{"id":28068,"date":"2015-09-03T03:15:19","date_gmt":"2015-09-03T01:15:19","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=28068"},"modified":"2015-09-02T11:04:19","modified_gmt":"2015-09-02T09:04:19","slug":"biooekonomie-eine-neue-form-der-geschaeftemacherei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/biooekonomie-eine-neue-form-der-geschaeftemacherei\/","title":{"rendered":"Bio\u00f6konomie: Eine neue Form der Gesch\u00e4ftemacherei?"},"content":{"rendered":"<p>7,3 Milliarden Menschen leben derzeit auf dieser Welt, 1970 waren es halb so viele. Selbst wenn diese Zahlen reichlich abstrakt wirken, ist gut vorstellbar, dass der Druck auf die Ressourcen der Erde von Jahr zu Jahr weiter steigen wird, alleine schon wegen des Bedarfs an Nahrungsmitteln, aber auch an Energie. Da wirken die Versprechen der Bio\u00f6konomie beinahe zu fantastisch, um wahr zu sein: Eine umweltvertr\u00e4gliche Weltwirtschaft, die die Weltbev\u00f6lkerung mit ausreichend Nahrung aus nachwachsenden Rohstoffen versorgt, dar\u00fcber hinaus Alltagsprodukte, die man ohne schlechtes Gewissen kaufen kann, weiters saubere Energie und neue Jobs.<\/p>\n<p>Bio\u00f6konomie? Das ist ein relativ neuer Begriff, bei dem Akteure aus Wirtschaft, Politik und Forschung gleicherma\u00dfen ins Schw\u00e4rmen geraten. Man versteht darunter die Nutzung biologischer Ressourcen in bisher nicht gekanntem Ausma\u00df. An sich nichts Neues, denn im Prinzip passiert das in der Landwirtschaft, in holzverarbeitenden Betrieben oder in der chemischen Industrie schon l\u00e4ngst. Neu ist die umfassende Ausrichtung der Wirtschaft in diese Richtung. Hubert D\u00fcrrstein, ehemaliger Rektor der Universit\u00e4t f\u00fcr Bodenkultur und einer der f\u00fchrenden Experten auf diesem Gebiet, dr\u00fcckt es so aus: &#8220;Es ist die Transformation zu einer neuen Wirtschaftsform.\u201c D\u00fcrrstein, derzeit Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Akademischen Austauschdienstes (\u00d6AD), wird beim Forum Alpbach zu diesem Thema mit anderen Experten diskutieren. Und Clemens Matzer, beim \u00d6kosozialen Forum, einem der \u00d6VP nahestehenden Thinktank, f\u00fcr Wirtschafts- und Energiepolitik zust\u00e4ndig, erkl\u00e4rt: &#8220;Ans\u00e4tze zur Bio\u00f6konomie gibt es seit den 1960er-Jahren, neu ist die Einbindung vieler Akteure &#8211; von der chemischen Industrie bis zu politischen Institutionen wie der EU-Kommission.\u201c Von einer &#8220;Re-Industrialisierung Europas auf nachhaltiger Basis\u201c ist schon die Rede. Weniger romantisch klingt das allerdings in den Worten von Franz-Theo Gottwald, Honorarprofessor mit Fachgebiet Umweltethik an der Humboldt-Universit\u00e4t Berlin und Vorstand der deutschen Schweisfurth-Stiftung, die sich f\u00fcr nachhaltige Agrarwirtschaft einsetzt: &#8220;Neu sind Ausma\u00df und Radikalit\u00e4t der von der Bio\u00f6konomie angestrebten Naturverwertung.\u201c Diese beinhalte nicht nur die &#8220;restlose Inbesitznahme allen Lebens\u201c, sondern mit der Gentechnik und der Synthetischen Biologie auch seine Um- und Neugestaltung. Es komme zu einer &#8220;Umdeutung des Nachhaltigkeitsbegriffs\u201c, warnt Gottwald.