{"id":183150,"date":"2026-11-03T07:26:00","date_gmt":"2026-11-03T06:26:00","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=183150"},"modified":"2026-10-28T15:03:38","modified_gmt":"2026-10-28T14:03:38","slug":"phytinsaure-ist-biobasiert-und-uberraschend-vielseitig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/phytinsaure-ist-biobasiert-und-uberraschend-vielseitig\/","title":{"rendered":"Phytins\u00e4ure ist biobasiert und \u00fcberraschend vielseitig"},"content":{"rendered":"\n\n\n<p>In der Pflanzenforschung und der Lebensmittelindustrie ist sie gut bekannt, doch industrielle Anwendungen gibt es bislang kaum: Die Rede ist von Phytins\u00e4ure, einem Molek\u00fcl, das viele Pflanzen produzieren, um Phosphor zu speichern, und das beim Menschen die Verdauung st\u00f6ren kann, weil es als sogenannter Komplexbildner Metalle unl\u00f6slich bindet und so deren Aufnahme \u00fcber die Verdauung behindert. Doch in dem Molek\u00fcl scheinen lange Zeit unerkannte Talente zu schlummern, wie das Forschungsprojekt NPBioPhos zutage gef\u00f6rdert hat.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/10\/Weizen-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-183165\" style=\"width:689px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/10\/Weizen-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/10\/Weizen-300x169.jpg 300w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/10\/Weizen-150x84.jpg 150w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/10\/Weizen-768x432.jpg 768w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/10\/Weizen-400x225.jpg 400w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/10\/Weizen.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Weizen diente im Projekt NPBioPhos als Rohstoff f\u00fcr Phytins\u00e4ure.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Eigentlich war das Projektteam auf der Suche nach einem phosphorhaltigen Molek\u00fcl, das sich als Flammschutzmittel verwenden lassen k\u00f6nnte und das aus nachwachsenden Rohstoffe gewonnen werden kann. \u201eWer nat\u00fcrliche D\u00e4mmstoffe wie Hanf und Flachs nutzt, m\u00f6chte ja auch nat\u00fcrliche und nachhaltige Flammschutzmittel nutzen\u201c, erl\u00e4utert Maik Orth vom Innovations- und Bildungszentrum Hohen Luckow e.V. (IBZ) die Ausgangsmotivation. Bislang kommen zu diesem Zweck meist Halogene zum Einsatz. Die wollte das Team aus IBZ, Institut f\u00fcr Getreideverarbeitung GmbH (IGV), Deutsches Textilforschungszentrum Nord-West gGmbH (DTNW) und Institut f\u00fcr Energie- und Umwelttechnik e.V. (IUTA) durch eine umweltfreundliche Alternative ersetzen. Die Wahl fiel auf Phytins\u00e4ure oder ihre Salzform Phytat, denn diese ist zwar seit 1942 als Flammschutzmittel bekannt, wegen ihrer Wasserl\u00f6slichkeit und ihres S\u00e4uregehalts aber nie f\u00fcr Textilien genutzt worden. Rund 800.000 Euro F\u00f6rdermittel stellt das Bundesforschungsministerium von Januar 2019 bis September 2022 zur Verf\u00fcgung, um unter anderem auch dieses Problem zu l\u00f6sen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wasser von Schwermetallen reinigen<\/h3>\n\n\n\n<p>Weil Phytins\u00e4ure ein Komplexbildner ist, hat sich das Team zudem eine zweite Anwendung n\u00e4her angeschaut: Als Komplexbildner k\u00f6nnte das Molek\u00fcl geeignet sein, um Schwermetalle aus Wasser herauszufiltern. Doch zun\u00e4chst musste gekl\u00e4rt werden, aus welchem Rohstoff sich Phytins\u00e4ure am besten gewinnen l\u00e4sst. Dazu z\u00e4hlen die Fragen, welche Extraktionsmethoden erforderlich sind, ob die Reststoffe sich weiter nutzen lassen und ob die Phytins\u00e4ure in einem Zustand gewonnen werden kann, in dem sie stabil und lagerf\u00e4hig ist.