{"id":24528,"date":"2015-02-20T03:03:16","date_gmt":"2015-02-20T02:03:16","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=24528"},"modified":"2015-02-19T12:45:43","modified_gmt":"2015-02-19T11:45:43","slug":"gerben-ohne-chromsalze-fuer-schuhe-und-das-gute-gewissen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/gerben-ohne-chromsalze-fuer-schuhe-und-das-gute-gewissen\/","title":{"rendered":"Gerben ohne Chromsalze: F\u00fcr Schuhe und das gute Gewissen"},"content":{"rendered":"<p>Wieso Chemie, wenn es doch auch nat\u00fcrlich geht? Das ist eine Frage, die gerade in der Lederpoduktion besonders auf der Hand liegt. Beispiel Zalando: Im Fr\u00fchjahr 2014 musste der Interneth\u00e4ndler 1.500 Schuhpaare zur\u00fcckrufen \u2013 weil sie chrombelastet waren. Mit Chrom wird Leder gegerbt. Das Mineralsalz ist in einer seiner Unterformen, die zum Beispiel durch starke Hitzeeinwirkung entstehen kann, krebserregend.<\/p>\n<p>Das Unternehmen wet-green aus dem baden-w\u00fcrttembergischen Reutlingen hat dagegen eine \u00d6ko-Alternative in der Hand: einen biologisch abbaubaren Gerbstoff aus Olivenbl\u00e4ttern. Man k\u00f6nnte ihn in verd\u00fcnnter Form sogar trinken, wenn er nicht so bitter w\u00e4re, behauptet Heinz-Peter Germann, Leiter der Produktentwicklung bei wet-green.<\/p>\n<p>\u201eEine echte Revolution\u201c nennt Germann das Produkt. Er ist promovierter Eiwei\u00df-Chemiker und hat den nat\u00fcrlichen Gerbstoff mitentwickelt. Seit 25 Jahren besch\u00e4ftigt er sich mit der Ledergerbung. Vor neun Jahren hat Germann in einem Projekt mit Kollegen lange nach Ersatzstoffen gesucht. Ein Extrakt aus Olivenbl\u00e4ttern, fanden sie heraus, kann Chemikalien in der Gerbung ersetzen. Die nat\u00fcrlichen Gerbstoffe lagern sich in der Tierhaut ein und stabilisieren die Eiwei\u00dfverbindungen, das sogenannte Kollagen. Das Leder wird haltbar und geschmeidig.<\/p>\n<p>Doch kann eigentlich etwas eine Revolution sein, was schon zu Zeiten Martin Luthers der Normalfall war? Denn eigentlich ist die nat\u00fcrliche Gerbung ja nun wahrlich nichts Neues. Schon vor Jahrhunderten hat man Leder mit Eichen- oder Mimosa-Rinde oder Kastanienholz gegerbt. Ab 1900 etwa wurde dann die Chromgerbung erst zur industriellen Alternative.<\/p>\n<h3>Die Gewinnung von Chromsalzen ist sehr energieaufwendig<\/h3>\n<p>Heute, so gibt es der Fachverband Tegewa an, wird bei der Ledergerbung dagegen weltweit in 80 bis 85 Prozent der F\u00e4lle mit Chrom gearbeitet \u2013 beim kleinen Rest wird mit alternativen Chemikalien gearbeitet. Naturstoffe? Selten zu finden. Dabei ist die Chromsalzgewinnung, zum Beispiel in S\u00fcdafrika, energieaufwendig und produziert ein Vielfaches an Reststoffen.<\/p>\n<p>Germann stellt einen Plexiglaskasten voller Olivenbl\u00e4tter auf den Tisch und greift hinein. Es raschelt. Die Olivenbl\u00e4tter sind nach dem Baumschnitt \u00fcbrig oder fallen beim Absch\u00fctteln der Oliven auf die Erde. Daraus entsteht das Extrakt, das dunkel ist wie Zuckerr\u00fcbensirup und genauso s\u00fc\u00df duftend. F\u00fcr die Anwendung des Olivengerbstoffs m\u00fcssen die Anlagen in Fabriken nicht umger\u00fcstet werden.<\/p>\n<p>Obwohl das gepriesene Produkt die Welt wom\u00f6glich ein St\u00fcckchen besser machen k\u00f6nnte, m\u00f6chte die Firma ihr Patent aber nicht so einfach aus der Hand geben. Die Gerbung mit dem Extrakt ist bislang nach Germanns Angaben allerdings 5 bis 15 Prozent teurer als die Gerbung mit Chrom, weil der Stoff in vergleichsweise kleinen Mengen hergestellt wird. Wet-green h\u00e4lt das Patent und will behutsam wachsen.<\/p>\n<p>Die Firma vertreibt den Oliven-Gerbstoff bisher nur an wenige Gerbereien, Germann nennt eine aus Deutschland und eine aus der Slowakei, deren ganzer Produktionsablauf \u00f6kologischen Kriterien entspricht. Er will nicht, dass \u201eOlivenleder\u201c zur Mogelpackung wird. Das Produkt soll ein Statement gegen toxische Verfahren sein. Einige Premium-M\u00f6belhersteller und ein Autoproduzent verwenden bereits Olivenleder und werben damit: Den BMWi3, ein Elektroauto, gibt es zum Beispiel mit Olivenlederausstattung. Warum nicht auch andere?<\/p>\n<h3>Genug Olivenbl\u00e4tter sind da<\/h3>\n<p>Verfahrenstechniker und Chemiker Michael Braungart, ein Vordenker in Sachen Kreislaufwirtschaft, sagt, das Verfahren komme f\u00fcr die deutsche und europ\u00e4ische Lederindustrie zu sp\u00e4t. Die Branche ist in den vergangenen Jahrzehnten wegen hoher Lohnkosten hierzulande stark eingebrochen.<\/p>\n<p>Dabei w\u00e4ren die Ressourcen f\u00fcr mehr Natur-Gerbung vorhanden: Was im Mittelmeerraum an Olivenbl\u00e4ttern anf\u00e4llt, reicht Germanns Berechnungen zufolge, um Gerbstoff f\u00fcr bis zu 40 Prozent der Weltlederproduktion herzustellen. Aber er sei kein Tr\u00e4umer, sagt er schlie\u00dflich. Germann w\u00fcrde sich freuen, wenn bald ein Promille dieses Potenzials ausgesch\u00f6pft wird. Das w\u00e4re vielleicht ein kleiner Schritt f\u00fcr die Menschheit \u2013 aber f\u00fcr die Firma wet-green sicher ein gutes Gesch\u00e4ft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wieso Chemie, wenn es doch auch nat\u00fcrlich geht? Das ist eine Frage, die gerade in der Lederpoduktion besonders auf der Hand liegt. Beispiel Zalando: Im Fr\u00fchjahr 2014 musste der Interneth\u00e4ndler 1.500 Schuhpaare zur\u00fcckrufen \u2013 weil sie chrombelastet waren. 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