{"id":172203,"date":"2026-01-14T07:26:00","date_gmt":"2026-01-14T06:26:00","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=172203"},"modified":"2026-01-08T13:53:16","modified_gmt":"2026-01-08T12:53:16","slug":"overshoot-ruckkehr-zu-15c-erfordert-netto-negative-emissionsziele","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/overshoot-ruckkehr-zu-15c-erfordert-netto-negative-emissionsziele\/","title":{"rendered":"Overshoot: R\u00fcckkehr zu 1,5\u00b0C erfordert netto-negative Emissionsziele\u00a0"},"content":{"rendered":"\n\n\n<p><strong>Die globale Erw\u00e4rmung wird voraussichtlich bis Anfang der 2030er Jahre \u00fcber 1,5\u00b0C steigen. Eine R\u00fcckkehr zu 1,5\u00b0C vor Ende des 21. Jahrhunderts w\u00fcrde zwar nicht alle Sch\u00e4den verhindern, die in einer Phase \u00fcberh\u00f6hter Temperaturen entstehen. Doch verglichen mit einer dauerhaften Erw\u00e4rmung \u00fcber 1,5\u00b0C w\u00fcrde sie die Risiken ver\u00adringern. Um Ausma\u00df und Dauer des \u00bbOvershoot\u00ab, also der Phase oberhalb der 1,5\u00b0C-Linie, sowie die damit einhergehenden Klimarisiken zu begrenzen, sind verst\u00e4rkte Klimaschutzma\u00dfnahmen dringend erforderlich. Ziel muss es dabei sein, die maxi\u00admale\u00a0globale Erw\u00e4rmung deutlich unter 2\u00b0C zu halten. F\u00fcr das anschlie\u00dfende Wie\u00adderabsenken der globalen Durchschnittstemperatur sind global anhaltende netto-negative Emissionen von Kohlendioxid (CO<sub>2<\/sub>) notwendig, m\u00f6glicherweise sogar netto-negative Emissionen aller Treibhausgase (THG). Dies stellt die internationale Klima\u00adpolitik in ihrem Bem\u00fchen, \u00bb1,5\u00b0C in Reichweite zu\u00a0halten\u00ab, vor neue Herausforde\u00adrungen. F\u00fcr klimapolitische Vorreiter wie die Europ\u00e4ische Union (EU) bedeutet dies, dass \u00bbNetto-Null\u00ab nicht mehr als Endpunkt, sondern nur als \u00dcbergangspunkt auf dem Weg zu netto-negati\u00adven THG-Emissionen betrachtet werden muss, begleitet von der Entwicklung neuer politischer Instrumente.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahr 2015 haben die Vertragsstaaten der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC) mit der Verabschiedung des Pariser Abkommens ein langfristiges Temperaturziel festgelegt: n\u00e4mlich dass \u00bbder Anstieg der durchschnittlichen Erdtempe\u00adratur deutlich unter 2\u00b0C \u00fcber dem vor\u00adindustriellen Niveau gehalten wird und Anstrengungen unternommen werden, um den Temperaturanstieg auf 1,5\u00b0C \u00fcber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen\u00ab.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"679\" src=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/01\/2025C47_Net-negativeEmissionsTargets_001-1024x679.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-172221\" style=\"width:822px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/01\/2025C47_Net-negativeEmissionsTargets_001-1024x679.png 1024w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/01\/2025C47_Net-negativeEmissionsTargets_001-300x199.png 300w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/01\/2025C47_Net-negativeEmissionsTargets_001-150x99.png 150w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/01\/2025C47_Net-negativeEmissionsTargets_001-768x509.png 768w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/01\/2025C47_Net-negativeEmissionsTargets_001-1536x1018.png 