{"id":24157,"date":"2015-01-22T03:15:19","date_gmt":"2015-01-22T02:15:19","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=24157"},"modified":"2015-01-21T13:08:42","modified_gmt":"2015-01-21T12:08:42","slug":"gruene-woche-biooekonomie-schwerer-sprung-vom-labor-in-die-industrie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/gruene-woche-biooekonomie-schwerer-sprung-vom-labor-in-die-industrie\/","title":{"rendered":"Gr\u00fcne Woche &#8211; Bio\u00f6konomie: Schwerer Sprung vom Labor in die Industrie"},"content":{"rendered":"<p>Bioplastik &#8211; ein kompostierbarer Kunststoff aus nachwachsenden Pflanzen: Mit Konzepten wie diesem soll Deutschland unabh\u00e4ngiger vom Erd\u00f6l werden. Umweltsch\u00fctzer und Wissenschaftler suchen nach neuen Werkstoffen. Aber inwieweit l\u00e4sst sich der Boden noch weiter ausbeuten?<\/p>\n<p>Es herrscht Spannung im Versuchslabor von Hans-Peter Fink, und zwar ganz w\u00f6rtlich. Eine Mitarbeiterin befestigt einen kleinen braunen Kunststoffstift in einer Art Schraubstock. Der zieht das etwa daumenlange Teil dann mit aller Kraft auseinander &#8211; bis das Material mit einem Knall zerbirst.<\/p>\n<p>Hans-Peter Fink ist zufrieden, das Material hat lang genug standgehalten. Fink ist der Leiter des Fraunhofer Instituts f\u00fcr angewandte Polymerforschung in Potsdam. Der kleine Stift, der hier gerade die Zerrei\u00dfprobe mit Bravour gemeistert hat, basiert auf Milchs\u00e4ure und Viskose. Ein Gemisch aus Biokunststoffen also, das ganz ohne Erd\u00f6l auskommt. Die Mischung macht ihn stabil und dehnbar. Neben herk\u00f6mmlichen Kunststoffen experimentieren die Fraunhofer-Forscher viel mit biobasiertem Plastik. An der Wand h\u00e4ngt die Innenverkleidung f\u00fcr eine Autot\u00fcr. Ein Prototyp aus Biofasern. Stabil im Crash-Test und dazu noch deutlich leichter als zum Beispiel herk\u00f6mmliche Kohlefaser. Eigentlich ideale Eigenschaften. Nur ist der Stoff noch ein wenig zu teuer in der Herstellung, um Produzenten davon zu \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p>&#8220;Wir haben immer dieses Problem, technische Eigenschaften und Preis und wir sehen die besten Chancen f\u00fcr die Biokunststoffe, die entweder mindestens so preiswert wie die erd\u00f6lbasierten sind, die gleiche Eigenschaften haben, oder aber, und das ist der bessere Weg, die bessere Eigenschaften oder andere n\u00fctzliche Eigenschaften haben.&#8221;<\/p>\n<p>Bioplastik. Es wird entweder in Form gegossen oder wie hier im Fraunhofer-Labor auf gewaltigen Spulen zu Garn gemacht und dann weiterverarbeitet. Es gibt bereits Kola-Flaschen aus Mais, Kartoffeln und Zuckerr\u00fcben sowie Autoreifen aus L\u00f6wenzahn. Bioplastik steckt in Tragetaschen und Turnschuhen. Und es ist ein wichtiger Bestandteil der sogenannten Bio\u00f6konomie. Die steht f\u00fcr ein neues Wirtschaften. Das soll weniger abh\u00e4ngig sein von Erd\u00f6l, Kohle und Gas und mehr auf nachwachsende Rohstoffe setzen. Nicht mehr nur die \u00d6lpumpen sollen unsere Industrie und Energie antreiben, sondern auch Pflug und M\u00e4hdrescher. Was die Landwirte produzieren, w\u00e4chst schlie\u00dflich nach. Fossile Brennstoffe dagegen gehen irgendwann zu Ende und haben au\u00dferdem eine ziemlich schlechte Klimabilanz. Bio\u00f6konomie, das ist zun\u00e4chst ein gro\u00dfer Trend. Die Bundesregierung hat bereits 2010 ein 2,4 Milliarden Euro schweres Forschungsprogramm aufgelegt und sich eine nationale Politikstrategie verpasst. Ein eigens geschaffener Bio\u00f6konomierat ber\u00e4t sie seit einigen Jahren. Auch andere Staaten haben nachgezogen. Die EU f\u00f6rdert die Forschung ebenfalls mit Milliarden. Aber so gro\u00df sie klingt, so schwammig ist sie auch: Was also ist Bio\u00f6konomie? Clemens Neumann sollte es wissen. Er leitet die Abteilung f\u00fcr biobasierte Wirtschaft im Bundesministerium f\u00fcr Ern\u00e4hrung und Landwirtschaft.