<br \/>\nRingen zwischen Nachhaltigkeit und Profit<br \/>\nTats\u00e4chlich erinnern die Bio\u00f6konomie-Akteure an Schachfiguren, die sich gerade bem\u00fchen, die wichtigsten Felder in diesem Spiel zu besetzen. Es w\u00e4re zwar Schwarz-Wei\u00df-Denken, w\u00fcrde man Industrie, multinationale Konzerne und ihre Lobbyisten auf der einen Seite sehen, w\u00e4hrend Umweltsch\u00fctzer, Biobauern und regionale Akteure die andere Seite darstellen. Tats\u00e4chlich ist die Sache deutlich komplizierter, die Grenzen verlaufen nicht ganz scharf. Zweifelsfrei weckt die Natur als Lieferant wertvoller Rohstoffe aber Begehrlichkeiten. Und dass die Nutzung dieser Rohstoffe automatisch den Siegeszug von Biolandwirtschaft und nachhaltiger Wirtschaft bedeutet, ist eher nicht zu erwarten. Am besten wird das erwartete Ringen zwischen Nachhaltigkeit und Profit an der Frage ersichtlich, ob Pflanzen als Nahrungsmittel dienen sollen oder doch als Energielieferanten. Raps- und Maisfelder bis zum Horizont sind der Beweis, dass angebliche &#8220;gr\u00fcne\u201c Ma\u00dfnahmen letztlich das Gegenteil bewirken k\u00f6nnen. Die Nutzung von Raps-Biodiesel ist Studien zufolge sch\u00e4dlicher f\u00fcr die Umwelt als der Einsatz fossiler Rohstoffe. Franz-Theo Gottwald: &#8220;Bioenergie darf nicht zulasten von Nahrungsmittelerzeugung gehen.\u201c Er nennt als Beispiel Biogasanlagen, die zu einer enormen Verteuerung von B\u00f6den gef\u00fchrt h\u00e4tten. &#8220;Viele H\u00f6fe haben sich auf dieses lukrative Gesch\u00e4ft spezialisiert und deshalb Tierhaltung und Pflanzenbau f\u00fcr Futtermittel und menschliche Ern\u00e4hrung aufgegeben.\u201c<\/p>\n<p>Nicht nur durch die Verwertung bisher nicht genutzter Reste aus der Landwirtschaft soll die Bio\u00f6konomie f\u00fcr einen Umbruch sorgen, auch die bessere Ausnutzung vorhandener Fl\u00e4chen soll dazu beitragen &#8211; etwa mithilfe von Biod\u00fcngern, basierend auf Bakterien, die das Pflanzenwachstum f\u00f6rdern. Die optimale Nutzung landwirtschaftlicher Fl\u00e4chen ist das Ziel. &#8220;Wir m\u00fcssen uns beispielsweise genauer ansehen, welche B\u00f6den f\u00fcr welche Nutzung geeignet sind\u201c, meint D\u00fcrrstein vom \u00d6AD. Die Konzepte der Bio\u00f6konomie seien jedenfalls geeignet, beim Kampf gegen Nahrungsmittelknappheit zu helfen. Leicht wird das nicht: Die Produktion wichtiger Grundstoffe wie Weizen und Mais sei kaum zu steigern, zeigt eine Studie. Immer ausget\u00fcfteltere Methoden, immer leistungsf\u00e4higere Pflanzen sollen das Optimum aus den B\u00f6den herausholen &#8211; doch irgendwann ist damit Schluss. Unter dem Produktionsdruck kommen in vielen Regionen erst recht wieder Monokulturen und herk\u00f6mmliche D\u00fcnger zum Einsatz. Landwirtschaft wird zur wissenschaftlich betriebenen Agroindustrie, formuliert es der deutsche Gr\u00fcnen-Politiker Ralf F\u00fccks; Pflanzen und Tiere w\u00fcrden zu &#8220;Biomaschinen\u201c werden. Bio\u00f6konomie-Kritiker Gottwald: &#8220;Die L\u00f6sung wird darin gesehen, die Produktivit\u00e4t durch verbesserte Produktionstechnik und innovative Kombinationen unterschiedlicher Verfahren zu steigern.