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201ePhytins\u00e4ure ist nur in bestimmten Pflanzenteilen drin\u201c, erkl\u00e4rt Orth. Deshalb hat das Team unterschiedliche vom IGV aufbereitete pflanzliche Materialien zur Extraktion im Laborma\u00dfstab herangezogen, darunter die Kleie von Gerste, Weizen und Roggen, aber auch Bohnenschalen. Am Ende \u00fcberzeugte Weizenkleie am meisten. \u201eWir haben dabei festgestellt, dass der Phytins\u00e4uregehalt des Weizens stark abh\u00e4ngig ist von Sorte und Anbaubedingungen\u201c, berichtet Orth. \u201eBioweizen hat einen viel h\u00f6heren Gehalt als konventionell angebauter.\u201c Einen Anteil an der Trockenmasse der Weizenkleie von bis zu 7 % konnten die Forschenden messen. Damit b\u00f6te sich eine einheimische Alternative zur bisher dominierenden Quelle f\u00fcr Phytins\u00e4ure. Bislang muss man sie am asiatischen Markt kaufen, wo sie aus Reiskleie gewonnen wird. Zwar unterscheidet die Statistik in Deutschland nicht zwischen Weizenkleie und sonstigen M\u00fchlenresten, doch zusammen kommen diese auf j\u00e4hrlich rund 1,6 Mio. Tonnen, hat Orths Kollege Luis Alberto Gonz\u00e1lez recherchiert \u2013 eine Menge Potenzial.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/biooekonomie.de\/application\/files\/1217\/8268\/7735\/Rohstoffe.jpg\" alt=\"Weizenschrotkleie, Ackerbohnenschalen und Haferkleie\" style=\"width:661px;height:auto\"\/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Weizenschrotkleie (links), Ackerbohnenschalen (Mitte) und Haferkleie (rechts) wurden als Rohstoffe erprobt. \u00a9 IGV<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Extraktionsprozess optimieren<\/h3>\n\n\n\n<p>Anschlie\u00dfend ging es an die Optimierung des Extraktionsprozesses. \u201eSt\u00e4rke und Eiwei\u00df sind im Produkt nicht gew\u00fcnscht, daher haben wir die Weizenkleie vorbereitet und gereinigt\u201c, erkl\u00e4rt Orth. Vor allem z\u00e4hlt zum Eiwei\u00df das Enzym Phytase, das den Phosphorgehalt der Phytins\u00e4ure reduziert. Durch die Vorbereitung sei das Ergebnis schon viel besser gewesen. Au\u00dferdem zeigte sich, dass gro\u00dfe Partikel aus der Aleuronschicht \u2013 einer Randschicht der Getreidek\u00f6rner \u2013 einen viel h\u00f6heren Phytins\u00e4uregehalt haben als kleine, die zudem reicher an St\u00e4rke und Eiwei\u00df sind. Nach Tests unterschiedlicher Methoden und Extraktionsl\u00f6sungen ist es dem Team gelungen, L\u00f6sungen mit mehr als 80 % Phytins\u00e4uregehalt zu produzieren \u2013 zun\u00e4chst im Laborma\u00dfstab mit 200 Gramm Ausgangsmaterial, sp\u00e4ter mit mehr als 10 Kilo Weizenkleie.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Problem, dass die Phytins\u00e4ure beim Waschen ausgesp\u00fclt wird, will das Projektteam l\u00f6sen, indem es durch stickstoffhaltige Verbindungen die Bindung der Phytins\u00e4ure st\u00e4rkt. Im Projekt wird dazu Polyvinylamid genutzt, doch denkbar w\u00e4re, dieses durch das biobasierte Chitosan zu ersetzen, verweist Gonz\u00e1lez auf ein k\u00fcnftiges Forschungsziel.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Flammschutztest verlief erfolgreich<\/h3>\n\n\n\n<p>Im DTNW schlie\u00dflich haben die Fachleute um Klaus Opwis die Phytins\u00e4urel\u00f6sung und das Polyvinylamid schichtweise aufgetragen. Der Prozess war erfolgreich: Auch nach mehreren W\u00e4schen war der Flammschutz vergleichbar mit etablierten Flammschutzmitteln. Doch der Prozess ist langwierig. \u201eDas schichtweise Auftragen ist ein Nachteil und dass eine hochreine L\u00f6sung Phytins\u00e4ure ben\u00f6tigt wird\u201c, erl\u00e4utert Gonz\u00e1lez. W\u00fcrde der Prozess k\u00fcnftig auch mit der Salzform der Phytins\u00e4ure funktionieren, \u201edann w\u00fcrde es einfacher und billiger\u201c \u2013 ein weiteres To-do auf der Liste der Projektteams.