{"id":40500,"date":"2017-02-10T07:26:08","date_gmt":"2017-02-10T06:26:08","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=40500"},"modified":"2017-02-08T13:29:26","modified_gmt":"2017-02-08T12:29:26","slug":"phytopharmaka-mit-naturstoffen-krankheiten-bekaempfen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/phytopharmaka-mit-naturstoffen-krankheiten-bekaempfen\/","title":{"rendered":"Phytopharmaka \u2013 mit Naturstoffen Krankheiten bek\u00e4mpfen"},"content":{"rendered":"<p>Phytopharmaka sind pflanzliche Arzneimittel, deren Wirksamkeit auf einem oder mehreren pflanzlichen Inhaltsstoffen beziehungsweise Wirkstoffen beruht. Sie werden seit Menschengedenken zur Behandlung von Krankheiten eingesetzt. Dieses traditionelle Wissen bildet auch heute noch die Basis f\u00fcr zahlreiche Arzneimittel, die aus Pflanzen hergestellt werden. Auch in Baden-W\u00fcrttemberg werden seit Generationen innovative pflanzliche Arzneimittel hergestellt.<\/p>\n<p>Pflanzen produzieren eine unglaubliche Vielfalt an Naturstoffen. Es \u00fcberrascht daher nicht, dass der Mensch sich diese Vielfalt zu Nutze macht. So lassen sich historische Quellen, die den Einsatz von Heilpflanzen belegen, bis in die Bronzezeit zur\u00fcckverfolgen. Heute kann Europa auf eine Kultur der Anwendung von Heilpflanzen zur\u00fcckblicken, die von Hildegard von Bingen \u00fcber Friedrich Sert\u00fcrner und dessen erste Reindarstellung des Morphins, bis zur heutigen Herstellung von pflanzlichen Arzneimitteln f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Extrakte als Basis f\u00fcr Salben, Tabletten und Tees<\/p>\n<p>Das Geheimnis der Phytopharmaka ist in der Pflanze zu finden. Die pflanzlichen Arzneidrogen bilden dabei die Basis eines pflanzlichen Arzneimittels. Unter einer Droge versteht man in der Pharmazie Rohstoffe aus Pflanzen, Tieren oder Mikroorganismen, die als Arzneimittel verwendet werden. Pflanzliche Arzneidrogen sind daher naturbelassene Pflanzen oder deren Teile, die sowohl unverarbeitet als auch zerkleinert verwendet werden. Dabei kommen frische als auch getrocknete Pflanzen zum Einsatz. Man unterscheidet hier zwischen Drogen aus den verschiedenen Pflanzenteilen, wie zum Beispiel Bl\u00fcten-, Knollen-, Frucht- und St\u00e4ngeldrogen. Die Droge stellt damit das Ausgangsmaterial f\u00fcr das pflanzliche Fertigarzneimittel, also die Phytopharmaka, dar. Aus der pflanzlichen Arzneidroge wird der Extrakt, zum Beispiel ein Trockenextrakt, gewonnen. Dieser enth\u00e4lt zahlreiche Substanzen, die den medizinischen Effekt erzielen, und damit die Wirkstoffe (Arzneistoffe) des sp\u00e4teren pflanzlichen Fertigarzneimittels bilden. Bei einem pflanzlichen Arzneimittel handelt es sich daher um ein Vielstoffgemisch. Dabei werden am h\u00e4ufigsten Trockenextrakte als Granulat, Tabletten, Kapseln und Dragees angeboten. Es gibt aber zum Beispiel auch arzneiliche \u00d6le, wie Arnikabl\u00fcten\u00f6l, die zu Salben verarbeitet werden.1<\/p>\n<p>Phytotherapie ist nicht gleich Hom\u00f6opathie<\/p>\n<p>Was ein pflanzliches Arzneimittel ist, wird \u00fcber das Arzneimittelgesetz (AMG) definiert (siehe Definition). Aus Pflanzen isolierte Reinstoffe, wie zum Beispiel Atropin und Morphin, geh\u00f6ren zu den klassischen Arzneimitteln, w\u00e4hrend Phytopharmaka immer die Pflanze, Teile der Pflanze oder deren Bestandteil enthalten. Phytopharmaka werden auf Basis naturwissenschaftlicher Erkenntnisse zur Behandlung von Krankheiten eingesetzt (Phytotherapie). Phytopharmaka geh\u00f6ren gemeinsam mit den hom\u00f6opathischen und anthroposophischen Arzneimitteln laut AMG zu den besonderen Therapierichtungen. Jedoch unterscheiden sich Phytopharmaka sowohl im Bereich der Zulassung, als auch im Ansatz der Therapie und Herstellung von den hom\u00f6opathischen und anthroposophischen Arzneimitteln.