{"id":25869,"date":"2015-05-07T03:18:46","date_gmt":"2015-05-07T01:18:46","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=25869"},"modified":"2015-05-06T15:53:02","modified_gmt":"2015-05-06T13:53:02","slug":"gruene-ideen-wenn-die-chemie-stimmt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/gruene-ideen-wenn-die-chemie-stimmt\/","title":{"rendered":"Gr\u00fcne Ideen: Wenn die Chemie stimmt"},"content":{"rendered":"<p><strong>Man m\u00f6chte der Natur gar nicht zutrauen, was sie sich an Grauslichkeiten ausgedacht hat: Schwermetalle, Schwefels\u00e4ure \u2013 sch\u00f6n ist das alles nicht immer, womit Chemiker ihren Alltag bestreiten m\u00fcssen. \u201eDie Chemie hat kein besonders gutes Image, und das teilweise zu Recht\u201c, r\u00e4umt Amitava Kundu ein. Deshalb hat er sich zum Ziel gesetzt, sein Arbeitsfeld gr\u00fcner, nachhaltiger zu gestalten. Dass sich damit nebenbei auch ganz pr\u00e4chtig Gesch\u00e4fte machen lassen, haben in letzter Zeit mehrere junge Forscher herausgefunden.<\/strong><\/p>\n<p>Einer davon ist Christian Schimper. Er hat an der Boku Biotechnologie studiert und arbeitete mit dem Institut f\u00fcr Textilchemie an der Uni Innsbruck zusammen. Dessen Leiter, Thomas Bechtold, besch\u00e4ftigte sich mit Verfahren, bei denen Textilien mit Enzymen behandelt werden sollten. Enzyme deshalb, weil die \u00fcblichen Methoden in der Textilindustrie alles andere als umweltfreundlich sind: \u201eWenn man etwa Stickereien auf Unterw\u00e4sche anbringen will, m\u00fcssen sie erst auf textiles Gewebe gestickt und dann vom Gewebe wieder heruntergel\u00f6st werden. Daf\u00fcr werden ganz schlimme Chemikalien wie Schwefels\u00e4ure oder Aluminiumsulfate verwendet. Das kommt in der Kl\u00e4ranlage nicht gut an\u201c, sagt Schimper.<\/p>\n<p><strong>Enzyme f\u00fcr Jeansproduktion.<\/strong> Gemeinsam mit Bechtold hat er nach Alternativen zur \u201eschmutzigen\u201c Herstellung von W\u00e4sche gesucht \u2013 und ist dabei auf Enzyme gesto\u00dfen, die den gleichen Effekt erzielen und gleichzeitig biologisch abbaubar sind.<\/p>\n<p>\u201eIch habe mir \u00fcberlegt, wo man diese Enzyme sonst noch einsetzen kann, und bin dann auf die Jeansproduktion gekommen. Dort herrschen n\u00e4mlich auch \u00e4u\u00dferst problematische Bedingungen\u201c, sagt Schimper. Um den allgegenw\u00e4rtigen ausgewaschenen Used-Look zu erzielen, muss der Jeansstoff eigens gebleicht werden. Etwa mit der Sandstrahltechnik, die f\u00fcr Arbeiter in Textilfabriken extrem gesundheitssch\u00e4dlich war und oft zu t\u00f6dlich endenden Silikose-Erkrankungen f\u00fchrte. Genau aus diesem Grund darf sie auch nicht mehr angewendet werden, gro\u00dfe Produktionsl\u00e4nder wie die T\u00fcrkei haben sie bereits verboten. Die Industrie stieg daher auf Kaliumpermanganat um: \u201eDas ist ein oxidatives Bleichmittel. Es bleicht sehr gut, setzt aber Schwermetalle in der Umwelt frei. Wenn es auf die Jeans aufgespr\u00fcht wird, entstehen Aerosole \u2013 das kann nicht gesund sein\u201c, sagt Schimper.