{"id":26740,"date":"2015-06-25T02:28:37","date_gmt":"2015-06-25T00:28:37","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=26740"},"modified":"2015-06-24T11:29:26","modified_gmt":"2015-06-24T09:29:26","slug":"bambus-fahrraeder-steif-wie-stahl","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/bambus-fahrraeder-steif-wie-stahl\/","title":{"rendered":"Bambus-Fahrr\u00e4der: Steif wie Stahl"},"content":{"rendered":"<p>Nicht nur aus \u00d6ko-Gr\u00fcnden &#8211; sondern weil das Material fast schon unnat\u00fcrlich gute Eigenschaften hat: Die Fahrr\u00e4der von Maximilian Schay, Jonas Stolzke und Felix Habke wachsen gewisserma\u00dfen im Geb\u00fcsch. Wenn f\u00fcr ihre kleine Firma my Boo ein neues Bike gebaut wird, schnappt sich ein Mitarbeiter die Machete und marschiert hinter das Firmengeb\u00e4ude. Dort steht ein wildes, kleines Bambusw\u00e4ldchen &#8211; wie fast \u00fcberall in Ghana, dem Land, in dem die drei Kieler ihre Bambusr\u00e4der produzieren lassen. Ein paar gezielte Schl\u00e4ge, schon ist der wichtigste Werkstoff f\u00fcr ein Fahrrad gewonnen. Etwa 80 Stunden Handarbeit sp\u00e4ter kann der Rahmen nach Deutschland verschickt werden.<\/p>\n<p>Auf die Idee zu my Boo kam Schay, als ihm 2012 ein Kumpel das Handyfoto eines abenteuerlich aussehenden Bambusrads aus Kumasi, der zweitgr\u00f6\u00dften Stadt Ghanas, schickte. Solche R\u00e4der hatte der BWL-Student noch nie gesehen &#8211; sein Interesse war geweckt. Zusammen mit Stolzke recherchierte er, wo sie gebaut werden: Bei einer sozialen Initiative im kleinen \u00d6rtchen Yonso.<\/p>\n<p>Etliche Gespr\u00e4che und eine Ghana-Reise sp\u00e4ter kam man schlie\u00dflich zusammen: Der Verkauf von serienreifen Bambusr\u00e4dern in Europa k\u00f6nnte die richtige Strategie sein, um das Yonso-Projekt langfristig unabh\u00e4ngig von Spenden zu machen. Schlie\u00dflich fanden die Kieler einen deutschen Investor, der sie zus\u00e4tzlich noch mit Ingenieur-Know-how unterst\u00fctze. &#8220;Das war der Beginn von my Boo&#8221;, erkl\u00e4rt Schay.<\/p>\n<p>Seit 2014 k\u00f6nnen die R\u00e4der bei mehr als 50 H\u00e4ndlern in Europa gekauft werden. Zwischen 150 und 200 Bikes aus Ghana d\u00fcrften auf europ\u00e4ischen Stra\u00dfen unterwegs sein, sch\u00e4tzt Habke. Gut 2000 Euro kostet so ein Holzhobel mit der feinen, gemaserten Optik. Etwa 30 Prozent des Preises stecken im Rahmen.<\/p>\n<p>Hanfseile und Epoxidharz<\/p>\n<p>Inzwischen fertigen zehn festangestellte Rahmenbauer in Ghana die R\u00e4der. F\u00fcr ein my Boo wird Bambus zun\u00e4chst getrocknet &#8211; dann werden die Metallteile f\u00fcr die Gabel- und Sattelaufnahme, das Hinterrad und das Innenlager in der Rahmenlehre eingepasst &#8211; ganz aus Bambus geht es nicht. Anschlie\u00dfend wickeln die Rahmenbauer an den Verbindungsstellen Hanfseile um die Bambusrohre und tr\u00e4nken sie mit Epoxidharz. Beim Trocknen werden diese Muffen dann hart &#8211; so erh\u00e4lt der Rahmen seine Steifigkeit. Durch den Schliff der Muffen und die Lackierung mit Klarlack, bei der das Bambus versiegelt wird, bekommt der Rahmen seine finale Optik. So wird auch verhindert, das der Rahmen schimmelt.<\/p>\n<p>Bisher bieten die drei Kieler Studenten City- und Trekkingr\u00e4der an. Auch eine sportlichere Variante soll kommen und ein g\u00fcnstigeres Rad ab 1500 Euro. Zudem t\u00fcfteln sie an einem Konzept mit Motor. &#8220;Derzeit arbeiten wir auch an einem E-Bike und wollen das erste Modell aus Bambus im Herbst 2015 auf den Markt bringen. Das ist dann mit einem Frontmotor ausgestattet&#8221;, sagt Habke. F\u00fcr die Saison 2016\/2017 ist ein Modell mit einem klassischen Mittelmotor geplant.<\/p>\n<p>Auf dem Holzweg sind inzwischen etliche kleine Fahrradhersteller. In Kleinstserien oder nur auf Ma\u00df werden Modelle aus Massivholz hergestellt &#8211; das ist zwar individuell und formsch\u00f6n, aber durchaus teuer. Ein Rad des Designers Marcus Wallmeyer kostet etwa 10.000 Euro. Sogar Audi bietet ein Holzrad an &#8211; das Modell &#8220;Duo&#8221; wird beim US-Rahmenbauer Renovo in Handarbeit gefertigt und ist ab 4700 Euro zu haben. Solche Preise wollen allerdings nur wenige Liebhaber zahlen.