{"id":38642,"date":"2016-11-09T07:26:49","date_gmt":"2016-11-09T06:26:49","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=38642"},"modified":"2016-11-07T13:24:09","modified_gmt":"2016-11-07T12:24:09","slug":"baubotanik-lebendige-architektur-woertlich-genommen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/baubotanik-lebendige-architektur-woertlich-genommen\/","title":{"rendered":"Baubotanik: Lebendige Architektur w\u00f6rtlich genommen"},"content":{"rendered":"<p>B\u00e4ume geben nicht nur gutes Bauholz ab. Sie k\u00f6nnen auch in lebendem Zustand integraler Bestandteil von Bauwerken sein. Die Baubotanik zeigt, wie mit tempor\u00e4ren Stahlbauteilen und Pflanzen eine neue Art von Architektur entsteht \u2013 klimafreundlich, in neuer Formsprache und mit ganz praktischem Nutzen.<\/p>\n<p>2006 fiel am Institut Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen IGMA der Universit\u00e4t Stuttgart der Startschuss f\u00fcr eine Forschungsgruppe der besonderen Art: Die Architekten Ferdinand Ludwig, Oliver Storz und Hannes Schwertfeger wollten B\u00e4ume in die Architektur einbinden. Dabei wollten sie B\u00e4ume nicht als nat\u00fcrliche Vorbilder in Sachen Konstruktion nachahmen, wie dies Bioniker tun w\u00fcrden, sondern sie wollten direkt mit lebenden Pflanzen arbeiten. Mehrere Jahre lang erforschte das Trio unter anderem die M\u00f6glichkeiten, wachsende B\u00e4ume als tragende Elemente f\u00fcr verschiedenste Bauwerke zu nutzen und Pflanzen insgesamt gestalterisch einzusetzen. W\u00e4hrend Ludwig weiterhin am IGMA forscht, entschieden sich Schwertfeger und Storz, ihre Erfahrungen unternehmerisch zu nutzen. Die beiden gr\u00fcndeten 2010 in Stuttgart das Bureau Baubotanik, in dem heute ein interdisziplin\u00e4res Team aus Architekten, Statikern und Naturwissenschaftlern zusammenarbeitet.<\/p>\n<p>\u201eWir wollen die Baubotanik in die Praxis bringen und erfahren, was dabei gew\u00fcnscht und wirklich machbar ist. Wir suchen mit unseren Projekten einen Weg, wie man in unserer hochtechnisierten Umgebung mit Pflanzen architektonisch umgehen und mit ihnen Bauwerke mit hohen Aufenthaltsqualit\u00e4ten schaffen kann. Dabei geht es uns auch darum, Scheuklappen auf \u00e4sthetischer Ebene aufzuweiten, eine neue Art der Kommunikation im Raum zu schaffen\u201c, erkl\u00e4rt Schwertfeger. Vor allem im urbanen Raum hochverdichteter St\u00e4dte sehen er und seine Kollegen gro\u00dfes Potenzial. Sie wollen der Stadt mit ihren Bauwerken ein St\u00fcck nat\u00fcrlicher Lebensqualit\u00e4t zur\u00fcckgeben. Pavillons, Br\u00fccken, Stege, Ausstellungsr\u00e4ume \u2013 die bisherigen Praxisbeispiele beweisen, dass vieles m\u00f6glich ist. Auch Wohngeb\u00e4ude aus Pflanzen kann das Team sich vorstellen. \u201eWir w\u00fcrden sofort damit anfangen, wenn wir einen Bauherren daf\u00fcr finden. Seit einem Jahr arbeiten wir an einer Design-Studie f\u00fcr ein bewohnbares Geb\u00e4ude\u201c, so Storz. Bisher erh\u00e4lt das Team seine Auftr\u00e4ge vor allem von \u00f6ffentlichen Einrichtungen, Stiftungen und Unternehmen.