{"id":40781,"date":"2017-02-23T07:29:31","date_gmt":"2017-02-23T06:29:31","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=40781"},"modified":"2017-02-21T15:05:36","modified_gmt":"2017-02-21T14:05:36","slug":"dasselbe-in-gruen-konfliktfelder-konfliktlinien-und-alternativen-der-biooekonomie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/dasselbe-in-gruen-konfliktfelder-konfliktlinien-und-alternativen-der-biooekonomie\/","title":{"rendered":"Dasselbe in Gr\u00fcn? \u2013 Konfliktfelder, Konfliktlinien und Alternativen der Bio\u00f6konomie"},"content":{"rendered":"<p>\u201eEs gibt nicht keine Bio\u00f6konomie\u201c, hat Joachim von Braun einmal gesagt. Zu Recht, denn in irgendeiner Weise gehen Menschen immer mit den biologischen Ressourcen um. Wir brauchen Pflanzen und H\u00f6lzer, tierische Produkte und Mikroorganismen zum (\u00dcber-)leben, ob f\u00fcr Nahrung, Energie oder Medizin, f\u00fcr Textilien, chemische Grundstoffe, zum Bauen, zur Erholung. Im viel zitierten \u201eAnthropoz\u00e4n\u201c, dem \u201eMenschenzeitalter\u201c, entscheiden wir als Gattung mit vielf\u00e4ltigen globalen Wechselwirkungen dar\u00fcber, welcher dieser Funktionen die weltweit begrenzten Fl\u00e4chen dienen \u2013 und welche R\u00e4ume dem Schutz der Arten vorbehalten bleiben.<\/p>\n<p>Die Schl\u00fcsselfrage l\u00e4ngst nicht mehr nur der Zukunft, sondern der Gegenwart ist, wie wir das tun: So wie bisher, also \u00f6kologisch r\u00fccksichtslos im kurzfristigen Nutzungsinteresse derjenigen, die Zugriff auf alle Ressourcen haben \u2013 oder als Projekt nachhaltigen Wirtschaftens f\u00fcr alle? Und im zweiten Falle: Was ist dann nachhaltig und was nur Rhetorik? Oder: Wie gr\u00fcn ist gr\u00fcn? Ziel dieses Beitrags ist, dieses Spannungsfeld kritisch zu skizzieren. Doch ehe ich darauf konkreter eingehe, noch ein paar Worte zum gr\u00f6\u00dferen politischen Rahmen.<\/p>\n<p>Nachhaltigkeit ist heute der universelle Ziel-Konsens, national wie global, bei Umweltsch\u00fctzern wie in der Industrie. Das gilt sp\u00e4testens, seit die Vereinten Nationen die 17 \u201eSustainable Development Goals\u201c beschlossen haben. Aber das hei\u00dft eben noch lange nicht, dass alles, was sich nachhaltig nennt, die geforderten \u00f6kologischen, sozialen und \u00f6konomischen Anspr\u00fcche auch erf\u00fcllt. Der Sprachwissenschaftler Uwe P\u00f6rksen spricht bereits von einem \u201ePlastikwort\u201c; einem jener Begriffe also, deren urspr\u00fcngliche politische Sprengkraft zum Scheinkonsens dekonstruiert wurde, die dabei aber als inhaltsleere Projektionsfl\u00e4che politisch hoch wirksam das Engagement f\u00fcr einen tiefer gehenden Wandel marginalisieren. Trotz oder wegen dieser Unklarheit des Begriffs, aber vor allem als Folge der sich zuspitzenden \u00f6kologischen Krisen wird die Kontroverse um die Nachhaltigkeit intensiver. Nachhaltigkeit r\u00fcckt vom Rand der Fachwelt ins Zentrum breiter Debatten.<\/p>\n<p>Dabei ist die Bio\u00f6konomie als Teil der Nachhaltigkeitsstrategien eines der brisantesten Streitfelder. Denn ihre Herausforderung ist gigantisch: Wie sollen mehr Menschen bei schwindenden Ressourcen wie Wasser und Boden mit allem so versorgt werden, dass zugleich der Klimawandel bek\u00e4mpft wird und auch k\u00fcnftige Generationen noch genug zum Leben haben? Und w\u00e4hrend sich die Bio\u00f6konomie mit wachsender Konjunktur als wissenschaftliches Forschungsfeld, Innovations- und L\u00f6sungsansatz zur verantwortlichen Nutzung nat\u00fcrlicher Ressourcen anbietet; w\u00e4hrend Regierungen von China, den USA und der EU bis nach S\u00fcdafrika die Bio\u00f6konomie mit eigenen Strategien und Forschungsprojekten vorantreiben, h\u00e4ngt sie zugleich unmittelbar von den begrenzten \u00f6kologischen Systemen ab, gestaltet sie diese um, konstruiert sie k\u00fcnftig mit Instrumenten aus dem Baukasten der Synthetischen Biologie wom\u00f6glich neu. Und k\u00f6nnte am Ende, wenn der politische Rahmen nicht stimmt, die \u00dcbernutzung noch forcieren.<\/p>\n<p>Diese Vielgesichtigkeit spiegelt sich bereits in den Deutungen des Bio\u00f6konomie-Begriffs, die sich im Lauf der Jahre st\u00e4ndig ver\u00e4ndert haben, die einander teils radikal widersprechen und dennoch nebeneinander fort existieren:<\/p>\n<p>In den 80er Jahren definierte der Wirtschaftswissenschaftler Nicholas Georgescu-Roegen etwa zeitgleich mit dem Bericht des Club of Rome Bio\u00f6konomie als \u00d6konomie der Bescheidenheit innerhalb der biophysikalischen Grenzen.