{"id":182450,"date":"2026-10-16T07:26:00","date_gmt":"2026-10-16T05:26:00","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=182450"},"modified":"2026-10-12T12:14:31","modified_gmt":"2026-10-12T10:14:31","slug":"chemie-nobelpreis-2026-wie-molekule-eine-seite-wahlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/chemie-nobelpreis-2026-wie-molekule-eine-seite-wahlen\/","title":{"rendered":"Chemie-Nobelpreis 2026: Wie Molek\u00fcle eine Seite w\u00e4hlen"},"content":{"rendered":"\n\n\n<p>Henri B. Kagan und Kenso Soai erhalten den Nobelpreis f\u00fcr Chemie 2026 f\u00fcr die Entdeckung nichtlinearer Effekte und der Autokatalyse in der asymmetrischen organischen Synthese. Ihre Forschung zeigt, wie aus einem kleinen Ungleichgewicht zwischen zwei spiegelbildlichen Molek\u00fclformen ein nahezu reines Produkt entstehen kann. Das hilft bei der Entwicklung chemischer Synthesen \u2013 und ber\u00fchrt eine grundlegende Frage nach der Chemie des Lebens.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"493\" src=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/10\/Screenshot_2026_10_08_081430_4194898-1024x493.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-182470\" srcset=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/10\/Screenshot_2026_10_08_081430_4194898-1024x493.webp 1024w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/10\/Screenshot_2026_10_08_081430_4194898-300x145.webp 300w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/10\/Screenshot_2026_10_08_081430_4194898-150x72.webp 150w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/10\/Screenshot_2026_10_08_081430_4194898-768x370.webp 768w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/10\/Screenshot_2026_10_08_081430_4194898-400x193.webp 400w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/10\/Screenshot_2026_10_08_081430_4194898.webp 1320w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Nobelpreis Chemie 2026: Illustration spiegelbildlicher Molek\u00fcle\u00a0\u00a9\u00a0Johan Jarnestad\/The Royal Swedish Academy of Sciences<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Lange bestand die Schwierigkeit darin, die passende Form gezielt herzustellen. Denn chemische Reaktionen k\u00f6nnen beide Spiegelbilder zu gleichen Anteilen liefern. Sie anschlie\u00dfend voneinander zu trennen, ist h\u00e4ufig aufwendig.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Schl\u00fcssel und sein Spiegelbild sehen einander zum Verwechseln \u00e4hnlich. Doch f\u00fcr ein bestimmtes Schloss kann dieser Unterschied entscheidend sein: Einer passt, der andere nicht. Vor einer vergleichbaren Aufgabe stehen Chemikerinnen und Chemiker, wenn sie pharmazeutische Wirkstoffe entwickeln. Viele dieser Molek\u00fcle k\u00f6nnen in zwei spiegelbildlichen Formen vorliegen. Im K\u00f6rper k\u00f6nnen sie unterschiedlich wirken: Eine Form entfaltet die gew\u00fcnschte therapeutische Wirkung, w\u00e4hrend die andere weniger wirksam ist oder unerw\u00fcnschte, mitunter sch\u00e4dliche Wirkungen hervorruft.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"756\" src=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/10\/Bildschirmfoto-2026-10-12-um-11.05.52-1-1024x756.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-182468\" style=\"width:488px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/10\/Bildschirmfoto-2026-10-12-um-11.05.52-1-1024x756.png 1024w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/10\/Bildschirmfoto-2026-10-12-um-11.05.52-1-300x221.png 300w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/10\/Bildschirmfoto-2026-10-12-um-11.05.52-1-150x111.png 150w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/10\/Bildschirmfoto-2026-10-12-um-11.05.52-1-768x567.png 768w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/10\/Bildschirmfoto-2026-10-12-um-11.05.52-1-1536x1134.png 1536w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/10\/Bildschirmfoto-2026-10-12-um-11.05.52-1-366x270.png 366w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/10\/Bildschirmfoto-2026-10-12-um-11.05.52-1.png 1994w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Nobelpreist\u00e4ger CHemie 2026: Der Franzose Henri B. Kagan und der Japaner Kenso Soai erhalten die Auszeichnung zu gleichen Teilen.