<\/p>\n<p>Die Baubotaniker lehnen herk\u00f6mmliche Materialien keineswegs ab, ganz im Gegenteil. Ihre Architektur besteht aus Mischkonstruktionen, in denen sich Stahl und Baum erg\u00e4nzen. Da junge B\u00e4ume nach dem Einpflanzen naturgem\u00e4\u00df noch nicht in der Lage sind, die von den Bauwerken geforderten Lasten zu tragen, \u00fcbernimmt zun\u00e4chst eine Stahlkonstruktion die tragende Rolle. Im weiteren Verlauf des Wachstums werden diese tempor\u00e4ren Stahlst\u00fctzen dann sukzessive abgebaut \u2013 in dem Ma\u00df, wie die Pflanzen an Tragkraft gewinnen. \u201eDie B\u00e4ume wachsen quasi in ihre im Vorfeld berechnete Statik hinein. In der Regel erstellen wir zwei statische Berechnungen, eine auf der Grundlage der Stahlkonstruktion, und bei der zweiten Statik fragen wir, wie dick die B\u00e4ume und \u00c4ste sein m\u00fcssen, um die Lasten zu tragen\u201c, sagt Oliver Storz. Dabei wird auch ber\u00fccksichtigt, dass der Wind zus\u00e4tzliche Lasten miteinbringt und dass die B\u00e4ume wie alle anderen Stadtb\u00e4ume regelm\u00e4\u00dfig auf ihre Standfestigkeit untersucht werden m\u00fcssen. Mit ihrem Vorgehen machen sich die Baubotaniker ganz bewusst abh\u00e4ngig von Wachstumsprozessen \u2013 sie wollen zeigen, dass man mit den damit verbundenen Unw\u00e4gbarkeiten umgehen kann.<\/p>\n<p>Unw\u00e4gbarkeiten sind jedoch nicht gerade das, was Bau\u00e4mter froh stimmt. Selbst wenn einiges an Spielraum einkalkuliert wird, kann einem die Biologie einen Strich durch die Rechnung machen. Das wissen nat\u00fcrlich auch Schwertfeger und Storz. \u201eB\u00e4ume wachsen nicht alle gleich stark, und es kann zum Beispiel auch zu Sch\u00e4dlingsbefall kommen. So wie auch B\u00e4ume im st\u00e4dtischen Raum einem regelm\u00e4\u00dfigen Sicherheits-Monitoring unterworfen sind, werden auch unsere Bauwerke deshalb regelm\u00e4\u00dfig gepflegt und kontrolliert. Wenn ein Teil der B\u00e4ume zum Beispiel nicht mehr tr\u00e4gt, k\u00f6nnen sie durch Stahl ersetzt werden\u201c, so Schwertfeger. Die Konzepte sind so durchdacht und \u00fcberzeugend, dass es bisher noch keine Probleme mit den Beh\u00f6rden gab. \u201eWir verstehen Architektur als Prozess, bei dem es eben immer wieder Anpassungen gibt, wenn sich etwas \u00e4ndert\u201c, bringt Schwertfeger den Ansatz auf den Punkt.<\/p>\n<p>Die Pflanzen m\u00fcssen zum Standort passen<br \/>\nWelche Baumarten f\u00fcr die Bauwerke infrage kommen, variiert mit den Anforderungen und den Standortbedingungen. Zu Anfang hat das Stuttgarter Team viel mit Weiden gearbeitet, da sie schnell wachsen und einfach zu handhaben sind. Sie lassen sich zum Beispiel auch gut als Stecklinge verwenden. Weiden sind jedoch nicht f\u00fcr alle Standorte das Richtige, wie Storz sagt. \u201eSie sind relativ schwache Pionierpflanzen, die sich durch starkes Wachstum gegen ihre Nachbarn durchsetzen wollen. In Auenlandschaften mit hohem Wassereintrag k\u00f6nnen sie sinnvoll sein, an anderen Standorten nicht unbedingt. Grunds\u00e4tzlich verwenden wir die B\u00e4ume, die an dem jeweiligen Standort am besten funktionieren. Deshalb schauen wir uns zun\u00e4chst an, was vor Ort w\u00e4chst und sich f\u00fcr unsere Konstruktionen eignet.