<br \/>\nSeit den 90ern wollten neue Protagonisten aus den Biowissenschaften mit Hilfe biologischer Ressourcen fossile Energiequellen ersetzen, und das vor allem mit Hilfe gentechnischer Optimierung; ein Projekt, dessen gro\u00dfe Verhei\u00dfungen von D\u00fcrreresistenzen bis zu angereicherten Nahrungs- und Medizinpflanzen ausgeblieben sind.<br \/>\nSeit Beginn des Jahrtausends soll die beschleunigte Entwicklung und Verschmelzung von Big Data und Big Biotech die M\u00f6glichkeiten vermehren, durch neue Z\u00fcchtungsverfahren, Pr\u00e4zisionslandwirtschaft, hoch wirksame Biokatalysatoren und biosynthetisch erzeugte Produkte wie Fleischersatz biologische Ressourcen \u201ewissensbasiert\u201c ertragreicher zu machen und effizienter zu nutzen.<br \/>\nMittlerweile kommt zu dieser angestrebten effizienteren Nutzung der biologischen Ressourcen das Bem\u00fchen um eine Kreislaufwirtschaft hinzu, die helfen soll, unsere Konsumgesellschaft auf der Grundlage erneuerbarer Energien und erneuerbarer Ressourcen aufrecht zu erhalten; ja, sie mit neuen, attraktiveren Bioprodukten auszuweiten. Bio\u00f6konomie soll \u00fcberdies mit neuen Wertsch\u00f6pfungs- und Logistikketten Ressourcen einsparen und Arbeitspl\u00e4tze in l\u00e4ndlichen Regionen sichern. Aus einer \u00d6konomie der Begrenzung wird so das Gegenteil: eine \u2013 wenn auch gr\u00fcne \u2013Wachstumsstrategie.<br \/>\nBesonders der Bio\u00f6konomierat betont mit Blick auf die Forschung, dass bei all dem auch die internationalen Handels- und Stoffstr\u00f6me in den Blick genommen werden sollen. Er will \u00fcberdies die Ern\u00e4hrungs- und Konsumgewohnheiten ver\u00e4ndern, damit nicht nur die Effizienz der Produktion gesteigert, sondern auch der Verbrauch insgesamt nachhaltig ver\u00e4ndert oder beschr\u00e4nkt wird.<\/p>\n<p>Diese Vielfalt ist f\u00fcr Kritiker der Bio\u00f6konomie ein Beleg f\u00fcr \u00dcberkomplexit\u00e4t und Beliebigkeit. Sie fragen: Wie relevant und wie sinnvoll ist dann der ganze Ansatz? Paradoxe Antwort: Kommt drauf an, was man darunter versteht\u2026<\/p>\n<p>Mir scheint der Mehrwert in jenem Ziel zu bestehen, das auch der deutsche Bio\u00f6konomierat (ein wissenschaftliches Beratergremium der Bundesregierung) immer wieder betont: Koh\u00e4renz zu suchen, also die Vielfalt der Ziele, Ideen und Nutzungspraktiken f\u00fcr biologische Ressourcen zusammenzudenken. Ein solcher Systemansatz fehlte bisher. Dabei kann man die Risiken und m\u00f6glichen Fehlentwicklungen der Bio\u00f6konomie nur vermeiden, wenn man ihre Widerspr\u00fcche und Zielkonflikte in den Blick nimmt.<\/p>\n<p>Womit ich beim eigentlichen Thema dieses Beitrags angekommen w\u00e4re: den Konfliktfeldern und -linien. Die wichtigsten darunter sollen nun in zehn Skizzen beschrieben werden.<\/p>\n<p>1 Macht vs. Ohnmacht bei der Konkurrenz um Fl\u00e4chen<\/p>\n<p>Bio\u00f6konomie wird zwar nicht mehr allein als Nutzung von Biomasse verstanden, sie geht, wie geschildert, heute weit dar\u00fcber hinaus. In den meisten Strategien wird zudem immer wieder betont, dass man k\u00fcnftig vor allem Abf\u00e4lle aus der Agrar- oder Lebensmittelproduktion hoch effizient verarbeiten wolle. Dennoch wird die Nachfrage nach pflanzlichen Rohstoffen steigen, wenn immer mehr Produkte, chemische Grundstoffe, Werk- und Baustoffe biologisch erzeugt werden sollen \u2013 und dann erh\u00f6ht sich der Druck auf die Fl\u00e4chen, auf denen Biomasse wachsen kann.<\/p>\n<p>Das Problem kam schon mit den ersten Gro\u00dfversuchen der Bio\u00f6konomie auf, Biosprit und Bioenergie (\u201eTeller-Tank-Debatte\u201c). Zwar haben verschiedene politische Weichenstellungen in Br\u00fcssel und auch auf nationaler Ebene den Hype um Palm\u00f6l, Zuckerrohr und \u201eMaisw\u00fcsten\u201c ein wenig verlangsamt. Aber besonders Biodiesel aus Palm\u00f6l f\u00fchrt nach wie vor zur \u00dcbernutzung von W\u00e4ldern in Asien und Afrika. Und wenn der \u00d6lpreis und die \u00d6lnachfrage in Zukunft wieder steigen sollten oder die Klimapolitik konsequenter wird, dann k\u00f6nnte sich auch die Suche nach Bioersatz wieder beschleunigen und damit der Run auf die \u00c4cker der Welt. Dabei bef\u00f6rdert die Konkurrenz um Nahrungsmittel die weltweiten Landnahmen ohnehin.