{"id":26459,"date":"2015-06-10T03:12:41","date_gmt":"2015-06-10T01:12:41","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=26459"},"modified":"2015-06-09T08:18:38","modified_gmt":"2015-06-09T06:18:38","slug":"multitalente-cyanobakterien-vom-biosprit-zum-klimaretter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/multitalente-cyanobakterien-vom-biosprit-zum-klimaretter\/","title":{"rendered":"Multitalente Cyanobakterien: Vom Biosprit zum Klimaretter"},"content":{"rendered":"<p>Lange schon gibt es die Cyanobakterien, fr\u00fcher auch Blaualgen genannt, auf unserem Planeten. Erst allm\u00e4hlich erkennt man das umfangreiche Potenzial dieser blaugr\u00fcnen Bakterien. Seit \u00fcber drei Milliarden Jahren besiedeln Cyanobakterien unsere Meere und B\u00f6den, aber erst seit ein paar Jahrzehnten besch\u00e4ftigen sich Forscher intensiver mit ihnen und sind stets aufs Neue \u00fcberrascht, wie viele Eigenschaften und F\u00e4higkeiten in diesen Organismen stecken. Prof. Dr. Annegret Wilde und Prof. Dr. Wolfgang Hess vom Institut f\u00fcr Biologie III an der Universit\u00e4t Freiburg erfreuen sich schon l\u00e4nger an der Vielseitigkeit der Cyanobakterien. Die Wissenschaftler forschen in dem Verbundprojekt &#8220;Cyanosys &#8211; Systems biology of cyanobacterial biofuel production&#8221;. Dieses zielt darauf ab, mithilfe der Cyanobakterien in gro\u00dfen Mengen Biokraftstoffe aus Sonnenlicht und Kohlendioxid herzustellen.<\/p>\n<p>Es gibt sie schon ewig und \u00fcberall: in Seen, Meeren, W\u00fcsten, Polarregionen, an H\u00e4userw\u00e4nden und in Symbiosen. Seit ihrem Ursprung hat sich eine Heterogenit\u00e4t innerhalb der Cyanobakterien entwickelt, die au\u00dfergew\u00f6hnlich ist. Das herausragendste Merkmal ist sicher die F\u00e4higkeit zur oxygenen Photosynthese. Sie k\u00f6nnen Wasser und Kohlendioxid mithilfe von Sonnenlicht in organische Substanzen umsetzen. Mit den vielen Stoffwechselwegen sind diese Lebewesen f\u00e4hig, nahezu alles Organische selbst zu produzieren.<\/p>\n<p>Cyanobakterien k\u00f6nnen Farbpigmente, essentielle Aminos\u00e4uren, \u00d6le und Vitamine f\u00fcr die Ern\u00e4hrungsindustrie herstellen. Sie liefern hochwertige Extrakte oder k\u00f6nnen als Rohstofflieferant mit ihrer Gesamtbiomasse n\u00fctzlich sein. \u201eIhr Potenzial ist bei Weitem noch nicht ausgesch\u00f6pft\u201c, sagt Prof. Dr. Annegret Wilde von der Abteilung f\u00fcr Molekulare Genetik der Universit\u00e4t Freiburg, \u201eauch was Toxine und bioaktive Substanzen betrifft.\u201c Selbst Antibiotika finde man immer wieder neue, daher seien Cyanobakterien \u201eeine Superressource\u201c, meint auch Prof. Dr. Wolfgang Hess von der Abteilung Genetik und Experimentelle Bioinformatik der Freiburger Universit\u00e4t. Will man sie nutzen, sind diese evolution\u00e4r urspr\u00fcnglichen Bakterien auch noch recht anspruchslos. Sie brauchen nur Licht und Wasser und wenige anorganische N\u00e4hrstoffe, da sie Kohlenstoff und einige auch Stickstoff aus der Luft fixieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<h3>Cyanobakterien als Treibstofffabriken<\/h3>\n<p>Viele F\u00f6rderprogramme haben das Hauptziel, Cyanobakterien biotechnologisch daf\u00fcr zu verwenden, energiereiche Verbindungen zur Treibstoffproduktion bereitzustellen. Biotreibstoff herstellen bedeutet bisher, dass der Anbau von Zuckerrohr oder Raps der