1536w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/01\/2025C47_Net-negativeEmissionsTargets_001-2048x1357.png 2048w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2026\/01\/2025C47_Net-negativeEmissionsTargets_001-400x265.png 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Abbildung 1<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Zehn Jahre sp\u00e4ter sind die weltweiten Emis\u00adsionen von CO<sub>2<\/sub>\u00a0und anderen Treibhaus\u00adgasen so hoch wie nie zuvor. Es ist nun praktisch unm\u00f6glich geworden, eine Erw\u00e4r\u00admung um mehr als 1,5\u00b0C zu vermeiden, selbst wenn man ber\u00fccksichtigt, dass sich die globalen Temperaturziele nicht auf ein\u00adzelne Jahre beziehen, sondern auf Durchschnittswerte f\u00fcr einen Zeitraum von zwan\u00adzig Jahren. Ein Erw\u00e4rmungsniveau von 1,5\u00b0C wird voraussichtlich bis Anfang der 2030er Jahre erreicht und anschlie\u00dfend \u00fcberschritten, unabh\u00e4ngig davon, welche Emissionsreduktionen sich in den kommen\u00adden Jahren erzielen lassen. Dies wurde bereits im\u00a0<em>Synthesebericht<\/em>\u00a0des Weltklimarats IPCC zum Abschluss des sechsten Berichts\u00adzyklus im Jahr 2023 angedeutet. Im\u00a0<em>Emis\u00adsions Gap Report\u00a0<\/em>des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) wurde dieser Befund k\u00fcrzlich best\u00e4tigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Erkenntnis, die sich zusehends verbreitet \u2013 und durch eine vernehmbare Ver\u00e4nderung in der Kommunikation des UN-Generalsekret\u00e4rs und thematisch rele\u00advanter UN-Organisationen Ende 2025 ver\u00adst\u00e4rkt wird \u2013, stellt die Vertragsparteien der UNFCCC vor die Wahl: Entweder stre\u00adben sie eine Stabilisierung der Erw\u00e4rmung zwischen 1,5\u00b0C und deutlich unter 2\u00b0C an, oder aber sie versuchen, eine Umkehrung der globalen Erw\u00e4rmung auf 1,5\u00b0C zu errei\u00adchen, nach einer m\u00f6glicherweise mehrere Jahrzehnte andauernden \u00dcberschreitung (siehe\u00a0<a href=\"https:\/\/www.swp-berlin.org\/publikation\/overshoot-rueckkehr-zu-15-c-erfordert-netto-negative-emissionsziele#Figure1\">Abbildung 1<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"hd-d9854e239\">Vor\u00fcbergehendes \u00dcberschreiten als Konzept<\/h3>\n\n\n\n<p>Das physikalische Klimasystem setzt mensch\u00adlichen Aktivit\u00e4ten deutliche Schranken, wenn das \u00dcberschreiten von 1,5\u00b0C nur vor\u00ad\u00fcbergehend sein soll. Die globale Erw\u00e4r\u00admung wird erst dann gestoppt, wenn die globalen anthropogenen Netto-CO<sub>2<\/sub>-Emissionen Null erreichen. Dabei wird das maximale Aus\u00adma\u00df der Erw\u00e4rmung weitgehend durch die Gesamtsumme der bis zu diesem Zeitpunkt ausgesto\u00dfenen Netto-CO<sub>2<\/sub>-Emissionen be\u00adstimmt. Ein anschlie\u00dfender R\u00fcckgang der globalen Erw\u00e4rmung, der f\u00fcr die R\u00fcckkehr zu 1,5\u00b0C notwendig ist, erfordert anhaltend netto-negative CO<sub>2<\/sub>-Emissionen, also eine Menge an CO<sub>2<\/sub>-Entnahmen (<em>Carbon Dioxide\u00a0<\/em><em>Removal<\/em>, CDR), die gr\u00f6\u00dfer ist als jene der noch verbleibenden Restemissionen an\u00a0CO<sub>2<\/sub>, dem wichtigsten langlebigen Treibhausgas. Die Reduzierung der Emissionen kurzlebiger THG, insbesondere von Methan (CH4), w\u00fcrde ebenfalls dazu beitragen, die maximale Er\u00adw\u00e4rmung zu begrenzen. Weitere Reduktionen \u00fcber das Jahr 2050 hinaus k\u00f6nnten einen anschlie\u00dfenden R\u00fcckgang der Tempe\u00adratur mit unterst\u00fctzen. Das Erreichen von Netto-Null-THG-Emissionen weltweit, in der Klimapolitik h\u00e4ufig als \u00bbKlimaneutralit\u00e4t\u00ab bezeichnet, impliziert bereits netto-negative CO<sub>2<\/sub>-Emissionen, mit der Folge eines leichten R\u00fcckgangs der globalen Temperatur.