<\/p>\n<p>Laut der \u201eLand Matrix\u201c haben ausl\u00e4ndische Investoren bereits 42 Millionen Hektar erworben, bei 20 Millionen weiteren stehen die Entscheidungen aus. Projekte \u00fcber 7 Millionen Hektar sind gescheitert. In den gr\u00f6\u00dften Ziell\u00e4ndern (Ukraine, Russland, Brasilien, S\u00fcdostasien) sollen vor allem Monokulturen f\u00fcr Futtermittel und Energie angebaut werden. Neuerdings richtet sich das Hauptaugenmerk auf Afrika.<\/p>\n<p>Nicht alle Investitionsprojekte sind kritisch zu beurteilen. Entwicklungspolitiker haben immer gefordert, dass Geldgeber aus reichen L\u00e4ndern die \u00e4rmeren mit Investitionen in die Landwirtschaft unterst\u00fctzen. Es gibt auch verantwortungsvolle Projektierer, die sich um Kooperation bem\u00fchen, und um L\u00f6sungen, die auch der lokalen Bev\u00f6lkerung zugutekommen.<\/p>\n<p>Aber laut der Land-Matrix sind bei mehr als einem Drittel der Landgesch\u00e4fte Fl\u00e4chen involviert, die Kleinbauern geh\u00f6ren. Deren Interessen w\u00fcrden in vielen F\u00e4llen schlicht ignoriert. Es komme zu Vertreibungen, gerade die \u00e4rmsten Gemeinschaften und indigene V\u00f6lker verl\u00f6ren von Brasilien \u00fcber Uganda bis Kambodscha ihre Existenz. Die Autoren der Studie sehen einen \u201ehohen Handlungsbedarf\u201c, um solchen \u00dcbergriffen politisch vorzubeugen. Zumal mit den Konflikten um Fl\u00e4chen h\u00e4ufig auch noch Verteilungsdramen um Wasser zusammenh\u00e4ngen. Deutschland steht auf einer globalen Liste von Nettoimporteuren aus wasserknappen Gebieten auf dem dritten Platz.<\/p>\n<p>Food First, das fordern zwar unisono alle, die \u00fcber Bio\u00f6konomie reden. Aber wie diese Priorit\u00e4tensetzung langfristig gew\u00e4hrleistet werden soll, ist bislang unklar bzw. kontrovers. Ein erster Schritt \u201eLandgrabbing\u201c zu verhindern, sind die Voluntary Guidelines des Weltern\u00e4hrungskomittees. Deren Umsetzung ist jedoch noch nicht die Regel. Und sie sind eben freiwillig, also nicht einklagbar.<\/p>\n<p>Landkonflikte sind auch in Deutschland, ja ganz Europa ein brisantes politisches Thema. Der Anstieg der Boden- und Pachtpreise f\u00fchrt hierzulande zwar nicht zur Vertreibung von Kleinbauern, aber doch zu einer Beschleunigung des Strukturwandels, sprich: dem Verschwinden gewachsener H\u00f6fe. Wenn aber die Zahl der Akteure in der Landwirtschaft sinkt, dann ist das nicht nur f\u00fcr die regionale Kultur bedauerlich, sondern auch ein riskanter Verlust von kreativer Vielfalt und Fehlerfreundlichkeit.<\/p>\n<p>2 Export vs. lokale Nutzung von Biomasse<\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig von der Konkurrenz um Land verst\u00e4rkt die Bio\u00f6konomie auch die Kontroverse, ob der Handel mit Biomasse in \u00e4rmeren L\u00e4ndern einen Entwicklungsfortschritt bewirkt. Die Frage muss wohl jeweils im Einzelfall beantwortet werden. Aber Kritiker bef\u00fcrchten eine Perpetuierung jahrhundertealter Abh\u00e4ngigkeiten afrikanischer, asiatischer oder s\u00fcdamerikanischer L\u00e4nder vom Export agrarischer Rohstoffe; damit eine Blockade ihrer \u00f6konomischen Diversifizierung und des Aufbaus stabiler Binnenm\u00e4rkte. Die Welthungerhilfe hingegen sieht f\u00fcr einige L\u00e4nder durchaus Chancen, mit dem Export von Biomasse Grundlagen f\u00fcr ihre Modernisierung zu schaffen. Freilich nur, wenn klare Menschenrechtsstandards eingehalten werden. Daf\u00fcr hat die Organisation in Zusammenarbeit mit dem Bonner Zentrum f\u00fcr Entwicklungsforschung einen Vorschlag vorgelegt (<a href=\"http:\/\/tinyurl.com\/zjtotkc\" target=\"_blank\">http:\/\/tinyurl.com\/zjtotkc<\/a>).<\/p>\n<p>3 Naturschutz vs. Landwirtschaft \/ Klimaschutz vs. Artenschutz<\/p>\n<p>Biodiversit\u00e4t gegen\u00fcber der Ausbreitung land- und forstwirtschaftlich genutzter Fl\u00e4chen zu verteidigen und damit langfristige gegen kurzfristige Ziele. Das ist ein alter Konflikt zwischen Natursch\u00fctzern, Bauern und F\u00f6rstern. Auch dieser Zwist kann sich zuspitzen, wenn die Nachfrage in der Bio\u00f6konomie w\u00e4chst. Beispiele: Schnell wachsende H\u00f6lzer oder komplexer Mischwald? Soja- und Palm\u00f6lanbau ausweiten oder Regenw\u00e4lder erhalten? Bioenergiepflanzen anbauen oder Moore wieder vern\u00e4ssen? Dabei lebt die Bio\u00f6konomie letztlich selbst von der Vielfalt der Arten.