{"id":29904,"date":"2015-11-04T07:40:46","date_gmt":"2015-11-04T06:40:46","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=29904"},"modified":"2015-10-30T15:01:57","modified_gmt":"2015-10-30T14:01:57","slug":"das-garn-das-einmal-milch-war","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/das-garn-das-einmal-milch-war\/","title":{"rendered":"Das Garn, das einmal Milch war"},"content":{"rendered":"<p>Abgelaufene Milch? Perfekt! Dann ist das Eiwei\u00df sch\u00f6n flockig. Die Hannoveranerin Anke Domaske, 32, f\u00fcgt nat\u00fcrliche Stoffe hinzu, das Ganze wird zum Teig geknetet und durch eine Art Nudelmaschine gedr\u00fcckt. Heraus kommen Hunderte Spaghetti. Fast endlos. Wei\u00df. D\u00fcnn wie Spinnweben. Im September kamen sie auf den deutschen Markt. Einige Textilfirmen werden daraus Stoffe weben, aus denen vielleicht die Zukunft ist. Stoffe, von denen Domaske sagt: \u201eZu hundert Prozent essbar.\u201c<\/p>\n<p>Zwischen 2000 und 2010 ist der Textilkonsum in Deutschland um 47 Prozent gestiegen. Gleichzeitig werden Klamotten immer schneller aussortiert. Die Mode \u00e4ndert sich im Takt der Jahreszeiten \u2013 wobei die Branche acht Jahreszeiten eingef\u00fchrt hat. H&amp;M und Zara werfen ihre Ware so g\u00fcnstig auf den Markt, dass Entscheidungen unn\u00f6tig sind.<\/p>\n<p>Der Bedarf an Baumwolle steigt \u2013 und die Umwelt leidet<br \/>\nWo sollen all die Fasern herkommen, wenn die Menschen aus Schwellenl\u00e4ndern, wie bereits jetzt zu sehen, auch noch in Shoppinglaune kommen? Oder wenn 2050 zehn Milliarden Menschen auf der Welt etwas zum Anziehen brauchen? Wird noch mehr Baumwolle produziert werden, deren wasserintensiver Anbau den Aralsee vom viertgr\u00f6\u00dften See der Welt in den 60ern auf ein Rest-Achtel schrumpfen lassen und Teile in Pestizid-W\u00fcsten verwandelt hat? Oder noch mehr Chemiefasern aus Roh\u00f6l, das sein CO besser unter der Erde hielte.<\/p>\n<p>Wenn ja, werden die Umweltprobleme zunehmen. Abw\u00e4sser unweit chinesischer Textilfabriken sind jetzt schon Chemie-Cocktails, wie Greenpeace 2011 feststellte. Elke Hortmeyer von der Bremer Baumwollb\u00f6rse sch\u00e4tzt den Faserbedarf so ein: \u201eIm Moment sind unsere Baumwollbest\u00e4nde noch gut gef\u00fcllt. Langfristig wird Baumwolle aber den steigenden Bedarf nicht decken k\u00f6nnen. Die Fl\u00e4chen sind begrenzt.\u201c Derzeit produziert Indien am meisten, gefolgt von China, den USA, Pakistan und Brasilien. Bereits jetzt w\u00fcrden kr\u00e4ftig Chemiefasern hergestellt. Ihr Anteil liegt im Moment bei etwa 70 Prozent. Viele davon basieren auf Roh\u00f6l, weil es schnell und g\u00fcnstig gesponnen werden kann und Anbaufl\u00e4chen unn\u00f6tig sind. \u201eDoch irgendwann geht auch das Roh\u00f6l zu Neige.\u201c<\/p>\n<p>Forscher t\u00fcfteln eifrig an Alternativfasern. Manche Modelabels haben Abteilungen eingerichtet, um selbst zu erfinden. Algen, Bananen-Fasern oder Buchenholz kann man bereits tragen. Mais, Soja und Krabbenschalen sollen folgen.<\/p>\n<p>Die Idee ist alt, aber das Verfahren neu und umweltschonend<\/p>\n<p>Anke Domaske gr\u00fcndete 2011 in Hannover Qmilk. Ein paar Jahre zuvor war ihr Stiefvater an Krebs erkrankt und die fertige Mikrobiologin \u2013 Studien-Hauptfach Bakterien und Schimmelpilze \u2013 suchte nach chemiefreier Kleidung. Sie stie\u00df auf Kasein. Milchprotein. Und staunte: Kasein wurde schon in den 30ern zu Fasern verarbeitet. Erfunden wurde dieser Kunst-Stoff von Adolf Splitterer, ebenfalls ein Hannoveraner. 10 000 Tonnen wurden in Europa j\u00e4hrlich produziert. Viel. Auch US-Amerikaner trugen H\u00fcte und Pullis aus Wolle-Milch-Gemisch. Dann verdr\u00e4ngten Nylon und Polyester die Milchfaser.<\/p>\n<p>Alte Idee \u2013 alte Milch: Anke Domaske lie\u00df das nicht los. Sie wollte es besser machen. \u201eFr\u00fcher steckte in den Stoffen viel Formaldehyd zum Stabilisieren.\u201c Heute ist das verboten. \u201eDas musste auch mit nat\u00fcrlichen Rohstoffen klappen. Irgendwie.\u201c Von den vielen pessimistischen Experten lie\u00df sie sich nicht entmutigen. Mit T\u00f6pfen, Milchpulver und Mixer stand sie am Herd, um eine Rezeptur zu kreieren, deren Proteine sich etwa bei 60 Grad waschen nicht aufl\u00f6sen.