{"id":27938,"date":"2015-08-31T04:05:26","date_gmt":"2015-08-31T02:05:26","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=27938"},"modified":"2015-08-26T09:43:14","modified_gmt":"2015-08-26T07:43:14","slug":"warum-diese-angst-vor-gentechnik-trotz-ihrer-unbedenklichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/warum-diese-angst-vor-gentechnik-trotz-ihrer-unbedenklichkeit\/","title":{"rendered":"Warum diese Angst vor Gentechnik &#8211; trotz ihrer Unbedenklichkeit?"},"content":{"rendered":"<p>Gentechnisch ver\u00e4nderte Organismen (GMOs) sto\u00dfen in weiten Kreisen der Bev\u00f6lkerung seit gut zwei Jahrzehnten vor allem auf Abneigung. Viele Menschen vermuten, dass GMOs gesundheitssch\u00e4dlich, ja giftig sind; und dass sie Natur und Umwelt schaden. Dem gegen\u00fcber steht allerdings ein wachsender Berg wissenschaftlichen Studien, die das Gegenteil beweisen\u00a0\u2013 etwa, dass GMO durchaus sichere Nahrungsmittel sind und umweltvertr\u00e4glicher, wenn sie nachhaltigere Landwirtschaftsprozesse voranbringen. Diese Diskrepanz zwischen der Meinung in den K\u00f6pfen und dem wissenschaftlichen Sachstand verlangt nach Erkl\u00e4rungen. Dabei soll keinesfalls verschwiegen werden, dass es gute Gr\u00fcnde daf\u00fcr gibt, die Gentechnik kritisch zu begleiten\u00a0\u2013 auch sie verhindert keine Herbizidresistenz, und wom\u00f6glich undurchsichtige Interessen von multinationale Gro\u00dfkonzernen stehen dahinter. Allerdings ist das ja kaum ein Alleinstellungsmerkmal der GMO-Technologie. Warum fallen kritische Argumente also gerade im Gentechnik-Kontext auf besonders fruchtbaren Boden?<\/p>\n<p>Der Kommentator Stefaan Blancke arbeitet als Philosoph an der Universit\u00e4t Gent und ist Mitherausgeber des Buchs &#8220;<a href=\"https:\/\/jhupbooks.press.jhu.edu\/content\/creationism-europe\" target=\"_blank\">Creationism in Europe<\/a>&#8220;. Er besch\u00e4ftigt sich mit Pseudowissenschaft und dem Einfluss von Intuition auf ihre Urteile.<br \/>\nIn einer aktuellen Studie habe ich mich zusammen mit Biotechnologen und Philosophen der belgischen Universit\u00e4t Gent auf die Suche nach Antworten gemacht. Wir meinen, dass der schlechte Ruf der Genmanipulation weit verbreitet ist und gern geglaubt wird, weil er intuitiv einleuchtet: Er zapft direkt emotionale und intuitive Prozesse an, die in unser aller K\u00f6pfen unter dem Radar des Bewusstseins st\u00e4ndig ablaufen, mithin &#8220;leicht zu denken&#8221; sind. Was diese Routinen anspricht, wird schnell verarbeitet und verinnerlicht\u00a0\u2013 und dann auch schneller weitergegeben und schlie\u00dflich popul\u00e4r\u00a0\u2013, und zwar unabh\u00e4ngig davon, ob es sachlich richtig oder falsch ist. Anders gesagt: Viele Menschen sind gegen GMOs, weil es intuitiv sinnvoll scheint anzunehmen, Gentechnik sei gef\u00e4hrlich.<\/p>\n<p>In unserer Studie finden wir Hinweise auf verschiedene intuitive Abl\u00e4ufe, die das Bild von GMOs in den K\u00f6pfen formen k\u00f6nnen. So f\u00f6rdert etwa der der menschlichen Psyche innewohnende Essentialismus die Vorstellung, dass die DNA der Zellen in gewissem Sinn die Essenz eines Wesens repr\u00e4sentiert\u00a0\u2013 sie also als schwer zu fassender Kern des Seins das Verhalten, die Bestimmung und Entwicklung der Identit\u00e4t steuert. Das l\u00e4sst in vielen Menschen das unbestimmte Gef\u00fchl aufkommen, dass mit dem Transfer eines Gens zwischen zwei nicht nahe verwandten Arten auch typische Wesensz\u00fcge des einen Organismus im Empf\u00e4nger aufscheinen werden. Die Verbreitung dieser Ahnung l\u00e4sst sich tats\u00e4chlich best\u00e4tigen: In den USA gaben bei einer Meinungsumfrage mehr als die H\u00e4lfte aller Teilnehmer an, dass mit Fisch-DNA genmodifizierte Tomaten auch nach Fisch schmecken w\u00fcrden (was nat\u00fcrlich nicht zutrifft).