{"id":23106,"date":"2014-10-28T03:09:08","date_gmt":"2014-10-28T01:09:08","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=23106"},"modified":"2014-10-27T15:47:45","modified_gmt":"2014-10-27T13:47:45","slug":"plastikbranche-das-kompost-komplott","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/plastikbranche-das-kompost-komplott\/","title":{"rendered":"Plastikbranche: Das Kompost-Komplott"},"content":{"rendered":"<p>Nie mehr ein schlechtes Gewissen, weil die Verpackung verrottet wie altes Laub: Die Industrie feiert biologisch abbaubare Kunststoffe als Mittel gegen Plastikm\u00fcll. Doch das Konzept hat gro\u00dfe Schw\u00e4chen.<\/p>\n<p>Falsches steht da nicht direkt. Es ist der Kreislauf der Elemente, den der Verbund kompostierbare Produkte e.V. auf seiner Internetseite zeigt. Es geht um Erde, Humus, Wasser, Luft. Gr\u00fcne Ranken und Biotonnen sind zu sehen, und N\u00e4hrstoffe beschrieben, die der Dung an die Natur zur\u00fcckgibt. Einzig \u00fcberraschend ist, wer dahinter steht: Die Verbundsmitglieder sind alle aus der Plastikbranche.<\/p>\n<p>Chemieunternehmen wie BASF, die Granulat herstellen, Folienfabrikanten, die daraus T\u00fcten gie\u00dfen oder Gefrierbeutel machen. Das Bild, das sie und zunehmend andere Unternehmen zeichnen, ist verlockend: Plastik k\u00f6nne gr\u00fcn sein. Nutzbar ohne schlechtes Gewissen, weil es verrottet wie altes Laub.<\/p>\n<p>Plastik ist nicht wegzudenken aus unserem Alltag. Wenn das Leben immer schneller wird und Wegwerfen praktischer als Wiederverwerten, geh\u00f6ren Einkaufst\u00fcten, Partybesteck und To-go-Verpackungen meist dazu. Ohne Einwegprodukte m\u00fcssten wir die Geschwindigkeit drosseln und eingespieltes Verhalten \u00e4ndern, ohne Folienverpackung den gesamten Konsum umstellen. Plastik kann auch Ressourcen sparen: Es ist ein robustes, leichtes Material, das lange lebt und sich spritsparend transportieren l\u00e4sst. Doch es ist verp\u00f6nt, sp\u00e4testens seit Greenpeace es kilogrammweise aus den M\u00e4gen toter Meerestiere holt und Forscher an den Str\u00e4nden der Erde kaum noch Sand finden, in dem keine Partikel davon sind &#8211; eben weil es so lange h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Bio-Plastik ist da wie eine Verhei\u00dfung. Bio klingt nach Natur und das beschert den Herstellern Erfolg. Rund 604.000 Tonnen bioabbaubaren Kunststoff produzierte die Branche weltweit nach eigenen Angaben im Jahr 2012. F\u00fcr T\u00fcten, f\u00fcr Joghurtbecher, Kaffeekapseln, Computertastaturen, Turnschuhe oder Plastikflaschen. Fu\u00dfballvereine wie Bayern M\u00fcnchen oder der VfL Wolfsburg schenken als CSR-Ma\u00dfnahme in ihren Stadien Getr\u00e4nke hinein. Aldi und Rewe lie\u00dfen ihre Kunden die Eink\u00e4ufe darin einpacken. 100 Prozent kompostierbar oder Zeig der Umwelt ein L\u00e4cheln schrieben sie auf die T\u00fcten und verlangten 39 Cent daf\u00fcr. Viel erhofft sich die Branche auch von den Folienbeuteln f\u00fcr Bioabf\u00e4lle, einem ganz neuen Absatzmarkt.