{"id":36982,"date":"2016-08-29T07:23:38","date_gmt":"2016-08-29T05:23:38","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=36982"},"modified":"2016-08-25T12:08:43","modified_gmt":"2016-08-25T10:08:43","slug":"hanfjournal-interview-hanffaser-uckermark","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/hanfjournal-interview-hanffaser-uckermark\/","title":{"rendered":"Hanfjournal-Interview: Hanffaser Uckermark"},"content":{"rendered":"<p><strong>Viele, die sich mit Cannabis besch\u00e4ftigen, sch\u00e4tzen vor allen Dingen die psychoaktive bzw. beruhigende und schmerzlindernde Wirkung der Pflanze. Doch Hanf hat auch als Rohstofflieferant und Nahrungsmittel ein enormes Potenzial. Fr\u00fcher unentbehrlich, ist das Wissen um die Anwendungsm\u00f6glichkeiten in den letzten 100 Jahren weitestgehend verloren gegangen. Heute bauen kaum noch Bauern Hanf an und diejenigen, die es tun, brauchen eine spezielle Genehmigung und m\u00fcssen ihre Pflanzen regelm\u00e4\u00dfig kontrollieren lassen. Einige Akteure, wie Hanffaser Uckermark, sehen in dem Rohstoff der Vergangenheit den \u201aStoff der Zukunft\u2018. Vor 20 Jahren gegr\u00fcndet, liegt der Hauptfokus der Firma auf der Herstellung von Bau- und D\u00e4mmstoffen.<\/strong><\/p>\n<p>Das Unternehmen war als erstes in dem Bereich aktiv, engagiert sich jedoch auch in zahlreichen anderen Projekten. So entwickelt der Betrieb auch Maschinen f\u00fcr die Landwirtschaft, um Hanf als Rohstoff und Anbauprodukt wieder interessanter zu machen und damit die Verwendung der Pflanze im Allgemeinen voranzutreiben. Wir haben uns mit einem der Mitarbeiter zum Interview getroffen, um mehr \u00fcber den Hanfanbau und dessen industrielle Verwendung zu erfahren. Marjin arbeitet seit September 2015 Vollzeit f\u00fcr Hanffaser Uckermark und war auch schon vorher im Unternehmen aktiv. Heute ist er f\u00fcr den\u00a0 Anbau und den Ankauf von Rohstoffen f\u00fcr die Fabrik zust\u00e4ndig und ber\u00e4t Landwirte, die in Erw\u00e4gung ziehen, auf Hanf umzusteigen.<\/p>\n<h3>1996 hat Hanffaser Uckermark angefangen. Kamen die Sorten damals schon aus Deutschland oder musstet ihr importieren?<\/h3>\n<p>Letztendlich kommen die Sorten bis heute nicht aus Deutschland. Wir haben derzeit franz\u00f6sische und eine ukrainische Sorte, da wir leider zu sp\u00e4t waren f\u00fcr die polnischen. Wir hoffen im n\u00e4chsten Jahr polnische oder sogar ungarische Nutzhanfsorten zu bekommen, aber deutsche gibt es im Moment nicht. \u00a0Soweit ich wei\u00df, gibt es in Deutschland derzeit keine Forschung bzw. Entwicklung was Nutzhanf angeht. Deswegen habe ich mich der Sache angenommen. Zwei unserer Landwirte haben Erfahrung in Sachen Saatgutz\u00fcchtung und gemeinsam planen wir in die Entwicklung einer deutschen Hanfsorte zu gehen. Daf\u00fcr versuchen wir F\u00f6rdergelder zu bekommen, weil diese Forschung f\u00fcr die deutsche Wirtschaft durchaus interessant sein kann. Es ist wichtig, dass wir eine eigene Sorte haben, weil die Anbaubedingungen hier anders sind, als in anderen L\u00e4ndern.<\/p>\n<h3>Wie lief das damals ab, war es umst\u00e4ndlich eine Genehmigung zu bekommen?