{"id":25667,"date":"2015-04-23T03:03:47","date_gmt":"2015-04-23T01:03:47","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=25667"},"modified":"2015-04-22T09:59:15","modified_gmt":"2015-04-22T07:59:15","slug":"kleider-aus-milch-wie-ein-startup-aus-hannover-die-textilindustrie-umkrempelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/kleider-aus-milch-wie-ein-startup-aus-hannover-die-textilindustrie-umkrempelt\/","title":{"rendered":"Kleider aus Milch: Wie ein Startup aus Hannover die Textilindustrie umkrempelt"},"content":{"rendered":"<p>Die Geschichte, die die Textilindustrie nachhaltig ver\u00e4ndern k\u00f6nnte, begann im Jahr 2009 in einer K\u00fcche in Hannover. Dort hatte Anke Domaske, damals 26 Jahre alt und gerade am Ende ihres Mikrobiologie-Studiums, einen Kuchenmixer, ein gro\u00dfes Marmedaleneinkoch-Thermometer und jede Menge Eiwei\u00dfpulver versammelt.<\/p>\n<p>Die Utensilien hatte sie zuvor im Supermarkt um die Ecke gekauft.\u00a0Domaskes Ziel: Sie wollte aus dem Eiwei\u00dfpulver eine Faser herstellen, aus der sich Kleidungsst\u00fccke machen lassen.<\/p>\n<p>Einige Monate zuvor hatte Domaske angefangen, \u00fcber Milchfasern zu recherchieren. Die sind schon seit Jahrzehnten bekannt, allerdings konnten sie nur unter Zugabe von massenhaft Chemikalien in einem langwierigen Prozess hergestellt werden. Domaske wollte das \u00e4ndern.<\/p>\n<h3>Sauberer geht nicht<\/h3>\n<p>Aus der kleinen Idee in der K\u00fcche ist inzwischen das Startup Qmilch geworden. Um den Rohstoff f\u00fcr ihre Fasern braucht sich Domaske keine Sorgen zu machen. Allein in Deutschland werden pro Jahr rund zwei Millionen Liter Milch entsorgt. Sei es Milch von gerade gekalbten K\u00fchen, abgelaufene Milch aus den K\u00fchlregalen der Superm\u00e4rkte oder Fehlchargen aus Molkereien. Diese Milch will Domaske nun in der Fabrik von Qmilch in Hannover in Textilfasern umwandeln.<\/p>\n<p>\u201cEs ist ein Rohstoff, der bisher nicht genutzt wird\u201d, sagt sie.<\/p>\n<p>Domaske hatte schon l\u00e4nger nach einer Faser gesucht, die absolut unbedenklich f\u00fcr Allergiker ist. Denn ihr Stiefvater, der an heftigen Allergien lit, fand kaum etwas zum Anziehen. \u201cMan glaubt nicht\u201d, sagt Domaske, \u201cwie stark unsere Kleidungsst\u00fccke verunreinigt sind\u201d Seien es R\u00fcckst\u00e4nde von Pestiziden aus dem Anbau der Baumwollpflanzen oder Zusatzstoffe in der Kleidung selbst.<\/p>\n<p>Am Ende der Experimentierphase in der K\u00fcche hatte Domaske \u2013 die w\u00e4hrend ihres Studiums ein eigenes Modelabel aufbaute \u2013 mehrere Rezepte gefunden, um aus dem Milcheiwei\u00df (im Fachsprech Kasein genannt) Textilfasern herzustellen. Fasern, die Domaske bei Pr\u00e4sentationen ihrer Entwicklung auch gerne einmal isst.<\/p>\n<h3>Wie der Teig zur Faser wird<\/h3>\n<p>Allein aus der Milch, die in Deutschland j\u00e4hrlich im Abfall (oder Abfluss) landet, lassen sich laut Qmilch rund 240 Millionen T-Shirts machen. Derzeit bauen die Gr\u00fcnderin und ihre Mitarbeiter ein Sammelsystem in Deutschland auf, das ab 2017 rund sechs Prozent der \u201cAbfallmilch\u201d einsammeln soll.<\/p>\n<p>Ersteinmal will sie aber klein anfangen. Vier Jahre nach der Gr\u00fcndung von Qmilch besch\u00e4ftigt Domaske 20 Mitarbeiter und hat mehr als f\u00fcnf Millionen Euro eingesammelt, um eine Produktionshalle zu mieten und sich Maschinen anzuschaffen; sozusagen professionelle Versionen ihres ersten Versuchaufbaus in der K\u00fcche.<\/p>\n<p>Vereinfacht gesagt funktioniert die Herstellung dann so: Aus der Milch wird das Eiwei\u00df abgetrennt, das in einem zweiten Schritt mit Wasser und nat\u00fcrlichen Zusatzstoffen, die Qmilch geheim h\u00e4lt, vermischt wird. Daraus entsteht eine Art Teig, der sich durch eine D\u00fcse zu Fasern pressen l\u00e4sst, die d\u00fcnner als ein menschliches Haar sind.<\/p>\n<p>K\u00fcnftig will sie auch das Fett und andere Inhaltsstoffe der Milch nutzen. Bei der Produktion der Textilfaser soll kein Abfall \u00fcbrig bleiben.<\/p>\n<p>Immerhin 2000 Tonnen Fasern, genug f\u00fcr mehrere Millionen T-Shirts, k\u00f6nnen die Maschinen in Hannover pro Jahr produzieren. Preislich liegt die Milchfaser gleichauf mit Wolle, allerdings ist sie g\u00fcnstiger als Seide.<\/p>\n<h3>Milchplastik spart Energie<\/h3>\n<p>Aber bei den Textilien soll es nicht bleiben. Kosmetikprodukte aus der Milch bietet Domaske schon an. Sie und ihr Technikchef Christoph Nagler haben auch Kunststoffe zum Beispiel f\u00fcr Folien im Blick. Aus denen k\u00f6nnten Verpackungen werden oder gar Bauteile f\u00fcr die Automobilindustrie.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Verarbeiter hat das Milchgranulat einen entscheidenden Vorteil: Im Gegensatz zu herk\u00f6mmlichen Kunststoffen, die erst bei knapp 200 Grad schmelzen, kommt das Milchplastik mit weniger als der H\u00e4lfte der Temperatur aus. Das spart den Verarbeitern eine Menge Energie. Sind die Teile reif f\u00fcr den Abfall lassen sie sich einfach kompostieren \u2013 wie die Kleidungsst\u00fccke auch.<\/p>\n<p>700 Anfragen aus der Textilindustrie gibt es f\u00fcr die ersten Milchfasern schon, 200 aus der Kunststoffindustrie kommen hinzu. 2016 sollen die ersten Milchprodukte auf den Markt kommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Preisverleihung der Greentec-Awards k\u00f6nnen Sie bei WiWo Green am 29. Mai im Livestream verfolgen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Geschichte, die die Textilindustrie nachhaltig ver\u00e4ndern k\u00f6nnte, begann im Jahr 2009 in einer K\u00fcche in Hannover. Dort hatte Anke Domaske, damals 26 Jahre alt und gerade am Ende ihres Mikrobiologie-Studiums, einen Kuchenmixer, ein gro\u00dfes Marmedaleneinkoch-Thermometer und jede Menge Eiwei\u00dfpulver versammelt. 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