{"id":34580,"date":"2016-04-28T07:23:43","date_gmt":"2016-04-28T05:23:43","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=34580"},"modified":"2021-09-09T21:41:31","modified_gmt":"2021-09-09T19:41:31","slug":"covestro-in-der-kritik-ist-die-stoffliche-nutzung-von-kohlendioxid-oeko-schwindel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/covestro-in-der-kritik-ist-die-stoffliche-nutzung-von-kohlendioxid-oeko-schwindel\/","title":{"rendered":"Covestro in der Kritik &#8211; Ist die stoffliche Nutzung von Kohlendioxid \u00d6ko-Schwindel?"},"content":{"rendered":"<p>Seit mehren Jahren forscht Covestro gemeinsam mit der RWTH Aachen und der Technischen Universit\u00e4t Berlin an einem Verfahren, um Kohlendioxid als Rohstoff in Polyole einzubauen. Nun \u00e4u\u00dfern verschiedene Umweltsch\u00fctzer Zweifel an der Nachhaltigkeit des Verfahrens. Und auch Covestro bezieht Stellung.<\/p>\n<p>D\u00fcsseldorf \u2013 Zusammen mit Hochschul-Partnern arbeitet Covestro in dem Projekt \u201eDream Production\u201c. Ziel ist es, im kommerziellem Ma\u00dfstab <a href=\"http:\/\/www.process.vogel.de\/ab-2016-gibt-es-kunststoff-aus-co2-a-490853\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kohlendioxid als Rohstoff in Polyole<\/a> einzubauen &#8211; zentrale Vorprodukte zur Herstellung von Schaumstoff.<\/p>\n<p>Im Juni soll am Standort Dormagen eine entsprechende Produktionsstra\u00dfe in Betrieb genommen werden. Nun melden sich verschiedene Umweltsch\u00fctzer und Wissenschaftler zu Wort, die vor allem die Energieeffizienz der Aktivierung von Kohlendioxid in Frage stellen.<\/p>\n<p>Dr. Hermann Fischer, Pr\u00e4sidiumsmitglied des Naturschutzbundes (NABU), Gr\u00fcnder der Auro AG und Autor des Buchs &#8220;Stoff-Wechsel&#8221;: \u201eMan kann sich kaum eine \u00f6kologisch katastrophalere Strategie ausdenken, als ausgerechnet das auf dem niedrigsten Energielevel ruhende Molek\u00fcl CO2 zum Aufbau komplexer, energiereicher Verbindungen nutzen zu wollen. Die Physik kann man nicht \u00fcberlisten &#8211; der riesige energetische Abstand zwischen CO2 und komplexen Kohlenstoff-Verbindungen ist eben nur mit ebenso riesigem Energieaufwand zu \u00fcberwinden. Nur Illusion\u00e4re glauben, man k\u00f6nne diesen Energieeinsatz aus regenerativen Quellen beziehen. Wir brauchen die regenerative Energie viel dringender f\u00fcr die Energiewende. Es gibt nur ein System, das Kohlendioxid nachhaltig und mit regenerativer Energie in komplexe chemische Stoffe umwandelt: Pflanzen in einer intakten Biosph\u00e4re (Photosynthese).<\/p>\n<p>Dass man ausgerechnet CO2, also das am wenigsten geeignete Molek\u00fcl, als Synthesegrundlage propagiert, hat ganz andere Gr\u00fcnde: Billige Pseudo-\u00d6ko-PR. Es macht sich einfach gut, mit einem Verfahren zu prahlen, welches das \u201eb\u00f6se\u201c CO2 in harmlose und n\u00fctzliche Verbindungen umwandelt. PR-Strategen haben daher Kohlendioxid zum neuen Lieblings-Spielzeug der Chemie erw\u00e4hlt. Man baut darauf, dass die \u00d6ffentlichkeit den energetischen und verfahrenstechnischen Irrsinn hinter dieser Aktion nicht hinterfragt.\u201c<\/p>\n<p>Manuel Fern\u00e1ndez vom Bereich Chemikalienpolitik des Bundes f\u00fcr Umwelt und Naturschutz: \u201eDer Einsatz von Kohlendioxid bei der Produktion von Polyurethan stellt aus Sicht des BUND keinen echten Fortschritt in Sachen Klimaschutz dar. Wenn BAYER im Zusammenhang mit diesem neuen Verfahren von einem \u201eganzheitlichen Ansatz zur Nachhaltigkeit\u201c spricht, muss sich die Konzernleitung nicht \u00fcber den Vorwurf wundern, \u00d6ko-PR in eigener Sache zu betreiben. Der Nutzen eines solchen Verfahrens ist schon angesichts des ben\u00f6tigten Energieaufwands fragw\u00fcrdig und steht in keinem Verh\u00e4ltnis zu den Mengen an CO2, mit denen wir allj\u00e4hrlich die Umwelt belasten. Ein ganzheitlicher Ansatz zur Nachhaltigkeit f\u00fchrt f\u00fcr den BUND nach wie vor nur \u00fcber eine drastische Reduzierung der Kunststoffproduktion und des Einsatzes von fossilen Brennstoffen.