<\/p>\n<p>Dieser Essentialismus spielt ganz eindeutig bei der Meinungsbildung der \u00d6ffentlichkeit zur Gentechnik eine Rolle. So lehnen Menschen Gentechnik st\u00e4rker ab, wenn sie auf einem &#8220;transgenen&#8221; Erbguttransfer zwischen verschiedenen Arten basiert, w\u00e4hrend der analoge &#8220;cisgene&#8221; Transfer innerhalb einer Art sie weniger st\u00f6rt. Anti-Gentechnik-NGOs st\u00fctzen sich bei Lobbykampagnen auf dieses intuitiv wirksame Ph\u00e4nomen, wenn sie Bilder von Tomaten mit Fischschw\u00e4nzen plakatieren oder darauf hinweisen, dass Hersteller Mais mit Skorpion-DNA anreichern, um M\u00fcslis knuspriger zu machen.<\/p>\n<p>Auch die typisch menschliche intuitive Annahme von Absicht- und Zweckgebundenheit beeinflusst unsere Haltung zur Gentechnik deutlich. Sie macht etwa anf\u00e4llig f\u00fcr die Idee, dass einem ganz nat\u00fcrlichen Ph\u00e4nomen ein Zweck innewohnt, der von einem wie auch immer gearteten Agenten beabsichtigt ist. Solche Vorstellung sind etwa die Basis religi\u00f6ser Glaubenssysteme, sie beeinflussen Menschen aber auch im s\u00e4kularen Kontext: etwa in dem Sinne, &#8220;die Natur&#8221; als gutmeinenden Prozess oder benevolente Entit\u00e4t zu betrachten, die das Ziel verfolgt, unser Wohlergehen zu sichern\u00a0\u2013 woran der Mensch dann besser nicht r\u00fctteln sollte. In der Gentechnik-Opposition manifestiert sich dieser Zusammenhang, wenn Genmanipulation als &#8220;unnat\u00fcrlich&#8221; abgestempelt wird und Gentechniker als jene, die &#8220;Gott spielen&#8221;. Das Schlagwort &#8220;Frankenfood&#8221; soll nahelegen, was dabei auf dem Spiel steht: Sich mit Hybris gegen die Natur aufzulehnen wird katastrophale Folgen f\u00fcr uns heraufbeschw\u00f6ren.<\/p>\n<p>Ekel ist ein weiterer Faktor, der die Haltung zu GMOs ver\u00e4ndert. Als Gef\u00fchl ist der Ekel wohl im Lauf der Evolution mindestens zum Teil als Alarmsensor gegen Krankheitsgefahren entstanden: Er warnt vor Kontakt oder Konsum von potenziell krankheitserregenden Substanzen. Was m\u00f6glicherweise Krankheitskeime enth\u00e4lt\u00a0\u2013 K\u00f6rperfl\u00fcssigkeiten, vergammeltes Fleisch oder Maden\u00a0\u2013, st\u00f6\u00dft uns ab. Dabei reagiert das Ekelsensorium sehr sensibel: Schlie\u00dflich erscheint es sinnvoll, besser einmal eine noch genie\u00dfbare Speise vorsichtshalber auszulassen, als eine vergiftete und wom\u00f6glich gar t\u00f6dliche f\u00e4lschlicherweise zu verspeisen. Konsequenz daraus ist allerdings, dass wir uns gelegentlich auch vor v\u00f6llig harmloser Nahrung ekeln.<\/p>\n<p>Unser Ekel-Sensor scheint auch bei GMOs anzuspringen, sobald wir eine Genmodifikation als Verunreinigung wahrnehmen. Besonders deutlich wird das dann, wenn der DNA-Spender ein vermeintlich unsauberer Organismus ist\u00a0\u2013 Kakerlaken etwa oder Ratten, obwohl DNA nat\u00fcrlich DNA ist, egal woher sie stammt. Ekel erkl\u00e4rt auch, warum Menschen an die zum Verzehr gedachten Produkte &#8220;Gr\u00fcner Gentechnik&#8221; h\u00f6here Anspr\u00fcche stellen als an die &#8220;Rote&#8221;, die medizinische Gentechnik, die man wenigstens nicht verspeisen\u00a0muss.<\/p>\n<p>Besonders \u00fcberzeugend wirkt Kritik an GMOs immer, sobald der Ekelsensor anspringt, sobald schwere Erkrankungen wie Krebs oder Unfruchtbarkeit als Folge von Gentechnik ins Spiel gebracht werden oder wenn sie als Bedrohung f\u00fcr Umwelt und Natur portr\u00e4tiert wird. Und nicht umsonst werden ebendiese Argumente von Kritikern auch besonders h\u00e4ufig in Stellung gebracht. Das Ekelgef\u00fchl d\u00e4mpft auch unsere moralische Urteilsf\u00e4higkeit und sorgt f\u00fcr eine schnelles negatives Pauschalurteil \u00fcber alle Personen, die an der Entwicklung und Vermarktung von Gentechnikprodukten beteiligt sind. Erst im Nachklapp werden dann sachliche Argumente gesucht\u00a0\u2013 in einem Versuch, das jenseits der Bewusstseinskontrolle aus emotionalen Quellen gespeiste Urteil zu rationalisieren.<\/p>\n<p>Analysen der Kognitionsforschung wie unsere eignen sich keinesfalls dazu, alle denkbaren Argumente gegen GMOs zu widerlegen. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen gentechnische Anwendungen auch unerw\u00fcnschte Folgen haben\u00a0\u2013 wie eben die von konventionell produzierten oder Bio-Lebensmitteln auch. Allerdings sollten Risiken und Vorteile f\u00fcr jeden Einzelfall unabh\u00e4ngig von der Methode analysiert werden. Jede schon eingesetzte Anwendung hat sich bisher als sicher erwiesen und muss dies auch weiterhin. Mit Recht sollten die Ziele des Engagements multinationaler Konzerne oder die Bedrohung durch neue Herbizidmultiresistenzen hinterfragt werden; nur betrifft dies eher den vielleicht fragw\u00fcrdigen praktischen Einsatz von Gentechnikprodukten und nicht &#8220;die Gentechnik&#8221; als solche. Genau diese Unterscheidung f\u00e4llt aber schwer, sobald sich Anti-Gentechnik-Argumente vor allem an Emotion und Intuition des Publikums richten.<\/p>\n<p>Solches Vorgehen wirkt aber und hat bereits Folgen auf die Haltung der \u00d6ffentlichkeit und auch auf die naturwissenschaftliche Ausbildung und ihre Vermittlung. Unser Geist ist anf\u00e4llig daf\u00fcr, wissenschaftliche Fakten gegen intuitive \u00dcberzeugungen zu tauschen\u00a0\u2013 und deshalb d\u00fcrfte es kaum ausreichen, mit immer neuen Fakten zu \u00fcberzeugen, die die Sicherheit oder Nutzen von Gentechnik belegen, sobald das Publikum gleichzeitig einer emotional gef\u00e4rbten Anti-GMO-Propaganda ausgesetzt\u00a0ist.<\/p>\n<p>Auf lange Sicht sollte dieser zu einer fehlgeleiteten Wahrnehmung f\u00fchrenden Stolperfalle ein Bildungskonzept entgegengesetzt werden, das schon fr\u00fch in der Schule einsetzt und die Bev\u00f6lkerung gegen unbegr\u00fcndete Anti-Gentechnik-Argumente immunisiert. \u00dcber die Rolle von Wissenschaft und Technologie in der Gesellschaft, aber auch \u00fcber berechtigte Kritikpunkte k\u00f6nnte dann in einem gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang besser diskutiert werden\u00a0\u2013 etwa mit Bezug auf eine wirklich sinnvolle Einbettung der Techniken in der landwirtschaftlichen Praxis. Auf kurze Sicht gilt es jetzt aber, sich gegen den Trend f\u00fcr einen konstruktiveren Austausch in der \u00d6ffentlichkeit \u00fcber Gentechnik einzusetzen. Die m\u00f6glichen Vorz\u00fcge der schon entwickelten und geplanten GMOs sollten dabei nicht unter den Tisch fallen: Die Bodenqualit\u00e4t verbessert sich mit dem Einsatz herbizidresistenter Pflanzen, die weniger h\u00e4ufig gepfl\u00fcgt werden m\u00fcssen; Bauern in armen L\u00e4ndern k\u00f6nnten ihre Einkommenssituation verbessern, Vitamin-A-Mangelerscheinungen zur\u00fcckgedr\u00e4ngt und virus- wie trockenheitsresistente Pflanzen Vorteile ausspielen. Angesichts solcher Chancen w\u00e4re eine andere Art des Dialogs sehr w\u00fcnschenswert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gentechnisch ver\u00e4nderte Organismen (GMOs) sto\u00dfen in weiten Kreisen der Bev\u00f6lkerung seit gut zwei Jahrzehnten vor allem auf Abneigung. Viele Menschen vermuten, dass GMOs gesundheitssch\u00e4dlich, ja giftig sind; und dass sie Natur und Umwelt schaden. Dem gegen\u00fcber steht allerdings ein wachsender Berg wissenschaftlichen Studien, die das Gegenteil beweisen\u00a0\u2013 etwa, dass GMO durchaus sichere Nahrungsmittel sind und [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":59,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_seopress_robots_primary_cat":"","nova_meta_subtitle":"","footnotes":""},"categories":[5572],"tags":[],"supplier":[10192],"class_list":["post-27938","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bio-based","supplier-ghent-university"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/27938","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/59"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=27938"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/27938\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=27938"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=27938"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=27938"},{"taxonomy":"supplier","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/supplier?post=27938"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}