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Ausma\u00df und die Dauer einer vor\u00ad\u00fcber\u00adgehenden \u00dcberschreitung h\u00e4ngen somit vom globalen Emissionsprofil ab, so\u00adwohl bis zur \u00dcberschreitung von 1,5\u00b0C als auch danach. Je schneller weltweit Netto-Null-CO<sub>2<\/sub>-Emissionen erreicht werden und je geringer die CH<sub>4<\/sub>-Emissionsrate ist, desto geringer ist der Wert, um den 1,5\u00b0C \u00fcber\u00adschritten werden. Je tiefer das Niveau der nachfolgenden Netto-Negativ-Emissionen von CO<sub>2<\/sub>\u00a0ist, desto schneller kehrt man zu 1,5\u00b0C zur\u00fcck (<a href=\"https:\/\/www.swp-berlin.org\/publikation\/overshoot-rueckkehr-zu-15-c-erfordert-netto-negative-emissionsziele#Figure1\">Abbildung 1<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p>Nach derzeitigem wissenschaftlichem Kenntnisstand w\u00fcrden netto-negative CO<sub>2<\/sub>-Emissionen die globale Erw\u00e4rmung in etwa dem gleichen Ma\u00dfe verringern, wie die gegenw\u00e4rtig noch anhaltenden Emissionen sie verst\u00e4rken. Quantitativ ausgedr\u00fcckt w\u00fcrde eine Senkung der globalen Durchschnittstemperatur um nur 0,1\u00b0C etwa 220 Giga\u00adtonnen (Gt) an netto-negativen CO<sub>2<\/sub>-Emis\u00adsionen erfordern. Die Bruttomenge der CO<sub>2<\/sub>-Entnahme m\u00fcsste sogar noch gr\u00f6\u00dfer aus\u00adfallen, da es unm\u00f6glich ist, die CO<sub>2<\/sub>-Emis\u00adsionen vollst\u00e4ndig auf null zu redu\u00adzieren (daher auch das\u00a0<em>Netto\u00a0<\/em>in Netto-Null). Zum Vergleich: 220\u00a0Gt entsprechen der Emis\u00adsionsmenge, die derzeit binnen f\u00fcnf Jah\u00adren erzeugt wird, oder dem Hundert\u00adfachen der aktuellen j\u00e4hrlichen CO<sub>2<\/sub>-Ent\u00adnahme-Menge, die zudem nahezu ausschlie\u00df\u00adlich in Form von konventioneller Aufforstung und Wiederaufforstung gene\u00adriert wird. Neuartige CDR-Methoden \u2013 bei\u00adspielsweise Bioenergie in Kombination mit CO<sub>2<\/sub>-Abscheidung und \u2011speicherung (BECCS) und die direkte Abscheidung von CO<sub>2<\/sub>\u00a0aus der Umgebungsluft mit anschlie\u00dfender Spei\u00adcherung (DACCS) \u2013 befinden sich erst in einem fr\u00fchen Entwicklungsstadium.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"hd-d9854e332\">Risiken und Klimawandelfolgen<\/h3>\n\n\n\n<p>Eine \u00dcberschreitung von 1,5\u00b0C wird gr\u00f6\u00ad\u00dfere Auswirkungen auf Menschen und \u00d6kosysteme haben als eine globale Erw\u00e4r\u00admung, die unter diesem Wert geblieben w\u00e4re. Und sie birgt gr\u00f6\u00dfere Klimarisiken, darunter extreme Wetterereignisse, die Sch\u00e4digung von \u00d6kosystemen sowie sozio-\u00f6konomische Verwerfungen. Die Begrenzung des<em>Overshoot<\/em>\u00a0\u2013 des Ausma\u00dfes und der\u00a0Dauer der \u00dcberschreitung von 1.5\u00b0C \u2013 bleibt der entscheidende Schritt zur Bew\u00e4l\u00adtigung dieser Bedrohungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch ist weitgehend unklar, inwieweit ein Temperaturr\u00fcckgang verschiedenartige Klimarisiken wieder vermindern