Nahrungsmittelproduktion Ackerland entzieht, was vor allem arme L\u00e4nder trifft. Der Konflikt zwischen Teller und Tank k\u00f6nnte eventuell durch diese einzelligen Cyanobakterien gel\u00f6st werden. Wilde und Hess engagieren sich daf\u00fcr, dass die Ethanol-Produktion durch Cyanobakterien wirtschaftlich gemacht wird. Die Kohlenhydrate der Algenmasse k\u00f6nnen durch alkoholische G\u00e4rung in Ethanol umgewandelt werden. Bioethanol wird dann in Reinform oder als Beimischung zu fossilen Kraftstoffen verwendet.<\/p>\n<p>\u201eTheoretisch ist es so weit etabliert, dass es heute schon g\u00fcnstiger ist, Bioethanol aus Cyanobakterien herzustellen als aus Zuckerrohr\u201c, erkl\u00e4rt Hess. Auch Biodiesel ist l\u00e4ngst kein Hexenwerk mehr. Das \u00d6l aus manchen Algenarten kann durch Umesterung in diesel\u00e4hnlichen Kraftstoff verwandelt werden. Im letzten Jahr hat Hess als Leiter das EU-gef\u00f6rderte Projekt \u201e<a href=\"http:\/\/www.uni-freiburg.de\/news\/news_011010_02\" target=\"_blank\">DIRECTFUEL<\/a>\u201c mit neun Partnern abgeschlossen. Das Ziel war, Organismen mit neuen metabolischen F\u00e4higkeiten auszustatten, damit diese Licht und Kohlendioxid in betriebsfertigen Treibstoff umwandeln k\u00f6nnen. Propan gilt dabei als attraktives Produkt, da es bei Raumtemperatur fl\u00fcchtig und unter Normaldruck leicht zu verfl\u00fcssigen ist. Aus einem weiteren Grund sind gasf\u00f6rmige Kohlenwasserstoffe wie auch Butan und Ethylen interessant. Sie sind energiereiche Zwischenprodukte, die sich verbrennen lassen, und sie eignen sich als Grundstoff f\u00fcr die Herstellung von Bioplastik. Eine intelligente Alternative zu erd\u00f6lbasierter Polymerproduktion.<\/p>\n<h3>Kopplung Photosynthese und Spritproduktion<\/h3>\n<p>Wilde und Hess streben in dem Projekt \u201eCyanosys\u201c an, den Kohlenstoffwechsel der Cyanobakterien im Hinblick auf eine verst\u00e4rkte Ethanol-Produktion zu verbessern. Die beiden Freiburger Forscher arbeiten hierbei mit der Firma Algenol Biofuels zusammen, die in Florida bereits Bioethanol herstellt. Die Tochtergesellschaft Algenol Biofuels Germany in Berlin liefert vor allem den wissenschaftlichen Hintergrund. Da die Produktionsst\u00e4mme nicht allein zur alkoholischen G\u00e4rung f\u00e4hig sind, wird ein bisschen nachgeholfen. Durch Einschleusen der entsprechenden Gene verg\u00e4ren sie Endprodukte der Glykolyse zu Ethanol. Der einzellige Modellorganismus Synechocystis, mit dem die Berliner arbeiten, ist nat\u00fcrlich kompetent. \u201eDas hei\u00dft, er l\u00e4sst sich sehr gut genetisch manipulieren, weil er von Natur aus DNA aufnimmt, das ist ein nat\u00fcrlicher Prozess\u201c, wei\u00df Hess.<\/p>\n<p>Ebenso gibt es Cyanobakterien, die dank zweier spezieller Enzyme Synthesewege f\u00fcr Alkane beherrschen. \u201eDas ist der bislang einzige bekannte Biosyntheseweg, wie in der Natur Alkane entstehen\u201c, sagt Hess, &#8220;man hatte keine Ahnung, dass Cyanobakterien das biologisch k\u00f6nnen.