\u201c<\/p>\n<p>Prof. Dr. J\u00fcrgen Rochlitz, Chemiker und langj\u00e4hriges Mitglied der Kommission f\u00fcr Anlagensicherheit: \u201eEs handelt sich hierbei nicht um eine Dream Reaction, sondern um eine Reaktion der Illusionen. Eine m\u00f6gliche Nutzung von CO2 in der Kunststoff-Produktion spielt angesichts der um Zehnerpotenzen gr\u00f6\u00dferen Mengen, die bei energetischen Verbrennungsprozessen freigesetzt werden, eine zu vernachl\u00e4ssigende Rolle. Dies zeigt schon ein Blick auf die Zahlen: BAYER will 5.000 Tonnen Polyol auf CO2-Basis herstellen und hierbei 1.000 Tonnen Kohlendioxid einsetzen. Das ist gerade mal ein Tausendstel des j\u00e4hrlichen CO2-Aussto\u00dfes von BAYER in H\u00f6he von rund f\u00fcnf Millionen Tonnen.\u201c<\/p>\n<p>Prof. Dr. Gerd Liebezeit, Meeres-Chemiker: \u201eSelbst wenn hocheffektive Katalysatoren zur Verf\u00fcgung st\u00e4nden (deren Herstellung ja auch wieder Energie kosten w\u00fcrde), wird f\u00fcr die Produktion noch immer Energie in gro\u00dfer Menge ben\u00f6tigt. Das ist Greenwashing, mit dem sich das Unternehmen ein gr\u00fcnes M\u00e4ntelchen umh\u00e4ngen m\u00f6chte. \u00d6kologisch akzeptabel ist nur der Einsatz langlebiger Kunststoffe mit intelligentem Design, die sp\u00e4ter recycelt werden k\u00f6nnen. Kurzlebige Kunststoffe wie Einmalverpackungen und Plastikt\u00fcten m\u00fcssen ganz vermieden werden.\u201c<\/p>\n<p>Covestro reagiert auf die Kritik<\/p>\n<p>Stellungnahme des Covestro-Pressesprechers Stefan Paul Mechnig: \u201eDas neue Verfahren zur Nutzung von Kohlendioxid in der Kunststoffproduktion, das Covestro gemeinsam mit Partnern bis an die Schwelle der Marktreife entwickelt, ist nachhaltig und \u00f6kologisch wie \u00f6konomisch sinnvoll. Der Hauptzweck: Damit kann teilweise Erd\u00f6l ersetzt werden, auf dem Kunststoffe \u00fcblicherweise komplett beruhen. Ein Beitrag zur Ressourcenschonung und zur Erweiterung der Rohstoffbasis in der chemischen Industrie. Das Klimaschutzpotenzial des neuen Verfahrens ist naturgem\u00e4\u00df gering, doch ist dies auch keineswegs die Hauptintention.<\/p>\n<p>Die \u00d6kobilanz dieses Verfahrens wurde eingehend von Wissenschaftlern der RWTH Aachen University am Lehrstuhl f\u00fcr Technische Thermodynamik untersucht. Das Ergebnis: Das neue Verfahren zur Herstellung CO2-haltiger Polyole ben\u00f6tigt deutlich weniger fossile Rohstoffe und weniger Energie als das herk\u00f6mmliche Verfahren. Somit emittiert es insgesamt auch weniger CO2. Der Hauptgrund f\u00fcr diese Einsparung liegt darin begr\u00fcndet, dass im neuen Verfahren ein energie- und emissionsintensiver Ausgangstoff f\u00fcr die Polyol-Synthese, das sogenannte Epoxid, eingespart und durch CO2 ersetzt werden kann.<\/p>\n<p>Generell gilt: Je mehr Epoxid durch CO2 ersetzt werden kann, umso besser ist die CO2-Bilanz. Da jedoch der CO2-Gehalt Einfluss auf die vielf\u00e4ltigen Eigenschaften des sp\u00e4teren Produkts haben wird, variiert der genaue Gehalt abh\u00e4ngig vom individuellen Einsatzzweck der Produkte. Theoretisch m\u00f6glich w\u00e4ren bis zu 43 Prozent CO2-Anteil im Polyol, realistischer Bereich f\u00fcr die geplanten Polyurethan-Produkte ist ein deutlich zweistelliger Prozent-Betrag.<\/p>\n<p>Eine detaillierte Beispielrechnung: Bei einem CO2-Gehalt von 20 Prozent ergeben sich entlang der gesamten Wertsch\u00f6pfungskette Einsparungen in der Gr\u00f6\u00dfenordnung von 0,3 kg \u00d6l-\u00c4quivalenten (entspricht -15% fossile Rohstoffe gegen\u00fcber 0% CO2-Gehalt) und gr\u00f6\u00dfenordungsm\u00e4\u00dfig 0,4 bis 0,6 kg CO2-\u00c4quivalenten (entspricht -13% Treibhausgas-Emissionen) pro kg Polyol. Bezogen auf die verwendete CO2-Menge werden Emissionen in H\u00f6he von ca. 2 kg CO2-\u00c4quivalente pro kg verwendetem CO2 eingespart.<\/p>\n<p>Wichtig vor allem: Es braucht keine Energie von au\u00dfen zugef\u00fchrt werden, um das thermodynamisch extrem stabile und damit reaktionstr\u00e4ge CO2 zur Reaktion zu bringen. Die n\u00f6tige Energie liefert der Reaktionspartner Propylenoxid selbst. Um die Reaktion zu steuern und die Aktivierungsenergie niedrig zu halten, ist zudem ein spezieller Katalysator n\u00f6tig. Diesen Katalysator hat Covestro zusammen und wissenschaftlichen Partnern entdeckt.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit mehren Jahren forscht Covestro gemeinsam mit der RWTH Aachen und der Technischen Universit\u00e4t Berlin an einem Verfahren, um Kohlendioxid als Rohstoff in Polyole einzubauen. Nun \u00e4u\u00dfern verschiedene Umweltsch\u00fctzer Zweifel an der Nachhaltigkeit des Verfahrens. Und auch Covestro bezieht Stellung. 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