w\u00fcrde. Grunds\u00e4tzlich tr\u00e4gt eine Verringerung der globalen Erw\u00e4rmung dazu bei, alle physi\u00adkalischen Klimaver\u00e4nderungen zu begren\u00adzen \u2013 entweder weil diese bei einem R\u00fcck\u00adgang der Erderw\u00e4rmung auch wieder redu\u00adziert werden (z.B. die H\u00e4ufigkeit und Inten\u00adsit\u00e4t von Hitzewellen) oder weil die weite\u00adren Ver\u00e4nderungen weniger gravierend werden als im Falle einer dauerhaften Erh\u00f6hung der globalen Durchschnittstemperatur um mehr als 1,5\u00b0C (mit der Folge z.B. eines Anstiegs des Meeresspiegels). Mit\u00a0dem Klimawandel verbundene Risiken ergeben sich jedoch nicht nur aus physikalischen Ver\u00e4nderungen des Klimas, sondern auch daraus, wie die f\u00fcr diese Ver\u00e4nderun\u00adgen anf\u00e4lligen menschlichen Gesellschaften und die \u00d6kosysteme auf sie reagieren. Re\u00adgio\u00adnen, die w\u00e4hrend der \u00dcberschreitungs\u00adphase extreme Klimaereignisse erleben, k\u00f6nnten mit langfristigen sozialen und wirtschaftlichen Folgen konfrontiert sein, da klimabedingte Ph\u00e4nomene wie Unter\u00adern\u00e4hrung, Armut und Sch\u00e4den an der Infrastruktur \u2013 in Kombination mit ge\u00adschw\u00e4chten Institutionen und angespannten finanziellen Kapazit\u00e4ten \u2013 wahrscheinlich weit \u00fcber den H\u00f6hepunkt der Erw\u00e4rmung hinaus bestehen bleiben werden.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr viele \u00d6kosysteme k\u00f6nnte eine Phase \u00fcberh\u00f6hter Temperaturen die Artenzusam\u00admensetzung und Nahrungsketten st\u00f6ren. M\u00f6glicherweise w\u00fcrden irreversible Ent\u00adwicklungen eintreten oder zumindest meh\u00adrere menschliche Generationen fortdauern, bis sich die Lage wieder normalisiert hat. Zumindest das Aussterben von Arten w\u00e4re irreversibel, selbst wenn es m\u00f6glich w\u00e4re, den fr\u00fcheren Zustand eines \u00d6kosystems wiederherzustellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Welt, die zu einer globalen Erw\u00e4rmung von 1,5\u00b0C zur\u00fcckkehrt, wird erheb\u00adlich ver\u00e4ndert und st\u00e4rker gesch\u00e4digt sein als eine Welt, in der dieses Erw\u00e4rmungs\u00adniveau nie \u00fcberschritten worden w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"hd-d9854e364\">Politische Relevanz des \u00dcberschreitens<\/h3>\n\n\n\n<p>Es ist inzwischen nicht mehr m\u00f6glich, \u00bb1,5\u00b0C in Reichweite zu halten\u00ab, ohne daf\u00fcr zumindest implizit auf das\u00a0<em>Overshoot<\/em>-Kon\u00adzept zur\u00fcckzugreifen. Bislang l\u00e4sst sich nicht erkennen, dass bei UNFCCC-Vertrags\u00adstaatenkonferenzen ernsthaft \u00fcber die Aus\u00adwirkungen auf das Klimasystem, die poli\u00adtische Verantwortung und zuk\u00fcnftige poli\u00adtische Ma\u00dfnahmen diskutiert wird, die sich aus der \u00dcberschreitung von \u2013 und m\u00f6g\u00adlichen R\u00fcckkehr zu \u2013 1,5\u00b0C ergeben. Zwar ist der Begriff\u00a0<em>Overshoot<\/em>\u00a0seit dem IPCC-Sonder\u00adbericht zu 1,5\u00b0C (2018) in vielen UNFCCC-Dokumenten zu finden, jedoch fast aus\u00adschlie\u00df\u00adlich in Form einer \u00dcbernahme der IPCC-Nomenklatur f\u00fcr Emissionsminde\u00adrungs\u00adszenarien, bei denen es um die Errei\u00adchung von 1,5\u00b0C bis 2100 geht. Im Abschluss\u00addokument zur COP30 im brasilianischen Bel\u00e9m wird lediglich beil\u00e4ufig erw\u00e4hnt, dass Ausma\u00df und Dauer eines 