<\/p>\n<p>Der Interessengegensatz betrifft auch die Vielfalt auf dem Acker und er hat \u00e4sthetische Dimensionen. Bei den Debatten um Biogas und Biosprit stand von Mecklenburg-Vorpommern bis Niederbayern am Anfang weniger die Untauglichkeit der Treibstoffe erster Generation f\u00fcr den Klimaschutz in der Kritik als die Monotonisierung eines vielf\u00e4ltigen Landschaftsbildes, dem man sich zugeh\u00f6rig f\u00fchlte. Kulturlandschaften werden sich durch die Ausbreitung von Windkraft- und Solaranlagen k\u00fcnftig ohnehin einschneidend ver\u00e4ndern. Plus Biogasanlagen, plus neue Bioraffinerien? Besonders die Br\u00fcsseler Kommission zielt mit ihrer Bio\u00f6konomiestrategie auf eine neue Industrialisierung l\u00e4ndlicher R\u00e4ume, die Arbeitspl\u00e4tze schaffen soll. Ein EU-Spot bringt das auf den Punkt. Man sieht sch\u00f6ne Naturbilder, dazu der Kommentar: \u201eDie Leute hier m\u00fcssen auch noch leben k\u00f6nnen, wenn die Touristen weg sind\u201c. Doch das k\u00f6nnte an Akzeptanzgrenzen sto\u00dfen.<\/p>\n<p>4 Chemische vs. stoffliche vs. energetische Nutzung<\/p>\n<p>Die stoffliche Nutzung, oder jene f\u00fcr chemische Produkte ist meist effizienter als die energetische. Dennoch wurden und werden politisch teils noch immer vor allem Biosprit, Biogas und Pellets gef\u00f6rdert. Derzeit spielen solche Nutzungskonkurrenzen kaum eine Rolle, aber auch das kann sich schnell \u00e4ndern, sobald die \u00d6lpreise wieder steigen oder politische Krisen die Unabh\u00e4ngigkeit von fossilen Ressourcen verst\u00e4rken und deshalb biologische Grundlagen interessanter werden. Auch Abf\u00e4lle sind umk\u00e4mpft, etwa Stroh, das als Ausgangsstoff f\u00fcr Biosprit der zweiten Generation dienen soll. Ein L\u00f6sungsansatz der Bio\u00f6konomie ist daher die sogenannte Kaskadennutzung, bei der Biomasse erst stofflich, dann chemisch und nur zu allerletzt energetisch genutzt werden soll. Doch sie ist eher ein Versprechen als g\u00e4ngige Praxis. Mit Ausnahme der Holzwirtschaft fehlen daf\u00fcr noch gute Beispiele, Regeln und Anreize.<\/p>\n<p>5 High-Tech-Intensivierung vs. Agrar\u00f6kologie als Innovationsstrategie der Landwirtschaft<\/p>\n<p>Bio\u00f6konomie umfasst, wie beschrieben, die unterschiedlichsten Branchen. Doch in ihrem Zentrum steht nach wie vor die Landwirtschaft. Sie muss sich dringend erneuern, weil die alten Instrumente der Intensivierung, Monokulturen, Pestizide und Kunstd\u00fcnger an ihre Grenzen sto\u00dfen; Grenzen der Akzeptanz, aber mittlerweile auch schon Grenzen der Wirksamkeit. Es gilt also weitgehend ohne deren Hilfe mehr zu produzieren und dabei zugleich Wasser, Boden und Klima zu schonen.<\/p>\n<p>Eine digital gest\u00fctzte Pr\u00e4zisionslandwirtschaft, wie sie derzeit von Regierungen, Politik und Agrarindustrie mit Vehemenz vorangetrieben wird, kann eine Chance sein, um der komplexen Herausforderung zu begegnen. Satellitendaten, Computerprogramme und individuell zusammengestellte Betriebsmittelpakete sollen dazu beitragen, dass weniger Wasser, D\u00fcnger und Pestizide gezielter eingesetzt werden. Landwirte bezahlen dann mehr f\u00fcr Wissen und weniger f\u00fcr Agrarchemie. Aber diese einzusparen, bedeutet noch keine Umstellung von Monokulturen; den Boden zu schonen baut noch keinen Humus neu auf. Die Betriebsmittel zu reduzieren, reicht also allein noch nicht aus. Deshalb scheint mir die Aufmerksamkeit f\u00fcr diese High-Tech-Innovationspakete zumindest \u00fcberproportional.<\/p>\n<p>Konsequenter ist auf der anderen Seite der Debatte der agrar\u00f6kologische Ansatz. Er umfasst mehrere Konzepte, deren gemeinsamer Nenner ein gr\u00f6\u00dferer Fokus auf die Erneuerung des Bodens ist sowie eine Bewegung weg von der Rohstoffproduktion einzelner Kulturen in Richtung einer Landwirtschaft nach dem Gartenprinzip. Dazu geh\u00f6ren:<\/p>\n<p>eine Vielfalt von Produkten auf dem Acker, die sich gegenseitig unterst\u00fctzen und Ernten zu unterschiedlichen Zeiten erm\u00f6glichen<br \/>\nmehr Abwechslung in den Fruchtfolgen<br \/>\nAgroforstsysteme<br \/>\nPermakultursysteme<br \/>\n\u201eTerra Preta\u201c und andere