\u201c Alkane sind in der Chemieindustrie nur mit Verfahren unter hohem Druck und hoher Temperatur herstellbar. Interessant ist nun, biotechnologisch damit zu experimentieren und das katalytische Zentrum der Alkan-Enzyme so zu modifizieren, dass sie k\u00fcrzerkettige Alkane zur Treibstoffproduktion bilden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Laut Algenol ist mit 75.000 Litern Ethanol pro Hektar und Jahr zu rechnen. Die produzierenden Bakterien schwimmen in einer Br\u00fche in h\u00e4ngenden Plastiks\u00e4cken, den Photobioreaktoren, die das Licht optimal hineinlassen. Jede Bakterienzelle darin ist eine kleine Ethanolfabrik, die das Ethanol ins Medium abgibt. Durch Zentrifugation wird das Wasser-Ethanol-Gemisch regelm\u00e4\u00dfig von der Algenbiomasse getrennt. Dabei ist die Menge der anfallenden Biomasse durch die Cyanobakterien nicht zu untersch\u00e4tzen. Diese Masse muss jedoch nicht entsorgt, sondern kann ebenfalls verwertet werden.<\/p>\n<p>Die Ethanolproduktion allein ist bisher ohnehin nicht gewinntr\u00e4chtig, wenn auch immer noch besser als die Herstellung aus Zuckerrohr. L\u00e4sst man die Einzeller zus\u00e4tzlich Kohlenwasserstoffe (Butan, Propan, Ethylen) bilden, die in der Biomasse verbleiben, k\u00f6nnen diese zu Biodiesel und Bioplastik weiterverarbeitet werden. \u201eWenn man gleichzeitig Ethanol gewinnt und die Biomasse verwertet, hat man einen zweispurigen Prozess, der \u00f6konomisch Sinn hat\u201c, findet Wilde, \u201edas k\u00f6nnte jetzt der Knackpunkt sein, der die Sache besonders interessant macht.\u201c<\/p>\n<h3>Proteinhunger und Treibhauseffekt<\/h3>\n<p>Auch Bill Gates investiert in die Algenforschung. Vielen Investoren ist klar, dass unsere Wirtschaftsweise umgestellt werden muss, denn bald m\u00fcssen wir neun Milliarden Menschen sattbekommen und zudem den Klimawandel bew\u00e4ltigen. Wilde sch\u00e4tzt das Potenzial, das in den Cyanobakterien steckt, f\u00fcr die Ern\u00e4hrungsindustrie sogar noch h\u00f6her ein als f\u00fcr die Kraftstoffproduktion.<\/p>\n<p>Beispielsweise produziert Spirulina die semiessentielle Aminos\u00e4ure L-Arginin, die als Nahrungserg\u00e4nzungsmittel bekannt ist. \u201eL-Arginin wird normalerweise aus tierischem Protein gewonnen und kann jetzt aus Cyanobakterien gewonnen werden\u201c, sagt Wilde, \u201eCyanobakterien k\u00f6nnen eine umweltfreundliche Proteinquelle f\u00fcr Entwicklungsl\u00e4nder und Veganer darstellen. Das w\u00e4re eine M\u00f6glichkeit, den Proteinhunger der Welt zu stillen.\u201c Um den Treibhauseffekt in unserer Atmosph\u00e4re zu vermindern, muss die Kohlendioxid-Emission massiv gedrosselt werden. \u201eDaf\u00fcr w\u00fcrden sich die Organismen hervorragend eignen, weil es etwas ist, das sie wirklich furchtbar gern machen: CO2 absorbieren und daraus etwas herstellen\u201c, betont Hess.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weitere Informationen zum Beitrag:<br \/>\nProf. Dr. Annegret Wilde<br \/>\nAbteilung f\u00fcr Molekulare Genetik<br \/>\nInstitut f\u00fcr Biologie III<br \/>\nAlbert-Ludwigs-Universit\u00e4t Freiburg<br \/>\nSch\u00e4nzlestr.1<br \/>\n79104 Freiburg<br \/>\nTel.: 0761 \/ 203 &#8211; 97828<br \/>\nE-Mail: annegret.wilde(at)biologie.uni-freiburg.de<\/p>\n<p>Prof. Dr. Wolfgang Hess<br \/>\nGenetik und Experimentelle Bioinformatik<br \/>\nInstitut f\u00fcr Biologie III<br \/>\nAlbert-Ludwigs-Universit\u00e4t Freiburg<br \/>\nSch\u00e4nzlestr.1<br \/>\n79104 Freiburg<br \/>\nTel.: 0761 \/ 203 &#8211; 2796<br \/>\nE-Mail: wolfgang.hess(at)biologie.uni-freiburg.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lange schon gibt es die Cyanobakterien, fr\u00fcher auch Blaualgen genannt, auf unserem Planeten. 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