1.5\u00b0C-Overshoot begrenzt werden sollen. Es fehlt jedoch jeg\u00adlicher Verweis auf die damit verbundene Notwendigkeit, netto-negative Emissionen zu erreichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine substantielle Auseinandersetzung mit dem Szenario einer tempor\u00e4ren \u00dcber\u00adschreitung von 1,5\u00b0C w\u00fcrde einen Para\u00addigmenwandel in der globalen Klimapolitik bewirken. Ein naheliegenderer Schritt d\u00fcrfte die konzeptionelle Einf\u00fchrung einer Phase des kontrollierten Temperaturr\u00fcckgangs sein, in der global netto-negative CO<sub>2<\/sub>-Emissionen angestrebt werden, m\u00f6glicherweise gefolgt von netto-negativen THG-Emis\u00adsionen. Dies w\u00fcrde sofort die Frage aufwerfen, wer denn die Verantwortung f\u00fcr den Kurswechsel in Richtung netto-negative Emissionen \u00fcbernimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Gem\u00e4\u00df der UNFCCC-Kernmaxime\u00a0<em>Gemeinsame, aber unterschiedliche Verantwortung<\/em>\u00a0(<em>Common But Differentiated Responsibility<\/em>, CBDR) kann die Antwort nur lauten, dass die Industriel\u00e4nder weiterhin eine Vorreiterrolle spielen m\u00fcssen, indem sie nationale Netto-Negativ-Ziele verabschie\u00adden und umsetzen. Dies erfordert sowohl strikte Emissionsreduktionen als auch eine schnelle Ausweitung der CO<sub>2<\/sub>-Entnahme. Wenn eine langfristige Begrenzung auf 1,5\u00a0\u00b0C das zentrale Temperaturziel bleiben soll, kann Netto-Null nicht mehr als End\u00adpunkt von Klimapolitik betrachtet wer\u00adden,\u00a0sondern nur noch als \u00dcbergangs\u00admoment.<\/p>\n\n\n\n<p>Die dringlichere und m\u00f6glicherweise disruptivere Ver\u00e4nderung wird jedoch mit der unvermeidlichen, aber sicherlich um\u00adstrittenen Einf\u00fchrung eines neuen Zwi\u00adschenziels in die klimapolitische Debatte ein\u00adhergehen: dem H\u00f6chstwert der Erd\u00aderw\u00e4r\u00admung im 21. Jahrhundert, dem Punkt, von dem ab die Temperatur wieder zu sin\u00adken beginnen soll. Obgleich dar\u00fcber noch nicht diskutiert worden ist, wird sich die globale Klimadebatte wohl auf eine Band\u00adbreite von 1,7 bis 1,8\u00b0C konzentrieren. Eine\u00a0Begrenzung der Erderw\u00e4rmung auf unter 1,7\u00b0C scheint nicht mehr realisierbar zu sein. Jeder Wert \u00fcber 1,8\u00b0C w\u00e4re zu hoch, um noch in diesem Jahrhundert eine R\u00fcckkehr zu 1,5\u00b0C zu erm\u00f6glichen. Damit w\u00e4re auch, bei aller wissenschaftlichen Un\u00adsicherheit, die Gefahr einer Erw\u00e4rmung auf \u00fcber 2\u00b0C verbunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist zu erwarten, dass die am wenigsten entwickelten L\u00e4nder verst\u00e4rkt finanzielle Zu\u00adwendungen einfordern werden, um zus\u00e4tz\u00adliche Sch\u00e4den zu beheben, die im Zusammenhang mit einem vor\u00fcbergehenden \u00dcber\u00adschreiten von 1,5\u00b0C verursacht werden d\u00fcrften. Da L\u00e4nder wie China, Indien und Saudi-Arabien offenbar \u00bbdeutlich unter 2\u00b0C\u00ab als Orientierungspunkt internatio\u00adnaler Klimapolitik bevorzugen, werden die UNFCCC-Vertragsstaaten m\u00f6glicherweise nie einen Konsens \u00fcber eine genaue Ziel\u00adgr\u00f6\u00dfe maximaler Erw\u00e4rmung finden k\u00f6n\u00adnen. Aber selbst wenn man sich auf eine mehrdeutige Formulierung des angestreb\u00adten H\u00f6chstwerts verst\u00e4ndigt, w\u00fcrde das Erreichen globaler Netto-Null-CO<sub>2<\/sub>-Emis\u00adsio\u00adnen weiterhin