Systeme des Humusaufbaus im Kreislauf vom Abfall zum neuen Nahrungsmittel<br \/>\nRegenerative Landwirtschaft (\u201eregenerative agriculture\u201c), also das Bem\u00fchen um maximale Kohlenstoffbindung, z. B. durch tief wurzelnde Gr\u00e4ser<\/p>\n<p>Diese und weitere Formen der Intensivierung sind besonders geeignet f\u00fcr Entwicklungsl\u00e4nder. Denn sie erm\u00f6glichen auch armen Kleinbauern Ertragssteigerungen, ohne dass sie hohe Investitionskosten aufbringen m\u00fcssen. Zugleich werden \u00d6kosystemdienstleistungen erhalten und verbessert, die Widerstandsf\u00e4higkeit gegen\u00fcber dem Klimawandel ist gr\u00f6\u00dfer. Allerdings brauchen Bauern bei diesen Systemen viel Beratung bzw. Austausch untereinander. Sie m\u00fcssen auch noch umfassend erforscht werden, denn diese Fragestellungen wurden lange eher vernachl\u00e4ssigt.<\/p>\n<p>High-Tech und Gartenprinzip m\u00fcssen kein Widerspruch sein. Die harte Landarbeit wird oft romantisiert. Mini-Roboter k\u00f6nnen auch im Bioanbau die Bearbeitung von Hangfl\u00e4chen oder den Mischanfruchtanbau erleichtern. M\u00f6glicherweise werden Technologien der Pr\u00e4zisionslandwirtschaft k\u00fcnftig in \u00e4hnlicher Weise billiger, dann w\u00e4ren sie auch f\u00fcr Kleinbauern erschwinglich.<\/p>\n<p>Aber derzeit besteht eher die Sorge, dass der neue Technologieschub den Konzentrationsprozess in der Landwirtschaft weiter bef\u00f6rdert. Die Konzerne wollen ja jeden einzelnen Bauern mit seinem Acker individuell adressieren, und Vorspr\u00fcnge erobert, wer \u00fcber Kapital f\u00fcr Maschinen und Programme verf\u00fcgt. Das gilt erst recht in Entwicklungsl\u00e4ndern. Dort scheitern selbst einfache Marktinformationen auf dem Handy oft noch daran, dass Bauern nicht lesen k\u00f6nnen und kein Geld f\u00fcr Kontenbewegungen haben oder dass Transportmittel fehlen, um gr\u00f6\u00dfere Ernten zu den M\u00e4rkten zu bringen. Profitieren w\u00fcrden also auch im S\u00fcden vor allem jene, die schon mehr besitzen und in von der Natur beg\u00fcnstigteren Regionen leben.<\/p>\n<p>Letztlich geht es bei den neuen digital begr\u00fcndeten Produktionssystemen au\u00dferdem nicht nur um Nachhaltigkeit, sondern auch um Rationalisierung. Technik soll Arbeit ersetzen. Aber in vielen Entwicklungsl\u00e4ndern finden die Menschen, die ihre H\u00f6fe verlassen, in den St\u00e4dten nicht die alternativen Jobangebote wie die Bauern seinerzeit w\u00e4hrend der Industrialisierung in Europa. Folglich ist eine Schl\u00fcsselfrage an die bio\u00f6konomischen Innovationen: Wie k\u00f6nnen Abermillionen von Kleinbauern so unterst\u00fctzt werden, dass die Vielfalt ihrer Produktions- und Sozialstrukturen erhalten bleibt und Arbeitsm\u00f6glichkeiten im l\u00e4ndlichen Raum geschaffen werden?<\/p>\n<p>6 \u201eNeonatur\u201c vs \u201eNat\u00fcrlichkeit\u201c<\/p>\n<p>Wie gesagt: Fortschritte bei Big Data und Big Biotech sind die wohl dynamischsten Treiber der Bio\u00f6konomie. Sie werden als Schl\u00fcsselinnovationen angesehen, f\u00fcr Pharmaindustrie, Medizin, Pflanzenz\u00fcchtung, effizientere Produktionsprozesse, Materialforschung, Biospritforschung und vieles andere mehr. Die Euphorie ist gro\u00df, besonders in China und in den USA. Da flie\u00dft viel Geld in Start-ups, die sich alle als gr\u00fcne Weltretter verstehen.<\/p>\n<p>Von \u201ek\u00fcnstlichen\u201c Tieren, Pflanzen und Organismen, die \u201eGen-Ingenieure\u201c an Computer entworfen und aus DNA-Bausteinen zusammenmontieren, sind wir zwar noch weit entfernt. Doch in China br\u00fcstet man sich bereits, menschliche Organe zur Transplantation in Schweinen oder gleich im Labor wachsen lassen zu k\u00f6nnen. In den USA sind die ersten Champignons auf dem Markt, die mit Genomeditierung gez\u00fcchtet wurden. Forscher planen Freisetzungsexperimente mit Insekten, denen durch \u201eGene Drive\u201c vererbbar neue Eigenschaften beigebracht oder unerw\u00fcnschte entfernt wurden. Da er\u00f6ffnen sich also ganz neue Manipulationsm\u00f6glichkeiten, und die Debatte \u00fcber deren m\u00f6gliche Nebenwirkungen steht erst am Anfang. Sie wird auch unter Protagonisten der Bio\u00f6konomie kontrovers gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Solche Verfahren als \u201eunnat\u00fcrlich\u201c zu bezeichnen, mag zu einfach klingen. Menschen haben \u00d6kosysteme seit jeher beeinflusst und die Gestalt der Natur ver\u00e4ndert. Die Phantasien, die Forscher mit der Synthetischen Biologie verbinden, scheinen jedoch diese sonst etwas schlichte Begrifflichkeit zu rechtfertigen. Designer-Organismen dehnen die Grenzen des \u201eNat\u00fcrlichen\u201c auf neue Weise aus.