<\/p>\n<h3>In der Realit\u00e4t wird in Deutschland aus Plastik kein Kompost<\/h3>\n<p>Passend dazu schreibt der Verbund kompostierbarer Produkte auf seiner Internetseite: Alles wie immer &#8211; nur besser. Niemand muss etwas \u00e4ndern, sogar Produktionsmaschinen und -abl\u00e4ufe k\u00f6nnen gleich bleiben, es entstehen einfach nur keine unangenehmen Folgen. Zu erkennen f\u00fcr den Verbraucher sind die Produkte an einem aufgedruckten gr\u00fcnen Keimling, dem in Deutschland am weitesten verbreiteten Siegel f\u00fcr Kompostierbarkeit. F\u00fcr die n\u00e4chsten f\u00fcnf Jahre erwartet die Branche ein Wachstum von 60 Prozent. Der Haken: In der Realit\u00e4t wird hierzulande aus Plastik kein Kompost. Oder, wie Hans Demanowski, Professor f\u00fcr Verpackungstechnik an der Beuth Hochschule f\u00fcr Technik in Berlin, drastisch sagt: Kompostierbares Plastik ist in den meisten F\u00e4llen kompletter Bl\u00f6dsinn. Woher solle ein Joghurtbecher wissen, ob er im Supermarkt steht oder auf dem Kompost liegt und ab wann er zerfallen darf? Das ist reine Werbung. Zumindest ist es nicht so einfach, wie f\u00fcr den Verbraucher dargestellt.<\/p>\n<p>Plastik ist eine Verkettung von Molek\u00fclen. Eng m\u00fcssen sie miteinander verkn\u00fcpft sein, damit das Material stabil ist. Damit T\u00fcten nicht rei\u00dfen und Becher nicht schmelzen. Hergestellt werden kann das aus so gut wie allem: aus Kohle und Erd\u00f6l, aus Mais, Soja, B\u00fcffelgras oder Orangenschalen. Und egal welche chemische Basis es hat, Plastik kann so zusammengebaut werden, dass es sich wieder in seine Bestandteile zerlegen l\u00e4sst &#8211; oder f\u00fcr immer bleibt. Auch Kunststoff mit einem Maisanteil muss sich nicht notgedrungen aufl\u00f6sen. Auch herk\u00f6mmliches erd\u00f6lbasiertes Plastik kann bioabbaubar sein.<\/p>\n<p>Und dann ist es immer noch eine Frage des Aufwandes, wie lange es dauert, bis es sich abbaut. Theoretisch k\u00f6nnen Mikroorganismen eine sehr d\u00fcnne bioabbaubare Folie in ein paar Wochen zersetzen &#8211; wenn die Bedingungen optimal sind. Wenn die Temperatur hoch und die Luft feucht sind und alles kontinuierlich durchmischt wird, so dass genug Sauerstoff rankommt. Je dicker das Material, desto l\u00e4nger dauert der Prozess. \u00dcbrig bleiben am Ende, abgesehen von den Mikroben: CO2 und Wasser. So viel zur Theorie.<\/p>\n<p>Das ist total praxisfern, sagt Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe. Vor zwei Jahren fragte er mit seinen Kollegen stichprobenartig bei Betreibern von Kompostieranlagen nach, wie diese mit den als kompostierbar beworbenen Einkaufst\u00fcten von Aldi und Rewe umgehen. Nahezu alle von denen, die antworteten, gaben an, dass sie die T\u00fcten aussortierten und zur M\u00fcllverbrennung br\u00e4chten. Die Gr\u00fcnde: Die durchschnittliche Rottezeit in den Anlagen ist k\u00fcrzer als f\u00fcr die T\u00fcten n\u00f6tig. Au\u00dferdem sei bioabbaubarer Kunststoff nicht von herk\u00f6mmlichem zu unterscheiden.<\/p>\n<h3>Keine Klarheit \u00fcber die Zusammensetzung der Folien<\/h3>\n<p>Auch der Verband der Humus- und Erdenwirtschaft, in dem Dutzende Anlagenbetreiber organisiert sind, spricht sich dagegen aus, Plastik zu kompostieren. Dabei war Michael Schneider, der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer, am Anfang zumindest von den d\u00fcnnen Beuteln f\u00fcr den Biom\u00fcll ganz begeistert. Als er sie zu Hause einf\u00fchrte, trennte seine Familie pl\u00f6tzlich viel lieber matschiges Obst oder feuchte Kartoffelschalen. Nichts davon landete mehr in der Restm\u00fclltonne, genau das, was sich meine Kollegen von der M\u00fcllverwertung immer