im Mittelpunkt von Klima\u00adschutzprogrammen stehen m\u00fcssen, da sich eine weitere Erw\u00e4rmung auf anderem Wege nicht wird stoppen lassen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"hd-d9854e438\">Herausforderungen f\u00fcr die EU-Klimapolitik<\/h3>\n\n\n\n<p>Wenn die EU wirklich \u00bbdas 1,5-Grad-Ziel in Reichweite halten\u00ab will, wird sie sich k\u00fcnf\u00adtig auf das Overshoot-Konzept beziehen und sich proaktiv mit dessen Folgen f\u00fcr die langfristigen Emissionsziele auseinandersetzen m\u00fcssen, und dies sowohl in multi\u00adlateralen Foren als auch innerhalb Europas. Andernfalls w\u00fcrde unweigerlich der Ein\u00addruck entstehen, dass es sich bei der Vision einer nur tempor\u00e4ren \u00dcberschreitung von 1,5\u00b0C lediglich um ein interessantes Gedan\u00adkenexperiment handelt und als sei eine lang\u00adfristige Stabilisierung der globalen Erw\u00e4r\u00admung auf deutlich \u00fcber 1,5\u00b0C mittlerweile das Beste, worauf die Welt noch hoffen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf globaler Ebene \u2013 sei es im Rahmen der UNFCCC, der G20 oder der G7 \u2013 kann das Overshoot-Konzept nur dann politische Glaubw\u00fcrdigkeit erlangen, wenn die Indus\u00adtriel\u00e4nder es damit untermauern, dass sie sich dazu verpflichten, Netto-Negativ-Emis\u00adsionen zu erreichen und aufrechtzuerhalten. Dass Vorreiter in den Bereich der Netto-Nega\u00adtiv-Emissionen vorsto\u00dfen m\u00fcssen, w\u00fcrde angesichts der ungleichen Verteilung von Verantwortlichkeiten und Kapa\u00adzit\u00e4ten auch dann gelten, wenn die globale Ambition weiterhin auf Netto-Null-Treib\u00adhausgasemissionen beschr\u00e4nkt bleibt. Sobald sich die Vorstellung durchsetzt, dass einzelne L\u00e4nder auch netto-negative Emis\u00adsionen erreichen k\u00f6nnten und sollten, wird jedoch unweigerlich eine erneute Debatte \u00fcber die globale Lastenteilung (einschlie\u00dflich der Rolle von Schwellenl\u00e4ndern wie China) folgen. Zudem w\u00e4re zu kl\u00e4ren, wie gemeinsame internationale Anstrengungen zur mittel- bis langfristig drastischen Aus\u00adweitung der CO<sub>2<\/sub>-Entnahme organisiert werden k\u00f6nnen, inklusive der Adressierung von Risiken des CDR-Ausbaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Innerhalb der EU w\u00fcrde dies in erster Linie bedeuten, ein quantifiziertes Netto-Negativ-Ziel f\u00fcr Treibhausgasemissionen bis&nbsp;2060 festzulegen. Implizit ist das bereits im Europ\u00e4ischen Klimaschutzgesetz vor\u00adgese\u00adhen; eine solche Quantifizierung hat bislang jedoch nur ein einziger Mitglied\u00adstaat vorgenommen: D\u00e4nemark mit -110&nbsp;% bis 2050. Eine entsprechende Festlegung w\u00fcrde erneut Konflikte \u00fcber die EU-interne Lastenverteilung hervorrufen. Wirtschaftlich weniger fortgeschrittene Mitgliedstaaten w\u00fcrden m\u00f6glicherweise verlangen, dass L\u00e4nder wie Deutschland, Frankreich und D\u00e4nemark weiterhin auch innerhalb der EU eine Vorreiterrolle \u00fcbernehmen. Sie w\u00fcr\u00adden sich dementsprechend zu tiefergehen\u00adden Netto-Negativ-Emissionen verpflichten, w\u00e4hrend mittel- und osteurop\u00e4ische L\u00e4nder \u2013 und solche mit einem hohen Anteil an schwer zu reduzierenden Restemissionen \u2013 erst sp\u00e4ter folgen k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gleiche gilt prinzipiell auch f\u00fcr Wirt\u00adschaftssektoren. Modellrechnungen zu