<\/h3>\n<p>Der Prozess hat sich in den letzten 20 Jahren nicht gro\u00df ver\u00e4ndert. Seit 1996 ist der Hanfanbau genehmigungs- bzw. anmeldepflichtig. Nur registrierte Landwirte d\u00fcrfen die Anmeldung durchf\u00fchren. So wird daf\u00fcr gesorgt, dass der \u201enormale\u201c Mensch keinen Hanf anbauen kann. Gleichzeitig besteht jedoch die M\u00f6glichkeit des Anbaus f\u00fcr industrielle Zwecke. In der Regel wird der Antrag genehmigt, wenn man ihn stellt. Jeder Landwirt kann theoretisch eine solche Lizenz bekommen. Mit der Anmeldung wei\u00df die Bundesanstalt f\u00fcr Landwirtschaft und Ern\u00e4hrung (BLE) in welchen Gebieten Hanf angebaut wird und wo sie dem entsprechend ihre Kontrollen durchf\u00fchren m\u00fcssen. Dabei wird dann der THC-Gehalt der Pflanzen gepr\u00fcft und damit, ob sich die Bauern an die Zertifikate gehalten haben. Bei der Anmeldung muss man seine Saatgutzertifikate hinzuf\u00fcgen. Jeder 25 Kilo-Sack hat so ein Zertifikat. Wenn du z.B. eine Tonne ges\u00e4t hast, muss du dem entsprechend viele Zertifikate einreichen.<\/p>\n<p>Anfang Juli wird dann die Bl\u00fctemeldung rausgeschickt. Wenn die Pflanzen in der Bl\u00fcte stehen bzw. fast Erntereif sind, kommt das BLE meistens vorbei und schneidet 50 Pflanzen vom gesamten Acker weg. Diese werden dann im Labor getestet.<\/p>\n<p>Als Landwirt bekommt man keine Probleme, wenn die Pflanzen einen zu hohen THC-Gehalt aufweisen, au\u00dfer man hat offensichtlich \u201eDrogenhanf\u201c angepflanzt. Ansonsten bekommt nur der Z\u00fcchter ein Problem wenn der Hanf zu viel THC aufweist. Von dem Wert h\u00e4ngt dann auch ab, ob der Landwirt die Ernte als Nahrungsmittel oder nur als Bau- und D\u00e4mmstoff verkaufen darf. Wenn der THC-Wert zu hoch ist, k\u00f6nnen die Bauern ihn in der Regel noch als Baustoff vertreiben. Nur in richtig harten F\u00e4llen muss die gesamte Ernte vernichtet werden.<\/p>\n<h3>Mit wie vielen Landwirten arbeitet ihr derzeit zusammen?<\/h3>\n<p>Mit sieben Landwirten, die auf ca. 240 Hektar Hanf anbauen. In Gesamtdeutschland werden um die 2.000-3.000 Hektar angebaut, sch\u00e4tze ich. In Brandenburg zum Beispiel gibt es noch ein paar andere Betriebe, die ebenfalls anbauen. Mit einigen von denen arbeiten wir als Dienstleister zusammen und m\u00e4hen das Stroh f\u00fcr sie ab.<\/p>\n<h3>Ihr entwickelt auch neue Maschinen. Um welche handelt es sich dabei konkret?<\/h3>\n<p>Die erste Maschine, die wir entwickelt haben, war der gro\u00dfe gelbe Bl\u00fccher, also eine Hanferntemaschine. Momentan ist das eine der besten weltweit, weil sie den Hanf gleichzeitig auch in St\u00fccke schneidet und relativ z\u00fcgig durch die Felder durchkommt. Eine andere Maschine ist die Hanfsamen-Erntemaschine. Zus\u00e4tzlich wurde der Hanfroboter entwickelt, der in der Lage ist die Fasern des Hanfst\u00e4ngels abzutrennen, die dann in der Textilindustrie verarbeitet werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Erntemaschine und der Roboter sind noch Prototypen. Bei dem Bl\u00fccher sind wir mittlerweile in der dritten Generation. Dieses Ger\u00e4t wurde von uns patentiert und in Zusammenarbeit mit einem Maschinenbauer hergestellt. Inzwischen haben wir ihn an verschiedene L\u00e4nder als Erntemaschine verkauft.<\/p>\n<h3>Wie gestaltete sich der industrielle Anbau von Hanf auf den Feldern konkret?