w\u00fcnschen, sagt er. Doch noch bevor seine erste Testrolle verbraucht war, hatten ihn die Anlagenbetreiber aufgekl\u00e4rt: Es gibt unz\u00e4hlige Kompostierverfahren in Deutschland, teilweise unter Luftabschluss, um Biogas zu gewinnen. Daf\u00fcr sind die Beutel weder getestet noch geeignet, sagt Schneider, von Joghurtbechern, Plastikgabeln oder gar Tastaturen ganz zu schweigen. Auch gebe es schon jetzt, wo der Markt noch \u00fcberschaubar sei, oft keine Klarheit \u00fcber die Herkunft und Zusammensetzung der verwendeten Folien. In den Anlagen aber bestehe im Alltagsgesch\u00e4ft keine Chance, zu erkennen, woraus die einzelnen Kunststoffe wirklich sind. Meine Kollegen verzichten lieber auf das Mehr an Bioabf\u00e4llen, als dass sie in Kauf nehmen, Plastikreste im Endprodukt zu haben.<\/p>\n<p>Auch Bertram Kehres sieht das so. Er ist Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Bundesg\u00fctegemeinschaft Kompost und zust\u00e4ndig daf\u00fcr, die Qualit\u00e4t des Produktes zu sichern, das am Ende bei den Kompostieranlagen herauskommt &#8211; denn es landet h\u00e4ufig als D\u00fcnger auf dem Feld. Selbst wenn das Kompostieren des Plastiks funktionieren w\u00fcrde, sagt er, ergebe es keinen wertvollen Humus, sondern im besten Falle nichts. Keine N\u00e4hrstoffe, keine Spurenelemente gebe das Material frei, nur Energie, die ungenutzt bleibt. In einem Positionspapier empfiehlt Kehres die energetische Verwertung: Wenn man Plastik mit dem Restm\u00fcll verbrennt, wird dabei zumindest noch ein bisschen Energie gewonnen.<\/p>\n<p>Eine Studie des Umweltbundesamtes von 2012 ergab, dass in der gesamt\u00f6kologischen Betrachtung biologisch abbaubare Kunststoffe aus nachwachsenden Rohstoffen gegen\u00fcber denen aus fossilem Roh\u00f6l keinen Vorteil f\u00fcr die Umwelt haben. Ein Grund: F\u00fcr herk\u00f6mmliche Stoffe gibt es Verwertungskreisl\u00e4ufe. Aus recycelten PET-Flaschen k\u00f6nnen zum Beispiel Fleece-Jacken oder Kugelschreiber werden. Bioabbaubares Plastik aber will auch bei den Kunststoffrecyclern keiner. Die Sorge ist die selbe wie beim Kompost: Es k\u00f6nne das Endprodukt verunreinigen.<\/p>\n<h3>Theoretisch sind die Stoffe kompostierbar<\/h3>\n<p>Bleibt die Frage, warum auf Artikeln, die nicht kompostiert werden, kompostierbar draufstehen darf. Warum, wenn das, was in die Biotonne darf, schon in Deutschland in jeder Kommune anderen Regeln folgt, es ein Siegel geben kann, das nicht nur hierzulande, sondern europaweit auf Verpackungen prangt.<\/p>\n<p>Die Antwort zeigt, wie geschickt verschiedene Wirtschaftsorgane ineinandergreifen und so Glaubw\u00fcrdigkeit erzeugen. Erst einmal aber ist sie ganz einfach: Jeder Hersteller darf alles auf seine Verpackung schreiben, solange es keine falsche Tatsachenbehauptung ist. Und theoretisch sind die Stoffe ja kompostierbar.<\/p>\n<p>Die Kriterien des Siegels besagen, dass Bioplastik unter industriellen Bedingungen nach drei Monaten zu 90 Prozent verrottet sein muss. Die Rottezeiten der Kompostieranlagen dagegen liegen meist zwischen vier und acht Wochen &#8211; je nachdem, welche Qualit\u00e4t der Kompost am Ende haben soll. Jeder Tag kostet extra. Das lohnt sich bei K\u00fcchenabf\u00e4llen oder Laub meist nicht.