{"id":179328,"date":"2026-08-03T07:39:00","date_gmt":"2026-08-03T05:39:00","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=179328"},"modified":"2026-08-03T13:30:26","modified_gmt":"2026-08-03T11:30:26","slug":"resilienz-oder-nostalgie-europas-chemie-vor-der-entscheidenden-wahl","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/resilienz-oder-nostalgie-europas-chemie-vor-der-entscheidenden-wahl\/","title":{"rendered":"Resilienz oder Nostalgie: Europas Chemie vor der entscheidenden Wahl"},"content":{"rendered":"\n\n\n<p><strong>Die europ\u00e4ische Chemie steckt nicht in einer normalen Krise. Sie steckt in einer Doppelkrise. Die eine ist geopolitisch: Energieabh\u00e4ngigkeiten, fragile Lieferketten, wachsender Importdruck und die neue H\u00e4rte der Weltpolitik treffen eine systemrelevante Industrie. Die andere ist klimatisch: Die Grenzen des fossilen Modells werden sichtbar, in Emissionspfaden, Extremwetter, Versicherungsrisiken und Investitionsentscheidungen. Beide Krisen werden oft getrennt diskutiert. Genau das ist der Fehler. Ihre gemeinsame Antwort ist dieselbe: eine entschlossene Transformation der industriellen Rohstoff- und Energiebasis.<\/strong><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/08\/csm_Branche_Elektrolyse-Pilotanlage_Evonik_Industries_AG_fc83389046-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-179363\" style=\"width:665px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/08\/csm_Branche_Elektrolyse-Pilotanlage_Evonik_Industries_AG_fc83389046-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/08\/csm_Branche_Elektrolyse-Pilotanlage_Evonik_Industries_AG_fc83389046-300x225.jpg 300w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/08\/csm_Branche_Elektrolyse-Pilotanlage_Evonik_Industries_AG_fc83389046-150x113.jpg 150w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/08\/csm_Branche_Elektrolyse-Pilotanlage_Evonik_Industries_AG_fc83389046-768x576.jpg 768w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/08\/csm_Branche_Elektrolyse-Pilotanlage_Evonik_Industries_AG_fc83389046-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/08\/csm_Branche_Elektrolyse-Pilotanlage_Evonik_Industries_AG_fc83389046-2048x1536.jpg 2048w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/08\/csm_Branche_Elektrolyse-Pilotanlage_Evonik_Industries_AG_fc83389046-360x270.jpg 360w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Mit alternativen Produktionsverfahren wie beispielsweise in der Elektrolyse-Pilotanlage bei Evonik in Hanau kann die Elektrochemie Stoffkreisl\u00e4ufe in der Chemieproduktion schlie\u00dfen. \u00a9 Evonik Industries AG<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Die Chemie ist die Industrie der Industrien. Ohne Chemie keine Batterien, keine Halbleiter, keine Pharmazeutika, keine D\u00e4mmstoffe, keine moderne Landwirtschaft, keine Kreislaufwirtschaft. Wenn Europas Chemie an St\u00e4rke verliert, verliert Europa industrielle Handlungsf\u00e4higkeit. Wenn sie sich neu aufstellt, wird sie zum Hebel strategischer Autonomie.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Jahrzehnte folgte Industrie einer tayloristischen Logik: standardisieren, messen, Puffer abbauen und Effizienz maximieren. Das war erfolgreich, solange Energie billig, Lieferketten stabil und Weltpolitik berechenbar erschienen. Diese Zeit ist vorbei. COVID, der blockierte Suezkanal, der russische Angriff auf die Ukraine, Energiepreisschocks und Extremwetter haben gezeigt: Ein System kann so effizient werden, dass es nur noch bei gutem Wetter funktioniert.