\u201c Genau dieser Weg habe aber schon bisher zu einer verheerenden Umweltzerst\u00f6rung gef\u00fchrt und ist alles andere als nachhaltig. &#8220;In der Realit\u00e4t kommt es zu einer nachhaltigen Zerst\u00f6rung agrarischer Existenzgrundlagen.\u201c So zeige der Weltagrarbericht 2008, dass die auf diesem Weg erzielten Produktionssteigerungen langfristig die Bodenfruchtbarkeit gef\u00e4hrden.<\/p>\n<p>Erste Ans\u00e4tze in \u00d6sterreich<br \/>\nEine dezidierte Strategie zur Bio\u00f6konomie haben im Moment nur wenige Staaten, darunter Deutschland, die USA und D\u00e4nemark. In \u00d6sterreich soll es n\u00e4chstes Jahr eine solche Strategie geben. Derzeit wird das Thema von zwei Akteuren vorangetrieben: Von der Initiative Bios Science Austria, der unter anderem Boku, Veterin\u00e4rmedizinische Universit\u00e4t, Lebensministerium und Umweltbundesamt angeh\u00f6ren, sowie von der Vereinigung f\u00fcr Agrarwissenschaftliche Forschung (\u00d6VAF). Deren Positionspapier zur Bio\u00f6konomie ist noch reichlich allgemein gehalten, heikle Punkte werden ausgespart &#8211; das wird sich \u00e4ndern m\u00fcssen. Derzeit wird ein Zustandsbericht ausgearbeitet, der unter anderem die Eigenheiten und Vorz\u00fcge \u00d6sterreichs darstellen soll. &#8220;\u00d6sterreich ist in gewissen Themen der Bio\u00f6konomie \u00e4u\u00dferst wettbewerbsf\u00e4hig, etwa bei Forst- und Waldwirtschaft, Wasser- und Lebensmittelsicherheit- und -qualit\u00e4t\u201c, sagt D\u00fcrrstein. Zudem k\u00f6nne \u00d6sterreich als Drehkreuz nach Osteuropa genutzt werden. &#8220;Dort tut sich in Sachen Bio\u00f6konomie noch vergleichsweise wenig.\u201c Beim Forum Alpbach werden erste Ergebnisse pr\u00e4sentiert, im Fr\u00fchjahr n\u00e4chsten Jahres k\u00f6nnte eine konkrete Forschungsstrategie feststehen. In Alpbach soll auch die Dachmarke &#8220;Bioeconomy Austria\u201c etabliert werden. &#8220;Es geht um eine Bewusstseinsver\u00e4nderung, daf\u00fcr wollen wir die Basis schaffen\u201c, sagt Clemens Matzer. Auff\u00e4llig ist in \u00d6sterreich einerseits die komplette Herausnahme der Gentechnik aus Bio\u00f6konomie-Ans\u00e4tzen, da das Thema politisch heikel ist. Andererseits f\u00e4llt auf, dass wirtschaftliche Akteure hierzulande derzeit diskret im Hintergrund bleiben. &#8220;Es werden aber auch solche Partner ben\u00f6tigt\u201c, sagt D\u00fcrrstein.<\/p>\n<p>Die Frage wird aber sein, ob \u00d6sterreich bei der Bio\u00f6konomie \u00fcberhaupt seinen eigenen Weg gehen kann. In Deutschland wird im Moment die Dominanz der Industrie im Bio\u00d6konomieRat von vielen Seiten kritisiert. Franz-Theo Gottwald macht das an Zahlen fest: &#8220;Zwischen 2010 und 2016 werden im Rahmen der \u201aNationalen Forschungsstrategie Bio\u00f6konomie 2030\u2018 der Bundesregierung 2,4 Milliarden Euro f\u00fcr Forschung zur Umsetzung einer wissensbasierten Bio\u00f6konomie zur Verf\u00fcgung gestellt. Das Bundesprogramm \u00d6kologischer Landbau und andere Formen nachhaltiger Landwirtschaft ist im Haushalt 2015 mit gerade einmal 16 Millionen Euro veranschlagt.