{"id":163854,"date":"2025-06-06T07:23:00","date_gmt":"2025-06-06T05:23:00","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=163854"},"modified":"2025-06-03T12:12:44","modified_gmt":"2025-06-03T10:12:44","slug":"wie-in-der-omv-raffinerie-kaffeebecher-und-pausenbrotpapier-zu-ol-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wie-in-der-omv-raffinerie-kaffeebecher-und-pausenbrotpapier-zu-ol-werden\/","title":{"rendered":"Wie in der OMV-Raffinerie Kaffeebecher und Pausenbrotpapier zu \u00d6l werden"},"content":{"rendered":"\n\n\n<p>Sie bedeckt eine Fl\u00e4che, die der des F\u00fcrstentums Monaco entspricht. Die Geruchsschwaden, die Besuchern schon von weitem entgegenwehen, sind freilich v\u00f6llig andere als die von der C\u00f4te d\u2019Azur gewohnten. Es riecht nach Benzin und Diesel, intensiv und wiederkehrend. Der Ort bestimmt ma\u00dfgeblich den &#8220;Duft&#8221;: Wir sind in der Raffinerie Schwechat.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist eine von drei Raffinerien, die dem \u00d6l-, Gas- und Chemiekonzern OMV geh\u00f6ren, die einzige in \u00d6sterreich. Weltweit gibt es unz\u00e4hlige Standorte, wo aus Erd\u00f6l Treibstoffe, Heiz\u00f6l und Bitumen, das Ausgangsmaterial f\u00fcr Asphalt, hergestellt werden. Schwechat sticht aus der Masse heraus: An keinem anderen Raffineriestandort wird \u00d6l aus gemischten Kunststoffen &#8220;destilliert&#8221; und in die Produktion von Kunststoffen r\u00fcck\u00fcberf\u00fchrt. Dazu geh\u00f6ren Kaffeebecher aus Styropor genauso wie Pausenbrotpapier oder Elektronikverpackungen.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i.ds.at\/r7WZ6Q\/c:2400:1600:fp:0.500:0.500\/rs:fill:750:0\/plain\/lido-images\/2025\/05\/25\/54f40aad-9235-4d29-a1a2-36aabe5a3a76.jpeg\" alt=\"Pyrolyse\u00f6l statt Asche: Fr\u00fcher wurde es verbrannt, heute taugt Plastik in neuer Form als Rohmaterial f\u00fcr Kunststoffe.\" style=\"aspect-ratio:1.5;width:564px;height:auto\"\/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Pyrolyse\u00f6l statt Asche: Fr\u00fcher wurde es verbrannt, heute taugt Plastik in neuer Form als Rohmaterial f\u00fcr Kunststoffe. \u00a9 OMV<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Selbst ernannte Pionierarbeit<\/h3>\n\n\n\n<p>&#8220;Was wir hier machen, ist Pionierarbeit&#8221;, sagt Anna-Maria Schober, w\u00e4hrend sie auf die vor ihr aufragende Anlage deutet. 26 Meter ist sie hoch, 23 Meter breit und 166 Meter lang. Die Reoil-Anlage der OMV, in die vermischte Kunststoffe hineinkommen und Pyrolyse\u00f6l herauskommt, ist Mitte M\u00e4rz in Betrieb gegangen. Die Ausbeute ist momentan noch \u00fcberschaubar. Bis zu 16.000 Tonnen Kunststoffe kann die neue Anlage pro Jahr verarbeiten; aus einer Tonne l\u00e4sst sich etwa ein Kubikmeter \u00d6l gewinnen, das sind 1000 Liter. Irgendwann aber, das ist Anspruch und Ziel der Verantwortlichen, soll dies in deutlich gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfe gelingen. Die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung dabei: das Verfahren, \u00d6l aus gemischtem Kunststoff zu gewinnen, so kosteng\u00fcnstig hinzubekommen, dass nicht nur der Umwelt gedient ist, sondern das Ganze sich auch rechnet.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i.ds.at\/HeVScQ\/c:1200:1269:fp:0.500:0.533\/rs:fill:750:0\/plain\/lido-images\/2025\/05\/25\/d50ab899-e47b-4991-afb2-0a0114f32f48.jpeg\" alt=\"Anna Maria Schober, OMV Department Managerin Pilot Plants East.