{"id":17181,"date":"2013-09-23T11:04:38","date_gmt":"2013-09-23T09:04:38","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=17181"},"modified":"2013-10-05T11:38:03","modified_gmt":"2013-10-05T09:38:03","slug":"biookonomie-ein-neues-modell-fur-industrie-und-wirtschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/biookonomie-ein-neues-modell-fur-industrie-und-wirtschaft\/","title":{"rendered":"Bio\u00f6konomie: ein neues Modell f\u00fcr Industrie und Wirtschaft"},"content":{"rendered":"<p><strong>Bio\u00f6konomie setzt einerseits auf nachwachsende Rohstoffe als Basis f\u00fcr Nahrungsmittel, Energie und Industrieprodukte. Andererseits betont sie die Rolle von Stoffkreisl\u00e4ufen biogener Wertstoffe. Mit diesem Modell soll langfristig die Abh\u00e4ngigkeit von fossilen Rohstoffen reduziert werden. Um die Bio\u00f6konomie regional zu entwickeln, hat Baden-W\u00fcrttemberg im Sommer 2013 eine Forschungsstrategie Bio\u00f6konomie verabschiedet.<\/strong><\/p>\n<div id=\"sprungmarke0_0\">\n<p>Es ist das ganz gro\u00dfe Rad, an dem Naturwissenschaftler, Ingenieure, \u00d6konomen, Ethiker, Politiker und andere zurzeit zu drehen beginnen. Dass es nur langsam in Schwung kommt, ist allzu verst\u00e4ndlich. Es geht immerhin darum, eine Rohstoffrevolution anzuzetteln und ein neues System zu schaffen, in dem Wissenschaft, Wirtschaft und Wertsch\u00f6pfung anders als bisher miteinander verflochten sind. In den kommenden Jahrzehnten sollen \u00d6l, Erdgas und Kohle als Rohstoffe mehr und mehr an Einfluss verlieren. An ihre Stelle treten Pflanzen, Pflanzenreste, Bioabf\u00e4lle und anderes biobasiertes Material. Wirtschaft und Wissenschaft sollen mehr denn je als System agieren. Und zwischen Wertsch\u00f6pfungsketten werden Verbindungen geschlossen, die es bisher nicht gab.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sprungmarke0_9\">\n<p><strong>Wirtschaftsfaktor Kohlenwasserstoff<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sprungmarke0_3\">\n<div><img decoding=\"async\" alt=\"Das Bild zeigt eine typische Erd\u00f6lraffinerie bei Nacht mit vielen R\u00f6hren, Schl\u00f6ten und gro\u00dfen Beh\u00e4ltern. \" src=\"http:\/\/www.bio-pro.de\/magazin\/thema\/09146\/index.html?lang=de&amp;image=NHzLpZeg7t,lnp6I0NTU042l2Z6ln1acy4Zn4Z2qZpnO2Yuq2Z6gpJCEdX13e2ym162bpYbqjKbXpJ6eiKWcm4yf4w--\" \/><\/p>\n<div>Erd\u00f6lraffinerien sind ein grundlegender Bestandteil der Industrialisierung.\u00a0(\u00a9 Nutsch\/pixelio.de)<\/div>\n<\/div>\n<div>\n<p>Die Industrialisierung der vergangenen 250 Jahre basiert auf guten Ideen, Tatkraft und fossilen Rohstoffen. Daher sind heute alle industriell gepr\u00e4gten Volkswirtschaften auf \u00d6l, Gas und Kohle aufgebaut. Erd\u00f6l spielt eine besondere Rolle, denn aus Erd\u00f6l werden organische Chemikalien, also Kohlenwasserstoffe, hergestellt. Diese wiederum sind die Grundlage f\u00fcr Energietr\u00e4ger wie Benzin, Dieselkraftstoff, Kerosin. Kohlenwasserstoffe bilden das wirtschaftliche Fundament der Chemieindustrie. L\u00f6sungsmittel, Lacke, Kunststoffe, Basis- und Feinchemikalien, Hilfsstoffe und vieles mehr beruhen auf komplexen, aber heutzutage bestens strukturierten und etablierten industriellen Prozessen, an deren Beginn das Erd\u00f6l steht.