\u201c F\u00fcr einen Steg in einem baubotanisch gestalteten Park in Kamen (NRW) wurden zum Beispiel Roteichen (Quercus rubra) verwendet, deren Triebe mit rund 2,5 Metern pro Jahr relativ schnell wachsen. Im st\u00e4dtischen Raum setzen die Baubotaniker gerne Platanen ein, da sie sehr robust sind. Exotische Ficus-Arten kommen hingegen in einem Kooperationsprojekt in Rio de Janeiro zum Einsatz.<\/p>\n<p>Dass sich nicht immer alles nur um B\u00e4ume dreht, zeigt eine Versuchsanlage in Freising in Kooperation mit der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf. Hier erkunden die Baubotaniker neue M\u00f6glichkeiten der Ausfachungen mit Klettergurken. Generell stehen Klimm- und Kletterpflanzen mit im Fokus des Stuttgarter Teams. \u201eWir gehen das an, um mehr konstruktive Elemente in unsere Entw\u00fcrfe zu integrieren. So untersuchen wir zum Beispiel, wie gut sich Netzstrukturen, die mit Kletter- oder Klimmpflanzen bewachsen werden, als Beschattungselemente eignen. Und auch, wie wir Pflanzen konstruktiv einsetzen k\u00f6nnen, um auf den Decken von Tiefgaragen etwas wachsen lassen zu k\u00f6nnen, was dem Umfang nach einem Baum im Stadtraum entspricht. Wir entwerfen Pflanzenkonstruktionen, die auf hoch verdichteten Fl\u00e4chen herk\u00f6mmliche B\u00e4ume ersetzen k\u00f6nnen\u201c, so Storz.<\/p>\n<p>Der \u00f6kologische Gesamtanspruch<\/p>\n<p>Das Team will mit seinen Projekten auch einen Beitrag zur Verbesserung der Biodiversit\u00e4t leisten und sucht deshalb Pflanzenarten aus, die gut in den jeweiligen Bestand passen. Das erg\u00e4nzt den \u00f6kologischen Gesamtanspruch, mit den baubotanischen Projekten auch Anst\u00f6\u00dfe zur Klimaverbesserung zu geben. \u201eIm Berliner Stadtteil Wedding haben wir beispielsweise ein Projekt zur Verbesserung des Mikroklimas gestartet, und wir wollen hier in eine Wohnsiedlung baubotanische Strukturen integrieren, die unter anderem dazu beitragen, Feinstaub zu binden und das Mikroklima an hei\u00dfen Tagen zu verbessern\u201c, so Storz.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr wurde das Team im Juli 2016 im Rahmen des Wettbewerbs \u201eBlauer Kompass\u201c vom Umweltbundesamts ausgezeichnet. \u201eAu\u00dferdem k\u00f6nnen baubotanische Projekte auch Ausgleichsma\u00dfnahmen sein, um bei neuen Bebauungen an Ort und Stelle die Versiegelung von Fl\u00e4chen ausgleichen\u201c, sagt Storz weiter. Dass die beiden Architekten mit dem Bureau Baubotanik im Trend einer Zeit liegen, die insgesamt auf mehr Nachhaltigkeit bedacht ist, beweist auch der Erfolg bei der Ausschreibung zum Deutschen Pavillon der Expo 2015: Das Bureau Baubotanik kam in Zusammenarbeit mit Studio2050, Werner Sobek und Atelier Markgraph mit dem Entwurf einer baubotanischen Landschaft auf den 3. Platz.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>B\u00e4ume geben nicht nur gutes Bauholz ab. Sie k\u00f6nnen auch in lebendem Zustand integraler Bestandteil von Bauwerken sein. 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