{"id":21004,"date":"2014-06-17T03:00:04","date_gmt":"2014-06-17T01:00:04","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=21004"},"modified":"2014-06-17T15:36:44","modified_gmt":"2014-06-17T13:36:44","slug":"bioplastik-hilft-gegen-mullberge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/bioplastik-hilft-gegen-mullberge\/","title":{"rendered":"Bioplastik hilft gegen M\u00fcllberge"},"content":{"rendered":"<p>Kaum ein Material wird so h\u00e4ufig eingesetzt wie Kunststoff &#8211; doch bis das Material verrottet, vergehen bis zu 500 Jahre. Der Einsatz von Biomasse k\u00f6nnte das Dilemma \u00e4ndern \u2013 und unseren M\u00fcll reduzieren.<\/p>\n<p>Eine Herde von 800 afrikanischen Elefanten wiegt zusammen etwa 4.000 Tonnen. Genauso schwer ist die Menge an Plastik-M\u00fcll, die Deutsche j\u00e4hrlich durch Kaffeekapseln produzieren. Und das ist nur ein Bruchteil des Plastikm\u00fclls, den Menschen aufgrund des gro\u00dfen Kunststoffverbrauchs auf der Erde hinterlassen. Allein in Deutschland werden jedes Jahr 19,5 Millionen Tonnen Plastik produziert. Weltweit sind es 288 Millionen.<\/p>\n<p>Doch so gro\u00df das Geschrei \u00fcber die wachsenden Plastik-M\u00fcllberge und verschmutzte Meere ist &#8211; komplett verzichten m\u00f6chte niemand auf den Einsatz des Materials. Kaum ein Produkt l\u00e4sst sich so schnell, flexibel und vor allem kosteng\u00fcnstig einsetzen.<\/p>\n<h3>L\u00e4nger haltbar<\/h3>\n<p>Die Vorteile sind immens. So halten sich eingeschwei\u00dfte Gurken zwei Wochen l\u00e4nger im Supermarktlager oder im heimischen K\u00fchlschrank als das unverpackte Gem\u00fcse. Auch die Bekleidungs- und Automobilindustrie ist ohne Kunststoff nicht mehr denkbar.<\/p>\n<p>Gro\u00dfer Nachteil ist jedoch, dass sich die Polymere des Materials nur langsam abbauen. Je nach Beschaffenheit dauert es 350 bis 500 Jahre, ehe Kunststoff zu Humus geworden ist. Um die Umwelt und vor allem Ressourcen zu schonen, arbeiten immer mehr Wissenschaftler, Unternehmen und sogar kleine Start-ups an der Entwicklung von Bioplastik.<\/p>\n<p>Der Unterschied: Herk\u00f6mmliche Kunststoffe bestehen vor allem aus Erd\u00f6l. Bioplastik setzt sich aus Polymeren zusammen. Diese werden aus nat\u00fcrlichen Rohstoffen wie Mais, Zuckerrohr, Holz, \u00d6len oder Fetten hergestellt.<\/p>\n<h3>Banane aus Plastik<\/h3>\n<p>Der Sch\u00fclerin Elif Bilgrin ist es im Zuge eines amerikanischen Wissenschaftswettbewerbs im Sommer 2013 sogar gelungen, aus einer Banane Plastik herzustellen. Der Fantasie und vor allem den M\u00f6glichkeiten, aus Abfall Kunststoffe herzustellen, sind also keine Grenzen gesetzt.<\/p>\n<p>\u201eBiokunststoffe kommen vor allem in der Verpackungsindustrie und Automobilbranche zum Einsatz\u201c, sagt Michael Herrmann, Sprecher beim Verband Plastics Europe in Frankfurt. Plastik aus nachwachsenden Rohstoffen gibt es zum Beispiel in Bioabfallt\u00fcten oder in der sogenannten Plant Bottle von Coca Cola. Die PET-Flasche besteht zu 18 Prozent aus Material auf Pflanzenbasis. Auch die Flaschen des Vio-Tafelwasser bestehen aus einem Mischmaterial.<\/p>\n<p>Sogar in Autos wird Bioplastik verbaut. Ein ber\u00fchmtes Beispiel ist das \u201eConcept Car\u201c von Fanta-Vier-S\u00e4nger Smudo. Der Rennsportfan und bekennende \u00d6ko hat sich ein Auto bauen lassen, dessen Scheinwerfer und Au\u00dfenteile aus sogenannten thermoplastischen Biowerkstoffen bestehen. Das Material l\u00e4sst sich nach der Aush\u00e4rtung wieder erw\u00e4rmen und neu verformen und wird so recycelbar. Au\u00dferdem wurden f\u00fcr gro\u00dffl\u00e4chige Karosserieteile Naturfaserverbunde eingesetzt.