<\/p>\n<p>Mobilit\u00e4t, Kommunikation, Ern\u00e4hrung, Landwirtschaft, Energiewirtschaft und weitere Branchen sind unmittelbar auf fossile Kohlenwasserstoffe angewiesen. Unser Alltag ist ohne \u00d6l und Gas nicht mehr denkbar. Kohlenwasserstoffe haben einen enormen Einfluss auf die Wertsch\u00f6pfung in allen Industriel\u00e4ndern und sie pr\u00e4gen das Geschehen im weltweiten Wirtschaftssystem ma\u00dfgeblich.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div id=\"sprungmarke0_10\">\n<p><strong>Vier Herausforderungen<br \/>\n<\/strong>Soll die Bio\u00f6konomie erfolgreich realisiert werden, darf sie nicht versuchen, bestehende Infrastrukturen zu ersetzen. Sie muss auf die bestehenden Industrieprozesse aufbauen. Das hei\u00dft, sie muss zun\u00e4chst Drop-in-L\u00f6sungen bieten, um in der Industrie Fu\u00df zu fassen. Begleitend dazu m\u00fcssen neue Prozesse, Produkte und Wertsch\u00f6pfungsketten etabliert werden. Vier Herausforderungen gilt es zu bew\u00e4ltigen.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>Erstens: Die Bio\u00f6konomie muss sich eine solide und sichere Rohstoffbasis \u00fcber die landwirtschaftliche und die forstwirtschaftliche Produktion sichern. Diese Rohstoffe m\u00fcssen so verteilt werden, das die Ern\u00e4hrung der Menschen gesichert ist, aber auch alle Wirtschaftssektoren, die diese Rohstoffe nutzen, ber\u00fccksichtigt werden.<\/p>\n<p>Eine wichtige Rohstoffquelle der Bio\u00f6konomie ist die Abfallwirtschaft. Sie kann mit Pflanzenresten, G\u00e4rresten, Bioabfall und Landschaftspflegegut Unmengen an biogenen Reststoffen bereitstellen. Diese k\u00f6nnten in erster Linie f\u00fcr Energie, Chemikalien und Materialien genutzt werden. Die Stoffstr\u00f6me der Abfallwirtschaft m\u00fcssen dazu jedoch an die neuen Wertsch\u00f6pfungsketten der Bio\u00f6konomie angepasst werden.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sprungmarke0_4\">\n<div>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Die bioliq\u00ae-Pilotanlage am Forschungszentrum Karlsruhe (\u00a9 KIT)\" src=\"http:\/\/www.bio-pro.de\/magazin\/thema\/09146\/index.html?lang=de&amp;image=NHzLpZeg7t,lnp6I0NTU042l2Z6ln1acy4Zn4Z2qZpnO2Yuq2Z6gpJCDdnt8fWym162bpYbqjKbXpJ6eiKWcm4yf4w--\" \/><\/p>\n<div>Die bioliq\u00ae-Pilotanlage in Karlsruhe ist eine Konversionsanlage. (\u00a9 KIT)<\/div>\n<\/div>\n<div>\n<p>Die zweite Herausforderung ist, die biobasierten Rohstoffe mit sogenannten Konversionsverfahren in Kohlenwasserstoffe umzuwandeln. Konversionsverfahren sind die Br\u00fccke zwischen der alten Erd\u00f6lchemie und der neuen Gr\u00fcnen Chemie. Kohlenwasserstoffe direkt aus Biomasse zu gewinnen, ist heute schon m\u00f6glich. Doch die Verfahren m\u00fcssen erst noch zur gro\u00dfindustriellen Reife entwickelt werden.