{"id":31532,"date":"2016-01-18T07:23:53","date_gmt":"2016-01-18T06:23:53","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=31532"},"modified":"2016-01-16T12:22:34","modified_gmt":"2016-01-16T11:22:34","slug":"wohin-mit-der-guelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wohin-mit-der-guelle\/","title":{"rendered":"Wohin mit der G\u00fclle?"},"content":{"rendered":"<p>Etwa 1.800 Millionen Tonnen G\u00fclle produzieren Schweine, Rinder und Gefl\u00fcgel in Europa jedes Jahr. Bauern bringen sie auf ihre Felder aus, um Kulturpflanzen mit N\u00e4hrstoffen zu versorgen. Doch wohin mit der G\u00fclle, wenn es nicht genug Felder zum D\u00fcngen gibt? In dem EU-Projekt BioEcoSIM verarbeiten Forscher des Fraunhofer IGB und der Universit\u00e4t Hohenheim zusammen mit 13 Partnern aus Deutschland, den Niederlanden, Spanien und Gro\u00dfbritannien wertvolle N\u00e4hrstoffe der G\u00fclle zu verschiedenen D\u00fcngemitteln.<\/p>\n<p>In Deutschland k\u00e4mpfen vor allem Regionen mit intensiver Tiermasthaltung wie Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen mit einem \u00dcberangebot an G\u00fclle. Die Landwirte dort m\u00fcssen die stinkende Br\u00fche daher oft in riesigen Tanklastern \u00fcber weite Strecken in Gebiete transportieren, in denen die G\u00fclle dringend ben\u00f6tigt wird. In G\u00fclle stecken bekanntlich f\u00fcr das Pflanzenwachstum wichtige N\u00e4hrstoffe wie Phosphate, Stickstoff, Kalium oder Magnesium. \u201eAber G\u00fclle besteht zu 90 Prozent aus Wasser, sodass der Transport sehr teuer wird\u201c, sagt Projekt-Koordinatorin Dr. Jennifer Bilbao vom Fraunhofer-Institut f\u00fcr Grenzfl\u00e4chen- und Bioverfahrenstechnik IGB. Die L\u00f6sung: Die Forscher wollen der G\u00fclle direkt vor Ort die N\u00e4hrstoffe entziehen und zu Phosphat- und Stickstoffd\u00fcnger sowie Biokohle aufarbeiten.<\/p>\n<p>\u201eDie Mengen an Phosphor, die wir in Deutschland zur D\u00fcngerherstellung importieren, k\u00f6nnen wir fast ausschlie\u00dflich aus G\u00fclle zur\u00fcckgewinnen\u201c, erz\u00e4hlt Bilbao. Schlie\u00dflich gehen die nat\u00fcrlichen Phosphatvorr\u00e4te in Afrika, China und den USA in einigen Jahrzehnten zur Neige. Mit dem neuen Verfahren k\u00f6nnte dar\u00fcber hinaus k\u00fcnstlicher Stickstoffd\u00fcnger eingespart werden, f\u00fcr dessen Herstellung nach dem Haber-Bosch-Verfahren viel Energie n\u00f6tig ist. Biokohle hingegen ist ein hierzulande noch kaum wahrgenommenes Produkt, das die Indios im Amazonas-Gebiet in \u00e4hnlicher Form bereits vor \u00fcber 1.000 Jahren herstellten, um N\u00e4hrstoffe und Wasser in kargen B\u00f6den zu speichern.<\/p>\n<p>Ma\u00dfgeschneiderte D\u00fcngermischung<br \/>\n\u201eUnsere Produkte k\u00f6nnen gemischt und so an den N\u00e4hrstoffbedarf der jeweiligen Pflanzenart und an die N\u00e4hrstoffzusammensetzung des Bodens angepasst werden\u201c, erkl\u00e4rt Bilbao. \u201eIn G\u00fclle stimmt das Verh\u00e4ltnis von Stickstoff zu Phosphor selten mit dem \u00fcberein, das die Pflanze braucht\u201c, erg\u00e4nzt sie. Mit dem neuen Verfahren sinkt die Gefahr der \u00dcberd\u00fcngung. Das Problem mit der G\u00fclle: \u00dcbersch\u00fcssiger Phosphor, den die Pflanze \u00fcber ihre Wurzeln nicht mehr aufnimmt, kann in Gew\u00e4sser ausgewaschen werden und diese zum Kippen bringen. Und Stickstoff, der bei einem \u00dcberangebot in Form von Nitrat oder Nitrit in das Grundwasser sickert, k\u00f6nnte unsere Gesundheit gef\u00e4hrden.