<\/p>\n<p>AMG \u00a7 4 Sonstige Begriffsbestimmungen (29):\u201ePflanzliche Arzneimittel sind Arzneimittel, die als Wirkstoff ausschlie\u00dflich einen oder mehrere pflanzliche Stoffe oder eine oder mehrere pflanzliche Zubereitungen oder eine oder mehrere solcher pflanzlichen Stoffe in Kombination mit einer oder mehreren solcher pflanzlichen Zubereitungen enthalten.\u201c<\/p>\n<p>Das Bundesinstitut f\u00fcr Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) ist f\u00fcr die Zulassung und Registrierung von pflanzlichen Arzneimitteln zust\u00e4ndig. Hersteller m\u00fcssen dort Unterlagen zur Wirksamkeit, Unbedenklichkeit und Qualit\u00e4t vorlegen. Traditionelle pflanzliche Arzneimittel, die weltweit seit mindestens 30 Jahren und in der Europ\u00e4ischen Union seit mindestens 15 Jahren medizinisch angewendet werden, unterliegen einem einfacheren Zulassungsverfahren auf Basis von Monografien-Sammlungen, sodass meist keine weiteren klinischen Studien vorgelegt werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Phytopharmaka aus sekund\u00e4ren Pflanzenstoffen<\/p>\n<p>Doch was besitzen Pflanzen, dass sie f\u00fcr Mensch und Tier nicht nur als Nahrungsmittel sondern auch als Heilmittel dienen k\u00f6nnen? Alle Pflanzen haben einen sogenannten Prim\u00e4rstoffwechsel. In ihm werden Aminos\u00e4uren, Fette sowie Zucker (Kohlenhydrate) und Nukleotide produziert und abgebaut. Die Synthesewege sind in allen Pflanzen vorhanden und auch bei verschiedenen Pflanzenfamilien sehr \u00e4hnlich. Im sogenannten Sekund\u00e4rstoffwechsel werden die sekund\u00e4ren Naturstoffe hergestellt. Sie werden aus den Metaboliten des Prim\u00e4rstoffwechsels gebildet, daher der Zusatz \u201esekund\u00e4r\u201c, und nach biosynthetischen Gesichtspunkten geordnet. Die gro\u00dfe Vielfalt der sekund\u00e4ren Naturstoffe l\u00e4sst sich auf Basis ihrer chemischen Struktur in wenige Stoffgruppen ordnen.<br \/>\nStrukturformel des Colchicins. Colchicin wird bei Gicht angewendet. Das Alkaloid hemmt die Mitose.<\/p>\n<p>So werden zum Beispiel Alkaloide und Amine aus Aminos\u00e4uren gebildet. Weitere sekund\u00e4re Pflanzenstoffe sind zum Beispiel Polyketide, Steroide und Phenylpropane. Bisher wurden etwa 80.000 definierte Strukturen von Sekund\u00e4rmetaboliten aus h\u00f6heren Pflanzen isoliert.1 In den verschiedenen Pflanzenfamilien treten unterschiedliche sekund\u00e4re Naturstoffe auf, die auch in ihrer chemischen Struktur sehr variabel sind. Dadurch ergibt sich eine gro\u00dfe Anzahl nahverwandter Strukturen. Die sekund\u00e4ren Metabolite werden in verschiedenen Lebensstadien der Pflanze gebildet. Sie liegen also nicht permanent vor und sind in der Regel f\u00fcr die Wechselbeziehung der Pflanze mit ihrer Umwelt verantwortlich. Ein bekanntes Beispiel daf\u00fcr ist die Tomatenpflanze. Die jungen, noch nicht reifen Fr\u00fcchte der Pflanze sind sehr reich an Alkaloiden. Die Glycoalkaloide Tomatin und Dehydrotomatin sch\u00fctzen die Pflanze vor Fressfeinden sowie Pilzen und Flechten. Sie werden mit zunehmender Reife der Frucht abgebaut, sodass die reife Tomatenfrucht kaum noch Tomatin und Dehydrotomatin enth\u00e4lt und essbar ist. Bestimmte Pflanzeninhaltsstoffe werden auch nur gebildet, wenn die Pflanze von mikrobiellen Sch\u00e4dlingen befallen ist. So wirken sogenannten