<\/p>\n<p>Die Konversion ist nur ein Bereich, in dem die Bio\u00f6konomie Umsatzchancen bietet. Weiteres Potenzial liegt in neuen Werkstoffen und Materialien. Vor allem durch die genau abgestimmte Prozessf\u00fchrung von chemischen, thermischen und biotechnologischen Verfahrensschritten lassen sich diese Potenziale freisetzen und nutzen. Ein Beispiel ist das biobasierte Polyamid-5,10, das im Cluster Biopolymere\/Biowerkstoffe produziert wurde.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div id=\"sprungmarke0_11\">\n<p>Die dritte Herausforderung ist die Nachhaltigkeit. Sie ist ein Merkmal, das von der Bio\u00f6konomie nicht zu trennen ist. Ohne Nachhaltigkeit keine Bio\u00f6konomie. Der Anspruch zieht weitere Anforderungen nach sich. Diese wurden in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten zwar schon diskutiert und in Teilen auch bearbeitet, m\u00fcssen gegen\u00fcber anderen Interessen von Wirtschaft und Industrie in Zukunft jedoch viel prominenter behandelt werden. Dazu z\u00e4hlen zum Beispiel konsequenter Klimaschutz, Wasser- und Bodenschutz oder der Schutz der Biodiversit\u00e4t. Rohstoffe aus Feld, Wald und Wiese k\u00fcnftig industriell nutzen zu wollen, hei\u00dft dann mehr denn je, die jeweiligen \u00d6kosysteme zu pflegen und zu erhalten. Damit kommt die Biodiversit\u00e4tsforschung ins Spiel. F\u00fcr die Bio\u00f6konomie bedeutet das, die Artenvielfalt, also die Biodiversit\u00e4t zu f\u00f6rdern. Sie durch unbedachte, allein auf Masse ausgelegte Landnutzungsmethoden zu gef\u00e4hrden, w\u00e4re ein Widerspruch.<\/p>\n<p>Bio\u00f6konomie ber\u00fchrt auch die Themen Ethik und Soziales. Landwirtschaftliche Fl\u00e4chen sind begrenzt. Es muss eine Entscheidung getroffen werden, welche Anteile f\u00fcr Nahrungsmittel, Futtermittel, Kraftstoffe und biobasierte Werkstoffe zur Verf\u00fcgung gestellt werden soll. Vor dem Hintergrund von Hunger, Artensterben, Umwelt-und Klimaschutz fordert diese Konkurrenz eine grundlegende Einsch\u00e4tzung unter ethischen Gesichtspunkten. Der Strategiekreis Bio\u00f6konomie des Landes Baden-W\u00fcrttemberg hat in seinem Verst\u00e4ndnis von Bio\u00f6konomie auch festgeschrieben, dass soziale Interessen ebenfalls ber\u00fccksichtigt werden m\u00fcssen.<\/p>\n<\/div>\n<div><img decoding=\"async\" alt=\"Blick auf eine Wiese neben einem See.\" src=\"http:\/\/www.bio-pro.de\/magazin\/thema\/09146\/index.html?lang=de&amp;image=NHzLpZeg7t,lnp6I0NTU042l2Z6ln1acy4Zn4Z2qZpnO2Yuq2Z6gpJCEfH99gmym162bpYbqjKbXpJ6eiKWcm4yf4w--\" \/><\/p>\n<div>Bio\u00f6konomie sucht Wege, wie zum Beispiel \u00d6kosysteme als wertsch\u00f6pfend anerkannt werden k\u00f6nnen.\u00a0(\u00a9 B\u00e4chtle)<\/div>\n<\/div>\n<div>\n<p>Die vierte Herausforderung ist, die technologischen L\u00f6sungen, die in diesen Teilaspekten der Bio\u00f6konomie etabliert werden, in Arbeitspl\u00e4tze, Anlagen, Dienstleistungen, Exportg\u00fcter umzuwandeln. Damit werden die volkswirtschaftlichen und betriebswirtschaftlichen Seiten der Bio\u00f6konomie erf\u00fcllt. Dar\u00fcber hinaus m\u00fcssen Kriterien entwickelt werden, mit denen sich Umweltschutz, Klimaschutz und Biodiversit\u00e4t \u00f6konomisch bewerten lassen. Auch in diesem Punkt verlangt Bio\u00f6konomie ein Umdenken. Zum einen m\u00fcssen solche Fragen nach immateriellen Werten gestellt werden d\u00fcrfen. Zum anderen gilt es, weiche Faktoren wie Biodiversit\u00e4t als wertsch\u00f6pfend anzuerkennen.