{"id":29503,"date":"2015-10-21T07:41:04","date_gmt":"2015-10-21T05:41:04","guid":{"rendered":"https:\/\/rss.nova-institut.net\/public.php?url=http%3A%2F%2Fwww.innovations-report.de%2Fhtml%2Fberichte%2Fgeowissenschaften%2Fbiokohle-als-bodenverbesserer-kann-ertraege-in-westafrika-steigern.html"},"modified":"2015-10-19T08:55:04","modified_gmt":"2015-10-19T06:55:04","slug":"mehr-salat-dank-biokohle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/mehr-salat-dank-biokohle\/","title":{"rendered":"Mehr Salat dank Biokohle"},"content":{"rendered":"<p><strong>In Westafrika ziehen zahlreiche Bauern in die St\u00e4dte, wo sie auf Brachfl\u00e4chen und in ausgetrockneten Flussbetten Landwirtschaft betreiben. Die B\u00f6den sind oft nicht besonders ertragreich, der Anbau auf den Fl\u00e4chen teilweise illegal und umweltsch\u00e4dlich. Ein interdisziplin\u00e4res Forscherteam will Abhilfe schaffen.<\/strong><\/p>\n<p>Westafrika hat eine der gr\u00f6\u00dften Verst\u00e4dterungsraten der Welt. Die Leute, die die l\u00e4ndlichen Gegenden verlassen, sind haupts\u00e4chlich Bauern, deren Existenzgrundlage die Landwirtschaft ist. Sie versuchen, jeden freien Quadratmeter in der Stadt daf\u00fcr zu nutzen. Im Projekt UrbanFoodPlus wollen Forscherinnen und Forscher Wege finden, um die urbane Landwirtschaft produktiver, nachhaltiger und klimafreundlicher zu gestalten. Der RUB-Lehrstuhl f\u00fcr Bodenkunde und Boden\u00f6kologie von Prof. Dr. Bernd Marschner koordiniert das Projekt gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen der Universit\u00e4t Kassel. Eines der vielen Teilprojekte hat zum Ziel, die Ernteertr\u00e4ge auf st\u00e4dtischen B\u00f6den zu steigern. Um die daf\u00fcr notwendigen Daten zu sammeln, hat Dr. Volker H\u00e4ring seinen Arbeitsplatz zeitweise von Bochum nach Westafrika verlagert (Abb. 1). Insgesamt neun Monate war er in Burkina Faso und Ghana, um zusammen mit Kolleginnen und Kollegen unterschiedlicher Fachrichtungen Feldversuche durchzuf\u00fchren und sich mit den Bauern vor Ort auszutauschen. \u201eDas interkulturelle Abenteuer hat mich gereizt\u201c, sagt H\u00e4ring. Aber nicht nur das. Auch die starke Kooperation innerhalb der RUB im Rahmen von Urban FoodPlus sehen die Boden\u00f6kologen als gro\u00dfen Vorteil (siehe Infografik \u201eNachhaltige Prozesse f\u00fcr Westafrikas Landwirtschaft\u201c, verf\u00fcgbar auch unten auf der Seite im Fotodownload).<\/p>\n<p>Eine lange Geschichte von Entwicklungsprogrammen hat bewirkt, dass in diesen L\u00e4ndern kaum noch Menschen an Hunger sterben, vor allem nicht in Ghana. D\u00fcrren oder andere Naturkatastrophen k\u00f6nnen die Ern\u00e4hrungssicherheit jedoch nach wie vor gef\u00e4hrden, und gesundheitliche Probleme durch Mangelern\u00e4hrung sind kein seltenes Ph\u00e4nomen. \u201eEs gibt kaum Versicherungen, die bei einem Ernteausfall helfen\u201c, sagt Volker H\u00e4ring. \u201eDie Menschen sind auf die Familie und auf den Ertrag vom Feld angewiesen.\u201c Umso wichtiger ist es, dass sie sich auf eine erfolgreiche und reichliche Ernte verlassen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Um einen \u00dcberblick \u00fcber die Lage zu gewinnen, befragten die Forscherinnen und Forscher in einer ersten Studie 270 Bauern aus Tamale in Ghana sowie 246 aus Ouagadougou in Burkina Faso und analysierten die von ihnen genutzten B\u00f6den. Zun\u00e4chst mussten sie aber geeignete Fl\u00e4chen und Teilnehmer finden. \u201eIch habe mir einen Motorroller gekauft. Der macht das Leben deutlich einfacher\u201c, erz\u00e4hlt H\u00e4ring. \u201eEinen dicken Gel\u00e4ndewagen, wie ihn andere Projekte haben, konnten wir uns nicht leisten. Aber meiner Meinung nach passt es auch nicht, damit zu einfachen Bauern zu fahren.