<\/p>\n<h3>Bio\u00f6konmie &#8211; die Antwort auf das weltweite Ern\u00e4hrungsproblem?<\/h3>\n<p>&#8220;Bio\u00f6konomie ist die Antwort auf die zentralen Fragen des 21. Jahrhunderts. Diese Herausforderungen sind Ern\u00e4hrungssicherung, die Versorgung mit regenerativen Rohstoffen und der Schutz der nat\u00fcrlichen Ressourcen.&#8221;<\/p>\n<p>Das klingt nach einer gewaltigen Aufgabe, aber auch ein wenig so, als sei einfach alles in einen Topf geworfen worden, was irgendwie mit der Verarbeitung von Pflanzen zu tun hat. Und tats\u00e4chlich, ganz neu ist sie nicht, die Bio\u00f6konomie, sagt Joachim von Braun, Professor an der Uni Bonn und seit 2012 Chef des Bio\u00f6konomierats, der die Bundesregierung ber\u00e4t.<\/p>\n<p>&#8220;Die Bio\u00f6konomie ist eigentlich uralt, aber eben auch brandneu. Bio\u00f6konomie ist zum Beispiel Brot backen mit Hefe oder Bier brauen, tun wir seit Jahrtausenden. Aber das nagelneue an der Bio\u00f6konomie, die wir jetzt haben, sind die Einbeziehung neuen biologischen Wissens, neuer Technologien, Verarbeitungstechnologien, die auch zu v\u00f6llig neuen Produkten f\u00fchren.&#8221;<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich also ist Bio\u00f6konomie irgendwie das, was Menschen schon immer gemacht haben, nur ein wenig anders. Etwas n\u00fcchterner wird es, wenn man die Praktiker fragt, den Verband der Chemischen Industrie zum Beispiel. Ricardo Gent ist dort Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Deutschen Industrievereinigung Biotechnologie.<\/p>\n<p>&#8220;Es geht darum, nachwachsende Rohstoffe zu verarbeiten, in alle m\u00f6glichen Richtungen, die sogenannte stoffliche Verwertung oder eben die energetische Verwertung. Die \u00e4lteste Form der Bio\u00f6konomie ist im \u00dcbrigen die Landwirtschaft.&#8221;<\/p>\n<p>Und in einem Punkt sind sich Industrie und Umweltsch\u00fctzer ungew\u00f6hnlich einig: Beide begr\u00fc\u00dfen, dass bei der Bio\u00f6konomie alles ber\u00fccksichtigt werde, vom Anbau der Rohstoffe bis zu ihrer Verwertung, vom Lebensmittel- bis zum Chemiesektor. Steffi Ober k\u00fcmmert sich beim Naturschutzbund NABU um nachhaltige Forschungspolitik.<\/p>\n<p>&#8220;Wir wollen die fossilen Brennstoffe im Boden lassen aus klimapolitischen Gr\u00fcnden und nat\u00fcrlich muss man sich dann Gedanken machen, wie kann man diese Rohstoffe ersetzen, woher bekommt die Chemieindustrie ihre Rohstoffbasis, die Energieindustrie ihre Basis und nat\u00fcrlich auch die Ern\u00e4hrung und die Landwirtschaft. Wie werden dann die Fl\u00e4chen verteilt, das ist die riesengro\u00dfe Frage. Und insofern sehen wir auch eine Chance in der Bio\u00f6konomie, das zusammen zu denken und einmal alles auf den Tisch zu packen, was von der Fl\u00e4che \u00fcberhaupt gewonnen werden soll.