{"id":20384,"date":"2014-05-13T03:03:52","date_gmt":"2014-05-13T01:03:52","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=20384"},"modified":"2014-05-12T07:30:01","modified_gmt":"2014-05-12T05:30:01","slug":"nachhaltige-medikamente-abbaubare-pillen-statt-arznei-im-wasser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/nachhaltige-medikamente-abbaubare-pillen-statt-arznei-im-wasser\/","title":{"rendered":"Nachhaltige Medikamente: Abbaubare Pillen statt Arznei im Wasser"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Wenn Kennedy nicht gesagt h\u00e4tte, wir wollen jetzt auf den Mond, dann w\u00e4ren wir nie dort gewesen&#8221;, sagt Klaus K\u00fcmmerer und l\u00e4chelt. Diese freundliche, aber selbstbewusste Ansage des Chemikers gilt allen, die nicht an seine Vision glauben: eine Welt, in der Medikamente keine Gew\u00e4sser mehr belasten. Doch obwohl dieses Ziel viel n\u00e4her und auch sinnvoller erscheint als zu Kennedys Zeiten die Mondlandung, st\u00f6\u00dft K\u00fcmmerer immer wieder an Grenzen.<\/p>\n<p>Dabei zeigen Messungen weltweit, dass Fl\u00fcsse und Seen voll von Arzneimittelr\u00fcckst\u00e4nden sind. Gerade einmal zehn Prozent aller Proben wurden in einer europaweiten Studie als &#8220;sehr sauber&#8221; eingestuft. Vor allem Schmerzmittel, Antibiotika und Psychopharmaka belasten unsere Umwelt. Pro Liter geht es dabei um Mengen im Nanogrammbereich. Das ist etwa so viel, als w\u00fcrde man einen Zuckerw\u00fcrfel mit Penizillin im Wannsee aufl\u00f6sen. Doch die Wissenschaftler des deutschen Forschungsprojekts &#8220;start&#8221; gehen aufgrund der Menge an verkauften Arzneimitteln davon aus, dass jeden Tag mehrere Tonnen Wirkstoffe in der Kanalisation landen. Manche Tabletten werden in der Toilette entsorgt. Die meisten wandern jedoch \u00fcber einen Umweg &#8211; den Urin der Patienten &#8211; ins Abwasser. Denn der K\u00f6rper kann oft weniger als die H\u00e4lfte des Wirkstoffes abbauen. So gelangt ein buntes Gemisch verschiedenster Arzneien in die Kanalisation.<\/p>\n<p>Welche Wirkung die Mischung der verschiedenen Stoffe hat, ist unklar, Kl\u00e4ranlagen sind gr\u00f6\u00dftenteils machtlos. Klaus K\u00fcmmerer, Professor f\u00fcr Nachhaltige Chemie und Stoffliche Ressourcen an der Leuphana Universit\u00e4t L\u00fcneburg, ist deshalb \u00fcberzeugt, dass etwas geschehen muss. &#8220;Wir haben drei\u00dfig- bis f\u00fcnfzigtausend Stoffe, die wir als umweltrelevant einstufen &#8211; und das noch ohne die Folgeprodukte, die manchmal entstehen&#8221;, erkl\u00e4rt der Chemiker kopfsch\u00fcttelnd. &#8220;Die k\u00f6nnen wir nicht vollst\u00e4ndig aus dem Wasser filtern, wir k\u00f6nnen sie nicht mal alle bewerten.&#8221;<\/p>\n<h3>Diazepam \u00fcbersteht nahezu jede Abwasserbehandlung<\/h3>\n<p>So ist meist nicht bekannt, wie lange sich Wirkstoffe in der Umwelt halten. Die Molek\u00fcle werden oft schnell von der Umgebung oder von Lebewesen absorbiert. Das Antiepileptikum Diazepam beispielsweise ist noch nach \u00fcber einem Jahr nachweisbar und \u00fcbersteht nahezu jede Abwasserbehandlung. Deshalb forscht K\u00fcmmerer in seinem Labor intensiv an einer Methode, Pharmaprodukte so zu ver\u00e4ndern, dass sie nicht auf Jahre die Umwelt belasten. Lange Zeit bewegte er sich in einer Forschungsnische, k\u00e4mpfte mit mangelnden Ressourcen. Doch inzwischen interessiert sich auch eine breitere \u00d6ffentlichkeit f\u00fcr das Problem. Die Deutsche Umwelthilfe und Apothekerverb\u00e4nde rufen zu verantwortungsbewusstem Umgang mit Medikamenten auf, Bundesregierung sowie EU f\u00f6rdern entsprechende Projekte.