\u00a0\u00a9\u00a0Ill. Niklas Elmehed \/ Nobel Prize Outreach<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.labo.de\/chemie\/bilder\/chemie-nobelpreis-2026--was-kagan-und-soai-fuer-die-wirkstoffsynthese-entdeckten-1.htm\"><\/a>Henri B. Kagan und Kenso Soai haben gezeigt, wie sich dieses Gleichgewicht verschieben und ein zun\u00e4chst winziger Unterschied verst\u00e4rken l\u00e4sst. Daf\u00fcr zeichnet die K\u00f6niglich-Schwedische Akademie der Wissenschaften die beiden Forscher mit dem Nobelpreis f\u00fcr Chemie 2026 aus: \u201ef\u00fcr die Entdeckung nichtlinearer Effekte und der Autokatalyse in der asymmetrischen organischen Synthese\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre Arbeiten reichen \u00fcber die Herstellung von Wirkstoffen hinaus. Sie zeigen einen chemischen Weg auf, auf dem Homochiralit\u00e4t entstehen kann \u2013 jene einheitliche H\u00e4ndigkeit, die wesentliche Bausteine des Lebens kennzeichnet.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Warum das Leben auf eine Molek\u00fclform setzt<\/h3>\n\n\n\n<p>Die linke und die rechte Hand sind spiegelbildlich aufgebaut. Trotzdem lassen sie sich nicht zur Deckung bringen. Bei Molek\u00fclen hei\u00dft diese Eigenschaft Chiralit\u00e4t. Zwei Formen, die sich auf diese Weise wie Bild und Spiegelbild zueinander verhalten, werden Enantiomere genannt.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Chemie des Lebens ist diese r\u00e4umliche Anordnung von grundlegender Bedeutung. Die chiralen Aminos\u00e4uren, aus denen unsere Zellen Proteine aufbauen, geh\u00f6ren zur L-Reihe. Auch bei den Zuckerbausteinen der DNA verwendet das Leben eine bestimmte r\u00e4umliche Form.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"752\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/10\/Bildschirmfoto-2026-10-12-um-11.06.29-752x1024.png\" alt=\"Chiralit\u00e4t: Wie die linke und die rechte Hand sind manche Molek\u00fcle spiegelbildlich aufgebaut, lassen sich aber nicht zur Deckung bringen. 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Diese beiden Formen hei\u00dfen Enantiomere.\u00a0\u00a9\u00a0Johan Jarnestad \/ The Royal Swedish Academy of Sciences<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>F\u00fcr diese Einheitlichkeit steht der Begriff Homochiralit\u00e4t, abgeleitet von den griechischen W\u00f6rtern f\u00fcr \u201egleich\u201c und \u201eHand\u201c. Allerdings ist nicht jede Aminos\u00e4ure chiral: Glycin beispielsweise besitzt keine zwei unterschiedlichen Spiegelbildformen. Auch kommen D-Aminos\u00e4uren in der Natur vor. Die Homochiralit\u00e4t beschreibt hier die einheitliche Konfiguration der chiralen Aminos\u00e4urebausteine bei der \u00fcblichen zellul\u00e4ren Proteinsynthese.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie diese Auswahl urspr\u00fcnglich zustande kam, besch\u00e4ftigt die Forschung seit Langem. Warum verwendet das Leben bestimmte Spiegelbilder, w\u00e4hrend Reaktionen ohne einen entsprechenden asymmetrischen Einfluss h\u00e4ufig beide Formen zu gleichen Anteilen hervorbringen?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHenri Kagan und Kenso Soai haben eine L\u00f6sung f\u00fcr ein chemisches R\u00e4tsel geliefert, das mehr als ein Jahrhundert alt ist: wie Homochiralit\u00e4t spontan entstehen kann. Die chemischen Reaktionen, die sie entwickelt haben, sind spektakul\u00e4r\u201c, sagt Heiner Linke, Vorsitzender des Nobelkomitees f\u00fcr Chemie.