<\/p>\n<p>In der Automobilbranche ist der Trend hin zu Biokunststoffen alles andere als neu. Bereits 1915 verbaute Henry Ford an seinem T-Modell eine Starterbox aus Weizengluten, die mit Asbestfasern verst\u00e4rkt wurde. Im Anschluss entwickelte er Prototypen aus Hanffasern und Sojamehl. Das Material war so stabil, dass Ford den Kofferraumdeckel nicht einmal mit einer Axt zertr\u00fcmmern konnte. Im heutigen Ford Mustang kommen immerhin noch in geringen Mengen Biokunststoffe zum Einsatz.<\/p>\n<p>Doch so l\u00f6blich all diese Beispiele sind, wirklich abbaubar ist das verbaute Bioplastik in den oben genannten Beispielen nicht. Der Traum von der verrottenden PET-Falsche steht noch ganz am Anfang. Schon der Begriff Biokunststoff macht Probleme, beschreibt der Sammelbegriff doch zwei ganz unterschiedliche Konzepte: Zum einen die M\u00f6glichkeit, den Kunststoff zu kompostieren &#8211; und zum anderen das Ausgangsmaterial, aus dem der Biokunststoff hergestellt wurde. \u201eKunststoffe auf Biomasse-Basis sind nicht zwangsl\u00e4ufig abbaubar, und biologisch abbaubare Kunststoffe m\u00fcssen nicht auf Biomasse basieren\u201c, erkl\u00e4rt Herrmann. Beide Konzepte existieren nebeneinander.<\/p>\n<p>Gernot J\u00e4ger, Innovationsmanager bei Bayer Material Science, beschreibt es so: \u201eOb ein Material biologisch abbaubar ist, h\u00e4ngt ganz von dem Kunststoff ab. Nur weil etwas biobasiert ist, ist es noch lange nicht biologisch abbaubar.\u201c Denn nur wenn die Polymere in einem Biokunststoff so angelegt sind, dass sie auch verrotten k\u00f6nnen sollen, werden sie auch unter bestimmten Bedingungen (zum Beispiel Grad der Feuchtigkeit) kompostiert. Und selbst dann, dauert der Prozess sehr lange.<\/p>\n<p>In Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4ndern kommt man um Trinkwasser in Plastikflaschen nicht herum. Die Deutschen kaufen sie, obwohl das Wasser hierzulande sauber aus der Leitung sprudelt. Warum tun wir uns das an?<\/p>\n<p>Laut Industrienorm 13432 darf eine Biot\u00fcte binnen drei Monaten in einer industriellen Kompostierung h\u00f6chstens noch zu zehn Prozent vorhanden sein. Anderer Biom\u00fcll wird aufgrund des technischen Fortschritts hingegen schon binnen drei bis vier Wochen vom Abfall zu Humus. Entsprechend skeptisch zeigt sich die Entsorgungswirtschaft, wenn es um die Annahme von Bioplastik geht. Nur wenn geringe Anteile von Biokunststoff verwendet werden, nehmen Entsorger das Material auch an \u2013 dann allerdings als herk\u00f6mmlichen Restm\u00fcll. Das ist auch der Grund, warum Coca Cola nur 18 Prozent des Materials in ihren Plant Bottles verwendet. Somit kann die Flasche noch normal entsorgt werden.<\/p>\n<h3>Biot\u00fcte aus \u00d6sterreich<\/h3>\n<p>Neben den gro\u00dfen Unternehmen st\u00fcrzen sich auch kleine Unternehmen auf das Thema, wie das \u00f6sterreichische Start-up NaKu. In der kleinen Fabrik in der Wiener Neustadt landet alles M\u00f6gliche an Biomasse f\u00fcr die Plastikproduktion in den gro\u00dfen Kesseln. \u201eWir experimentieren mit verschiedenen nachwachsenden Rohstoffen. Aktuell wird zum Beispiel probiert, aus Sonnenblumenschalen Kunststoff herzustellen\u201c, sagt NaKu-Sprecherin Melanie Erd.<\/p>\n<p>Vor allem aber verwendet das Unternehmen von Johann und Ute Zimmermann einen gentechnikfreien Mais aus Europa als Granulat. Es ist der Hauptbestandteil des Bioplastiks, den die acht NaKu-Mitarbeiter seit 2007 herstellen und selbst vertreiben. Daraus sind in einem ersten Schritt S\u00e4cke f\u00fcr B\u00e4ckereien entstanden, die biologisch abbaubar sind.<\/p>\n<p>\u201eWir sind die ganz Gr\u00fcnen\u201c, sagt NaKu-Sprecherin Melanie Erd. \u201eUnser Material besteht nicht nur aus biobasiertem Material, es ist auch biologisch abbaubar.\u201c Damit setzt das Start-up voll auf die Idee von der kompostierbaren Plastikt\u00fcte. Zudem haben wissenschaftliche Untersuchungen der Universit\u00e4t f\u00fcr Bodenkultur in Wien gezeigt, dass Obst und Gem\u00fcse in den T\u00fcten sogar l\u00e4nger haltbar war als in den herk\u00f6mmlichen Plastikbeuteln. Brot blieb etwa doppelt so lange frisch, Salat soll sich gar um ein vielfaches gehalten haben.