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Leitbegriff der n\u00e4chsten Jahre hei\u00dft deshalb Resilienz. Resilienz bedeutet nicht Abschottung. Sie bedeutet die F\u00e4higkeit, St\u00f6rungen aufzunehmen, sich anzupassen und daraus st\u00e4rker hervorzugehen. F\u00fcr die Industrie hei\u00dft das: diversifizierte Rohstoffquellen, robuste Lieferketten, erneuerbare Energie, technologische Offenheit und Menschen, die Ver\u00e4nderung nicht verwalten, sondern gestalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Genau hier geh\u00f6rt die Kreislaufwirtschaft ins Zentrum. Sie ist keine bessere Abfallwirtschaft. Sie ist Sicherheitsstrategie. Molek\u00fcle, Polymere und Metalle, die im europ\u00e4ischen Kreislauf bleiben, sind weniger Importabh\u00e4ngigkeit, weniger Preisrisiko und mehr regionale Wertsch\u00f6pfung. Derzeit stammen in der EU erst rund zw\u00f6lf Prozent der eingesetzten Materialien aus Recycling. Das ist kein Beleg gegen Kreislaufwirtschaft, sondern ein Hinweis auf ungenutztes industrielles Potenzial.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Chemie gilt der entscheidende Satz: Chemie kann nicht dekarbonisiert werden, sie muss defossilisiert werden. Kohlenstoff bleibt Grundlage gro\u00dfer Teile unserer Produktwelt. Entscheidend ist, ob er weiterhin \u00fcberwiegend aus fossilen Quellen kommt oder aus Recycling, nachhaltiger Biomasse und CO<sub>2<\/sub>-Nutzung. Mechanisches und chemisches Recycling, biogene Rohstoffe, CCU, Methanol als Plattformmolek\u00fcl, Massenbilanzmodelle und digitale Materialp\u00e4sse sind keine Randthemen. Sie sind Bausteine einer resilienten Rohstoffbasis.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade f\u00fcr Europa ist das n\u00fcchterne Industriepolitik. Im fossilen Kostenwettbewerb ist Europa strukturell benachteiligt. Cefic beziffert Europas Anteil am globalen Chemikalienmarkt nur noch auf 13 Prozent, China liegt bei 46 Prozent; europ\u00e4ische Gaspreise sind weiterhin etwa dreimal so hoch wie in den USA. Die falsche Schlussfolgerung w\u00e4re, das alte fossile Modell dauerhaft k\u00fcnstlich zu verbilligen. Das w\u00e4re Nostalgie mit \u00f6ffentlichem Geld.<\/p>\n\n\n\n<p>Die richtige Schlussfolgerung lautet: Europa muss dort f\u00fchren, wo die n\u00e4chste industrielle Kostenkurve entsteht. Wir haben keine ausreichenden fossilen Quellen. Aber wir haben starke Abfallwirtschaft, anspruchsvolle Regulierung, erweiterte Herstellerverantwortung, hochentwickelte Landwirtschaft, Biotechnologie, Verfahrenstechnik und einen wachsenden Markt f\u00fcr erneuerbare Energien. Warum dort verteidigen, wo wir strukturell schwach sind, statt dort zu investieren, wo wir strukturell stark werden k\u00f6nnen?<\/p>\n\n\n\n<p>Das Geld f\u00fcr diese Transformation ist vorhanden. Die Internationale Energieagentur erwartet f\u00fcr 2025 weltweit rund 2,2 Billionen US-Dollar Investitionen in saubere Energietechnologien, Netze, Speicher, Effizienz und Elektrifizierung, etwa doppelt so viel wie in fossile Energien. Die EU setzt mit Clean Industrial Deal, Chemicals Action Plan und European Competitiveness Fund den richtigen Rahmen; Deutschland hat ein Sonderverm\u00f6gen f\u00fcr Infrastruktur und Klimaneutralit\u00e4t beschlossen. Entscheidend ist nun, ob dieses Kapital neue industrielle F\u00e4higkeiten schafft oder alte Abh\u00e4ngigkeiten verl\u00e4ngert. Der politische Rahmen wird zunehmend geschaffen. Jetzt kommt es darauf an, dass Unternehmen das neue Zielbild annehmen, die Transformation entschlossen vorantreiben und den Wandel tats\u00e4chlich als wirtschaftliche Chance begreifen. Denn nicht die Erneuerung ist das Risiko, sondern ihr Aufschieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine \u00dcberschlagsrechnung aus dem nova-Kontext macht die Gr\u00f6\u00dfenordnung sichtbar: Die aktuelle geopolitische Krise kann f\u00fcr die EU 2026 zus\u00e4tzliche Kosten von mehr als 145 Milliarden Euro verursachen. Bei Investitionskosten von etwa 1,5 Milliarden Euro f\u00fcr mehr als 300.000 Tonnen