\u201c<\/p>\n<p>Abb. 2<br \/>\nDie Studie lieferte ein gutes Bild \u00fcber die Bodenbeschaffenheit, den Einsatz von D\u00fcnge- und Pflanzenschutzmitteln und die \u00fcblichen Ernteertr\u00e4ge. Anschlie\u00dfend galt es, Mittel zu finden, um die Ertr\u00e4ge zu steigern. Biokohle lautet das Zauberwort des Bochumer Teams. Dabei handelt es sich um verkohlte Biomasse, die entsteht, wenn pflanzliches Material in sauerstoffarmer Atmosph\u00e4re verbrennt. In den Boden eingearbeitet verbessert sie den Wasserhaushalt und sorgt daf\u00fcr, dass N\u00e4hrstoffe besser haften bleiben. \u201eWasser ist in Westafrika der limitierende Faktor Nummer eins f\u00fcr die Landwirtschaft\u201c, wei\u00df H\u00e4ring. An zweiter Stelle kommt die Bodenfruchtbarkeit; der sandige Untergrund kann N\u00e4hrstoffe in der Regel nur schlecht speichern. Biokohle k\u00f6nnte beide Probleme auf einmal l\u00f6sen. \u201eSie ist in der Forschung eingeschlagen wie ein Meteorit\u201c, erz\u00e4hlt der RUB-Wissenschaftler. \u201eEs ist ein richtiger Hype entstanden, den man nat\u00fcrlich kritisch betrachten sollte. Pl\u00f6tzlich traten viele Weltverbesserer auf den Plan, die alle Probleme mit Biokohle l\u00f6sen wollten, aber die Sache wenig reflektiert angegangen sind.\u201c Zugutehalten m\u00fcsse man ihnen aber, dass die Feldversuche die ertragssteigernde Wirkung der Biokohle best\u00e4tigten (Abb. 2). Die Experimente in Westafrika offenbarten gro\u00dfes Potenzial f\u00fcr die Substanz.<\/p>\n<p>Abb. 3<br \/>\nZun\u00e4chst f\u00fchrte das UrbanFoodPlus-Team Untersuchungen unter kontrollierten Bedingungen durch. Auf den Testfeldern, die die Forscher mit Biokohle behandelten, wuchsen tats\u00e4chlich gr\u00f6\u00dfere Salatk\u00f6pfe als auf den unbehandelten Feldern (Abb. 3). Ein vielversprechendes Ergebnis. Aber w\u00fcrden die Bauern auch im Alltag mit der Biokohle klarkommen? Unmittelbar dr\u00e4ngt sich die Frage auf, wo der Bodenverbesserer \u00fcberhaupt herkommen soll \u2013 und zu welchem Preis. Die Idee: Biokohle aus Ernter\u00fcckst\u00e4nden erzeugen. \u00dcberreste von Maiskolben oder die H\u00fclsen von Reisk\u00f6rnen eignen sich zum Beispiel daf\u00fcr. Solcher Pflanzenabfall ist nicht nur kostenlos, seine Umsetzung zu Biokohle hat noch einen weiteren Vorteil. \u00dcblicherweise werden Erntereste verbrannt oder im Lauf der Zeit auf nat\u00fcrlichem Weg zersetzt. Der \u00fcberwiegende Teil des Kohlenstoffs aus dem organischen Material entweicht in die Atmosph\u00e4re, geht dem Boden als Ressource verloren und schadet in Form von CO2 dem Klima. Bei der Biokohleproduktion hingegen wird immerhin die H\u00e4lfte des Kohlenstoffs stabil gespeichert (Abb. 4).<\/p>\n<p>Abb. 4<br \/>\n\u201eAlle Ghanaer kennen die Kohleproduktion, weil sie Holzkohle zum Kochen verwenden\u201c, berichtet H\u00e4ring. \u201eIn jedem Dorf gibt es Leute, die sich auf die Herstellung spezialisiert haben.\u201c Mit dem gleichen Prozess k\u00f6nnte man auch Biokohle produzieren. Aber selbst spezielle \u00d6fen f\u00fcr die Produktion sind einfach und g\u00fcnstig zu bauen. Zw\u00f6lf St\u00fcck verteilte H\u00e4ring mit seinen Kolleginnen und Kollegen an Bauern, die Lust hatten, an einem Experiment teilzunehmen. Sie zeigten ihnen kurz, wie die Ger\u00e4te funktionieren, und zogen sich dann auf die Beobachterperspektive zur\u00fcck. Die Bauern stellten selbst Biokohle her, brachten sie in die Felder ein und pflanzten Salat. Gespannt wartet Volker H\u00e4ring nun auf die Ergebnisse. \u201eBei solchen Projekten besteht immer die Gefahr, dass etwas Unerwartetes passiert\u201c, sagt er. \u201eZum Beispiel, dass Tiere alle Pflanzen wegfressen.