<\/p>\n<p>In der breiteren \u00d6ffentlichkeit weckten bislang vor allem die Technologien des Genome Editing Aufmerksamkeit, und darunter besonders CrisprCas. Das Verfahren gilt als billig, pr\u00e4zise und daher risikoarm. In der Pflanzenz\u00fcchtung ist durchaus m\u00f6glich, dass die Beschleunigung des \u201eTrial-and-Error-Prinzips\u201c durch die neuen gentechnischen Verfahren schneller erforderliche Z\u00fcchtungsziele erreicht. Aber auch begeisterte Mikrobiologen sagen, dass sie die Risiken noch nicht einsch\u00e4tzen k\u00f6nnen. Bei allem, was in die Natur entlassen wird, werden die neuen GMO deshalb auf alte Bedenken sto\u00dfen.<\/p>\n<p>Derzeit fokussiert sich die Auseinandersetzung auf die Frage, ob und wie die neuen Z\u00fcchtungstechnologien nach dem Gentechnikrecht reguliert werden m\u00fcssen. Die Saatgutkonzerne argumentieren, ihre Eingriffe seien viel pr\u00e4ziser als die alten Methoden und teils in den Produkten gar nicht mehr identifizierbar; deshalb sei das Gentechnikrecht nicht relevant. Dagegen meinen Umweltsch\u00fctzer, die Verfahren seien noch zu neu, um ihre Risiken einsch\u00e4tzen zu k\u00f6nnen; deshalb m\u00fcssten sie nach dem europ\u00e4ischen Vorsorgeprinzip den gleichen strengen Zulassungspr\u00fcfungen unterliegen wie die bisherigen GVO. Die EU-Kommission hat die Kl\u00e4rung der brisanten Frage mehrmals verschoben; derzeit liegt sie dem Europ\u00e4ischen Gerichtshof vor. Vermutlich wird es am Ende unterschiedliche Einordnungen unterschiedlicher Verfahren geben.<\/p>\n<p>Angesichts der enormen \u00f6kologischen Herausforderungen ist aber nicht nur die Risikodebatte und \u2013forschung relevant, sondern auch die Risikoabw\u00e4gung. Entscheidend k\u00f6nnte deshalb k\u00fcnftig sein, welche Frage man an die neuen Technologien stellt, also welche Probleme sie l\u00f6sen k\u00f6nnten und ob es dazu Alternativen gibt. Beispielsweise gilt ein Gro\u00dfteil der Kritik an den g\u00e4ngigen GVOs eher dem Einsatz von Unkraut- und Insektenvernichtungsmitteln, den sie systematisch perpetuieren und der \u2013 wie vorausgesagt \u2013 zu immer schwerer beherrschbaren Resistenzbildungen gef\u00fchrt hat. In einigen Regionen der USA j\u00e4ten die High-Tech-Bauern wider mit der Hand. Auf den Einsatz von GVO in der Medizin oder einer umweltschonenderen Produktion hingegen haben sich Bef\u00fcrworter und Kritiker verst\u00e4ndigen k\u00f6nnen, wenn sie in geschlossenen Systemen geschieht.<\/p>\n<p>Das vielleicht gr\u00f6\u00dfte Risiko der \u201eSynbio\u201c-Forschung k\u00f6nnte in ihrem mechanistischen Denken liegen, so wie es der amerikanische Biotechnologe und Unternehmer Craig Venter mit dem Satz dokumentiert: \u201eDas Leben ist ein Software-Programm\u2026\u201c. Viele Versprechungen erinnern an jene der alten Gentechnik aus den 90er Jahren, ja sie klingen nach Hybris. Es gehe nicht mehr darum, was der Mensch von der Natur lernen k\u00f6nne, sagte beispielsweise ein Experte in einem Bundestagshearing, sondern darum, was die Natur vom Menschen lernen k\u00f6nne. Doch die Natur ist ungleich komplexer als die DNA-Montage. Wegen dieser Komplexit\u00e4t und auch der Nichtvorhersehbarkeit biologischer Systeme k\u00f6nnten am Ende auch die Erfolge erneut ausbleiben oder zumindest deutlich weniger spektakul\u00e4r ausfallen als angek\u00fcndigt, meint der Philosoph und Biologe Andreas Weber. Er warnt deshalb nicht nur vor m\u00f6glichen Sch\u00e4den in den \u00d6kosystemen, sondern auch vor Fehlinvestitionen von Forschungsgeldern: \u201eDa wird viel Zeit und Energie investiert und Geld aus dem Fenster geschmissen werden\u2026\u201c.