\" style=\"aspect-ratio:0.9457755359394704;width:527px;height:auto\"\/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Anna Maria Schober, OMV Department Managerin Pilot Plants East, vor der Reoil-Demonstrationsanlage in der Raffinerie Schwechat. \u00a9 OMV\/Brigitte K\u00f6ck<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Schober ist Verfahrenstechnikerin. Als Department-Managerin Pilot Plants East ist sie auch f\u00fcr die deutlich kleinere Testanlage verantwortlich, mit der man am Standort seit 2013 experimentiert und Verfahrensschritte optimiert. Alles in allem sind etwa 50 Personen mit dem Reoil-Projekt besch\u00e4ftigt.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Die Idee f\u00fcr chemisches Recycling ist 2009 dank unserem Kollegen Wolfgang Hofer gereift, erz\u00e4hlt Maximilian Grasserbauer, der als OMV Senior Vice President Circular Economy sozusagen der strategische Kopf hinter dem Projekt ist. 2009 war die Zeit der Finanzkrise, Wolfgang Ruttenstorfer war OMV-Chef, Nachhaltigkeit bekam immer mehr Gewicht, Kreislaufwirtschaft detto.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Was tun?<\/h3>\n\n\n\n<p>&#8220;Damals haben sich bei uns einige die Frage gestellt, wie man aus alten, gebrauchten Kunststoffen einen brauchbaren Einsatzstoff f\u00fcr die Raffinerie schaffen kann&#8221;, erinnert sich Grasserbauer. Er hat als Prozessingenieur und Schichtleiter in der Raffinerie begonnen, ist dann in andere Unternehmensbereiche gewechselt, blieb der Raffinerie aber immer verbunden. &#8220;Weil es ein faszinierendes Werk ist&#8221;, wie er sagt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Labor sei ausprobiert worden, wie man Kunststoffe aufl\u00f6sen k\u00f6nne, welche Temperaturen und welche anderen Zutaten notwendig seien. Aus der Laboranlage wurde in einem n\u00e4chsten Schritt eine Pilotanlage, die heute noch funktioniert und f\u00fcr Tests herangezogen wird.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i.ds.at\/jPZhXA\/c:1200:900:fp:0.500:0.500\/rs:fill:750:0\/plain\/lido-images\/2025\/05\/25\/7f916262-a422-46df-8a7b-93a2dea191bc.jpeg\" alt=\"Maximilian Grasserbauer, OMV Senior Vice President Circular Economy, vor der Reoil-Demonstrationsanlage in der Raffinerie Schwechat. \" style=\"aspect-ratio:1.3321492007104796;width:655px;height:auto\"\/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Maximilian Grasserbauer, OMV Senior Vice President Circular Economy, vor der Reoil-Demonstrationsanlage in der Raffinerie Schwechat. \u00a9 OMV\/Brigitte K\u00f6ck<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Mit der im April in Betrieb genommenen Demonstrationsanlage sei man in eine neue Dimension vorger\u00fcckt. Das Ende der Fahnenstange sei damit noch lange nicht erreicht. Eine weit gr\u00f6\u00dfere, auf 200.000 Tonnen ausgelegte Anlage zur Gewinnung von Pyrolyse\u00f6l ist in Planung. Br\u00fcssel hat bereits F\u00f6rdermittel zugesichert \u2013 81,6 Millionen Euro aus dem EU-Innovationsfonds, so viel wie f\u00fcr kein anderes einzelnes Projekt in \u00d6sterreich bisher.<\/p>\n\n\n\n<p>Entstehen soll die Gro\u00dfanlage einen Steinwurf von der Demo-Anlage entfernt. Die vorgesehene Fl\u00e4che wird derzeit als Lagerplatz verwendet. Die finale Investitionsentscheidung soll irgendwann n\u00e4chstes Jahr fallen, die Inbetriebnahme, zun\u00e4chst f\u00fcr 2027 vorgesehen, werde laut derzeitigem Stand um die Jahreswende 2029\/30 erfolgen. Zu den Gesamtkosten des Projekts m\u00f6chte OMV lieber nichts sagen, die Konkurrenz h\u00f6re und lese mit, hei\u00dft es.