Phytoalexine antimikrobiell.1,2<\/p>\n<p>Wirkstoffe gegen Herzinsuffizienz<\/p>\n<p>Am Beispiel der Tomate wird deutlich, dass es sich bei den wirksamen Bestandteilen der Pflanze nicht zwingend um einzelne Wirkstoffe handelt, sondern um Wirkstoffgemische. Es gibt nur wenige pflanzliche Arzneistoffe, die unver\u00e4ndert in der Therapie eingesetzt werden. Dazu geh\u00f6rt das aus dem roten Fingerhut (Digitalis purpurea) isolierte Digitoxin, das als herzwirksames Glycosid bei Herzinsuffizienz eingesetzt wird. H\u00e4ufiger dienen Naturstoffe als Vorbilder f\u00fcr Arzneistoffe, die heute in ver\u00e4nderter Form auf dem Markt zu finden sind. Die im M\u00e4des\u00fc\u00df (Filipendula) enthaltene Salicyls\u00e4ure wird zum Beispiel als Acetylsalicyls\u00e4ure seit \u00fcber 100 Jahren als schmerzstillender Wirkstoff verwendet.3<\/p>\n<p>Johanniskraut ist ein bekanntes pflanzliches Arzneimittel<\/p>\n<p>Am Beispiel des Johanniskrauts kann man gut die Vielfalt in Struktur und Wirkung der sekund\u00e4ren Pflanzenstoffe in einer Pflanze beschreiben. Das sogenannte Johanniskraut (Hyperici herba) wird aus den getrockneten Triebspitzen des Echten Johanniskrauts (Hypericum perforatum) gewonnen. Es enth\u00e4lt unter anderem das Naphthodianthron Hypericin (antivirale Wirkung), das Phloroglucinderivat Hyperforin (antibakterielle Wirkung) sowie weitere Flavonoide (Hyperosid) und Xanthone. Die hier aufgef\u00fchrten Substanzen werden w\u00e4hrend der Herstellung des Fertigarzneimittels aus hydroalkoholischen Extrakten (Ethanol 50\u201360%, Methanol 80%) \u00fcber D\u00fcnnschichtchromatografie nachgewiesen. W\u00e4hrend die antibakterielle und antivirale Wirkung auf Hyperforin und die Hypericine zur\u00fcckgef\u00fchrt werden kann, ist die antidepressive Wirkung des Johanniskrauts zwar in seiner klinischen Wirksamkeit gesichert, aber der tats\u00e4chliche Wirkmechanismus ist nach wie vor umstritten. Hier dient also der Gesamtextrakt als Wirkstoff.1<\/p>\n<p>Phytopharmaka aus Baden-W\u00fcrttemberg<\/p>\n<p>In der Unternehmensdatenbank der BIOPRO Baden-W\u00fcrttemberg GmbH konnten 24 Prozent der Pharmazeutischen Unternehmen in Baden-W\u00fcrttemberg dem Bereich \u201eHersteller von Phytopharmaka\u201c zuordnet werden.4 Denn trotz der Gesundheitsreform aus dem Jahr 2004, seit welcher die meisten pflanzlichen Arzneimittel nicht mehr erstattungsf\u00e4hig sind, ist der Wunsch der Patienten nach pflanzlichen Arzneimitteln ungebrochen. So machen, laut Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller e.V. (BAH), im Jahr 2015 die rezeptfreien Arzneimittel f\u00fcr besondere Therapierichtungen mit 2,09 Milliarden Euro einen Anteil von 32 Prozent am Gesamtumsatz aller rezeptfreien Arzneimittel aus Apotheken aus. Zwei Drittel dieses Umsatzes entfielen auf pflanzliche Arzneimittel.5 Laut Daten des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie e.V. (BPI) ist Deutschland im Bereich der Phytopharmaka EU-weit Marktf\u00fchrer.6<\/p>\n<p>Die Dr. Willmar Schwabe GmbH &amp; Co. KG aus Karlsruhe ist eines der Unternehmen aus Baden-W\u00fcrttemberg, das auf eine lange Tradition in der Herstellung pflanzlicher Arzneimitteln zur\u00fcckblicken kann. Mit Hilfe aufwendiger Extraktionsverfahren stellt das Unternehmen Pflanzenextrakte her, in denen die gew\u00fcnschten Inhaltsstoffe konzentriert vorliegen. F\u00fcr sogenannte Spezialextrakte werden unerw\u00fcnschte Inhaltsstoffe entfernt und Inhaltsstoffe, die f\u00fcr die Wirksamkeit des Arzneimittels wichtig sind, angereichert. Die Herstellung ist hoch-technisiert. Um die