{"id":39429,"date":"2016-12-12T07:26:09","date_gmt":"2016-12-12T06:26:09","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=39429"},"modified":"2016-12-08T11:57:49","modified_gmt":"2016-12-08T10:57:49","slug":"gruener-gegenentwurf-biokunststoffe-bieten-nicht-nur-oekologische-vorteile","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/gruener-gegenentwurf-biokunststoffe-bieten-nicht-nur-oekologische-vorteile\/","title":{"rendered":"Gr\u00fcner Gegenentwurf &#8211; Biokunststoffe bieten nicht nur \u00f6kologische Vorteile"},"content":{"rendered":"<p>Die Materialklasse der Biokunststoffe hat sich im Verpackungsbereichetabliert und bietet gegen\u00fcber konventionellen Kunststoffen eine Reihe von Vorteilen. Die steigenden Umweltanforderungen der Verbraucher veranlassen viele Verarbeiter zum Umdenken, wodurch auch die Zahl der Anwendungsgebiete f\u00fcr Biokunststoffe gr\u00f6\u00dfer wird.<\/p>\n<p>Je nach Blickwinkel werden bei Biokunststoffen entweder ihre biobasierte Herkunft oder die biologische Abbaubarkeit in den Vordergrund ger\u00fcckt. Dabei sind die beiden Eigenschaften unabh\u00e4ngig voneinander und zielen in v\u00f6llig unterschiedliche Richtungen. Der Begriff \u201eBiokunststoff\u201c wirkt somit reichlich k\u00fcnstlich und verwirrt sowohl Experten als auch Verbraucher. Dabei haben beide Eigenschaften ihre Berechtigung und k\u00f6nnen sinnvoll eingesetzt werden.<\/p>\n<p>&#8216;Biologische Abbaubarkeit&#8217; adressiert das Lebensende des Produkts. Alles dreht sich um abfallwirtschaftliche Fragen. Das Ziel ist eine m\u00f6glichst sinnvolle und schadlose Wiederverwendung oder Verwertung einzelner Produkte, ganz im Sinne effizienter Kreislaufsysteme. Die biologische Abbaubarkeit ist in vielerlei Hinsicht der Gegenentwurf zur langen Haltbarkeit, die f\u00fcr herk\u00f6mmliche Kunststoffe Qualit\u00e4t und Problematik gleicherma\u00dfen bedeutet.<\/p>\n<p>Haltbarkeit vs. schnelle Abbaubarkeit<\/p>\n<p>Lange Haltbarkeit und schneller Abbau sind unvereinbare Gegenpole. Haltbarkeit setzt Resistenz gegen\u00fcber biologischem Angriff aus der Umgebung voraus. Weil wir bisher haltbare Kunststoffe vorwiegend f\u00fcr Einwegprodukte verwenden, k\u00e4mpfen wir mit unerw\u00fcnschten Nebeneffekten. Es f\u00e4llt schwer sie effizient in stoffliche Kreisl\u00e4ufe zu integrieren. Ihr vermeintlich geringer Wert bef\u00f6rdert zudem die Unachtsamkeit des Anwenders. Durch unsachgem\u00e4\u00dfe Handhabung sammeln sich immer mehr Kunststoffe in Boden und Wasser an. Statt abzubauen zerkleinern sich die Fragmente immer weiter, bis sie in biologische Systeme eindringen. Rund 30% der Fische enthalten laut dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) Kunststoffpartikel.<\/p>\n<p>Umweltverb\u00e4nde und Politiker schlagen Alarm; Wissenschaftler durchleuchten die biologische Abbaubarkeit von Kunststoffen hinsichtlich m\u00f6glicher Beitr\u00e4ge zur L\u00f6sung dieser Probleme. Weil aber die Umgebungsbedingungen stark variieren und viele Faktoren zusammenwirken, stehen Kritiker dem oft skeptisch gegen\u00fcber. Im Einzelfall kann die biologische Abbaubarkeit Beitr\u00e4ge gegen die Umweltverschmutzung leisten, falsche Erwartungen sollten jedoch nicht gesch\u00fcrt werden. Dem wirken die USA und Europa mit strengen Standards und Vorschriften zum Nachweis bzw. dem Bewerben der biologischen Abbaubarkeit entgegen.