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst s\u00e4uern die Fraunhofer-Forscher die G\u00fclle an, filtern die Feststoffe heraus und trocknen sie mit hei\u00dfem Dampf. Die trockene Biomasse wird anschlie\u00dfend in einer Anlage bei \u00fcber 300 Grad Celsius zu Biokohle verkohlt. Das bei dieser Pyrolyse freiwerdende Gas wird in einem Blockheizkraftwerk verfeuert, um W\u00e4rme und Strom zu gewinnen. Aus dem fl\u00fcssigen Filtrat f\u00e4llen die Forscher in einer weiteren Anlage Phosphor in Form von Salzen aus, etwa Calciumphosphat und Magnesium-Ammonium-Phosphat (Struvit). Das verbliebene Filtrat wandert schlie\u00dflich in eine von spanischen Forschern entwickelte Anlage, in der Stickstoff als Ammoniumsulfat zur\u00fcckgewonnen wird.<\/p>\n<p>\u201eDie D\u00fcngewirkung unserer Phosphatsalze ist sogar besser als die herk\u00f6mmlicher mineralischer D\u00fcnger\u201c, freut sich die aus Ecuador stammende Bilbao. Ihre Kollegen von der Universit\u00e4t Hohenheim haben junge Topfpflanzen mit je einem der beiden D\u00fcnger versorgt und anschlie\u00dfend die Trockenmassen der ausgewachsenen Pflanzen ermittelt und miteinander verglichen. Der Gehalt an Schwermetallen in den aus G\u00fclle hergestellten D\u00fcngern liege unterhalb des Grenzwertes der D\u00fcngemittelverordnung, so Bilbao. Als n\u00e4chstes wollen die Hohenheimer Forscher die Produkte direkt auf dem Feld testen. F\u00fcr die im Boden lebenden W\u00fcrmer sind sie wohl unproblematisch, wie ein spanischer Projektpartner, das private Forschungsinstitut ITAGRA.CT, untersucht hat.<\/p>\n<p>Die Kosten f\u00fcr die N\u00e4hrstoffaufbereitung beziffert Bilbao auf etwa die H\u00e4lfte dessen, was die Bauern f\u00fcr den Transport der G\u00fclle \u00fcber weite Strecken zahlen m\u00fcssen. \u201eDie aus der G\u00fclle hergestellten D\u00fcnger sind au\u00dferdem trocken und lassen sich daher leichter transportieren als fl\u00fcssige G\u00fclle mit ganz wenigen N\u00e4hrstoffen\u201c, betont die Forscherin. \u201eInsgesamt vermeiden wir mit unserem Verfahren auch, dass Treibhausgase entstehen\u201c, erl\u00e4utert Bilbao. Schlechter sieht die CO2-Bilanz aus, w\u00fcrden die Landwirte die G\u00fclle weiterhin auf den Feldern verteilen, sie zur besseren Lagerung lediglich trocknen oder zur Biogaserzeugung zusammen mit Mais verg\u00e4ren. In diesen F\u00e4llen w\u00fcrden unterm Strich umweltsch\u00e4dliche Treibhausgase entstehen. Das hat ein weiterer Projektpartner, das Universit\u00e4ts- und Wissenschaftszentrum im niederl\u00e4ndischen Wageningen, ausgerechnet.<\/p>\n<p>Nach den Versuchen im Laborma\u00dfstab folgt nun der Test im Gro\u00dfen: Im Sommer 2015 ging eine Pilotanlage auf dem Gel\u00e4nde von\u00a0Agro Energie Hohenlohe GmbH &amp; Co. KG in Kupferzell in Betrieb, die 50 Liter G\u00fclle pro Stunde umsetzt. Voraussichtlich im Juni 2016 k\u00f6nnen Interessierte aus Landwirtschaft und Industrie sowie die breite \u00d6ffentlichkeit die Anlage in Augenschein nehmen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Etwa 1.800 Millionen Tonnen G\u00fclle produzieren Schweine, Rinder und Gefl\u00fcgel in Europa jedes Jahr. Bauern bringen sie auf ihre Felder aus, um Kulturpflanzen mit N\u00e4hrstoffen zu versorgen. Doch wohin mit der G\u00fclle, wenn es nicht genug Felder zum D\u00fcngen gibt? 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