Bio-Methanol-to-Olefins-Kapazit\u00e4t entspr\u00e4che diese Summe theoretisch rund 30 Millionen Tonnen pro Jahr. Das w\u00e4re in der Gr\u00f6\u00dfenordnung von drei Vierteln der heutigen fossilen Polymerproduktion. Nat\u00fcrlich ist das keine Investitionsplanung und die Rechnung zu stark vereinfacht. Aber es zeigt, wie absurd es w\u00e4re, Krisenkosten dauerhaft zu bezahlen, statt Transformationskapital aufzubauen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Unternehmen bedeutet das: Resilienz geh\u00f6rt in die Investitionsrechnung, nicht in den Nachhaltigkeitsbericht. F\u00fcr Besch\u00e4ftigte bedeutet es: Die Chemie hat Zukunft, aber sie wird eine andere Chemie sein. Sie braucht Prozesswissen, Sicherheitskultur, Digitalisierung, Datenkompetenz, Kreislaufverst\u00e4ndnis und den Mut, neue Technologien industriell reif zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Europa steht vor einer klaren Wahl. Wir k\u00f6nnen Geld in die Verl\u00e4ngerung eines fossilen Gesch\u00e4ftsmodells stecken, in dem andere die Rohstoffe besitzen und wir die Kosten tragen. Wer ausschlie\u00dflich auf Entlastungen f\u00fcr bestehende Strukturen setzt, gewinnt vielleicht Zeit, aber keine Zukunft. Oder wir investieren entschlossen in eine Chemie, die Europas zuk\u00fcnftige Wettbewerbsf\u00e4higkeit auf erneuerbare Energie, alternative Kohlenstoffquellen und Kreislaufwirtschaft gr\u00fcndet und zu neuer industrieller St\u00e4rke verbindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Alternative zur Transformation ist nicht Stabilit\u00e4t. Sie ist der schleichende Verlust von Wertsch\u00f6pfung. Resilienz entsteht nicht durch Festhalten. Sie entsteht durch rechtzeitiges, mutiges Umbauen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/07\/csm_Branche_Lars_Boerger_nova-Institut_5fd62cae2b-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-179358\" style=\"width:164px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/07\/csm_Branche_Lars_Boerger_nova-Institut_5fd62cae2b-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/07\/csm_Branche_Lars_Boerger_nova-Institut_5fd62cae2b-300x225.jpg 300w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/07\/csm_Branche_Lars_Boerger_nova-Institut_5fd62cae2b-150x112.jpg 150w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/07\/csm_Branche_Lars_Boerger_nova-Institut_5fd62cae2b-768x576.jpg 768w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/07\/csm_Branche_Lars_Boerger_nova-Institut_5fd62cae2b-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/07\/csm_Branche_Lars_Boerger_nova-Institut_5fd62cae2b-2048x1536.jpg 2048w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/07\/csm_Branche_Lars_Boerger_nova-Institut_5fd62cae2b-360x270.jpg 360w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Lars B\u00f6rger, nova-Institut \u00a9 nova-Institut<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">\u00dcber den Autor<\/h3>\n\n\n\n<p>Lars B\u00f6rger ist Chief Executive Officer des nova-Instituts. Das nova-Institut f\u00fcr politische und \u00f6kologische Innovation ist ein international anerkannter Think Tank mit Schwerpunkt auf Defossilisierung und erneuerbaren Kohlenstoffquellen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:12px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die europ\u00e4ische Chemie steckt nicht in einer normalen Krise. Sie steckt in einer Doppelkrise. Die eine ist geopolitisch: Energieabh\u00e4ngigkeiten, fragile Lieferketten, wachsender Importdruck und die neue H\u00e4rte der Weltpolitik treffen eine systemrelevante Industrie. Die andere ist klimatisch: Die Grenzen des fossilen Modells werden sichtbar, in Emissionspfaden, Extremwetter, Versicherungsrisiken und Investitionsentscheidungen. 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