<\/p>\n<p>Seine Methode hingegen sei unbedenklich: Mittels einer eigens entwickelter L\u00f6sung wird die Wirkung von biologischen Enzymen verst\u00e4rkt, die auf dem Stoff denselben Bleicheffekt haben wie das Kaliumpermanganat.<\/p>\n<p>Die L\u00f6sung nennt Schimper Acticell, wie auch seine im Februar 2014 gegr\u00fcndete Firma. Derzeit befindet sich das Produkt in der Testphase, Kunden in Europa und Asien f\u00fchren Preproduction Runs durch, in denen die Prototypen erprobt werden. 2016 soll dann die Massenproduktion mit Acticell anlaufen, die Industrie muss daf\u00fcr nichts an ihren Verfahren \u00e4ndern, sondern einfach ihr Bleichmittel austauschen. \u201eDie Schwierigkeit f\u00fcr mich besteht jetzt in der Investorensuche, die Einf\u00fchrung in den Markt will finanziert sein\u201c, sagt Schimper. Der Markt f\u00fcr sein Verfahren ist gro\u00df: Mittlerweile werden j\u00e4hrlich drei Milliarden Jeans produziert, 90 Prozent davon werden gebleicht.<\/p>\n<p><strong>Finanzielles Streching.<\/strong> Trotz dieses gro\u00dfen Absatzpotenzials musste Schimper auch R\u00fcckschl\u00e4ge wegstecken. Kunden, die zwar Vertr\u00e4ge aushandelten, aber am Schluss nicht unterschrieben, h\u00e4tten ihm einiges an mentaler St\u00e4rke abverlangt. Auch das lange Warten auf versprochenes Geld gehe an die Substanz. Da musste er sich finanziell schon weiter \u201estretchen\u201c als so manche zu eng gekaufte Jeans. Inzwischen unterst\u00fctzen Schimper aber zwei Mitarbeiter mit wirtschaftlichem Background. Wissen \u00fcber wirtschaftliche Zusammenh\u00e4nge hat sich Amitava Kundu schon angeeignet, bevor er sich f\u00fcr die Gr\u00fcndung seines eigenen Unternehmens entschied.<\/p>\n<p>Der Forscher studierte zuerst technische Chemie an der TU Wien und schrieb dann seine Dissertation am Institut f\u00fcr Anorganische Chemie an der Uni Wien. Als er danach ein Verfahren entdeckte, bei dem Glycerin zu Milchs\u00e4ure umgewandelt werden kann, war ihm klar, dass darin wirtschaftliches Potenzial steckt. \u201eIch bin zwar ein guter Chemiker, aber von der Wirtschaft bekommt man im Studium nichts mit. Ich wollte gut vorbereitet sein, deshalb habe ich mehrere Wirtschaftskurse besucht \u2013 noch ein Jahr vor der Gr\u00fcndung\u201c, sagt Kundu.<\/p>\n<p>Die war 2011, inzwischen hat sich Kundu eine Chemikerin und eine Marketingspezialistin ins Boot geholt. Den Firmensitz belie\u00df Kundu praktischerweise gleich in den R\u00e4umlichkeiten des Instituts f\u00fcr Anorganische Chemie, mit dem sein Unternehmen, AB&amp;CD Innovations, einen Nutzungsvertrag hat. \u201eIch bin an der Uni geblieben, weil hier eine tolle Forschungsinfrastruktur besteht. Man muss nicht jedes Ger\u00e4t neu kaufen, so ein Labor einzurichten ist s\u00fcndhaft teuer\u201c, sagt der Forscher. Ein weiterer Vorteil der Kooperation mit der Uni sei der Austausch mit Dissertanten, die viel Spezialwissen f\u00fcr Analyseverfahren einbringen.<\/p>\n<p><strong>700.000 Tonnen Milchs\u00e4ure-Bedarf.