Klima\u00adschutzpfaden zeigen, dass der euro\u00adp\u00e4ische Energiesektor fr\u00fchzeitig Netto-Nega\u00adtiv-Emissionen erzielen wird; die Landwirtschaft dagegen wird Netto-Positiv-Emissio\u00adnen aufweisen (siehe&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.swp-berlin.org\/publikation\/eu-klimapolitik-unkonventioneller-klimaschutz\">SWP-Studie 10\/2020<\/a>). Dar\u00fcber hinaus wird die EU gezwungen sein, einen tragf\u00e4higen makro\u00f6konomischen und politischen Rahmen zu entwickeln, in dem das klassische Verursacherprinzip und eingespielte Win-Win-Narrative an Bedeu\u00adtung verlieren werden und durch neue, prim\u00e4r auf CO<sub>2<\/sub>-Entnahme ausgerichtete Paradigmen zu erg\u00e4nzen sind. Bei einer deutlich netto-negativen Emissionsbilanz wird sich die THG-Bepreisung von einer Einnahmequelle zu einer erheblichen finanziellen Belastung wandeln. Bislang hat&nbsp;die EU noch keine \u00fcberzeugende Vision entwickelt, die zu verdeutlichen vermag, wie der \u00dcbergang zu einem netto-negativen Wirtschaftsmodell den Vorreitern langfristig einen Wett\u00adbewerbsvorteil verschaffen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Europ\u00e4ische Union nimmt seit mehr als drei Jahrzehnten eine F\u00fchrungsrolle in der internationalen Klimapolitik ein, auch innerhalb der G7. Das Erreichen von Netto-Negativ-Emissionen wird eine neue klima\u00adpolitische Herausforderung sein, die \u00fcber die bisher schon geltenden weit hinaus\u00adgehen wird. Sich dieser Problematik ernst\u00adhaft zu stellen wird zu einer neuen klima\u00adpolitischen F\u00fchrungsaufgabe.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:16px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">\u00dcber die Autoren<\/h3>\n\n\n\n<p><em>Dr. Oliver Geden ist Senior Fellow in der Forschungsgruppe EU&nbsp;\/&nbsp;Europa sowie Leiter des Forschungsclusters Klimapolitik der&nbsp;SWP. Dr. Andy Reisinger ist Honorarprofessor am Institute for Climate, Energy and Disaster Solutions der Australian National University.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Werk ist lizenziert unter&nbsp;<a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by\/4.0\/deed.de\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">CC BY 4.0<\/a><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.swp-berlin.org\/publications\/assets\/Aktuell\/2025A51\/images\/2025A51_Overshoot_002.png\" alt=\"\"><\/p>\n\n\n\n<p>Das Aktuell gibt die Auf\u00adfassung der Autoren wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>SWP-Aktuells werden intern einem Begutachtungsverfah\u00adren, einem Faktencheck und einem Lektorat unterzogen. Weitere Informationen zur&nbsp;Qualit\u00e4tssicherung der SWP&nbsp;finden Sie auf der SWP-Website unter&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.swp-berlin.org\/ueber-uns\/qualitaetssicherung\/\">https:\/\/www. swp-berlin.org\/ueber-uns\/ qualitaetssicherung\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die globale Erw\u00e4rmung wird voraussichtlich bis Anfang der 2030er Jahre \u00fcber 1,5\u00b0C steigen. Eine R\u00fcckkehr zu 1,5\u00b0C vor Ende des 21. Jahrhunderts w\u00fcrde zwar nicht alle Sch\u00e4den verhindern, die in einer Phase \u00fcberh\u00f6hter Temperaturen entstehen. Doch verglichen mit einer dauerhaften Erw\u00e4rmung \u00fcber 1,5\u00b0C w\u00fcrde sie die Risiken ver\u00adringern. 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