<\/p>\n<p>Nur die Hersteller der Medikamente sind noch zur\u00fcckhaltend. &#8220;Es kommt schon vor, dass Leute sagen: Der spinnt doch!&#8221;, erz\u00e4hlt der Chemiker und klingt dabei, als sei er es gewohnt, seine Arbeit zu verteidigen. Vor allem bei vielen gro\u00dfen Arzneimittelfirmen h\u00e4lt sich die Lust, sich bei der Entwicklung neuer Produkte an noch mehr Zulassungsbedingungen halten zu m\u00fcssen, deutlich in Grenzen. Die Konzerne f\u00fcrchten, dadurch weniger Arzneimittel absetzen zu k\u00f6nnen und scheuen zus\u00e4tzliche Investitionen.<\/p>\n<p>Es sei sicher sinnvoll, den Eintrag pharmakologischer Substanzen in die Umwelt zu minimieren, r\u00e4umt der Verband der forschenden Pharmaunternehmen (vfa) ein. Dass man immer mehr Wirkstoffe nachweisen k\u00f6nne, sei aber vor allem das Resultat besserer Nachweismethoden. &#8220;In vielen F\u00fchrungsetagenist nachhaltige Pharmazie einfach noch nicht angekommen &#8211; und zwar weder als Problem noch als Chance&#8221;, glaubt K\u00fcmmerer. &#8220;Es fehlen Standards und Anreize auf rechtlicher Ebene.&#8221;<\/p>\n<p>Die Industrie m\u00fcsste sich von einem ihrer Grunds\u00e4tze verabschieden: &#8220;Wenn ein Wirkstoff am Markt erfolgreich sein soll, dann muss er stabil sein.&#8221; Das macht ihn aus Sicht der Pharmahersteller wirksam und sicher. &#8220;Das ist aber nur Marketing und aus chemischer Sicht nicht unbedingt sinnvoll&#8221;, behauptet dagegen K\u00fcmmerer. Ein Medikament sollte sich zwar nicht ver\u00e4ndern, bis es seinen Bestimmungsort im K\u00f6rper erreicht hat. &#8220;Aber dann muss es mit anderen Stoffen reagieren&#8221;, so der Experte. Ein Pharmakologe k\u00f6nnte die unterschiedlichen Bedingungen nutzen, um einen Wirkstoff zu entwickeln, der zum Beispiel unbeschadet im Magen ankommt, dort mit Enzymen oder Erregern reagiert und nach Verlassen des K\u00f6rpers zu Kohlenstoff und Wasser abgebaut wird. Doch bisher kommt dieser Aspekt in der Ausbildung nicht vor.<\/p>\n<h3>Erste Produkte nachhaltiger Pharmazie liegen bereits vor<\/h3>\n<p>Dabei arbeiten Pharmafirmen schon heute mit Computermodellen, um zum Beispiel die Nebenwirkungen ihrer Produkte zu minimieren. Um allerdings auch die Stabilit\u00e4t der Wirkstoffe gezielt zu beeinflussen, fehlt es bisher noch an Daten. Deshalb begann Klaus K\u00fcmmerer vor Jahren damit, Chemikalien, die schwer abbaubar sind, zu untersuchen. Er konzentrierte sich dabei auf ihr Grundger\u00fcst, ihre Molek\u00fclstruktur, und suchte nach Gemeinsamkeiten. Welche Merkmale treten bei allen extrem stabilen Stoffen auf? Welche Elemente sind immer sehr eng miteinander verbunden?<\/p>\n<p>Wenn es dann an die Stoffentwicklung geht, holt sich K\u00fcmmerer die Strukturformel eines Wirkstoffs auf den Computerbildschirm. Der Teil des Molek\u00fcls, der therapeutisch wirkt, ist rot markiert und unantastbar. An anderen Stellen k\u00f6nnen die Wissenschaftler wie in einem virtuellen Modellbaukasten einzelne Atome austauschen oder schwer spaltbare Verbindungen entfernen. Einen ersten derart verbesserten Stoff gibt es schon: Gemeinsam mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum entwickelten die L\u00fcneburger eine Variante eines Krebsmedikaments, das jetzt wirksamer und gleichzeitig besser abbaubar ist.