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Pasteur sortiert Kristalle und entdeckt einen Unterschied<\/h3>\n\n\n\n<p>Die Geschichte hinter dem diesj\u00e4hrigen Chemie-Nobelpreis beginnt Mitte des 19. Jahrhunderts mit Louis Pasteur und einer Substanz, die f\u00fcr die Weinherstellung von Bedeutung ist: Weins\u00e4ure.<\/p>\n\n\n\n<p>Pasteur interessierte sich f\u00fcr eine Beobachtung seiner Kollegen. Manche Proben drehten die Schwingungsebene von polarisiertem Licht nach rechts, andere zeigten keine solche Wirkung. Er untersuchte Kristalle von Weins\u00e4uresalzen unter dem Mikroskop und erkannte zwei spiegelbildliche Formen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einer Pinzette sortierte er die Kristalle und l\u00f6ste sie getrennt voneinander auf. Eine L\u00f6sung drehte die Schwingungsebene des Lichts nach rechts, die andere nach links. Mischte er beide in gleichen Anteilen, hoben sich ihre Wirkungen auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit erhielten Chemiker einen entscheidenden Hinweis: Stoffe k\u00f6nnen in zwei spiegelbildlichen Varianten vorkommen, die sich in ihrer Wirkung auf polarisiertes Licht unterscheiden.<\/p>\n\n\n\n<p>1857 machte Pasteur eine weitere Beobachtung. Bakterien setzten bevorzugt jene Weins\u00e4ureform um, die in Trauben vorkommt und polarisiertes Licht nach rechts dreht. Die spiegelbildliche Form blieb dagegen unangetastet. Offenbar konnte die Chemie des Lebens zwischen beiden unterscheiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter zeigte sich, dass auch zentrale biologische Bausteine eine einheitliche r\u00e4umliche Konfiguration besitzen. Dabei sind zwei Eigenschaften auseinanderzuhalten: Die Bezeichnungen L und D beschreiben die r\u00e4umliche Konfiguration eines Molek\u00fcls. Sie geben nicht unmittelbar an, ob es polarisiertes Licht nach links oder rechts dreht.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die erste Verschiebung des Gleichgewichts<\/h3>\n\n\n\n<p>Manche Chemiker hielten eine solche einseitige Auswahl zun\u00e4chst f\u00fcr eine Besonderheit des Lebens. Anfang des 20. Jahrhunderts gelang Willy Marckwald jedoch eine asymmetrische Synthese: Mithilfe eines chiralen Hilfsstoffs entstand mehr von einem Enantiomer als vom anderen. Der Unterschied war klein. Doch schon seine Existenz zeigte, dass sich die Bildung der beiden Spiegelbilder chemisch beeinflussen lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter wurde die asymmetrische Katalyse zu einem wichtigen Forschungsgebiet. Ein Katalysator beschleunigt eine chemische Reaktion, ohne dabei insgesamt verbraucht zu werden. Ist er selbst chiral, kann er die Bildung einer bestimmten spiegelbildlichen Produktform beg\u00fcnstigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Entwicklung solcher Verfahren wurde bereits mit den Chemie-Nobelpreisen 2001 und 2021 gew\u00fcrdigt. Der Preis von 2026 richtet den Blick auf zwei weitere M\u00f6glichkeiten: die Verst\u00e4rkung eines vorhandenen Ungleichgewichts und die F\u00e4higkeit eines Reaktionsprodukts, seine eigene Bildung zu f\u00f6rdern.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Charles Frank formuliert drei Bedingungen<\/h3>\n\n\n\n<p>1953 brachte der theoretische Physiker Charles Frank von der University of Bristol eine mathematische Perspektive in die Diskussion ein. Ein Kollege hatte ihn darauf aufmerksam gemacht, dass die Chemie noch nicht erkl\u00e4ren konnte, wie die Asymmetrie des Lebens entstanden war. Frank entwickelte daraufhin ein Modell f\u00fcr eine Reaktion, die zu Homochiralit\u00e4t f\u00fchren k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Daf\u00fcr mussten drei Bedingungen zusammenkommen:<\/h3>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Ein chiraler Katalysator beg\u00fcnstigt in einer asymmetrischen Reaktion die Bildung eines Enantiomers.