{"id":29520,"date":"2015-10-22T07:03:25","date_gmt":"2015-10-22T05:03:25","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=29520"},"modified":"2015-10-19T11:16:00","modified_gmt":"2015-10-19T09:16:00","slug":"nachhaltigkeit-zwischen-theorie-und-praxis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/nachhaltigkeit-zwischen-theorie-und-praxis\/","title":{"rendered":"Nachhaltigkeit: zwischen Theorie und Praxis"},"content":{"rendered":"<p>Nachhaltige Chemie ist ein recht schwammiger Begriff. Klare Kenngr\u00f6\u00dfen fehlen. Immerhin macht sich jetzt das Umweltbundesamt zur Aufgabe, diese zu entwickeln. Derweil ist es so mancher Firma bereits gelungen, mit umweltschonenden Verfahren Geld zu verdienen.<\/p>\n<p>\u201eNachhaltige Chemie muss sich am Ende des Tages rechnen\u201c, sagte Hubert Mandery auf der Konferenz \u201eSustainable Chemistry 2015\u201c\u2019 des Bundesumweltministeriums und des Umweltbundesamts (UBA) Ende September in Berlin. Dieses Statement des Generaldirektors des europ\u00e4ischen Chemieverbands Cefic rief Widerspruch hervor: Wachstum sei kein Selbstzweck, meint Alexander Nies. \u201eWir brauchen nicht immer mehr, sondern Besseres\u201c, forderte der Chemikalienfachmann im Bundesumweltministerium. F\u00fcr manche Unternehmen m\u00f6gen sich h\u00f6here Verkaufszahlen f\u00fcr Kunststoffe rechnen. \u201eFindet sich aber immer mehr Plastik in Fischen, die wir essen, dann ist das keine gute Entwicklung.\u201c<\/p>\n<p>Doch wann sind Herstellung und Anwendung eines Kunststoffs oder einer anderen Substanz \u00fcberhaupt nachhaltig? Um dies zu beantworten, braucht es messbare Parameter, also Indikatoren. \u201eSolche Kriterien und Indikatoren fehlen weltweit noch\u201c, kritisierte Jutta Klasen, Fachbereichsleiterin Chemie im UBA.<\/p>\n<p>Erste Schritte zu deren Festlegung ist das Amt mit dem \u00d6ko-Institut Freiburg und der Beratungsgesellschaft f\u00fcr integrierte Probleml\u00f6sungen (Bipro) in M\u00fcnchen gegangen. Gemeinsam haben sie 78 Nachhaltigkeitsindikatoren f\u00fcr \u00f6kologische, \u00f6konomische und soziale Aspekte identifiziert.<\/p>\n<p>Diese decken etwa Treibhausgasemissionen, den Energie- und Wasserverbrauch, das Abfallaufkommen, die Zahl der Unf\u00e4lle sowie chemiespezifische Aspekte ab: Stellt ein Unternehmen z. B. Kunststoff her, sollte bekannt sein, wie hoch der Anteil an langlebigen und an abbaubaren Bestandteilen ist und ob er gef\u00e4hrliche Stoffe enth\u00e4lt.<\/p>\n<p>F\u00fcr wichtig halte das UBA auch, so Klasen, ob ein Unternehmen f\u00fcr Innovationen offen ist, seine Mitarbeiter regelm\u00e4\u00dfig weiterbildet und ob der Anteil der unter Menschenrechts- oder Umweltaspekten auditierten Zulieferer etwa aus Asien hoch ist. Klasen: \u201eSolche Fragen sollen bei Chemiefirmen weltweit Verst\u00e4ndnis f\u00fcr alle Bereiche der Nachhaltigkeit wecken.\u201c<\/p>\n<p>Ein Indikator wird auch sein, inwieweit eine Firma Substanzen aus nachwachsenden Rohstoffen einsetzt. Auf der Konferenz wurde deutlich, dass immer mehr Chemikalien beispielsweise aus Pflanzenst\u00e4rke gewonnen werden. Die 2008 gegr\u00fcndete Firma Bioamber etwa stellt seit August 2015 Bernsteins\u00e4ure aus Zucker her. Die Anlage im kanadischen Sarnia hat eine Jahreskapazit\u00e4t von bis zu 30 000 t.<\/p>\n<p>Der Zucker k\u00f6nne aus Mais, Weizen oder Zuckerr\u00fcben stammen, erkl\u00e4rt Vertriebsleiterin Babette Pettersen. \u201eIm Vergleich zur Herstellung von Bernsteins\u00e4ure aus Erd\u00f6l sparen wir ca. 60 % des Energieverbrauchs ein.\u201c 2017 soll in den USA eine Anlage mit 70 000 t\/Jahr in Betrieb gehen.