<\/p>\n<p>Bis derart nachhaltige Pharmazie zum fl\u00e4chendeckenden Standard geworden ist, sind Verbesserungen an den Filtersystemen notwendig. Sie sollen wenigsten verhindern, dass zu viele Arzneien in die Gew\u00e4sser gelangen. &#8220;Langfristig ist der vorsorgende Weg zwar sicher der richtige&#8221;, sagt Maximilian Hempel vom Referat Umweltchemie bei der Deutschen Bundesstiftung Umwelt. &#8220;Aber die End-of-pipe-Forschung greift fr\u00fcher.&#8221;<\/p>\n<h3>Leitungswasser ist das am besten kontrollierte Lebensmittel<\/h3>\n<p>Eine recht wirksame Methode ist zum Beispiel die Zugabe von Pulveraktivkohle. Die Kohlepartikel k\u00f6nnen bis zu 80 Prozent der Wirkstoffe abfangen. Sind sie ges\u00e4ttigt, ist jedoch eine aufw\u00e4ndige Reinigung n\u00f6tig. Vielversprechend k\u00f6nnte auch eine Behandlung mit molek\u00fcl-knackender UV-Strahlung oder auch die Ozonierung sein: Ozon reagiert mit den Medikamentenr\u00fcckst\u00e4nden, bis kaum noch Spuren nachweisbar sind. Allerdings entstehen dabei Oxidationsprodukte, die unter Umst\u00e4nden stabiler und gef\u00e4hrlicher sein k\u00f6nnen als die Medikamente selbst. Langfristige Daten zu diesem Problem fehlen noch.<\/p>\n<p>Das Wasser aus der Leitung schmeckt Klaus K\u00fcmmerer noch immer &#8211; trotz der Resultate seiner Arbeit. Denn zumindest in Deutschland gilt es als das am besten kontrollierte Lebensmittel. &#8220;F\u00fcr Menschen besteht keine akute Gefahr&#8221;, betont der Chemiker. Hierzulande m\u00fcsste ein Erwachsener etwa 2000 Liter Wasser am Tag trinken, um eine bedenkliche Wirkstoffmenge einzunehmen. Ihm gehe es um die Folgen f\u00fcr die Natur und um Vorsorge. Ob die dauerhafte Aufnahme sehr geringer Medikamentendosen dem Menschen schadet, wei\u00df man noch nicht. Bei Fischen allerdings wurden schon negative Auswirkungen nachgewiesen.<\/p>\n<p>Ginge es nach Klaus K\u00fcmmerer, ist in zwanzig Jahren mindestens die H\u00e4lfte aller Arzneimittel nachhaltig. &#8220;Mein Ziel ist, dass sich diese Idee durchgesetzt hat, wenn ich in den Ruhestand gehe und meine Professur nicht mehr ben\u00f6tigt wird.&#8221; Von Kennedys ber\u00fchmter Rede bis zur Mondlandung vergingen acht Jahre. Folgt K\u00fcmmerer auch nur ann\u00e4hernd seinem Vorbild, stehen die Chancen gut, dass ihm das auch gelingt.<\/p>\n<p>Dieser Artikel stammt aus &#8220;natur&#8221; 5\/2014, dem Magazin f\u00fcr Natur, Umwelt, nachhaltiges Leben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Wenn Kennedy nicht gesagt h\u00e4tte, wir wollen jetzt auf den Mond, dann w\u00e4ren wir nie dort gewesen&#8221;, sagt Klaus K\u00fcmmerer und l\u00e4chelt. 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Doch obwohl dieses Ziel viel n\u00e4her und auch sinnvoller [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":59,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_seopress_robots_primary_cat":"","nova_meta_subtitle":"","footnotes":""},"categories":[5572],"tags":[],"supplier":[7051,7050],"class_list":["post-20384","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bio-based","supplier-leuphana-luneburg","supplier-natur"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20384","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/59"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=20384"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20384\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=20384"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=20384"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=20384"},{"taxonomy":"supplier","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/supplier?post=20384"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}