{"id":41459,"date":"2017-03-23T07:26:46","date_gmt":"2017-03-23T06:26:46","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=41459"},"modified":"2017-03-22T09:32:27","modified_gmt":"2017-03-22T08:32:27","slug":"fahrradhauptstadt-peking-die-bambus-biker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/fahrradhauptstadt-peking-die-bambus-biker\/","title":{"rendered":"Fahrradhauptstadt Peking &#8211; Die Bambus-Biker"},"content":{"rendered":"<p>Es sind Augenblicke wie dieser, da wei\u00df Claudio Rebuzzi: Er hat alles richtig gemacht. Alle M\u00fchen, all der Aufwand und das Risiko waren es wert.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter Nachmittag, es klopft an der T\u00fcr. Rebuzzi, Mitinhaber der wohl au\u00dfergew\u00f6hnlichsten Fahrradwerkstatt Pekings, springt auf und begr\u00fc\u00dft den Besucher: Kelvin He, Anfang drei\u00dfig, Student, m\u00f6chte ein Rad abholen. Sein Bambusrad.<\/p>\n<p>Den Rahmen hat Kelvin He vor zwei Wochen selbst gebaut. Inzwischen hat Rebuzzi f\u00fcr seinen Kunden die R\u00e4der, den Sattel und den Lenker montiert.<\/p>\n<p>Zeit f\u00fcr eine Probefahrt. Kelvin He steigt auf, tritt in die Pedale und verschwindet im Gassengewirr der Pekinger Hutongs. Als er von seiner Jungfernfahrt zur\u00fcckkehrt, tr\u00e4gt er ein seliges Grinsen im Gesicht &#8211; wie nach einer adrenalinreichen Achterbahnfahrt. Alles super, sagt er. Nur die Bremsen: irgendwie komisch. Rebuzzi, akkurat gestutzter Vollbart, Kapuzenpulli und Wollm\u00fctze, sitzt selbst auf. Kurzer Check, alles klar. Ruckeln sich ein, die Bremsen, sagt er mit Kennerblick.<\/p>\n<p>&#8220;Heutzutage kauft man ja alles&#8221;, sagt er. &#8220;Das einzige, was die Leute noch selbst zusammenbauen, sind Ikea-Regale.&#8221; Stolz streicht er \u00fcber ein Gef\u00e4hrt. &#8220;Das hier habe ich ganz allein gemacht.&#8221;<\/p>\n<p>Ikea, das ist simulierte Individualit\u00e4t. Heute gleichen sich die Wohnzimmer der Welt wie die grauen Mao-Anz\u00fcge, die in China einst die Massen trugen. Ein Bambusrad hingegen ist ein Unikat. Keines der R\u00e4der ist wie das andere. Nicht in der Form. Nicht in der Farbe. Nicht im Gewicht. Eineinhalb bis zwei Kilogramm wiegt ein Rahmen aus Bambusrohr, zehn bis elf Kilogramm das komplette Rad. &#8220;So leicht wie Aluminium&#8221;, sagt Rebuzzi. &#8220;Und was die D\u00e4mpfung angeht, k\u00f6nnen es unsere R\u00e4der locker mit Stahl aufnehmen.&#8221;<\/p>\n<p>Der wichtigste Rohstoff dieser Wundervelos w\u00e4chst in der Provinz Zhejiang, s\u00fcdlich von Shanghai: Phyllostachys reticulata &#8211; der Gro\u00dfe Holzbambus. L\u00e4sst sich leicht verarbeiten. Ein durchschnittlicher Werkzeugkasten ist alles, was man dazu braucht.<\/p>\n<p>Und ein bisschen Platz, wirklich nur ein bisschen. Kaum l\u00e4nger als eine Autogarage ist die Werkstatt von Bamboo Bicycles Beijing &#8211; und auch nicht viel breiter. Um sich darin \u00fcberhaupt bewegen zu k\u00f6nnen, schafft Claudio Rebuzzi, 29, jeden Morgen zuerst die schon fertig montierten Fahrr\u00e4der hinaus auf die Stra\u00dfe. Endlich Platz, um sich ein wenig zu bewegen. Um das Rad vielleicht nicht neu zu erfinden, aber es doch zumindest wiederzubeleben.