<\/p>\n<p>Bambus, das eigentlich zur Familie der Gr\u00e4ser geh\u00f6rt, ist billiger und hat inzwischen das Zeug zur Serienreife. Das r\u00f6hrenf\u00f6rmige Material ist gut geeignet f\u00fcr die Fahrradherstellung. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts wurden erste Fahrr\u00e4der aus dem Gew\u00e4chs hergestellt. Auch als Material f\u00fcr Felgen wurde es verwendet &#8211; sogar im Rennsport. Der US-Rahmenbauer Craig Calfee experimentiert schon l\u00e4nger mit dem Material.<\/p>\n<p>Aber w\u00e4hrend die ersten Modelle noch nach Hobbykeller aussahen, bieten inzwischen einige Hersteller auch optisch ansprechende Serienmodelle an. Neben my Boo vertreibt auch die Firma Bambooride aus \u00d6sterreich oder Zuribikes aus M\u00fcnchen Modelle aus dem schnell wachsenden Rohstoff. Genau wie die Kieler bezieht Zuribikes seine Rahmen aus Afrika &#8211; aus Sambia. Und beim Berliner T\u00fcftlerprojekt &#8220;Berlin Bamboo Bike&#8221; sehen die Bikes zwar rustikal aus &#8211; daf\u00fcr bieten die TU-Studenten sie zum Selberbauen f\u00fcr jedermann an. Alle Firmen argumentieren zudem mit Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Bei my Boo wird unter anderem mit jedem Fahrradkauf ein Schulstipendium \u00fcber 55 Dollar in Ghana unterst\u00fctzt. Diese Summe reicht aus, damit ein Kind ein Jahr lang zur Schule gehen kann.<\/p>\n<p>&#8220;Faserverbundwerkstoff mit beachtlichen Festigkeitskennwerten&#8221;<\/p>\n<p>Marcus Schr\u00f6der von EFBE-Pr\u00fcftechnik hat die Fahrr\u00e4der in seinem Labor getestet. Inzwischen kann Bambus mit klassischen Konstruktionen aus Aluminium und Stahl mithalten. &#8220;Die Rahmen sind hinsichtlich ihrer Festigkeit und Stabilit\u00e4t konventionellen Industrieprodukten durchaus ebenb\u00fcrtig&#8221;, sagt der Ingenieur. Zwar weisen die Rahmen nicht die Steifigkeit auf, die etwa ein Spitzenmodell aus Carbon im Radrennsport auszeichnen. Aber daf\u00fcr sei das Material ideal, wenn es um Elastizit\u00e4t und den Fahrkomfort etwa bei City- oder Trekkingr\u00e4dern geht, so Schr\u00f6der.<\/p>\n<p>Auch Eric Gro\u00df vom Institut f\u00fcr Zuverl\u00e4ssigkeitstechnik an der Technischen Universit\u00e4t Hamburg-Harburg best\u00e4tigt: &#8220;Die Hersteller hochwertiger Fahrr\u00e4der, die entsprechende Tests durchf\u00fchren lassen, beherrschen ihr Handwerk.&#8221;<\/p>\n<p>Dennoch st\u00f6\u00dft my Boo auf Misstrauen. Die Radbranche ist konservativ &#8211; neue Marken und ungew\u00f6hnliche Ideen haben es schwer. Wenn dann auch noch ein neuer und exotischer Werkstoff wie Bambus verbaut wird, erst recht. Einen gro\u00dfen Teil der Arbeit verbringen die Kieler derzeit damit, durch Deutschland zu fahren und neue Vertriebspartner zu suchen, die sich ihr Produkt in den Laden stellen wollen. &#8220;Es kommt immer noch vor, dass H\u00e4ndler skeptisch gegen\u00fcber unseren Bambusfahrr\u00e4dern sind. Aber sobald sie unsere Bikes dann Probe fahren, sind sie sofort vom direkten, steifen und doch komfortablen Fahrgef\u00fchl \u00fcberzeugt&#8221;, sagt er.<\/p>\n<p>Auch Pr\u00fcfingenieur Schr\u00f6der wei\u00df um die Vorteile des faserigen Materials. Er sieht bei Bambus in der Struktur sogar Parallelen zum Hightech-Material Carbon. &#8220;Bambus ist letzten Endes ein Faserverbundwerkstoff mit beachtlichen Festigkeitswerten&#8221;, sagt er.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht nur aus \u00d6ko-Gr\u00fcnden &#8211; sondern weil das Material fast schon unnat\u00fcrlich gute Eigenschaften hat: Die Fahrr\u00e4der von Maximilian Schay, Jonas Stolzke und Felix Habke wachsen gewisserma\u00dfen im Geb\u00fcsch. Wenn f\u00fcr ihre kleine Firma my Boo ein neues Bike gebaut wird, schnappt sich ein Mitarbeiter die Machete und marschiert hinter das Firmengeb\u00e4ude. 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