<\/li>\n\n\n\n<li>Die Bildung der einen Spiegelbildform wird verst\u00e4rkt, die der anderen zur\u00fcckgedr\u00e4ngt.<\/li>\n\n\n\n<li>Die Reaktion erzeugt den Katalysator selbst. Diese Autokatalyse sorgt daf\u00fcr, dass das Produkt seine weitere Entstehung f\u00f6rdert.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Ein kleiner anf\u00e4nglicher \u00dcberschuss k\u00f6nnte sich unter diesen Bedingungen selbst verst\u00e4rken. Je mehr von einem Enantiomer vorhanden ist, desto st\u00e4rker f\u00f6rdert es seine eigene Bildung.<\/p>\n\n\n\n<p>Franks Modell lieferte eine theoretische Erkl\u00e4rung. F\u00fcr die experimentelle Chemie blieb die Aufgabe, eine passende Reaktion zu finden. \u00dcber Jahrzehnte wurde daraus auch ein Gedankenspiel f\u00fcr die Lehre: Wie lie\u00dfen sich diese Bedingungen im Labor verwirklichen?<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Henri Kagan hinterfragt eine scheinbar einfache Regel<\/h3>\n\n\n\n<p>Henri Kagan arbeitete Anfang der 1980er-Jahre an der Universit\u00e9 Paris-Sud daran, asymmetrische Reaktionen zu verbessern. Das Ziel war, m\u00f6glichst reine Enantiomere herzustellen \u2013 etwa f\u00fcr die Arzneimittelproduktion.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie bedeutsam die r\u00e4umliche Struktur eines Wirkstoffs sein kann, hatte die Thalidomidkatastrophe gezeigt. Das als Beruhigungsmittel eingesetzte Thalidomid verursachte bei Tausenden Kindern schwere Fehlbildungen. Der Fall l\u00e4sst sich allerdings nicht auf eine einfache Trennung zwischen einem unsch\u00e4dlichen und einem sch\u00e4dlichen Spiegelbild reduzieren: Die beiden Enantiomere k\u00f6nnen sich im K\u00f6rper ineinander umwandeln. Die Verwendung nur einer Form h\u00e4tte diese Gefahr daher nicht ohne Weiteres beseitigt.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr asymmetrische Reaktionen verwendeten Forschende h\u00e4ufig Katalysatoren aus zwei Komponenten: einem Metallzentrum und einer chiralen Verbindung, die an dieses Zentrum bindet. Solche gebundenen Molek\u00fcle hei\u00dfen Liganden. Vereinfacht gesagt erm\u00f6glicht das Metall die Reaktion, w\u00e4hrend die r\u00e4umliche Anordnung der Liganden beeinflusst, welches Enantiomer bevorzugt entsteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Weil das Produkt m\u00f6glichst rein sein sollte, setzte man gew\u00f6hnlich auch m\u00f6glichst reine chirale Liganden ein. Die Annahme dahinter schien naheliegend: Enthielt der Katalysator beide Spiegelbildformen in einem bestimmten Verh\u00e4ltnis, m\u00fcsste sich dieses Verh\u00e4ltnis entsprechend in der Zusammensetzung des Produkts widerspiegeln. Man erwartete einen linearen Zusammenhang.<\/p>\n\n\n\n<p>Kagan fragte sich, ob diese Regel tats\u00e4chlich gelten musste.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wenn gemischte Katalysatoren langsamer arbeiten<\/h3>\n\n\n\n<p>Metallzentren k\u00f6nnen mehrere Liganden gleichzeitig binden. Kagan \u00fcberlegte deshalb, was geschieht, wenn zwei chirale Liganden beteiligt sind und beide Spiegelbildformen vorliegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vereinfacht ergeben sich drei Kombinationen: zweimal die eine Form, zweimal die andere \u2013 oder eine gemischte Kombination aus beiden. Die beiden gleichartigen Kombinationen sollten jeweils die Bildung entgegengesetzter Produktformen beg\u00fcnstigen. Doch wie verhielt sich die gemischte Kombination?