{"id":132807,"date":"2023-10-09T07:26:00","date_gmt":"2023-10-09T05:26:00","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=132807"},"modified":"2023-10-04T12:13:58","modified_gmt":"2023-10-04T10:13:58","slug":"die-zwei-seiten-der-biokunststoffe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/die-zwei-seiten-der-biokunststoffe\/","title":{"rendered":"Die zwei Seiten der Biokunststoffe"},"content":{"rendered":"\n\n\n<p>Biokunststoffe k\u00f6nnen biologisch abbaubar sein oder biobasiert, manche sogar beides zugleich \u2013 im Interview mit der K-ZEITUNG erkl\u00e4rt Prof. Dr.-Ing. Christian Bonten, was f\u00fcr welche Anwendungen Sinn macht und warum biologisch abbaubare Kunststoffe nicht die L\u00f6sung unserer Umweltprobleme sind.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2023\/10\/ikt_prof_bonten.jpeg-1024x576.webp\" alt=\"Prof. Dr.-Ing. Christian Bonten: \u201eEin richtiger Kreis wird geschlossen, wenn Kunststoffe, egal ob Bio oder herk\u00f6mmliche Kunststoffe, wieder zu neuem Kunststoff werden.\u201c\" class=\"wp-image-132826\" style=\"width:649px;height:365px\" width=\"649\" height=\"365\" srcset=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2023\/10\/ikt_prof_bonten.jpeg-1024x576.webp 1024w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2023\/10\/ikt_prof_bonten.jpeg-300x169.webp 300w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2023\/10\/ikt_prof_bonten.jpeg-150x84.webp 150w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2023\/10\/ikt_prof_bonten.jpeg-768x432.webp 768w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2023\/10\/ikt_prof_bonten.jpeg-400x225.webp 400w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2023\/10\/ikt_prof_bonten.jpeg.webp 1320w\" sizes=\"auto, (max-width: 649px) 100vw, 649px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Prof. Dr.-Ing. Christian Bonten: \u201eEin richtiger Kreis wird geschlossen, wenn Kunststoffe, egal ob Bio oder herk\u00f6mmliche Kunststoffe, wieder zu neuem Kunststoff werden.\u201c Foto: IKT\/Uni Stuttgart<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p><strong><em>Herr Prof. Bonten, beim Begriff Biokunststoff denken die meisten an biologische Abbaubarkeit, aber das ist doch nur eine Seite der Medaille\u2026<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Prof. Dr.-Ing. Christian Bonten: Stimmt. Ich habe schon sehr lange mit Biokunststoffen zu tun, denn ich habe vor meiner Zeit als Professor f\u00fcr einen Hersteller von Biokunststoffen gearbeitet. Was sich in dieser langen Zeit nicht ge\u00e4ndert hat: Es kommen immer wieder Entwickler zu uns, die aufgefordert wurden, ihre Produkte k\u00fcnftig aus Biokunststoff herzustellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann stellen wir immer die entscheidende Frage: Was wollt Ihr? Wollt Ihr Kunststoffe, die biologisch abbaubar sind oder welche, die aus nachwachsenden Rohstoffen basieren? Selten ist beides gewollt, denn beide bieten ganz unterschiedlichen Nutzen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Wenn wir dies jetzt unter dem Gesichtspunkt der Kreislaufwirtschaft betrachten: welche Art von Biokunststoff macht mehr Sinn?\u00a0<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bonten: Zum Schlie\u00dfen des Kreislaufs sind biologisch abbaubare Kunststoffe eigentlich nicht geeignet. Es klingt zwar nach Kreislauf, aber im Prinzip der Kohlenstoff des Kunststoffs der Natur zugef\u00fchrt, aber wenn der Kohlenstoff aus \u00d6l stammt \u2013 denn es gibt mehrere biologisch abbaubare Kunststoffe auf Basis von Erd\u00f6l &#8211; dann wird gar kein Kreis geschlossen. Ein richtiger Kreis wird geschlossen, wenn Kunststoffe, egal ob Bio oder herk\u00f6mmliche Kunststoffe, wieder zu neuem Kunststoff werden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir in Europa ab 2050 fossile Rohstoffe f\u00fcr quasi nichts mehr, auch nicht mehr f\u00fcr die Herstellung von Kunststoffen nutzen d\u00fcrfen, muss der Kohlenstoff aus anderen Quellen kommen. Das Recycling von Kunststoffen wird dann mit Sicherheit die gr\u00f6\u00dfte und wichtigste Quelle sein, aber mit Recycling allein l\u00e4sst sich der Bedarf nicht decken.