&#8221;<\/p>\n<p>Bio\u00f6konomie fasst alle Industrien und Wirtschaftssektoren zusammen, die biologische Rohstoffe nutzen, also Pflanzen, Tiere und Mikroorganismen. Dazu geh\u00f6ren neben der naheliegenden Land- und Forstwirtschaft, der Fischerei und der Nahrungsmittelwirtschaft auch die Chemieindustrie, die Energieversorgung und die Biotechnologie, zu der auch die Gentechnik in ihren verschiedenen Ausf\u00fchrungen z\u00e4hlt. Auch die Autoindustrie oder der Bausektor spielen eine wichtige Rolle. Ziel ist, zumindest langfristig, die Grundlage der Wirtschaft umzustellen auf Biomasse \u2013 und diese nachwachsenden Rohstoffe effizienter zu nutzen. Darunter f\u00e4llt viel \u2013 vom Kerosin, das eines Tages aus Algen gewonnen werden soll, bis zu den Enzymen, die das Brot im Supermarkt l\u00e4nger haltbar machen.<\/p>\n<h3>Die chemische Industrie setzt bisher zu 13 Prozent auf nachwachsende Rohstoffe<\/h3>\n<p>Die Forschung von Hans-Peter Fink und seinen Kollegen im Fraunhofer-Institut kommt vor allem der Chemieindustrie zugute und allen, die die Biokunststoffe verarbeiten. Neue Stoffe in der Chemieindustrie, das ist f\u00fcr die Bundesregierung ein wesentlicher Aspekt ihrer Bio\u00f6konomiestrategie. Allerdings z\u00f6gert die Industrie noch, auf die neuen Grundstoffe umzustellen. Fink will versuchen, den Produzenten die Biokunststoffe n\u00e4herzubringen.<\/p>\n<p>&#8220;Wir haben k\u00fcrzlich gegr\u00fcndet ein Verarbeitungstechnikum f\u00fcr Biopolymere in Schwarzheide auf dem Fabrikgel\u00e4nde der BASF, wo wir versuchen wollen, die Verarbeitung von Biopolymeren dichter an die mittelst\u00e4ndische Industrie heranzubringen.&#8221;<\/p>\n<p>Die chemische Industrie setzt bislang zu 13 Prozent auf nachwachsende Quellen f\u00fcr den ben\u00f6tigten Kohlenstoff. Bioplastik hat an den pro Jahr sch\u00e4tzungsweise produzierten 300 Millionen Tonnen Kunststoff weltweit einen Nischenanteil von f\u00fcnf Prozent. Der niedrige \u00d6lpreis von momentan unter 50 Dollar pro Barrel und die neue Form der \u00d6l- und Gasf\u00f6rderung durchs Fracking bremsen die Umstellung. Sie machen die Verwendung der oft teureren Grundstoffe aus der Landwirtschaft und die oft ebenfalls teure technische Umstellung auf diese nicht besonders attraktiv.<\/p>\n<p>&#8220;Diese Umstellungsprozesse sind nicht einfach, sowohl in kleinen und mittelgro\u00dfen Unternehmen nicht, weil die nat\u00fcrlich die gro\u00dfen Investitionsh\u00fcrden erst einmal nehmen und bew\u00e4ltigen k\u00f6nnen m\u00fcssen, um da hinzukommen, aber auch in gro\u00dfen Industrieunternehmen nicht, weil h\u00e4ufig Gro\u00dfanlagen da sind, die sind abgeschrieben, die Nutzung ist also relativ kosteng\u00fcnstig. Wir haben momentan relativ niedrige \u00d6lpreise, all das sind momentan keine Anreizsysteme, um jetzt umzugestalten auf ganz andere Erzeugungsketten.&#8221;<\/p>\n<p>Sagt Georg Sch\u00fctte. Er ist Staatssekret\u00e4r im Bundesforschungsministerium und zust\u00e4ndig f\u00fcr die Entwicklung der Bio\u00f6konomie. Das Ministerium unterst\u00fctze vor allem die Forschung, aber auch Pilotanlagen, durch die Unternehmen die neuen Stoffe und Produktionsprozesse kennenlernen sollen. Aus Sicht von Ricardo Gent vom Verband der Chemischen Industrie, der diese Unternehmen vertritt, ist die Umstellung vor allem eine Frage der Zeit.<\/p>\n<p>&#8220;Die Bio\u00f6konomie ist keine Revolution, sondern eine Evolution. Solange wir mit \u00fcber 90 Prozent in der chemischen Produktion auf Kohlenstoffverbindungen auf Erd\u00f6lderivaten beruhen, und das wird \u00fcber die n\u00e4chsten 25, 30 Jahre auch noch so bleiben, m\u00fcssen wir aber jetzt anfangen, die Rohstoffbasis zu erweitern und nicht warten, bis die Preise g\u00fcnstiger sind. Das geht nicht von heute auf morgen. Der gr\u00f6\u00dfte Teil der Industrie, der die Bio\u00f6konomie vorantreiben kann, ist die chemische Industrie. Aber das geht durch einen graduellen Umsetzungsprozess, und da sitzen wir mittendrin.