<\/p>\n\n\n\n<p>Kagans Versuche zeigten, dass sich die Zusammensetzung des Produkts nicht immer linear aus der Zusammensetzung der eingesetzten chiralen Liganden ableiten lie\u00df. In dem beschriebenen Modell arbeitete die gemischte Katalysatorform deutlich langsamer als die beiden gleichartigen Formen. Dadurch konnte der \u00dcberschuss eines Enantiomers im Produkt gr\u00f6\u00dfer ausfallen als der \u00dcberschuss im eingesetzten Liganden. Ein zun\u00e4chst m\u00e4\u00dfiges Ungleichgewicht wurde verst\u00e4rkt.<\/p>\n\n\n\n<p>1986 beschrieb Kagan drei asymmetrische Reaktionen mit solchen nichtlinearen Effekten. Trug er den Zusammenhang zwischen den Enantiomeren\u00fcbersch\u00fcssen grafisch auf, entstand keine Gerade, sondern eine gekr\u00fcmmte Kurve. F\u00fcr die asymmetrische Synthese er\u00f6ffnete das eine neue M\u00f6glichkeit: Unter geeigneten Bedingungen konnte ein Produkt eine h\u00f6here Enantiomerenreinheit erreichen, als die Zusammensetzung des chiralen Katalysators zun\u00e4chst erwarten lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Kenso Soai l\u00e4sst das Produkt seine eigene Bildung f\u00f6rdern<\/h3>\n\n\n\n<p>Auch Kenso Soai an der Tokyo University of Science untersuchte eine asymmetrische Reaktion mit einem ausgepr\u00e4gten nichtlinearen Effekt. Dabei fiel ihm auf, dass sich die Strukturen des Katalysators und des entstehenden Produkts stark \u00e4hnelten.<\/p>\n\n\n\n<p>Daraus entwickelte er eine Idee: K\u00f6nnte das Reaktionsprodukt selbst zum Katalysator werden und dadurch seine eigene Bildung f\u00f6rdern?<\/p>\n\n\n\n<p>Anfang der 1990er-Jahre waren bereits autokatalytische Reaktionen bekannt. Eine geeignete Verbindung von Autokatalyse und asymmetrischer Synthese fehlte jedoch noch.<\/p>\n\n\n\n<p>Soai erprobte zahlreiche Molek\u00fcle. Schlie\u00dflich fand er ein chirales Pyrimidylalkanol, dessen Bildung sich durch das Produkt selbst katalysieren lie\u00df. In seiner Ver\u00f6ffentlichung von 1995 beschrieb er einen Versuch, bei dem ein anf\u00e4nglicher Enantiomeren\u00fcberschuss von zwei Prozent auf 87 Prozent anwuchs.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Enantiomeren\u00fcberschuss, h\u00e4ufig als ee abgek\u00fcrzt, bezeichnet den Unterschied zwischen den Anteilen beider Enantiomere. Zwei Prozent ee entsprechen beispielsweise einem Verh\u00e4ltnis von 51 zu 49. Ein ee von 87 Prozent entspricht einem Verh\u00e4ltnis von 93,5 zu 6,5.<\/p>\n\n\n\n<p>Soais Reaktion verst\u00e4rkte also ein kleines anf\u00e4ngliches Ungleichgewicht erheblich. Damit verband sie die entscheidenden Elemente von Franks Modell. Eine vollst\u00e4ndige Auswahl nur einer Spiegelbildform war aber noch nicht erreicht.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ein winziger Zufall gen\u00fcgt<\/h3>\n\n\n\n<p>Weitere acht Jahre arbeitete Soai an dem Verfahren. 2003 stellte er schlie\u00dflich eine Reaktion vor, bei der aus achiralen Ausgangsstoffen ein nahezu enantiomerenreines Produkt entstehen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Beginn bildeten sich beide Spiegelbildformen. Zuf\u00e4llige Schwankungen konnten jedoch dazu f\u00fchren, dass eine davon geringf\u00fcgig h\u00e4ufiger entstand. Dieser winzige Vorsprung gen\u00fcgte: Das bevorzugte Enantiomer f\u00f6rderte seine eigene weitere Bildung und verst\u00e4rkte damit seinen Anteil immer st\u00e4rker.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende konnte eine Form bis zu 99,99 Prozent des Produkts ausmachen. Aus einem kaum merklichen Unterschied war eine nahezu vollst\u00e4ndige Auswahl geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei war nicht von vornherein festgelegt, welches Spiegelbild sich durchsetzen w\u00fcrde. Bei einer Wiederholung konnte die andere Form \u00fcberwiegen. Entscheidend war, welche Variante am Anfang zuf\u00e4llig einen kleinen Vorsprung erhielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Soai-Reaktion zeigte damit experimentell, wie ein sich selbst verst\u00e4rkender chemischer Prozess aus einer zun\u00e4chst nahezu ausgeglichenen Situation eine weitgehend einheitliche H\u00e4ndigkeit erzeugen kann.