neuen Verfahren der Genom Editierung f\u00fcr ein Verst\u00e4ndnis gesellschaftlichen Fortschritts, das Nachhaltigkeit und Innovation zusammendenken will? \u00dcberall auf der Welt wird daran gearbeitet, mit diesen neuen Z\u00fcchtungsverfahren besser und schneller zu wirksamen Resistenzen gegen Pflanzenkrankheiten zu kommen. Bei vielen Kulturarten wie Weizen, Reis, Bananen, Orangen haben sich mit CRISPR\/Cas oder Talen neue M\u00f6glichkeiten er\u00f6ffnet, Pflanzen widerstandsf\u00e4higer gegen pathogene Pilze, Viren oder Bakterien zu machen. Wenn dies gelingen k\u00f6nnte, w\u00fcrden nicht nur Pflanzenschutzmittel weitgehend \u00fcberfl\u00fcssig werden, vor allem g\u00e4be es deutlich weniger krankheitsbedingte Ertragsverluste. F\u00fcr eine nachhaltige und innovative Bio\u00f6konomie k\u00f6nnten sich auf diesem Wege L\u00f6sungsstrategien f\u00fcr die Produktivit\u00e4ts- aber auch Biodiversit\u00e4tsprobleme der Landwirtschaft ergeben, die man in der Tat als gesellschaftlichen Fortschritt bewerten k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Fu\u00dfnoten:<\/p>\n<p>1) So die Forderungen von Karl Marx an die Philosophen in seiner 11. These \u00fcber Feuerbach, vgl. Marx-Engels Werke, Bd. 3, S. 5 ff.<\/p>\n<p>2) Zum Unterschied von Akzeptanz und Akzeptabilit\u00e4t vgl. z. B. acatech 2011 S. 17 ff.<\/p>\n<p>3) Vgl. zu diesem Konzept der Periodisierung Koselleck, Reinhart: Einleitung, in: Brunner, Otto \u2013 Conze, Werner \u2013 Koselleck, Reinhart (1972): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd. 1, Stuttgart, XIII-XXVII; und zum Verst\u00e4ndnis von \u201eFortschritt\u201c als geschichtsphilosophischem Begriff Ders.: Art. \u201aFortschritt\u2018 I+III-VI, in: A.a.O., Bd. 2, Stuttgart 1975, S. 351-353, S. 363-423.<\/p>\n<p>Literatur:<\/p>\n<p>acatech \u2013 Deutsche Akademie der Technikwissenschaften (2011): Akzeptanz von Technik und Infrastrukturen. Anmerkungen zu einem aktuellen gesellschaftlichen Problem (Reihe \u201eacatech BEZIEHT POSITION \u2013 Nr. 9\u201c), online unter http:\/\/tinyurl.com\/zlobwdw (zuletzt aufgerufen 26.02.2017).<\/p>\n<p>BUND (2016): Gentechnikgesetz \u2013 SPD muss Neufassung durchsetzen und Vorsorgeprinzip sch\u00fctzen, online: http:\/\/tinyurl.com\/jxlt32d (zuletzt aufgerufen am 26.02.2017).<\/p>\n<p>Bundesministerium f\u00fcr Ern\u00e4hrung und Landwirtschaft (BMEL) (2014): Nationale Politikstrategie Bio\u00f6konomie Nachwachsende Ressourcen und biotechnologische Verfahren als Basis f\u00fcr Ern\u00e4hrung, Industrie und Energie, online: https:\/\/www.bmbf.de\/files\/BioOekonomiestrategie.pdf (zuletzt aufgerufen 26.02.2017).<\/p>\n<p>Bundesministerium f\u00fcr Bildung und Forschung (BMBF) (2014): Bio\u00f6konomie als gesellschaftlicher Wandel Konzept zur F\u00f6rderung sozial- und wirtschaftswissenschaftlicher Forschung f\u00fcr die Bio\u00f6konomie, online: https:\/\/www.bmbf.de\/pub\/Biooekonomie_als_gesellschaftlicher_Wandel.pdf (zuletzt aufgerufen 26.02.2017).<\/p>\n<p>Bundesrat (2016): Stellungnahme des Bundesrates zum Entwurf eines Vierten Gesetzes zur \u00c4nderung des Gentechnikgesetzes (Drucksache 650\/16) vom 16.12.2016, online: http:\/\/tinyurl.com\/zzb9ldt (zuletzt aufgerufen am 26.02.2017).<\/p>\n<p>Deutscher Bundestag (2016): Entwurf eines Vierten Gesetzes zur \u00c4nderung des Gentechnikgesetzes (Drucksache 18\/10459) vom 28.11.2016, online http:\/\/dip21.bundestag.de\/dip21\/btd\/18\/104\/1810459.pdf (zuletzt aufgerufen am 26.02.2017).<\/p>\n<p>Bundschuh, Jana (2012): Die Ber\u00fccksichtigung sozial-\u00f6kologischer Zeit(en) in der \u201eNationalen Forschungsstrategie Bio\u00d6konomie 2030\u201c (PoNa-Paper Nr. 4), online: http:\/\/www2.leuphana.de\/pona-eu\/data\/Publikationen\/PoNa-Paper4%20Homepage.pdf (zuletzt aufgerufen 26.02.2017).