<\/p>\n<p>Doch das hat seinen Preis. \u201eUnsere NaKu-Sackerl sind bis zu viermal so teuer wie die aus Erd\u00f6l\u201c, sagt Melanie Erd. Entsprechend sei es nicht ganz einfach den Markt zu erobern. \u201eDie Endkunden erreicht man eigentlich nur \u00fcber Zwischenh\u00e4ndler. Und die sind ob des h\u00f6heren Preises oft noch skeptisch\u201c, sagt Erd.<\/p>\n<h3>Junger Markt mit Potenzial<\/h3>\n<p>Der Preis schreckt tats\u00e4chlich viele ab. 2012 standen den 288 Millionen Tonnen produziertem Plastik weltweit lediglich 1,4 Millionen Tonnen Biokunststoffe aus nachwachsenden Materialien gegen\u00fcber. Doch das wird sich \u00e4ndern. \u201eBis 2020 soll der Biokunststoffmarkt um j\u00e4hrlich etwa 20 Prozent wachsen\u201c, sagt Platics Europe-Sprecher Michael Herrmann. Daf\u00fcr m\u00fcsse allerdings erst einmal der Preis sinken, glaubt er.<\/p>\n<p>\u201eBiobasierte Kunststoffe aus biobasierten Grundchemikalien haben ein sehr gro\u00dfes Potential, in den kommenden Jahren dem Wettbewerb stand zu halten\u201c, sch\u00e4tzt Innovationsmanager bei Bayer Material Science, Gernot J\u00e4ger, die Situation ein. \u201eEinige biobasierte Grundchemikalien gibt es schon am Markt. Ich bin \u00fcberzeugt, dass in den kommenden Jahren weitere dazu kommen werden.\u201c Sicher macht ihn der Blick auf die Gr\u00f6\u00dfenverh\u00e4ltnisse. \u201eDie petrobasierten Grundchemikalien, die zum Beispiel heute schon in die PET-Flasche gehen, werden in riesigen Mengen hergestellt. Die biobasierten Grundchemikalien und Kunststoffe werden dagegen noch in relativ kleinen Anlagen hergestellt.&#8221; W\u00e4chst die Nachfrage erst einmal, wird Biokunststoff auch g\u00fcnstiger \u2013 so die \u00dcberlegung.<\/p>\n<p>Schadet Tiefk\u00fchlkost dem Klima und sind Hybrid-Autos besser als ein Benziner? Bei genauer Betrachtung stellt sich oft heraus, dass hinter solchen Annahmen Wunschdenken steckt. Die Kritik am Illusions-Theater w\u00e4chst.<\/p>\n<p>Aktuell gibt es weder in Europa noch den USA ein Mandat, dass die Unternehmen dazu zwingen k\u00f6nnte, ihre Polymere mit einem h\u00f6heren Bioanteil zu versehen. Warum sollten die Kunden dann trotzdem auf eine teurere Variante zur\u00fcckgreifen?<\/p>\n<p>\u201eWenn wir alle in zehn, zwanzig, drei\u00dfig Jahren noch wettbewerbsf\u00e4hig sein wollen, m\u00fcssen wir nachhaltiger werden\u201c, kontert J\u00e4ger. Au\u00dferdem sei die hundertprozentige Abh\u00e4ngigkeit vom Erd\u00f6lpreis heutzutage nicht mehr w\u00fcnschenswert. Es sei wichtig sich vom stark steigenden Erd\u00f6lpreis unabh\u00e4ngig zu machen, sagen Experten.<\/p>\n<p>Zwar hat sich der Markt in den USA aufgrund der neuen Frackingmethode zur Bergung von Schiefergas ein wenig erholt, doch die Preise lagen auch im ersten Quartal 2014 mit 106 Dollar je Barrel auf dem hohen Preisniveau des Vorjahres. Der Ukraine-Konflikt mit Russland hat f\u00fcr weitere Verunsicherungen gesorgt. Und auch die aktuellen politischen Unruhen im Irak werden den \u00d6lpreis wieder nach oben dr\u00fccken. Je nach Erd\u00f6lpreis k\u00f6nne ein biobasiertes Polymer einen Kunststoff inzwischen sogar schon wieder g\u00fcnstiger machen, als die fossile Variante, glaubt Gernot J\u00e4ger.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kaum ein Material wird so h\u00e4ufig eingesetzt wie Kunststoff &#8211; doch bis das Material verrottet, vergehen bis zu 500 Jahre. Der Einsatz von Biomasse k\u00f6nnte das Dilemma \u00e4ndern \u2013 und unseren M\u00fcll reduzieren. Eine Herde von 800 afrikanischen Elefanten wiegt zusammen etwa 4.000 Tonnen. 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