\u201c<\/p>\n<p>Auch dar\u00fcber hinaus tauchten Probleme auf, die die Forscherinnen und Forscher zun\u00e4chst gar nicht auf dem Schirm hatten. Um kleine Felder mit einer ausreichenden Menge Biokohle auszustatten, braucht man einiges an Biomasse, zwei Kilogramm pro Quadratmeter, um genau zu sein. \u201eSo viel Pflanzenabfall muss erst einmal verf\u00fcgbar sein\u201c, gibt H\u00e4ring zu bedenken. \u201eUnd man muss ihn transportieren und den Transport bezahlen k\u00f6nnen.\u201c Von solchen Hindernissen erf\u00e4hrt man h\u00e4ufig nur im Gespr\u00e4ch mit den Betroffenen. Daher trifft sich das UrbanFoodPlus-Team regelm\u00e4\u00dfig mit den involvierten Bauern zu Gruppendiskussionen. Die Verst\u00e4ndigung klappt in der Regel gut, in Burkina Faso auf Franz\u00f6sisch, in Ghana auf Englisch. \u201eGhanaer sind Sprachk\u00fcnstler\u201c, hat Volker H\u00e4ring schnell bemerkt. \u201eViele sind zwar Analphabeten, aber beherrschen flie\u00dfend vier oder f\u00fcnf Sprachen, weil sie oft stark mit benachbarten ethnischen Gruppen vernetzt sind.\u201c<\/p>\n<p>Abb. 5<br \/>\nDie Gruppendiskussionen haben den Wissenschaftlern gezeigt, dass die Bauern gut informiert sind. H\u00e4ring: \u201eEigentlich wissen sie alles, zum Beispiel wie man den Wasserhaushalt des Bodens verbessern kann.\u201c (Abb. 5) Oft wundert sich die Forschungsgruppe dann, dass die Bauern n\u00fctzliche Ma\u00dfnahmen trotz ihrer Expertise nicht umsetzen. Die Diskussionen offenbaren h\u00e4ufig warum. \u201eDas sind dann so banale Gr\u00fcnde wie, dass man noch nicht einmal ein Fahrrad hat, um etwas von A nach B zu transportieren\u201c, erz\u00e4hlt der Bochumer Forscher. \u201eOder der erh\u00f6hte Arbeitsaufwand, den Bodenschutztechniken erfordern, wird nicht als rentabel angesehen. Oft ist das Land nicht in Privatbesitz, und man wei\u00df nicht, ob man es in f\u00fcnf Jahren noch bewirten darf. Dementsprechend ist die Motivation gering, etwas Nachhaltiges f\u00fcr die Bodenfruchtbarkeit zu tun. Ein komplexes Gef\u00fcge.\u201c<\/p>\n<p>Diese H\u00fcrden wird das UrbanFoodPlus-Projekt nicht aus dem Weg r\u00e4umen k\u00f6nnen. Das ist aber auch gar nicht das Ziel. Das Team erprobt zwar Techniken, von denen die Menschen der Region profitieren k\u00f6nnen. Sie im Alltag umzusetzen ist dann aber Aufgabe der Entwicklungszusammenarbeit. Volker H\u00e4ring freut sich \u00fcber die gute Kooperation mit den Bauern sowie den Projektpartnern in Deutschland und Westafrika. Ohne letztere w\u00e4re das Forschungsvorhaben nicht m\u00f6glich. \u201eEs ist wirklich eine Kooperation auf Augenh\u00f6he. Daran liegt uns viel, und ohne sie w\u00e4re das ganze Projekt undenkbar\u201c, sagt er. \u201eIch bin jedenfalls gern in Westafrika.\u201c<\/p>\n<p>Mehr Informationen zum Projekt: http:\/\/www.urbanfoodplus.org<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Westafrika ziehen zahlreiche Bauern in die St\u00e4dte, wo sie auf Brachfl\u00e4chen und in ausgetrockneten Flussbetten Landwirtschaft betreiben. Die B\u00f6den sind oft nicht besonders ertragreich, der Anbau auf den Fl\u00e4chen teilweise illegal und umweltsch\u00e4dlich. Ein interdisziplin\u00e4res Forscherteam will Abhilfe schaffen. Westafrika hat eine der gr\u00f6\u00dften Verst\u00e4dterungsraten der Welt. 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