<\/p>\n<p>7 Zentralit\u00e4t vs. Dezentralit\u00e4t<\/p>\n<p>Bio\u00f6konomische Forschungsstrategien sind nicht identisch mit der Realit\u00e4t ihrer Wirtschaftsfelder. Da geht es nicht nur um hehre Ziele, sondern auch um \u00f6konomische Macht. Hoch bedenklich ist daher die Konzentrationswelle, die gerade das Agrobusiness \u00fcberrollt. Die geplante Fusion von Bayer und Monsanto w\u00fcrde den weltgr\u00f6\u00dften Agrochemiemulti schaffen, auf einem Markt, wo ohnehin nur noch sechs Konzerne drei Viertel der Agrochemie und 60 Prozent des kommerziellen Saatgutangebots beherrschen; beziehungsweise f\u00fcnf, nachdem Syngenta bereits mit Chemchina und Dow mit Dupont zusammengegangen sind. Mit dieser enormen Marktmacht steigt die Gefahr, dass sich Irrt\u00fcmer des Managements global potenzieren \u2013 und Landwirte in Abh\u00e4ngigkeit von wenigen Anbietern geraten.<\/p>\n<p>Bef\u00f6rdert wird diese Abh\u00e4ngigkeit noch dadurch, dass Patentierbarkeit als Schl\u00fcsselmotiv dieser Form der Bio\u00f6konomie gilt. Im Pharmasektor wie bei GVO hat sich gezeigt, dass viele Patente in der Hand weniger Unternehmen tendenziell die Preise erh\u00f6hen. Der Machtfaktor multipliziert sich, wenn sich die Agrarkonzerne zu Anbietern von Wissenspaketen um- und ausbauen; Runduml\u00f6sungen, die Klimadaten, Landmaschinen, Saatgutsorten, Agrochemie oder biologische Mittel und am Computer berechnete Vorschl\u00e4ge f\u00fcr Anbausysteme gemeinsam verkaufen.<\/p>\n<p>Nicht zuletzt haben sie auch noch die Mittel in der Hand, um den Diskurs zu beherrschen. Wer bestimmt, was nachhaltig ist? Wenn es k\u00fcnftig die Konzerne tun: was legitimiert sie dazu? Wie bleiben zumindest R\u00e4ume f\u00fcr andere Produktionsformen erhalten? Auch das sind offene Fragen der Bio\u00f6konomie.<\/p>\n<p>8 Technologische vs. soziale Innovationen<\/p>\n<p>Technologische Innovationen stehen bei der Bio\u00f6konomie noch immer deutlich st\u00e4rker im Zentrum des Interesses als der notwendige soziale Wandel bzw. die Arbeit an neuen Wirtschaftsmodellen. Zwar hat der Bio\u00f6konomierat in Deutschland die Palette der Themen und Forschungsans\u00e4tze erweitert. Auch Teile des Bundesforschungsministeriums und einige Ministerien der L\u00e4nder werden sensibler f\u00fcr sozialwissenschaftliche und \u00f6konomische Fragestellungen. Doch gerade weil private Unternehmen daran meist kein Interesse haben, m\u00fcssten staatliche Geldgeber sie als Aufgabe der \u00f6ffentlichen Forschung noch viel st\u00e4rker priorisieren.<\/p>\n<p>Ein Beispiel daf\u00fcr ist die Bek\u00e4mpfung des Hungers: Die Verschwendung von Lebensmitteln auf allen Ebenen einzud\u00e4mmen ist zumindest auf mittlere Frist der deutlich wirkungsvollere Hebel als Produktionssteigerungen mit Technologien, die sich erst noch bew\u00e4hren m\u00fcssen. Ein anderes Beispiel: die Kreislaufwirtschaft. Biologische Abf\u00e4lle als Ressourcen zu nutzen, industrielle Symbiosen und Kaskadennutzung zu f\u00f6rdern, erfordert mindestens so sehr wie neue Technologien auch die Kommunikation und Kooperation zwischen Branchen und Kommunen. Wie l\u00e4sst sie sich organisieren? Oder letztes Beispiel: Mit viel Geld wird seit Jahrzehnten die K\u00fcnstliche Photosynthese gef\u00f6rdert, als erhofftes Perpetuum Mobile der Energiesicherheit. Doch neue Mobilit\u00e4tssysteme oder Konsumanreize f\u00fcr langlebige Produkte erfuhren, obwohl sie einfacher umsetzbar w\u00e4ren, kaum Aufmerksamkeit.<\/p>\n<p>Soziale Aspekte gewinnen sogar noch an Bedeutung, wenn neue Technologien in die ganz anderen Kulturen und Gesellschaften anderer L\u00e4nder eingef\u00fchrt werden sollen.<\/p>\n<p>9 Forschungsfreiheit vs. Mitsprache bei der Forschungspolitik<\/p>\n<p>Wohin staatliche Mittel flie\u00dfen, wird in hohem Ma\u00dfe davon bestimmt, wie sich die Gesellschaft in Zukunft entwickel wird. Aber bislang sind solche Entscheidungen kaum Gegenstand \u00f6ffentlicher Debatten. Daf\u00fcr gibt es plausible Gr\u00fcnde, allen voran das hohe Gut der Forschungsfreiheit. Aber die Abh\u00e4ngigkeit von staatlichen oder privaten Drittmitteln hat diese Freiheit in vielen Bereichen l\u00e4ngst untergraben. In der Bev\u00f6lkerung herrscht auch deshalb wachsende Skepsis gegen\u00fcber der Wissenschaft.<\/p>\n<p>Die Diskussion dar\u00fcber, dass eine gr\u00f6\u00dfere Vielfalt von Akteuren bei der Entwicklung von Forschungsfragen einbezogen werden sollten, ist immerhin im Gange. Beispielsweise reden bei der High Tech Strategie gesellschaftliche Gruppen mit. Partizipation ist allerdings einfacher gesagt als getan, da sind noch viele Fragen offen: Wer ist jeweils konkret \u201edie Zivilgesellschaft\u201c, was kann sie leisten, was nicht? Wie werden Parlamente st\u00e4rker einbezogen, wie mischen sie sich ein? Auch bei der Risikoforschung w\u00e4re es wichtig, dass Gedanken und Vorschl\u00e4ge aus Umwelt- und Verbraucherverb\u00e4nden st\u00e4rker aufgegriffen werden.