&#8221;<\/p>\n<h3>Der Sprung vom Labor in die Industrie f\u00e4llt noch schwer<\/h3>\n<p>Doch auch aus dem Bio\u00f6konomierat kommt die Kritik, dass zwar ein guter Anfang gemacht wurde, es an der Umsetzung der Bio\u00f6konomie aber hapere. Ein Grund sei, dass es Unternehmen an Kredithilfen fehle. Dadurch scheuten sie sich, auch eigenes Geld einzusetzen. Gerade kleinere und mittlere Unternehmen seien aber wichtig f\u00fcr die Entwicklung neuer Technik, sagt Joachim von Braun.<\/p>\n<p>&#8220;Wir haben ein nicht zu untersch\u00e4tzendes Problem in Deutschland f\u00fcr den Einstieg in einen innovativen neuen Sektor wie die Bio\u00f6konomie und das ist unser Mangel an Wagniskapital, da hat Deutschland keine starke Kultur drin. Unser Bankensektor muss in Sachen Bio\u00f6konomie noch aufwachen.&#8221;<\/p>\n<p>Der Sprung vom Labor in die Industrie, er f\u00e4llt oft noch schwer. Die gro\u00dfen Anlagen, die entst\u00fcnden bisher nicht in Deutschland, sondern in anderen L\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Zum Beispiel in Italien. Novara im Norden des Landes. Einst Sitz einer stolzen Chemieindustrie, heute zu weiten Teilen eine Industriebrache. Kaputte Fenster, herabgefallende Schilder vormals erfolgreicher Unternehmen. Doch im modernen Firmensitz von Novamont brummt es. In einem Reaktor tr\u00f6pfeln verfl\u00fcssigte Zusatzstoffe ineinander, die gemeinsam einen neuen Kunststoff ergeben sollen.<\/p>\n<p>&#8220;In dieser Maschine werden einzelne Bestandteile in einem Reaktor zusammengebracht, aus dem ganzen wird dann ein neues Material, das in unserem Fall zu einem Kunststoff wird. Das hei\u00dft, ich brauche viele Bausteine, um einen Kunststoff herzustellen.&#8221;<\/p>\n<p>Stefano Facco ist bei Novamont zust\u00e4ndig f\u00fcr Produktentwicklungen. Das Unternehmen hat sich vor allem mit der Herstellung von kompostierbarem Kunststoff einen Namen gemacht. Und hat dazu beigetragen, dass in St\u00e4dten wie Mailand die gesamte M\u00fcllsammlung umgestellt wurde \u2013 mithilfe von Biot\u00fcten. Als das Unternehmen vor \u00fcber 20 Jahren anfing, mussten Facco und seine Kollegen nicht nur die Kunststoffe herstellen, sondern auch gleich die Produkte. Denn die Kunden vertrauten den neuen Stoffen nicht.<\/p>\n<p>&#8220;Als wir damals angefangen hatten, hatte keiner Verst\u00e4ndnis f\u00fcr diese Produkte. Das hei\u00dft, wir mussten selbst die Produkte herstellen, auch f\u00fcr die Endabnehmer. Wir haben die Werkstoffe entwickelt, wir haben die Kunststoffe entwickelt, wir haben sie verarbeitet. Und zum Beispiel im Bereich der Landwirtschaft haben wir selber Mulchfolien hergestellt, um sie auf den Feldern zu testen, weil die Verarbeiter waren nicht daran interessiert, die Endkunden, die Landwirte, sind sehr konservativ. Und daraufhin haben wir gesagt, ok, wir m\u00fcssen selbst die Produkte auf den Markt bringen und zeigen.