<\/p>\n<p>Kompostierbarkeit als Marktfilter<\/p>\n<p>Gesetzgeber reagieren auf die Herausforderungen. Ihre Ma\u00dfnahmen reichen von strengeren Chemikaliengesetzen, \u00fcber Quoten f\u00fcr das Sammeln und Verwerten bis hin zum Verbot von Einwegartikeln. In einigen L\u00e4ndern wird die biologische Abbaubarkeit und Kompostierbarkeit f\u00fcr bestimmte Kunststoffartikel vorausgesetzt, sie filtert den Marktzutritt. Nationale Gesetze &#8211; in Italien f\u00fcr Tragetaschen, in Frankreich f\u00fcr Obst- und Gem\u00fcsebeutel &#8211; sowie die in Folge der gesetzlich vorgeschriebenen Trennung von Bio- und Restabfall vielerorts verwendeten Bioabfalls\u00e4cke haben zu einem europ\u00e4ischen T\u00fctenmarkt in der Gr\u00f6\u00dfenordnung von 70 000 t gef\u00fchrt. Das Potenzial ist ungleich h\u00f6her: F\u00fcr Europa prognostizieren Experten eine Verdreifachung des Verbrauchs in f\u00fcnf Jahren. Der EU Markt sowie die Bedeutung der gesetzlichen Rahmenbedingungen wurden in einer Studie der nova-Institut GmbH , H\u00fcrth, detailliert untersucht.<\/p>\n<p>Im Zuge der Diskussionen um die Vorteile und Voraussetzungen biologisch abbaubarer Kunststoffe wurde das Produktspektrum teilweise &#8220;aufkonzentriert&#8221;, heute dominieren d\u00fcnne T\u00fcten den Markt. Die EU verlangt von ihren Mitgliedstaaten den Verbrauch von Einweg-Tragetaschen von ca. 200 (2010) auf 90 (2019) bzw. 40 (2025) je Einwohner und Jahr zu verringern. Weiterhin pr\u00fcft sie ein Verbot von oxo-Additive enthaltenden Kunststoff-Tragetaschen und unterst\u00fctzt die Standardisierung und den Einsatz kompostierbarer Produkte. Nach der T\u00fcte geraten zunehmend Einweg-Cateringartikel, vorwiegend solche aus Polystyrol, ins Visier. Dieser Kunststoff l\u00e4sst sich in vielen Anwendungen durch Polylactid (PLA), Polybutylacrylat (PBS) und Polybutylenadipat-terephthalat (PBAT) oder entsprechenden Compounds ersetzen.<\/p>\n<p>Nachhaltiges Fundament f\u00fcr Biokunststoffe<\/p>\n<p>Wir verbrauchen ann\u00e4hernd 1 Mrd. t fossiler Ressourcen inklusive der Energiebereitstellung zur Kunststoffproduktion \u2013 Tendenz steigend. Damit einher gehen geopolitische Konflikte sowie Fragen der Ressourcenverf\u00fcgbarkeit und besonders der CO2 -Emissionen.<\/p>\n<p>Biobasierte Kunststoffe, insbesondere die 1:1 einsetzbaren biobasierten &#8220;Drop-In&#8221; Polymere f\u00fcr Polyethylen (PE), Polyethylenterephthalat (PET) oder andere Massenkunststoffe, k\u00f6nnen die Kunststoffindustrie und die Anwender dauerhaft aus allen fossilen Ressourcenfragen herausl\u00f6sen. Unter dem politischen Begriff &#8220;Bio\u00f6konomie&#8221; werden heute langfristige Aufgaben strukturiert, die den Prozess der Umstellung einer fossilbasierten Wirtschaft auf biobasierte und erneuerbare Rohstoffe begleiten sollen.<\/p>\n<p>Eine der zentralen Aufgaben ist es, die gesamte Biomasseproduktion auf ein nachhaltigeres Fundament zu stellen. 90% der Agrarfl\u00e4che dienen der Futter- und Lebensmittelproduktion. Biokunststoffe verbrauchen weniger als 0,1% der Fl\u00e4che, doch k\u00f6nnen sie heute bereits den CO2 -Aussto\u00df der Kunststoffproduktion massiv reduzieren helfen. Das Ziel ist dabei die Null. Sie wird erreicht, wenn Kunststoffe beispielsweise aus Bioabfall oder direkt aus CO2 hergestellt werden und die Energie aus erneuerbaren Quellen stammt. Die Angst um die \u00dcbernutzung der nat\u00fcrlichen W\u00e4lder und Felder, wie sie in kritischen Diskussionen immer wieder betont werden, sollten als gute Hinweise und Wegweiser verstanden werden. Sie sollten die Entwicklung aber nicht blockieren.<\/p>\n<p>Global Player wie Coca-Cola, Danone, Tetra Pak, Toyota, IKEA oder Lego haben l\u00e4ngst eigene Strategien zum Einsatz von PLA, BioPET, BioPE und Co. entwickelt (Bild 3). Sie setzen auf direkte Partnerschaft mit den Herstellern. Ihr Einsatz folgt langfristigen Unternehmenszielen, die sich an einer nachhaltigen Entwicklung ausrichten. Die Grenze des kurzfristig M\u00f6glichen setzt meistens eine gute Wirtschaftlichkeit voraus, die bei Kunststoffen immer direkt mit den jeweiligen Rohstoffpreisen und gesetzlichen Rahmenbedingungen verflochten ist. Moderiert werden kann sie beispielsweise durch abfallwirtschaftliche (Kosten-) Vorgaben und eine Bepreisung der CO2 -Emissionen. Anders als im Energiesektor gibt es jedoch in Europa kein wirkungsvolles Steuerungsinstrument f\u00fcr erneuerbare Materialien bzw. Produkte.