<\/p>\n<p>10 Gr\u00fcnes Wachstum vs. Postwachstum<\/p>\n<p>\u201eMehr mit weniger\u201c, so lautet ein Slogan der Bio\u00f6konomie, und dabei liegt der Fokus zurzeit deutlich st\u00e4rker auf dem \u201eMehr\u201c. Das liegt wie beschrieben daran, dass sich sowohl die Wirtschaft als auch die Politik von Bioinnovationen neue Wachstumschancen erhoffen. Diese Hoffnung ist einer der zentralen Treiber der Bio\u00f6konomie. Aber bei aller Faszination f\u00fcr neue Technologien, ob Algen oder CO2 genutzt werden sollen, Holz oder Stroh; ob Futtermittel weniger Methan aussto\u00dfen oder \u201egr\u00fcner Stahl\u201c aus Pflanzen gewonnen wird \u2013 letztlich sto\u00dfen die meisten Experimente an Grenzen. Biophysikalische Grenzen, Rentabilit\u00e4tsgrenzen, Grenzen der Akzeptanz.<\/p>\n<p>Deshalb ist \u201egr\u00fcnes Wachstum\u201c allein nicht die L\u00f6sung, vielmehr erfordert die Bio\u00f6konomie auch andere Lebensstile und Konsummuster. Und auch diese Fragen m\u00fcssen gestellt werden: Sind Wachstum und Nachhaltigkeit \u2013 zun\u00e4chst in den reicheren L\u00e4ndern \u2013 ein Widerspruch in sich, weil sie schon deshalb schrumpfen m\u00fcssen, um den \u00e4rmeren Nationen Raum f\u00fcr deren Wachstum zu lassen? Wie tiefgreifend m\u00fcssen die Gesellschaften sich also tats\u00e4chlich \u00e4ndern, konkreter: beschr\u00e4nken?<\/p>\n<p>Wer diese Fragen beantworten will, muss f\u00fcr die Bio\u00f6konomie neben einzelnen Technologien auch eine gesellschaftliche Vision im Kopf haben. Der Chemiker und Umweltpreistr\u00e4ger Hermann Fischer zum Beispiel zielt auf eine \u00f6kologisch vertr\u00e4gliche, kreative \u00d6konomie der kurzen Wege, die zugleich mehr (Wirtschafts-)Demokratie erm\u00f6glicht. Mit diesem Ziel entwirft er eine Mischung aus agrar\u00f6kologischem Vielfaltsanbau, dezentralen Bioreaktoren und 3-D-Druckern, die allesamt klimaschonend und regional integriert nur nach Bedarf produzieren w\u00fcrden.<\/p>\n<p>So eine Bio\u00f6konomie w\u00e4re tats\u00e4chlich mehr als \u201edasselbe in Gr\u00fcn\u201c. Und mehr als eine Gesellschaft, in der zwar die Wirtschaft w\u00e4chst \u2013 aber sonst nichts mehr.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Autorin<\/p>\n<p>Christiane Grefe<\/p>\n<p>Christiane Grefe, geboren 1957 in L\u00fcdenscheid, studierte Politikwissenschaften und besuchte die Deutsche Journalistenschule in M\u00fcnchen. Bis 1999 war Grefe Autorin und Redakteurin bei Natur, S\u00fcddeutscher Zeitung, GEO, Wochenpost und schrieb f\u00fcr mehrere Radiosender. Seit 1999 arbeitet sie als Redakteurin und Reporterin im Hauptstadtb\u00fcro der Wochenzeitung DIE ZEIT.<\/p>\n<p>Grefe hat zahlreiche Sachb\u00fccher geschrieben. Zuletzt erschien 2016 mit Erhard Eppler und Niko Paech \u201eWas Sie da vorhaben, w\u00e4re ja eine Revolution \u2013 ein Streitgespr\u00e4ch \u00fcber Wachstum, Politik und eine Ethik des Genug\u201c.<br \/>\nSowie, ebenfalls 2016: \u201eGLOBAL GARDENING. Bio\u00f6konomie \u2013 neuer Raubbau oder Wirtschaftsform der Zukunft?\u201c im Antje Kunstmann Verlag (<a href=\"https:\/\/tinyurl.com\/guslgy7\" target=\"_blank\">https:\/\/tinyurl.com\/guslgy7<\/a>)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>HINWEIS:<\/em><br \/>\n<em> Dieser Text ist Teil der Artikelserie \u201eBio\u00f6konomie\u201c. Alle weiteren Artikel finden Sie \u2013 nach Ver\u00f6ffentlichung im Magazin \u2013 unter: <a href=\"http:\/\/forum-wirtschaftsethik.de\/biooekonomie\/\" target=\"_blank\">Dossier Bio\u00f6konomie<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eEs gibt nicht keine Bio\u00f6konomie\u201c, hat Joachim von Braun einmal gesagt. Zu Recht, denn in irgendeiner Weise gehen Menschen immer mit den biologischen Ressourcen um. Wir brauchen Pflanzen und H\u00f6lzer, tierische Produkte und Mikroorganismen zum (\u00dcber-)leben, ob f\u00fcr Nahrung, Energie oder Medizin, f\u00fcr Textilien, chemische Grundstoffe, zum Bauen, zur Erholung. 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