<\/p>\n<p>Gottwald, Franz-Theo \u2013Kr\u00e4tzer, Anita (2014): Irrweg Bio\u00f6konomie, Berlin.<\/p>\n<p>Marx-Engels Werke (1969), Band 3, Berlin.<\/p>\n<p>Nowotny, Helga (1989): Eigenzeit. Entstehung und Strukturierung eines Zeitgef\u00fchls, Frankfurt a. Main.<\/p>\n<p>Rammert, Werner (2013): Vielfalt der Innovation und gesellschaftlicher Zusammenhalt. Von der \u00f6konomischen zur gesellschaftstheoretischen Perspektive (Technical University Technology Studies, Working Papers 2013\/1), online: https:\/\/www.ts.tu-berlin.de\/fileadmin\/fg226\/TUTS\/TUTS_WP_1_2013.pdf (zuletzt aufgerufen 26.02.2017)<\/p>\n<p>Jochen Schlobach (1980): Zyklentheorie und Epochenmetaphorik. Studien zur bildlichen Sprache der Geschichtsreflexion in Frankreich von der Renaissance bis zur Fr\u00fchaufkl\u00e4rung (Humanistische Bibliothek, Reihe I: Abhandlungen, Bd.7, hg. von Ernesto Grassi), M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltver\u00e4nderungen (WBGU) (2011): Welt im Wandel Gesellschaftsvertrag f\u00fcr eine Gro\u00dfe Transformation, online http:\/\/tinyurl.com\/jsch2va (zuletzt aufgerufen 26.02.2017).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Der Autor<\/em><\/p>\n<p><em>Dr. Stephan Schleissing<\/em><\/p>\n<p><em>Dr. Stephan Schleissing ist evangelischer Theologe und Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Bayern. Er ist Leiter des Programmbereichs \u201eEthik in Technik und Naturwissenschaften\u201c am Institut Technik-Theologie-Naturwissenschaften an der LMU M\u00fcnchen. Seine Forschungsschwerpunkte in den letzten Jahren erstreckten sich auf Fragen des Einsatzes der \u201egr\u00fcnen Gentechnik\u201c, der Rolle von Biopatenten und ihren Auswirkungen auf die Produktion von Saatgut sowie ethischer Aspekte des Einsatzes von Biomasse als Energiepflanzen. Gegenw\u00e4rtig ist er Projektleiter in dem dreij\u00e4hrigen BMBF-gef\u00f6rderten Verbundprojekt \u201eEthische, rechtliche und sozio\u00f6konomische Aspekte der Genom-Editierung in der Agrarwirtschaft\u201c. Darin untersucht er ethische Fragen des Verh\u00e4ltnisses von Wahlfreiheit und Kennzeichnungspraxis, die sich aus Anwendungsfragen der Genom Editierung stellen.<\/em><\/p>\n<p>Kontakt: http:\/\/www.ttn-institut.de; http:\/\/www.pflanzen-forschung-ethik.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit ihrer Politikstrategie Bio\u00f6konomie, die das Bundesministerium f\u00fcr Ern\u00e4hrung und Landwirtschaft (BMEL) federf\u00fchrend erarbeitete, unterst\u00fctzt die Bundesregierung seit 2013 den Wandel zu einer rohstoffeffizienten Wirtschaft, die nicht auf fossilen, sondern auf nachwachsenden Ressourcen basiert (BMEL 2014). Das Konzept ist an nat\u00fcrlichen Stoffkreisl\u00e4ufen orientiert und umfasst alle Wirtschaftsbereiche, die nachwachsende Ressourcen wie Pflanzen, Tiere sowie Mikroorganismen [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":59,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_seopress_robots_primary_cat":"","nova_meta_subtitle":"","footnotes":""},"categories":[5572],"tags":[10608],"supplier":[187,6286],"class_list":["post-41631","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bio-based","tag-biooekonomie","supplier-bundesministerium-fuer-bildung-und-forschung-bmbf","supplier-bundesministerium-ernahrung-landwirtschaft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/41631","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/59"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=41631"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/41631\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=41631"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=41631"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=41631"},{"taxonomy":"supplier","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/supplier?post=41631"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}