&#8221;<\/p>\n<h3>Teller statt Tank? Kinderkrankheiten einer neuen Energiestrategie<\/h3>\n<p>Die Folien, die Landwirte nach der Benutzung nur noch unterpfl\u00fcgen m\u00fcssen, werden noch heute aus Novamont-Material hergestellt. \u00dcberhaupt ist von den anf\u00e4nglichen Problemen nur noch wenig zu sp\u00fcren. Im Gegenteil, die einst aus einer Forschungsabteilung entstandene Firma spielt heute ganz oben mit. Mitte Juni hat Novamont in einem Joint Venture mit Versalis, der Chemiesparte des italienischen Energiekonzerns Eni, eine gemeinsame Bioraffinerie auf Sardinien er\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>&#8220;Wir arbeiten zusammen, mit sehr unterschiedlichen Kulturen, aber mit gro\u00dfen M\u00f6glichkeiten. Denn sie haben die F\u00e4higkeiten, gro\u00dfe Anlagen zu bauen und wir haben die Biotechnologie.&#8221;<\/p>\n<p>Der kleine Bioplastikhersteller Novamont und der Energieriese Eni schaffen in Italien also, worauf Deutschland noch wartet. Die langj\u00e4hrige Unternehmenschefin Catia Bastioli ist erkennbar stolz auf diesen Erfolg.<\/p>\n<p>&#8220;In diesem Fall stellen wir einen Bestandteil von Bioplastik her, aber wir arbeiten auch an der Basis von Bioschmierstoffen und Zusatzstoffen f\u00fcr Gummi, das hei\u00dft, angefangen von Bioplastik k\u00f6nnen wir dem durch unsere Innovationen und unsere Technik noch viel mehr hinzuf\u00fcgen.&#8221;<\/p>\n<p>Fast alle Anlagen von Novamont entstehen dort, wo einst konventionelle Chemiekonzerne sa\u00dfen. Bastioli will, dass die Bio\u00f6konomie mehr ist als nur ein neuer Rohstofflieferant. Die neuen Kunststoffe sollen Italien und am besten gleich ganz Europa neues Leben einhauchen.<\/p>\n<p>&#8220;F\u00fcr mich ist Novamont viel mehr als ein Unternehmen, ich glaube, dass es einen Wandel ausl\u00f6st.&#8221;<\/p>\n<p>Aber bringt es schon den Wandel, wenn Plastik nicht mehr aus Erd\u00f6l hergestellt wird und die Industrie stattdessen auf Zuckerr\u00fcben und Mais setzt? Bio\u00f6konomie ist nicht an sich schon umweltfreundlich und schont auch nicht automatisch die Ressourcen. Das hat der \u00c4rger um Biosprit und Bioenergiegewinnung gezeigt, sozusagen die Kinderkrankheiten der Bio\u00f6konomie. Durch Subventionen setzte die Regierung hohe Anreize. Das verzerrte den Markt und f\u00fchrte dazu, dass immer mehr Landwirte die ben\u00f6tigten Rohstoffe anbauten, zulasten etwa des Lebensmittelanbaus. Folge: hohe Lebensmittelpreise und eine hitzige Debatte dar\u00fcber, ob in erster Linie f\u00fcr den Tank oder f\u00fcr den Teller produziert werden solle. Joachim von Braun, Chef des Bio\u00f6konomierats, r\u00e4umt Fehler ein.<\/p>\n<p>&#8220;Die Bio\u00f6konomie der ersten Generation waren die Einf\u00fchrung von Ethanolquoten, Beimischquoten, E10, und ebenfalls die Subvention von Biogasproduktion. Da ist zu rasch zu viel von der Bio\u00f6konomie verlangt worden. Das hat zu einer starken Nachfrage nach Bioenergie gef\u00fchrt, also Sprit in den Tank. Das hat zu einer Expansion der Nutzfl\u00e4chen f\u00fcr Energiegewinnung sonst wo auf der Welt gef\u00fchrt, nicht nur in Europa.&#8221;<\/p>\n<p>Die Folgen dieser Politik sind gravierend. Die Herstellung von Biomasse f\u00fcr die stoffliche Verwertung, das bef\u00fcrchten viele, k\u00f6nnte eine \u00e4hnlich einseitige Ausrichtung der Landwirtschaft provozieren. Auf der anderen Seite f\u00fchlen sich Hersteller verprellt, die wegen der Subventionen etwa im Erneuerbare-Energien-Gesetz, kurz EEG auf Bioenergie gesetzt hatten. Sie mussten feststellen, dass sie sich auf einmal geschaffene Anreize nicht dauerhaft verlassen konnten.<\/p>\n<h3>Auch das westeurop\u00e4ische\u00a0Konsumverhalten muss sich \u00e4ndern<\/h3>\n<p>&#8220;Das hei\u00dft, wir m\u00fcssen jetzt sehr stark in den Dialog mit den Konsumenten gehen, was wir \u00fcberhaupt unter Bio\u00f6konomie verstehen und dass Bio\u00f6konomie etwas Positives ist. Im Hinblick auf die stoffliche Nutzung ist ganz klar seitens der Bundesregierung festgelegt worden, dass wir im Gegensatz zur energetischen Nutzung von Biomasse hier keine Anreize in dem Sinne wie EEG oder Erneuerbare Energien W\u00e4rme Gesetz schaffen wollen.