<\/p>\n<\/div>\n<p><strong>Bio\u00f6konomieforschung in Baden-W\u00fcrttemberg<\/strong><br \/>\nAus diesen Herausforderungen ergibt sich ein erheblicher Forschungsbedarf. Wissenschaftler in Baden-W\u00fcrttemberg untersuchen einige der Themen, die f\u00fcr die Bio\u00f6konomie tragende Bedeutung haben.<\/p>\n<p>Mit Biomasseproduktion, Biomassepotenzialen, Fl\u00e4chennutzung, Landnutzungs\u00e4nderungen und vielen anderen Aspekten biobasierter Rohstoffe befasst sich die Universit\u00e4t Hohenheim. Am Institut f\u00fcr Landwirtschaftliche Betriebslehre geht es unter der Leitung von Prof. Dr. Enno Bahrs vor allem um Effizienz. Wie k\u00f6nnen Fl\u00e4chen effizient genutzt werden? Welche Pflanzen bieten sich f\u00fcr welchen Zweck am besten an? Wie m\u00fcssen Stofffl\u00fcsse und Produktionssysteme gestaltet und eingerichtet werden, um ideale Effizienz zu erreichen?<\/p>\n<p>Professor Gero Becker, Leiter des Instituts f\u00fcr Forstbenutzung und Forstliche Arbeitswissenschaft der Universit\u00e4t Freiburg, untersucht, wie Holz als Reststoff industriell verwertet werden kann. Er ber\u00fccksichtigt sowohl Biomasseaufkommen und -ressourcen als auch die Biomassequalit\u00e4t im Hinblick auf die Konversion.<\/p>\n<p>Am Karlsruher Institut f\u00fcr Technologie (KIT) forscht Professor Henning Bockhorn. Er entwickelte das &#8220;biomass steam processing&#8221;, ein Verfahren, mit dem sich aus Restbiomasse Biokohle herstellen l\u00e4sst.<\/p>\n<div id=\"sprungmarke0_14\">\n<p><strong>Wissen als Basis<br \/>\n<\/strong>Der Wandel zur Bio\u00f6konomie ist ohne Wissenschaft und Forschung nicht m\u00f6glich. Deshalb findet man in vielen Publikationen den Begriff \u201ewissensbasierte Bio\u00f6konomie\u201c (knowledgebased bioeconomy, KBBE). Die Landesregierung Baden-W\u00fcrttemberg hat im Sommer 2013 ein \u201eForschungsprogramm Bio\u00f6konomie Baden-W\u00fcrttemberg\u201c beschlossen. Das Ministerium f\u00fcr Wissenschaft, Forschung und Kunst wird daf\u00fcr von 2014 bis 2019 rund 12 Millionen Euro einsetzen. Die Schwerpunkte der Forschungen sollen auf Biogas, der Verwertung von Lignozellulose sowie der Nutzung von Mikroalgen liegen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bio\u00f6konomie setzt einerseits auf nachwachsende Rohstoffe als Basis f\u00fcr Nahrungsmittel, Energie und Industrieprodukte. Andererseits betont sie die Rolle von Stoffkreisl\u00e4ufen biogener Wertstoffe. Mit diesem Modell soll langfristig die Abh\u00e4ngigkeit von fossilen Rohstoffen reduziert werden. Um die Bio\u00f6konomie regional zu entwickeln, hat Baden-W\u00fcrttemberg im Sommer 2013 eine Forschungsstrategie Bio\u00f6konomie verabschiedet. 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