<\/p>\n<p>Wichtig f\u00fcr die Bewertung wird auch sein, wie wenig sehr gef\u00e4hrliche Chemikalien ein Unternehmen nutzt. Das bedeute nicht, auf solche Chemikalien zu verzichten, \u201esolange geeignete Ersatzstoffe fehlen\u201c, betont Steffen Saecker. Der Prokurist von Safechem, einer Tochter von Dow mit Sitz in D\u00fcsseldorf, h\u00e4lt das krebserregende Trichlorethen (Tri) f\u00fcr ein solches Beispiel.<\/p>\n<p>Mit dieser Verbindung reinigen Unternehmen Metallteile. Doch Tri gilt in der EU als \u201ebesonders besorgniserregend\u201c. Ab April 2016 d\u00fcrfen Unternehmen die Chemikalie nur in zugelassenen Anwendungen verwenden. 14 Firmen stellten bei der EU-Chemikalienagentur Zulassungsantr\u00e4ge. \u201eDie Agentur hat unsere f\u00fcnf positiv bewertet\u201c, so Saecker. Jetzt m\u00fcsse noch die EU-Kommission zustimmen. Das Besondere an Safechems Antr\u00e4gen ist, dass die Firma Tri nur nach dem Gesch\u00e4ftsmodell Chemikalienleasing verkaufen wird: Der Kunde erh\u00e4lt ein Servicepaket, das neben der Lieferung und R\u00fccknahme des L\u00f6semittels auch Risikomanagementma\u00dfnahmen sowie Beratungs- und Schulungsleistungen umfasst.<\/p>\n<p>Doch Nachhaltigkeit kostet. Zuckerbasierte Bernsteins\u00e4ure ist teurer als erd\u00f6lbasierte. Das L\u00f6semittel Tri risikoarm zu nutzen, ist aufwendiger, als damit zu panschen. Vor allem in der Textilkette sei der Kostendruck so hoch, \u201edass Hersteller beim Einkauf von Farbstoffen oder Hilfsmitteln vielfach nur die billigste Chemie, die mit Schadstoffen oder kritischen Substanzen belastet ist, ber\u00fccksichtigen\u201c, so Peter Waeber, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer von Bluesign Technologies in St. Gallen.<\/p>\n<p>Das Unternehmen zertifiziert Firmen dieser Branche und hilft ihnen, umweltvertr\u00e4glich und nur mit sauberen Chemikalien zu arbeiten. Aufgrund des Preisdrucks falle es Textilherstellern jedoch schwer, etablierte Prozesse zu verbessern, sagt Waeber. \u201eEin T-Shirt f\u00fcr 2 \u20ac l\u00e4sst dies einfach nicht zu.\u201c<\/p>\n<p>Dabei lassen sich Textilien umwelt- und gesundheitsvertr\u00e4glich herstellen. Thomas Michaelis aus der Abteilung Textilbeschichtung bei Covestro (vorher Bayer Materialscience) gab ein Beispiel. Fast alle Firmen, die mit Polyurethan beschichtetes Kunstleder herstellen, nutzen fortpflanzungssch\u00e4digendes Dimethylformamid (DMF) als L\u00f6semittel. Das m\u00fcsse nicht sein, erkl\u00e4rte Michaelis. So etablieren sich Polyurethane auf w\u00e4ssriger Basis. Die Leverkusener Firma ist jedoch bereits einen Schritt weiter: Sie hat w\u00e4ssrige Dispersionen entwickelt, deren Inhaltsstoffe zu zwei Dritteln aus nachwachsenden Rohstoffen stammen. Dies senke die CO<sub>2<\/sub>-Emissionen bei der Herstellung, so Michaelis. Und nach etlichen Anwendungstests wei\u00df er, \u201edass die Leistungsf\u00e4higkeit dieser Dispersionen der der herk\u00f6mmlichen Produkte entspricht\u201c. Covestro will diese Dispersionen ab 2018 auf den Markt zu bringen.<\/p>\n<p>Ob sich solche nachhaltigen Ans\u00e4tze in der Textilkette durchsetzen, bleibt abzuwarten. Kriterien und Indikatoren f\u00fcr eine nachhaltige Chemie w\u00fcrden dabei kaum helfen, meint Kirsten Brodde. Die Chemiekampagnerin bei Greenpeace erwartet vielmehr strenge gesetzliche Vorgaben und setzt darauf, dass dank \u00f6ffentlichem Druck die Hersteller bekannter Markenartikel ihre Lieferanten dazu verpflichten, Textilien nachhaltig herzustellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachhaltige Chemie ist ein recht schwammiger Begriff. Klare Kenngr\u00f6\u00dfen fehlen. Immerhin macht sich jetzt das Umweltbundesamt zur Aufgabe, diese zu entwickeln. 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