\u201c Clemens Matzer glaubt, jedes Land m\u00fcsse seine eigene Strategie definieren. &#8220;Die Rahmenbedingungen k\u00f6nnen in \u00d6sterreich so gesetzt werden, dass die \u00f6kosoziale Marktwirtschaft realisiert wird\u201c, glaubt er. Die Gentechnik sei aber ein Beispiel, wie Europa zwischen nationalen Eigenheiten und transnationaler Strategie laviere, gibt er zu. &#8220;Die Bio\u00f6konomie wird nicht dazu f\u00fchren, die Gentechnik durch die Hintert\u00fcr hereinzubringen\u201c, versichert D\u00fcrrstein.<\/p>\n<p>Allzu optimistische Anspr\u00fcche an die Bio\u00f6konomie sind nicht angebracht. Dass es im Supermarkt bald nur noch Bio-Tomaten und Eier von H\u00fchnern aus Freilandhaltung geben wird, ist nicht zu erwarten. &#8220;Bio\u00f6konomie ist nicht dazu gedacht, die Bio-Landwirtschaft fl\u00e4chendeckend zu etablieren\u201c, stellt D\u00fcrrstein fest. Die Rolle, die beispielsweise D\u00fcngemittelhersteller spielen, wird noch heftig diskutiert werden. &#8220;Es m\u00fcssen alle Konzepte betrachtet, aber kritisch diskutiert werden\u201c, meint D\u00fcrrstein. Akute Probleme der Landwirtschaft &#8211; wie sinkende Einkommen der Bauern &#8211; k\u00f6nnten durch die Bio\u00f6konomie nicht bew\u00e4ltigt werden, moniert die Plattform &#8220;Wir haben es satt!\u201c, bei der Organisationen wie Greenpeace oder IG Milch eine Kehrtwende der heimischen Agrarpolitik und eine Abkehr von der Agroindustrie fordern. Doch die Industrie wird bei der Bio\u00f6konomie mitreden wollen, denn dort winken Profite mit gr\u00fcnem Image. Was wiederum den Druck auf kleinere Betriebe steigern k\u00f6nnte. Hochleistungslandwirtschaft sei f\u00fcr Kleinbauern nicht leistbar, nicht sinnvoll, warnen Agrarexperten. &#8220;In \u00d6sterreich dominieren kleinb\u00e4uerliche Strukturen\u201c, wei\u00df Clemens Matzer. Das Leben werde f\u00fcr kleine Betriebe daher nicht einfacher, so D\u00fcrrstein.<\/p>\n<p>Der Weg scheint vorgezeichnet: Zur\u00fcck zur Natur, aber diesmal in ganz gro\u00dfem Ma\u00dfstab. Oder doch nicht? Gottwald: &#8220;Die Erfolge der Bio\u00f6konomie bisher sind recht \u00fcberschaubar. Die Diskrepanz zwischen Nutzenversprechen und Realit\u00e4t der Bio\u00f6konomie ist augenf\u00e4llig.\u201c Er ortet eine Mischung aus &#8220;kurzfristigem Profitinteresse und ma\u00dfloser Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung\u201c. Auch Clemens Matzer meint: &#8220;Da hei\u00dft es sicher aufpassen.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>7,3 Milliarden Menschen leben derzeit auf dieser Welt, 1970 waren es halb so viele. Selbst wenn diese Zahlen reichlich abstrakt wirken, ist gut vorstellbar, dass der Druck auf die Ressourcen der Erde von Jahr zu Jahr weiter steigen wird, alleine schon wegen des Bedarfs an Nahrungsmitteln, aber auch an Energie. 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