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Strenger Geruch<\/h3>\n\n\n\n<p>Wir stehen an der Ostseite der Anlage. Dort befindet sich die Einfahrt f\u00fcr Lkws, die den gesammelten Kunststoff zum F\u00fcttern der Anlage herankarren, entladen und am anderen Ende leer hinausfahren. Der Gro\u00dfteil des Materials stammt aus \u00d6sterreich. Einer der Partner ist die ARA, die Altstoff Recycling Austria. Die T\u00fcr geht auf, ein Mann in blauer Montur und Maske im Gesicht kommt heraus, deutet einen Gru\u00df an und ist schon wieder weg. Was bleibt, ist eine Geruchswolke, die durch die T\u00fcr entwichen und ganz untypisch ist f\u00fcr einen Raffineriebetrieb. Es riecht leicht s\u00fc\u00dflich, faulig, ziemlich streng.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;F\u00fcr mich ist das hier der Weltenwechsel, die Schnittstelle zwischen Abfallindustrie auf der einen, Raffinerie und Petrochemie auf der anderen Seite&#8221;, sagt Schober. &#8220;Oft kann man vom Geruch darauf schlie\u00dfen, welches Material verarbeitet wird.&#8221;<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i.ds.at\/Jn77jQ\/c:1200:1600:fp:0.500:0.500\/rs:fill:750:0\/plain\/lido-images\/2025\/05\/25\/6c756fc7-35c1-4d5d-ad77-5463dde399c4.jpeg\" alt=\"Anna Maria Schober, OMV Department Managerin Pilot Plants East, und Maximilian Grasserbauer, OMV Senior Vive President Circular Economy, mit einer Selektion von Kunststoffflocken, die zu Pyrolyse\u00f6l werden, vor der Reoil-Pilotanlage in der Raffinerie Schwechat. \" style=\"aspect-ratio:0.75;width:521px;height:auto\"\/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Anna Maria Schober, OMV Department Managerin Pilot Plants East, und Maximilian Grasserbauer, OMV Senior Vive President Circular Economy, mit einer Selektion von Kunststoffflocken, die zu Pyrolyse\u00f6l werden, vor der Reoil-Pilotanlage in der Raffinerie Schwechat. <br>\u00a9 OMV\/Brigitte K\u00f6ck<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Die Entladung eines Lkw&#8217;s dauert in der Regel zwischen einer halben Stunde und eineinhalb Stunden; jedes Fahrzeug hat ein Zeitfenster, um nicht warten zu m\u00fcssen. Angeliefert wird der Feedstock von Montag bis Freitag zwischen sechs und 18 Uhr. Damit die Anlage das Wochenende durchlaufen kann, wird Feedstock auch gebunkert. \u00dcber F\u00f6rderb\u00e4nder gelangt das Vorschnitt-Material zum Extruder und wird dort zu einer einheitlichen Masse verdichtet. Das Cracken der vorbehandelten Kunststoffmasse erfolgt bei gut 400 Grad. &#8220;Das ist der ber\u00fchmte Pizzaofen&#8221;, kommentiert Grasserbauer. Auch beim Pizzabacken erreiche man Temperaturen von 400 bis 420 Grad, in der Reoil-Anlage seien es bis zu 450. Gefahren wird mit Gas, perspektivisch denke man auch an den Einsatz von Elektro\u00f6fen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das gewonnene Pyrolyse\u00f6l, eine dunkelbraune bis schwarze Fl\u00fcssigkeit mit hohem Energiegehalt, gelangt per Rohrleitung direkt in den Petrochemieteil der Raffinerie. Dort wird das \u00d6l zu Kunststoffgranulat weiterverarbeitet. &#8220;Die anspruchsvollsten Kunden auf der Kunststoffseite sind die Tiere. Hunde und Katzen riechen viel besser als Menschen. Sie w\u00fcrden kleinste Verunreinigungen bei Tiernahrungsmittelverpackungen sofort wahrnehmen und das nie akzeptieren&#8221;, sagt Grasserbauer, lacht und eilt zum n\u00e4chsten Einsatz.&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie bedeckt eine Fl\u00e4che, die der des F\u00fcrstentums Monaco entspricht. Die Geruchsschwaden, die Besuchern schon von weitem entgegenwehen, sind freilich v\u00f6llig andere als die von der C\u00f4te d\u2019Azur gewohnten. Es riecht nach Benzin und Diesel, intensiv und wiederkehrend. Der Ort bestimmt ma\u00dfgeblich den &#8220;Duft&#8221;: Wir sind in der Raffinerie Schwechat. 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