<\/p>\n<p>Das Siegel mit dem Keimling ist eine Marke von European Bioplastics. Wer es auf sein Produkt drucken m\u00f6chte, sucht und bezahlt ein Labor, das testet, ob die n\u00f6tigen Vorgaben erf\u00fcllt sind. Zertifizierungsunternehmen \u00fcberpr\u00fcfen die Ergebnisse schlie\u00dflich und vergeben das Siegel. Herstellerunabh\u00e4ngig hei\u00dft dieses Verfahren. Das ist rechtlich v\u00f6llig in Ordnung, auch wenn alle Beteiligten daran verdienen. Auf die Frage, warum die Kriterien bei der Zertifizierung nicht an die Gegebenheiten in den Kompostieranlagen angepasst werden, hei\u00dft es bei Bioplastics: Das Keimlingssiegel beziehe sich auf die EU-Norm f\u00fcr Kompostierbarkeit und sei abgesehen davon bereits etabliert. Eine \u00c4nderung w\u00fcrde den Verbraucher verunsichern.<\/p>\n<h3>Beutel mit Kompostsiegel nicht in die Biotonne werfen<\/h3>\n<p>EU-Norm klingt sch\u00f6n offiziell. Auch andere Kompostsiegel f\u00fcr Bioplastik beziehen sich darauf, OK Compost etwa oder DIN gepr\u00fcft industriell kompostierbar. Genauer ist es die Norm DIN EN 13432 &#8211; erdacht zu einem gro\u00dfen Teil von Vertretern der Plastikbranche. Wie alle Normen ist sie privatwirtschaftlich initiiert und verwaltet vom Verein Deutsche DIN. Wer genau die 38 Personen waren, die in den 90er-Jahren die Kriterien zur Kompostierbarkeit in Europa festlegten, ist auf Wunsch der Beteiligten geheim. Bekannt ist lediglich, dass das Gremium weitestgehend aus Mitarbeitern von Bioplastikproduzenten, Zulieferern und Forschungseinrichtungen bestand.<\/p>\n<p>Anfangs war auch ein Kollege von Bertram Kehres von der Bundesg\u00fctegemeinschaft Kompost mit dabei. &#8220;Wir dachten, es geht nur um die d\u00fcnnen Plastikbeutel f\u00fcr den Biom\u00fcll und wollten sicherstellen, dass die Pr\u00fcfverfahren vern\u00fcnftig sind&#8221;, sagt Kehres. Aber der Wunsch der Industrie war es, Kriterien zu schaffen, die f\u00fcr s\u00e4mtliche andere Verpackungen bis hin zu Kinderspielzeug und Turnschuhen ausreichen. So eine Vielfalt an Stoffen, die nichts mit Kompost zu tun haben, das war der totale Graus f\u00fcr uns. 2010 trat die G\u00fctegemeinschaft aus dem Gremium aus.<\/p>\n<p>Im Fr\u00fchjahr 2012 dann ver\u00f6ffentlichte die Deutsche Umwelthilfe zwei Pressemitteilungen, die dar\u00fcber informierten, dass die Aldi- und Rewe-T\u00fcten in Deutschland nicht kompostiert w\u00fcrden. Die Discounter nahmen die T\u00fcten daraufhin aus dem Sortiment. Der Hersteller verklagte die Umwelthilfe in Millionenh\u00f6he &#8211; und verlor. Auch vereinzelte Fabrikanten von Plastiks\u00e4cken f\u00fcr K\u00fcchenabf\u00e4lle reagierten, allerdings fragw\u00fcrdig. Zum Kompostsiegel drucken sie jetzt den Hinweis, dass die Beutel in einigen Kommunen nicht in die Biotonne geworfen werden d\u00fcrfen. In diesem Fall solle der Verbraucher auf Papiert\u00fcten zur\u00fcckgreifen &#8211; oder die Folienbeutel im Hauskompost entsorgen. Wie lange sie dort liegenbleiben, steht nicht dabei.<\/p>\n<p>Dieser Text stammt aus dem Magazin &#8220;<a href=\"https:\/\/enorm-magazin.de\/enorm\" target=\"_blank\">enorm &#8211; Wirtschaft f\u00fcr den Menschen<\/a>&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nie mehr ein schlechtes Gewissen, weil die Verpackung verrottet wie altes Laub: Die Industrie feiert biologisch abbaubare Kunststoffe als Mittel gegen Plastikm\u00fcll. 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