Wirksamkeit, die Qualit\u00e4t und die Unbedenklichkeit zu garantieren, investiert die Dr. Willmar Schwabe GmbH &amp; Co. KG nach eigenen Angaben j\u00e4hrlich rund 30 Millionen Euro im Rahmen von zum Beispiel kontrollierten randomisierten Doppelblindstudien in die Forschung. So wurde die Wirksamkeit des vom Unternehmen patentierten Spezialextrakts EGb 761\u00ae, einem Extrakt aus Bl\u00e4ttern von Ginkgo biloba, vielfach in Studien belegt. Der Extrakt, der standardisiert Flavonglykoside, Terpenlactone und h\u00f6chstens 5 ppm Ginkgols\u00e4uren enth\u00e4lt, wirkt unter anderem bei Ged\u00e4chtnis- und Konzentrationsst\u00f6rungen, Tinnitus und Schwindel.7,8<\/p>\n<p>Pflanzen bergen noch viele Geheimnisse<\/p>\n<p>Damit wird deutlich, auch wenn Heilpflanzen traditionell in Europa angewendet werden, wird weiterhin intensiv auf diesem Gebiet geforscht. So k\u00f6nnen zum Beispiel bekannte Arzneimittel optimiert werden, sowie neue Indikationen f\u00fcr bekannte Heilpflanzen entdeckt werden. Forscher des Instituts f\u00fcr Naturheilkunde und Klinische Pharmakologie der Universit\u00e4t Ulm konnten gemeinsam mit weiteren Wissenschaftlern aus Frankreich und Tunesien am Mausmodell zeigen, dass das als Antitumor-Mittel bekannte Arglabin auch das Fortschreiten von Diabetes mellitus Typ 2 reduzieren kann. Arglabin wird aus Pflanzen der Gattung Artemisia gewonnen, zu der auch die Beifu\u00df-Gew\u00e4chse geh\u00f6ren.9,10 So k\u00f6nnen auch f\u00fcr bekannte sekund\u00e4re Pflanzenstoffe neue Anwendungsgebiete entdeckt werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Literatur:<\/p>\n<p>1 Pharmakognosie \u2013Phytopharmazie, R. H\u00e4nsel und O. Sticher (Hrsg.), 9., \u00fcberarbeitete und aktualisierte Auflage, Springer Medizin Verlag Heidelberg 2010<\/p>\n<p>2 Ern\u00e4hrungsumschau 08\/07, C. Wei\u00df<\/p>\n<p>3 Vorbild Natur, Stand und Perspektiven der Naturstoff-Forschung in Deutschland, 2007 DECHEMA e.V., Frankfurt am Main<\/p>\n<p>4 Biotechnologie und Pharmazeutische Industrie 2016, Zahlen und Fakten f\u00fcr Baden-W\u00fcrttemberg<\/p>\n<p>5 Deutscher Gesundheitsmonitor des BAH, 2013-2016<\/p>\n<p>6 Pharma-Daten 2016, Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie e.V.<\/p>\n<p>7 Kaschel R., Ginkgo-Extrakt bei Personen mit nachlassender mentaler Leistungsf\u00e4higkeit. Studienergebnisse differenziert betrachten, , Pharmazie in unserer Zeit, 2009, doi: 10.1002\/pauz.200900331<\/p>\n<p>8 Amieva H. et al., (2013) Ginkgo Biloba Extract and Long-Term Cognitive Decline: A 20-Year Follow-Up Population-Based Study. PLoS ONE 8(1): e52755. 2013 doi:10.1371\/journal.pone.0052755<\/p>\n<p>9 Lone et al., Arglabin: From isolation to antitumor evaluation, Chem Biol Interact. 2015 Oct 5;240:180-98 doi: 10.1016\/j.cbi.2015.08.015<\/p>\n<p>10 Abderrazak A. et al., Inhibition of the Inflammasome NLRP3 by Arglabin Attenuates Inflammation, Protects Pancreatic \u03b2-Cells from Apoptosis, and Prevents Type 2 Diabetes Mellitus Development in ApoE2Ki Mice on a Chronic High-Fat Diet. J Pharmacol Exp Ther. 2016 Jun;357(3):487-94. doi: 10.1124\/jpet.116.232934.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Phytopharmaka sind pflanzliche Arzneimittel, deren Wirksamkeit auf einem oder mehreren pflanzlichen Inhaltsstoffen beziehungsweise Wirkstoffen beruht. Sie werden seit Menschengedenken zur Behandlung von Krankheiten eingesetzt. Dieses traditionelle Wissen bildet auch heute noch die Basis f\u00fcr zahlreiche Arzneimittel, die aus Pflanzen hergestellt werden. 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