<\/p>\n<p>Leben in China: &#8220;Ohne Wohnung und ohne Auto keine Frau&#8221;<\/p>\n<p>Denn das Fahrrad ist eine aussterbende Spezies in Peking, jener Metropole, die einst als Fahrradhauptstadt der Welt bekannt war. Vor 30 Jahren glichen ihre Stra\u00dfen einem breiten, endlosen Fluss aus Fahrradfahrern. Heute steht die Stadt im Stau. Sto\u00dfstange an Sto\u00dfstange, rund sechs Millionen Autos, notorischer Smog.<\/p>\n<p>Eigentlich spricht wenig daf\u00fcr, sich hier ein Auto zuzulegen. &#8220;Doch junge chinesische M\u00e4nner haben zwei gro\u00dfe W\u00fcnsche&#8221;, erkl\u00e4rt Rebuzzi: &#8220;Eine eigene Wohnung. Und ein eigenes Auto.&#8221; Wobei das nur Zwischenw\u00fcnsche sind. &#8220;Ohne Wohnung und ohne Auto keine Frau.&#8221; So sei das in China.<\/p>\n<p>Bamboo Bicycles Beijing, kurz BBB, ist ein kleiner Gegenentwurf zu den gro\u00dfen Gestaltungskr\u00e4ften, die Peking zu dem gemacht haben, was es heute ist &#8211; und die die Fahrr\u00e4der auf den Randstreifen der Geschichte dr\u00e4ngten, wo sie vor sich hin rosteten. Es waren jene \u00dcberreste des Radzeitalters, die das Projekt BBB zum Leben erweckten: ausrangierte R\u00e4der, die auf den Gehsteigen und in den Gassen standen, verlassen, verstaubt, verendet.<\/p>\n<p>David Chin-Fei Wang, ein junger chinesischst\u00e4mmiger Amerikaner, der seit einigen Jahren in Peking lebte, sammelte sie ein &#8211; und setzte sie neu zusammen, zu fahrt\u00fcchtigen Bikes.<\/p>\n<p>Einmal, als Wang ein Alu-Gerippe mit besonders dickem Radgest\u00e4nge aufsammelte, dr\u00e4ngte sich ihm ein naheliegender Vergleich auf: Wie \u00e4hnlich diese Rohre doch dem Bambus vor dem benachbarten Tempel sahen! Warum also nicht ein Fahrrad aus Bambus bauen?<\/p>\n<p>Ja, warum eigentlich nicht? Bald darauf strampelte Wang auf seinem ersten selbst gebastelten Bambusrad durch Peking.<\/p>\n<p>Der studierte Meeresbiologe arbeitete monatelang im Fahrradladen<\/p>\n<p>Und er wollte, was er ersonnen hatte, mit m\u00f6glichst vielen teilen. Seine Idee: Bambusrad-Workshops, in denen die Teilnehmer ihre R\u00e4der selbst bauen. Wang suchte und fand Mitstreiter. Im April 2014 stellte das Gr\u00fcppchen die BBB-Idee auf einer Crowdfunding-Plattform im Internet vor. Keine drei Wochen sp\u00e4ter war die selbst gesetzte H\u00fcrde genommen: 112 Unterst\u00fctzer hatten 15.000 US-Dollar spendiert &#8211; f\u00fcr die Ausstattung einer Werkstatt und das Material der ersten 25 Bambusr\u00e4der.<\/p>\n<p>An einer der BBB-Werkb\u00e4nke steht Rebuzzis Kollege Luo Mingning, 23, den sie alle nur Mowgli nennen, seit er die Haare mal schulterlang trug wie die Hauptfigur in Disneys Dschungelbuch-Zeichentrickfilm. Bevor Mowgli zu BBB kam, hatte er Ozeanologie studiert. &#8220;War interessant&#8221;, sagt er. &#8220;Aber nicht sooo interessant.&#8221; Zu theoretisch. Eine Uni-Laufbahn? Unvorstellbar. Nach seinem Abschluss jobbte er, kreuz und quer. L\u00e4nger als ein, zwei Monate hielt er es nirgends aus. &#8220;Es gibt so viele langweilige Jobs da drau\u00dfen&#8221;, sagt er. Eines Tages stand er in einem Fahrradladen. Fragte spontan, ob er mal ein paar Tage mitarbeiten d\u00fcrfe. Er durfte. Von zehn Uhr fr\u00fch bis zehn Uhr sp\u00e4t reparierte er Drahtesel. Er, der studierte Meeresbiologe. &#8220;Die Tage waren lang, die Bezahlung mies&#8221;, sagt Mowgli. &#8220;Es war wunderbar.