<\/p>\n<p>Fazit &amp; Ausblick<\/p>\n<p>Trotz guter Eigenschaften und Funktionalit\u00e4t stehen Kunststoffe in der allgemeinen Wahrnehmung f\u00fcr Kurzlebigkeit und Verschwendung. Die EU hat sich bis heute nicht dazu durchringen k\u00f6nnen, kompostierbare d\u00fcnne Kunststoff-Tragetaschen von den Reduktionspflichten zu befreien. Ihnen haftet ebenfalls das Image an, \u00fcberfl\u00fcssig zu sein.<\/p>\n<p>Wenn es nun wom\u00f6glich Serviceverpackungen und der Wegwerfmentalit\u00e4t immer mehr an den Kragen geht, wird man wieder nach Argumenten f\u00fcr eine Sonderstellung bioabbaubarer Produkte suchen (Bild 4). Wenn sie realistisch und belastbar sind, wird man ernsthaft erw\u00e4gen, sie im politischen Bereich anzuwenden. Nur wenn die Marktentwicklung auf solidem Fundament steht, kann sie verl\u00e4ssliche Investoren anziehen und erh\u00e4lt eine ausreichend breite R\u00fcckendeckung &#8211; von Politikern, Verbrauchern und kritischen Instanzen.<\/p>\n<p>Funktionalit\u00e4t und Flexibilit\u00e4t haben der Kunststoffwirtschaft ihren anhaltenden Erfolg beschert. Er gr\u00fcndet auf einem Monomer-Baukasten der Chemie, einem variantenreichen Set von Polymeren, die sich aus vergleichsweise wenigen Bausteinen herstellen lassen. Warum sollten wir diesem Baukasten nicht neue \u2013 biobasierte \u2013 Monomere hinzuf\u00fcgen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Der Autor: Harald K\u00e4b ist Chemiker und Gr\u00fcnder des Beratungsunternehmens narocon f\u00fcr gr\u00fcne Chemie und Biokunststoffe. Von 1999-2009 war er Vorsitzender von European Bioplastics, dem europ\u00e4ischen Verband f\u00fcr biologisch abbaubare und biobasierte Kunststoffe. Harald K\u00e4b ist Experte f\u00fcr strategische Fragen, oft im Zusammenhang mit Investitionen, Marktentwicklung und Politik.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Materialklasse der Biokunststoffe hat sich im Verpackungsbereichetabliert und bietet gegen\u00fcber konventionellen Kunststoffen eine Reihe von Vorteilen. Die steigenden Umweltanforderungen der Verbraucher veranlassen viele Verarbeiter zum Umdenken, wodurch auch die Zahl der Anwendungsgebiete f\u00fcr Biokunststoffe gr\u00f6\u00dfer wird. Je nach Blickwinkel werden bei Biokunststoffen entweder ihre biobasierte Herkunft oder die biologische Abbaubarkeit in den Vordergrund ger\u00fcckt. [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":59,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_seopress_robots_primary_cat":"","nova_meta_subtitle":"","footnotes":""},"categories":[5572],"tags":[10763,12344],"supplier":[1245,2937,435,3329,4,7625,1832],"class_list":["post-39429","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bio-based","tag-biokunststoffe","tag-verpackungen","supplier-coca-cola-co","supplier-danone-dairies-uk","supplier-european-bioplastics-ev","supplier-narocon","supplier-nova-institut-gmbh","supplier-tetra-pak-inc","supplier-united-nations-environment-programme-unep"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/39429","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/59"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=39429"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/39429\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=39429"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=39429"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=39429"},{"taxonomy":"supplier","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/supplier?post=39429"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}