<\/p>\n<p>Eine Faser entstand \u2013 als Stoff leicht-flie\u00dfend wie Seide, gleichzeitig W\u00e4rme und Feuchtigkeit regulierend wie Baumwolle. Mit h\u00f6chstens einem Liter Wasser hergestellt. Wie bei Synthetik-Fasern k\u00f6nnen Pigmente direkt dem \u201eTeig\u201c beigemischt werden. \u201eSchwarz ist immer die giftigste Farbe. Au\u00dfer mit Ru\u00df.\u201c Preislich kommt das Kilo Milchfaser mit rund 25 Euro an die etwa drei Euro teure Baumwolle nicht ran, h\u00f6chstens als Mischgewebe.<\/p>\n<p>Madame Chi Chi, Qmilk und das Adrenalin<br \/>\nF\u00fcr Domaskes Modelabel \u201eMadame Chi Chi\u201c, gegr\u00fcndet nach dem Abi, wurden bereits einzelne Milchkleider angefertigt. Richtig mit der Produktion startete Qmilk erst dieses Jahr. Mit 20 Mitarbeitern auf 1500 Quadratmetern. Die junge Chefin startet dort ihren Arbeitstag meist gegen sechs Uhr und geht erst um 21 Uhr. Auch am Wochenende. \u201e110 bis 120 Stunden sind das\u201c, sch\u00e4tzt sie. \u201eAber das f\u00fchlt sich nicht wie Arbeit an, eher wie ein Hobby \u2013 das ich als Beruf machen darf. Das treibt mich an. Ist wie Adrenalin.\u201c<\/p>\n<p>Ihre Freunde f\u00e4nden \u201ecool\u201c, was sie macht. Beschwerden, weil sie nicht immer dabei ist, h\u00f6rt sie nie. Schon immer war sie ehrgeizig. Als Jugendliche untersuchte sie unz\u00e4hlige Telefonzellen auf Bakterien f\u00fcr \u201eJugend forscht\u201c. Und Studentenleben? Ist ihr unbekannt. Sie widmete sich komplett ihrem Modelabel, f\u00fcr das sie auch heute noch entwirft. \u201eKlar, das Privatleben leidet drunter.\u201c An Familie denkt sie erstmal nicht. \u201eIch muss mich ja um meine Mitarbeiter richtig k\u00fcmmern.\u201c<\/p>\n<p>Der Konferenzraum ist tapeziert mit 19 Preisen und Ehrungen. Seit Mai h\u00e4ngt dort auch der Green Tech Award. \u201eDas war eine \u00dcberraschung!\u201c Die Jury k\u00fcrte \u201edie Aufwertung eines Abfallprodukts zu einem wertvollen Rohstoff\u201c zu einer der besten Umwelttechnologien des Jahres. Denn: Es wird nur Milch verwendet, die nicht mehr den Lebensmittelrichtlinien gen\u00fcgt. Zum Beispiel weil Keime in der Milch waren, wegen Fehlchargen oder weil die K\u00fchlkette unterbrochen war. In Indien ein gro\u00dfes Thema, wie Domaske sagt. Vorrang hat aber erst einmal der Aufbau eines Milch-Sammelsystems in Deutschland. Bei Superm\u00e4rkten, Molkereien und Bauern soll im Zwei-Wochen-Rhythmus Milch abgeholt werden.<\/p>\n<p>Die Jury war angetan, was aus Milch alles werden kann \u2013 vor allem, wenn man auch Granulat herstellt, wie Qmilk: Implantate, Baby-Spielzeug, Kosmetik, Verpackungsschaum, Papier mit Lotuseffekt. Die Auto-Industrie sei interessiert und der Kompressions-Strumpf-Markt \u201eist stark\u201c. \u201eMein Traum der n\u00e4chsten Jahre ist eine Wundauflage aus Milch.\u201c Mit eingearbeiteter Medizin.<\/p>\n<p>Vom Faden \u00fcber die Kn\u00f6pfe bis zum Stoff \u2013 geht alles aus Milch<br \/>\nRoland Essel vom Nova-Institut, das zu nachhaltigen Rohstoffen forscht, sieht die Milchfaser als eine Zukunftsfaser unter vielen. \u201eDie Frage ist, wie viel davon in einem Land erzeugt werden kann. Das ist bei der Milch wohl begrenzt.\u201c Und ob die Faser Luxus bleibt.<\/p>\n<p>Die 32-j\u00e4hrige Anke Domaske l\u00e4sst sich nicht beirren. \u201eMein gro\u00dfes Vorbild war Robert Koch. Ich wollte was gegen Aids oder Krebs entwickeln. Jetzt hab\u2019 ich Qmilk. Wenn man mit der Erfindung mal was bewirken kann, ist das in Ordnung f\u00fcr mich.\u201c Mal schauen, wie viele bald mit der t\u00e4glichen, dreifachen Portion Milch herum laufen? Vom Faden \u00fcber die Kn\u00f6pfe bis zum Stoff.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Abgelaufene Milch? Perfekt! Dann ist das Eiwei\u00df sch\u00f6n flockig. Die Hannoveranerin Anke Domaske, 32, f\u00fcgt nat\u00fcrliche Stoffe hinzu, das Ganze wird zum Teig geknetet und durch eine Art Nudelmaschine gedr\u00fcckt. Heraus kommen Hunderte Spaghetti. Fast endlos. Wei\u00df. D\u00fcnn wie Spinnweben. Im September kamen sie auf den deutschen Markt. 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