&#8221;<\/p>\n<p>Ein Monat verging, noch einer, ein halbes Jahr. Mowgli dachte, zum ersten Mal: Das ist ein Job, mit dem es sich leben lasst. Er hatte es wohl noch viele weitere Monate in dem Fahrradladen ausgehalten &#8211; h\u00e4tte nicht Ende 2014 David Chin-Fei Wang den Laden betreten, der Hilfe brauchte. Beim Bambusradbauen.<\/p>\n<p>Zwei Tage dauert es, bis ein Bambusrohrrahmen fertiggestellt ist<\/p>\n<p>Im April 2017 feiert die Pekinger Bambusrad-Manufaktur ihren dritten Geburtstag. Zwischenbilanz: mehr als 400 R\u00e4der. Viele Dutzend Workshops in Peking, dazu Partnerprojekte in Shanghai, Hongkong, Guangzhou. Auch in Laos und in den USA. Die Pekinger Workshop-Teilnehmer sind, fifty-fifty, sch\u00e4tzt Rebuzzi, Einheimische und laowai &#8211; Ausl\u00e4nder also, wie er selbst.<\/p>\n<p>2014 war Rebuzzi seiner Freundin aus S\u00fcdafrika nach Peking gefolgt. Er schrieb damals f\u00fcr ein Fahrradmagazin. Als er von BBB h\u00f6rte, verabredete er sich mit David Chin-Fei Wang. Klang nach einer guten Geschichte f\u00fcr sein Magazin. Doch der Artikel erschien nie. Statt \u00fcber Bamboo Bicycles Beijing zu schreiben, wurde Rebuzzi Teil des Teams.<\/p>\n<p>&#8220;Wenn die Leute zum ersten Mal ein Bambusrad sehen&#8221;, erz\u00e4hlt er, &#8220;k\u00f6nnen sie es gar nicht fassen: dass es tats\u00e4chlich nur aus Bambus ist.&#8221; So fragil sieht es aus. So stabil ist es. Zwei Tage dauert es, bis ein Bambusrohrrahmen fertiggestellt ist. Allein das Schleifen und Schmirgeln des Leims kann zehn Stunden dauern, sagt Claudio Rebuzzi. &#8220;Aber hey, es geht auch problemlos l\u00e4nger.&#8221; Er zeigt auf einen Rahmen, bei dem die geleimten Stellen so glatt sind wie ein Babypopo. &#8220;30 Stunden&#8221;, raunt er. &#8220;Hab Hanf- statt Karbonfaser genommen. H\u00fcbsch, aber ein elendes Gefummel.&#8221;<\/p>\n<p>Rebuzzi greift nach dem Rahmen, reicht ihn her\u00fcber, ganz sachte. &#8220;Ich liebe dieses Rad&#8221;, sagt er. Wieder eine Pause. Drei\u00dfig. Stunden. Schleifen. Liebe, sie tut halt manchmal weh.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00dcber den Autor<\/p>\n<p>Rainer Kwiotek\/ Zeitenspiegel<br \/>\nMarkus Wanzeck, Jahrgang 1979, ist Reporter und Redakteur bei <a href=\"http:\/\/zeitenspiegel.de\/de\/autoren\/markus-wanzeck\/vita\/\" target=\"_blank\">Zeitenspiegel Reportagen<\/a> und Chef vom Dienst bei &#8220;natur&#8221;. Daneben schreibt er u.a. f\u00fcr &#8220;Reportagen&#8221;, &#8220;bild der wissenschaft&#8221; und &#8220;enorm&#8221;. Er ist Vorsitzender des Deutsch-Chinesischen Mediennetzwerks e.V.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es sind Augenblicke wie dieser, da wei\u00df Claudio Rebuzzi: Er hat alles richtig gemacht. Alle M\u00fchen, all der Aufwand und das Risiko waren es wert. Sp\u00e4ter Nachmittag, es klopft an der T\u00fcr. Rebuzzi, Mitinhaber der wohl au\u00dfergew\u00f6hnlichsten Fahrradwerkstatt Pekings, springt auf und begr\u00fc\u00dft den Besucher: Kelvin He, Anfang drei\u00dfig, Student, m\u00f6chte ein Rad abholen. 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