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ein Modell f\u00fcr Homochiralit\u00e4t, aber kein Nachweis des Lebensursprungs<\/h3>\n\n\n\n<p>Die Soai-Reaktion ist ein k\u00fcnstliches Laborsystem. Ihre Ausgangsstoffe und Bedingungen unterscheiden sich von der Chemie lebender Organismen. Sie beweist deshalb nicht, dass die Homochiralit\u00e4t des Lebens auf genau diesem Weg entstanden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie zeigt aber, dass eine solche Auswahl durch chemische Prozesse m\u00f6glich ist. Das gab der Forschung zum Ursprung des Lebens neue Impulse. Weltweit versuchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, vergleichbare Verst\u00e4rkungsprozesse f\u00fcr biologisch relevante Molek\u00fcle zu entwickeln \u2013 insbesondere f\u00fcr Aminos\u00e4uren und Zucker.<\/p>\n\n\n\n<p>Die offene Frage lautet damit pr\u00e4ziser: Welche Reaktionen k\u00f6nnten unter den Bedingungen der fr\u00fchen Erde eine vergleichbare Auswahl bewirkt haben?<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Was die Entdeckungen f\u00fcr die Synthesechemie bedeuten<\/h3>\n\n\n\n<p>Kagans nichtlineare Effekte sind heute auch ein Werkzeug, um chemische Reaktionen besser zu verstehen. Wenn die Enantiomerenzusammensetzung des Produkts nicht linear von der Zusammensetzung des Katalysators abh\u00e4ngt, kann dies Hinweise auf die beteiligten Katalysatorformen und den Reaktionsmechanismus liefern.<\/p>\n\n\n\n<p>Solche Erkenntnisse helfen, Synthesen zu optimieren und Produkte mit m\u00f6glichst hoher Enantiomerenreinheit herzustellen. Das ist f\u00fcr pharmazeutische Wirkstoffe ebenso bedeutsam wie f\u00fcr Aroma- und Duftstoffe sowie Pflanzenschutzmittel. Auch bei der Entwicklung bestimmter neuer Materialien spielt die r\u00e4umliche Molek\u00fclstruktur eine Rolle.<\/p>\n\n\n\n<p>Kagan und Soai haben damit grundlegende Werkzeuge f\u00fcr die t\u00e4gliche Arbeit in der Chemie geschaffen. Zugleich haben sie einen experimentellen Zugang zu einer Frage er\u00f6ffnet, die lange vor allem theoretisch beantwortet werden konnte: Wie kann eine chemische Reaktion aus zwei m\u00f6glichen Spiegelbildern nahezu ausschlie\u00dflich eines hervorbringen?<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Preistr\u00e4ger<\/h3>\n\n\n\n<div style=\"height:17px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>Henri B. Kagan wurde 1930 in Boulogne-Billancourt in Frankreich geboren. Er promovierte 1960 am Coll\u00e8ge de France und ist emeritierter Professor der damaligen Universit\u00e9 Paris-Sud.<\/p>\n\n\n\n<p>Kenso Soai wurde 1950 in Hiroshima in Japan geboren. Er promovierte 1979 an der University of Tokyo und ist emeritierter Professor der Tokyo University of Science.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Nobelpreis f\u00fcr Chemie 2026 ist mit zw\u00f6lf Millionen schwedischen Kronen dotiert. Das Preisgeld wird zu gleichen Teilen zwischen den beiden Forschern aufgeteilt. Pro Preistr\u00e4ger sind es umgerechnet etwa&nbsp; 535 000 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Henri B. Kagan und Kenso Soai erhalten den Nobelpreis f\u00fcr Chemie 2026 f\u00fcr die Entdeckung nichtlinearer Effekte und der Autokatalyse in der asymmetrischen organischen Synthese. Ihre Forschung zeigt, wie aus einem kleinen Ungleichgewicht zwischen zwei spiegelbildlichen Molek\u00fclformen ein nahezu reines Produkt entstehen kann. 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