<\/h3>\n<p>Anders als bei Indoor-Anbau wollen wir Bl\u00fcten haben, die so klein wie m\u00f6glich sind. Daher werden die Pflanzen extrem dicht ges\u00e4t und produzieren so richtig lange, d\u00fcnne St\u00e4ngel. Wenn man indoor anbaut, m\u00f6chte man hingegen viele Verzweigungen haben, um m\u00f6glich viele Bl\u00fcten zu erhalten. Verzweigte St\u00e4ngel sind f\u00fcr uns ung\u00fcnstig, weil sie dadurch verzweigte Fasern haben, die sich schwer aufarbeiten lassen. Wir s\u00e4en 50 Kilo Samen pro Hektar. Daraus werden dann im Schnitt 300 Pflanzen pro qm am Anfang. Das d\u00fcnnt sich dann aus, so dass man am Ende um die 200 Pflanzen pro qm ernten kann. Die Pflanzen wachsen so dicht, dass kein Licht den Boden erreicht. Dadurch haben andere Pflanzen keine Chance. Wichtig ist, dass die St\u00e4ngel d\u00fcnn sind. Wenn sie dicker werden, ist der Holzanteil entsprechend gr\u00f6\u00dfer und wie m\u00fcssen viel mehr Energie aufwenden in unseren Brechanlagen, sofern diese die Pflanzen dann \u00fcberhaupt noch bearbeiten k\u00f6nnen.<\/p>\n<h3>Wie lange braucht ein Hanffeld bis zur Ernte?<\/h3>\n<p>Im Durchschnitt 100 bis 110 Tage, hier ihn Nordeuropa. Dann sind die Pflanzen \u2013 je nach Sorte \u2013 zwischen 3 und 3,5 Meter hoch.<\/p>\n<h3>Wie sieht es mit Sch\u00e4dlingen aus?<\/h3>\n<p>Sch\u00e4dlinge gibt es kaum. Ab und zu kann es Probleme mit Schimmel geben, aber Insekten lassen die Pflanzen in der Regel in Ruhe. Feinde der Pflanze gibt es quasi kaum. Es existieren einige wenige Unkrautsorten, die mit Hanf wachsen. Hier ist es dann wichtig, dass die Pflanzen in den ersten 4 bis 6 Wochen schnell wachsen, um sich durchzusetzen. Wenn Hanf in dieser Zeit genug \u201aNahrung\u2018 und Wasser bekommt, schafft er es in dieser Zeit den Boden komplett zu bedecken. Wenn jedoch nicht genug Wasser vorhanden ist, entstehen L\u00fccken und Unkr\u00e4uter haben eine Chance. Das ist f\u00fcr uns ung\u00fcnstig, weil sich Uhreinheiten im Stroh nur schwer beseitigen lassen.<\/p>\n<h3>Bekommt ihr von den Bauern dann die geschnittenen Pflanzen oder werden diese noch verarbeitet bevor sie dann bei euch landen?<\/h3>\n<p>Nein, im Prinzip werden sie einfach gem\u00e4ht und dann in langen d\u00fcnnen Reihen auf dem Feld hinterlassen. Der Hanf liegt dann auf den abgeschnittenen St\u00e4ngeln. So kommt auch von unten Luft an die Pflanzen. F\u00fcr den nat\u00fcrlichen Prozess der R\u00f6ste braucht man Wasser und Sonne. Dadurch wird es Mikroben m\u00f6glich die Lignine, Pektine und die Hemicellulose aufzul\u00f6sen, damit die Fasern sich l\u00f6sen und so verarbeiten lassen.<\/p>\n<p>Das ist der alt bew\u00e4hrte Weg. In China machen sie das inzwischen chemisch. Da werden die Pflanzen gr\u00fcn vom Acker genommen und in einem chemischen Bad gel\u00f6st. Damit erh\u00e4lt man eine bessere Qualit\u00e4t der Fasern, was f\u00fcr die Textilindustrie entscheidend ist. F\u00fcr die Verwendung als Baustoffe hat das eine geringere Relevanz, auch wenn wir trotzdem bem\u00fcht sind die bestm\u00f6gliche Faserqualit\u00e4t zu erhalten.<\/p>\n<h3>Wie geht es dann weiter?<\/h3>\n<p>Wenn der Hanf ausreichend trocken bzw. ger\u00f6stet ist, wird er gepresst und in Form von Quaderballen zu uns in die Fabrik transportiert. In unserer Anlage wird der Hanf dann noch einmal getrocknet und auf Metalle gescannt. Dann geht es in die Brechanlage. Dort werden die Pflanzen mit viel Kraft bearbeitet, damit die Fasern m\u00f6glichst oft brechen. Dabei fallen die Sch\u00e4ben \u2013 also der Holzanteil der Pflanze \u2013 heraus und die Fasern werden abgesaugt und weiterverarbeitet.<\/p>\n<h3>Ihr arbeitete auch an der Entwicklung von \u201aHanfbeton\u2018. Ist man schon soweit diesen bei Hausbau zu verwenden?