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ist sowieso bereits sehr lang, denn auf ihrem Weg haben die Beteiligten eine Reihe interessanter Entdeckungen gemacht. So lie\u00dfe sich ein Textil mit Polyvinylamid bereits in der Filters\u00e4ule bei der Extraktion der Phytins\u00e4ure als Filter einsetzen \u2013 und k\u00f6nnte dann eventuell bereits direkt impr\u00e4gniert sein. Dass das grunds\u00e4tzlich so geschieht, hat das Team bereits gezeigt, doch bislang war keine Zeit, diesen Ansatz weiterzuentwickeln.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Weitere Anwendungen werden erprobt<\/h3>\n\n\n\n<p>\u201eIm IUTA schlie\u00dflich haben Dr. Kube und Herr Gr\u00fcning auch gezeigt, dass die Aufreinigung von Wasser funktioniert hat\u201c, berichtet Gonz\u00e1lez. Dabei sei aufgefallen, dass Phytins\u00e4ure eine superhydrophile Oberfl\u00e4che erzeugt. \u201eDa haben wir sofort an m\u00f6gliche Anwendungen mit einer Selbstreinigungsfunktion oder als Antibeschlagmittel gedacht\u201c, sagt Gonz\u00e1lez. Au\u00dferdem soll die Anwendung als Flammschutz auf Holz ausgeweitet werden. Und nicht zuletzt lie\u00dfe sich Phytins\u00e4ure in Kosmetika als Antioxdationsmittel verwenden. \u201eDas ist ein richtiges Supermolek\u00fcl\u201c, freut sich Orth. Und ebenso freut ihn, dass das komplette Projektteam auch nach Projektende gemeinsam an den vielen neue Ideen und offenen Fragen weiterarbeiten will, falls eine entsprechende F\u00f6rderung m\u00f6glich sein wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Pflanzenforschung und der Lebensmittelindustrie ist sie gut bekannt, doch industrielle Anwendungen gibt es bislang kaum: Die Rede ist von Phytins\u00e4ure, einem Molek\u00fcl, das viele Pflanzen produzieren, um Phosphor zu speichern, und das beim Menschen die Verdauung st\u00f6ren kann, weil es als sogenannter Komplexbildner Metalle unl\u00f6slich bindet und so deren Aufnahme \u00fcber die Verdauung [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":59,"featured_media":183166,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_seopress_robots_primary_cat":"none","nova_meta_subtitle":"Eigentlich suchte ein Forschungsteam vor allem ein biobasiertes Flammschutzmittel \u2013 doch es fand weit mehr","footnotes":""},"categories":[5572],"tags":[13308,12477,10608,17978,13849,12644],"supplier":[26736,9348,28793,8822,28794],"class_list":["post-183150","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-bio-based","tag-biobasiert","tag-biochemikalien","tag-biooekonomie","tag-enzym","tag-flammschutz","tag-textilien","supplier-bundesministerium-fur-forschung-technologie-und-raumfahrt-bmftr","supplier-dtnw","supplier-innovations-und-bildungszentrum-hohen-luckow-e-v","supplier-institut-fur-energie-und-umwelttechnik-e-v-iuta","supplier-institut-fur-getreideverarbeitung-gmbh-igv"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/183150","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/59"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=183150"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/183150\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":183179,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/183150\/revisions\/183179"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media\/183166"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=183150"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=183150"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=183150"},{"taxonomy":"supplier","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/supplier?post=183150"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}