<\/strong> Das Patent zu seinem Milchs\u00e4ure-Verfahren h\u00e4lt Kundu aber selbst, und das aus gutem Grund: \u201eMilchs\u00e4ure ist eine der gro\u00dfen kommenden Plattformchemikalien, weil sie vollst\u00e4ndig biologisch abbaubar ist und einen essenziellen Bestandteil der Pharma-, Kosmetik- und Lebensmittelindustrie darstellt\u201c, sagt Kundu. \u201eAu\u00dferdem wird Milchs\u00e4ure noch in der Medizintechnik, Kunststoffproduktion und chemischen Industrie verwendet.\u201c<\/p>\n<p>Der Bedarf an Milchs\u00e4ure wird Studien zufolge kontinuierlich ansteigen \u2013 700.000 Tonnen j\u00e4hrlich sind es aktuell, bis 2020 soll der Verbrauch der Industrie auf zwei Millionen Tonnen anwachsen. Enorme Mengen, die man irgendwo herkriegen muss. Kundus Ansatz ist dabei, vorhandene Reststoffe zu verwenden. Konkret geht es um Glycerin, das in immer gr\u00f6\u00dferer Menge als Nebenprodukt in der Biodieselherstellung, aber auch in der Fetts\u00e4ureproduktion anf\u00e4llt.<\/p>\n<p>Die steigende Nachfrage nach Palm\u00f6l aus Asien und Soja\u00f6l aus S\u00fcdamerika f\u00fchrt zu einem \u00dcberangebot an Glycerin. Allein 100 Kilo davon bleiben \u00fcber, wenn eine Tonne Biodiesel erzeugt wird. Das dr\u00fcckt erheblich auf den Preis dieses Reststoffes \u2013 und macht ihn zum idealen Rohstoff.<\/p>\n<p><strong>Entlastung f\u00fcr Landwirtschaft.<\/strong> Bisher musste Milchs\u00e4ure n\u00e4mlich aus der Fermentation von landwirtschaftlichen Produkten wie Zucker, Mais und Weizen bezogen werden. Das ist teuer und schafft zugleich noch Konkurrenz f\u00fcr die Nahrungsmittelproduktion.<\/p>\n<p>\u201eEs gibt viele Chemikalien, die biobasiert und aus nachwachsenden Rohstoffen sind, der Haken ist aber, dass es viel landwirtschaftliche Fl\u00e4che braucht. Ich dachte mir, das geht auch anders\u201c, sagt Kundu. Sein Verfahren hat er mittlerweile fertig entwickelt. Der n\u00e4chste Schritt ist die Konstruktion einer Pilotanlage, die sp\u00e4testens Anfang n\u00e4chsten Jahres stehen und die industrielle Anwendung des Verfahrens erproben soll.<\/p>\n<p>Gegenwind von der Konkurrenz erwartet sich Kundu bis dahin nicht. \u201eIch habe ein Verfahren entwickelt, das einen Reststoff zu einer in der Industrie gefragten Chemikalie umwandelt. Das macht sonst keiner\u201c, sagt Kundu.<\/p>\n<p>Warum sonst noch keiner auf die Idee gekommen ist? Die Zeit sei lang nicht reif gewesen, doch dann habe der hohe \u00d6lpreis der vergangenen Jahre die Entwicklung von Alternativen zu petrochemischen Stoffen beg\u00fcnstigt. Dass der \u00d6lpreis aktuell gerade darniederliegt, st\u00f6rt Kundu kaum \u2013 er sieht sich in einer Nische, in der er kaum mit Erd\u00f6lprodukten konkurriert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man m\u00f6chte der Natur gar nicht zutrauen, was sie sich an Grauslichkeiten ausgedacht hat: Schwermetalle, Schwefels\u00e4ure \u2013 sch\u00f6n ist das alles nicht immer, womit Chemiker ihren Alltag bestreiten m\u00fcssen. \u201eDie Chemie hat kein besonders gutes Image, und das teilweise zu Recht\u201c, r\u00e4umt Amitava Kundu ein. 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