&#8221;<\/p>\n<p>Sagt Clemens Neumann, zust\u00e4ndig f\u00fcr biobasierte Wirtschaft im Agrarministerium.<\/p>\n<p>Die Kritik an der Bio\u00f6konomiestrategie aber ist grunds\u00e4tzlicher. Natur und Landwirtschaft w\u00fcrden durch sie einer immer effizienteren Verwertung unterworfen. Dass man unter Ausnutzung des Bodens genauso weitermachen k\u00f6nne wie bisher, sei eine Illusion, sagt Harald Ebner, Sprecher der Gr\u00fcnen-Bundestagsfraktion f\u00fcr Gentechnik und Bio\u00f6konomiepolitik.<\/p>\n<p>&#8220;Es ist richtig, dass wir sozusagen auf neue Stoffe setzen, aber es ist falsch zu denken, wir k\u00f6nnten damit ein System weiterfahren, das auf st\u00e4ndig immer mehr setzt. Weil das werden wir weder mit fossilen noch mit nachwachsenden Rohstoffen und Energien auf Dauer bedienen k\u00f6nnen. Es wird nicht gehen.&#8221;<\/p>\n<p>Auch Mitglieder des Bio\u00f6konomierats der Bundesregierung mahnen, dass das Vorhaben Bio\u00f6konomie ohne eine \u00c4nderung unseres Verhaltens kaum machbar sei. Die Bundesregierung will gegensteuern, indem Pflanzen mehrfach genutzt werden, dass also einem Maiskolben erst die St\u00e4rke entzogen wird f\u00fcr die Lebensmittelproduktion und er erst dann f\u00fcr die Energiegewinnung genutzt wird. Das allerdings kann auch viel Energie verbrauchen.<\/p>\n<p>&#8220;Wir k\u00f6nnen den heutigen Lebens- und Konsumstandard nicht fortf\u00fchren, wenn wir umstellen auf Biomasse, so viel Land gibt es gar nicht. Schon heute importieren wir ein Drittel der Fl\u00e4che in Europa f\u00fcr unsere Konsumbed\u00fcrfnisse, vor allen Dingen f\u00fcr Fleisch. Und wir haben ja heute schon einen riesigen \u00f6kologischen Fu\u00dfabdruck auf Kosten \u00e4rmerer L\u00e4nder, und das wird sich verschlimmern, wenn wir jetzt auch noch umstellen, Biomasse f\u00fcr Energie, f\u00fcr Industrie, f\u00fcr sonstige Nutzungszwecke.&#8221;<\/p>\n<p>Im Forschungsministerium trifft die Kritik auf Verst\u00e4ndnis. Allerdings seien fr\u00fchere Fehler korrigiert worden. Es werde nicht mehr passieren, dass wie vor einigen Jahren der \u00fcberm\u00e4\u00dfige Anbau etwa von Mais f\u00fcr Biosprit Lebensmittelpreise in die H\u00f6he treibt. Eine von High-Tech getriebene gr\u00fcne Wirtschaft k\u00f6nne die Sicherung von Wohlstand mit Nachhaltigkeit vereinen, sagt Staatssekret\u00e4r Georg Sch\u00fctte.<\/p>\n<p>&#8220;Es ist sicherlich richtig, dass wir immer wieder unsere Art zu leben und unseren Lebensstandard reflektieren m\u00fcssen. Ich glaube, die Vergangenheit hat jedoch gezeigt, dass Vorschrifts- und Verzichtsmodelle nur m\u00e4\u00dfig funktionieren. In dem Sinne ist der Ansatz, Bio\u00f6konomie als gro\u00dfen Zielkorridor zu verfolgen, diesen Dreiklang von Nachhaltigkeit, technologischer Entwicklung und wirtschaftlichen Nutzen zu verfolgen, meines Erachtens ein zielf\u00fchrender, weil hier Know-how zusammenkommt mit Bestandssicherung und Ressourcensicherung und Erhalt von Lebensgrundlagen.&#8221;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bioplastik &#8211; ein kompostierbarer Kunststoff aus nachwachsenden Pflanzen: Mit Konzepten wie diesem soll Deutschland unabh\u00e4ngiger vom Erd\u00f6l werden. 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