<\/h3>\n<p>Momentan sind wir noch dabei die Produktreihe zu entwickeln. Unser Ziel ist es vorgefertigte Platten f\u00fcr den Bau zu produzieren. Ich bin zuversichtlich, dass wir in sechs Monaten ein verkaufbares Produkt haben werden.<\/p>\n<p>Hanfbeton hat keine tragenden Eigenschaften wie herk\u00f6mmlicher Beton in Verbindung mit Stahl. Daf\u00fcr ist er zu schwach. Allerdings kann man ihn in Kombination mit einem Holzger\u00fcst verwenden. Das Holz ist dann der Tr\u00e4ger, der Hanf kommt in die Zwischenr\u00e4ume, wie bei einem Fachwerkhaus.\u00a0 Das Ganze kann dann mit Hanflehm verputzt werden.<\/p>\n<h3>Was sind die Vorteile von Hanfbeton?<\/h3>\n<p>Er ist viel leichter als normaler Beton und zudem \u00f6kologisch abbaubar, da nur nat\u00fcrliche Stoffe enthalten sind. Hanfbeton hat gute d\u00e4mmende Eigenschaften und ist zudem ein guter Schallschutz. Au\u00dferdem ist die Regulierung der Feuchtigkeit unheimlich gut. Man k\u00f6nnte mit Hanfbeton ein Badezimmer ohne Fenster und Abzug konstruieren, weil der Hanf die Feuchtigkeit aufnehmen und dann wieder angeben kann. Durch die basischen Eigenschaften ist die Luft im Raum unseren K\u00f6rpern besser angepasst.<\/p>\n<p>Ich vermute, dass durch die Verwendung von Hanf beim Hausbau viele Hausallergien zur\u00fcckgehen werden, die derzeit durch die ganzen \u00d6le entstehen, die wir auf die W\u00e4nde schmieren.<\/p>\n<h3>Als n\u00e4chstes habt ihr unter anderem ein Cannabis-Infozentrum in Prenzlau geplant. Was kannst du mir dar\u00fcber erz\u00e4hlen?<\/h3>\n<p>Vor einigen Jahren habe ich ein Grundst\u00fcck in Prenzlau bekommen, auf dem sich ehemals eine G\u00e4rtnerei befand. Dort stehen ein paar bauf\u00e4llige Fachwerkh\u00e4user, die man wunderbar mit Hanf restaurieren kann. Hinten dran gibt es sehr fruchtbares Moorland mit einer idealen Wasserversorgung, das f\u00fcr Hanf mehr als geeignet w\u00e4re. Zusammen mit dem Hanfmuseum ist die Idee entstanden dort ein Cannabis-Informationszentrum zu errichten. Mein Wunsch w\u00e4re es, dort alle zugelassenen Sorten anzubauen, um die Pflanzen als Anschauungsmaterial f\u00fcr Landwirte und andere Interessenten zu nutzen. Man k\u00f6nnte ein Labyrinth errichten und ein kleines CBD-Labor aufbauen oder eine Teeproduktion starten. Das Gel\u00e4nde ist gro\u00df und bietet viele M\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p>Hoffentlich k\u00f6nnen wir eine kleine Fabrik errichten, die alle Anwendungsgebiete im Kleinen zeigt. Dort kann man dann Seminare f\u00fcr Bauern, Sch\u00fcler oder Gesch\u00e4ftsleute abhalten. Wir wollen damit so viele Menschen wie m\u00f6glich ansprechen, um \u00fcber alle Aspekte der Pflanze von Drogen- bis Nutzhanf zu informieren. Wir wollen dabei auch mit Betrieben kooperieren, um als Dreh und Angelpunkt zu fungieren und Kontakte vermitteln zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Vielen Dank, dass du dir Zeit f\u00fcr dieses Interview genommen hast.<\/h3>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Viele, die sich mit Cannabis besch\u00e4ftigen, sch\u00e4tzen vor allen Dingen die psychoaktive bzw. beruhigende und schmerzlindernde Wirkung der Pflanze. Doch Hanf hat auch als Rohstofflieferant und Nahrungsmittel ein enormes Potenzial. Fr\u00fcher unentbehrlich, ist das Wissen um die Anwendungsm\u00f6glichkeiten in den letzten 100 Jahren weitestgehend verloren gegangen. 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