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Warum?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Bonten: Einerseits, weil sich nicht 100 Prozent der Kunststoffe mechanisch oder chemisch recyceln lassen und andererseits, weil der Bedarf an Kunststoffen weiter steigen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Es existieren Annahmen, dass durch recyclinggerechtes Design in Zukunft vielleicht zwei Drittel des Kunststoffbedarfs \u00fcber das mechanische und chemische Recycling gedeckt werden k\u00f6nnen. Das hei\u00dft zugleich, dass ein Drittel aus anderen Quellen stammen muss.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Also aus nachwachsenden Rohstoffen bestehen, sprich biobasiert sein muss?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bonten: Nicht nur \u2013 es gibt ja auch die M\u00f6glichkeit, Kunststoffe aus CO<sub>2<\/sub>&nbsp;herzustellen, wie es zum Beispiel Covestro praktiziert hat. Die stoffliche Verwendung von CO<sub>2<\/sub>&nbsp;k\u00f6nnte eine gute L\u00f6sung sein, wenn sie m\u00f6glichst mit regenerativer Energie geschieht. Die stoffliche Nutzung ist wohlm\u00f6glich besser als das Pressen von CO<sub>2<\/sub>&nbsp;in tiefe Erdschichten.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.k-zeitung.de\/drimage\/820\/0\/14639\/-\/sites\/default\/files\/ww\/2023-09\/ikv_biokunststoff_sonnenblume.jpeg\" alt=\"Rein technisch lassen sich alle Kunststoffe auch auf Biobasis herstellen, aber noch ist der Anteil mit etwa 1 % verschwindend gering.\" style=\"width:625px;height:443px\" width=\"625\" height=\"443\"\/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Rein technisch lassen sich alle Kunststoffe auch auf Biobasis herstellen, aber noch ist der Anteil mit etwa 1% verschwindend gering.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p><strong><em>Vom Prinzip her k\u00f6nnte man doch alle Kunststoffe, die heute auf dem Markt sind, auch aus nachwachsenden Rohstoffen herstellen, oder liege ich da falsch?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bonten: Dem Kohlenstoff-Atom, das wir f\u00fcr die Kunststoffherstellung brauchen, ist es v\u00f6llig egal, ob es aus fossilen oder nachwachsenden Rohstoffen hergestellt oder aus CO<sub>2<\/sub>\u00a0gewonnen wird. Wir k\u00f6nnen also rein technisch alle Kunststoffe auch ohne fossilen Rohstoffe produzieren. Es ist aber auch eine Frage der Energie, die wir daf\u00fcr aufwenden und, ob sie aus regenerativen Quellen stammt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber, um Ihnen eine Vorstellung von der aktuellen Bedeutung der biobasierten Kunststoffe zu geben: Gegen\u00fcber allen anderen Kunststoffen ist der Anteil immer noch verschwindend gering \u2013 die erhobenen Zahlen sind so bei ungef\u00e4hr einem Prozent.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Und wie sieht es angesichts der zu erwartenden Steigerungen mit den verf\u00fcgbaren landwirtschaftlichen Fl\u00e4chen aus? Reichen die aus, um k\u00fcnftig neben Nahrungsmitteln auch noch Kunststoffe herzustellen?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bonten: Auf jeden Fall. Wenn wir davon ausgehen, dass rund zwei Drittel der ben\u00f6tigten Rohstoffe \u00fcber das mechanische und chemische Recycling zur\u00fcckgewonnen werden, brauchen wir ohnehin nur f\u00fcr das verbleibende Drittel nachwachsende Rohstoffe oder CO<sub>2<\/sub>.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.k-zeitung.de\/drimage\/820\/0\/14640\/-\/sites\/default\/files\/ww\/2023-09\/ikv_biokunststoff_mais.jpeg\" alt=\"F\u00fcr die Herstellung aller heute auf der ganzen Welt produzierten Kunststoffe \u2013 das sind aktuell knapp 400 Mio. t \u2013 aus nachwachsenden Rohstoffen w\u00fcrde man nur etwa 4 % der heutigen landwirtschaftlich-genutzten Fl\u00e4chen ben\u00f6tigen. Nachdem k\u00fcnftig aber rund zwei Drittel der Kunststoffe \u00fcber das Recycling hergestellt werden d\u00fcrften, w\u00e4ren es nur etwas mehr als 1 %.\" style=\"width:593px;height:434px\" width=\"593\" height=\"434\"\/><figcaption class=\"wp-element-caption\">F\u00fcr die Herstellung aller heute auf der ganzen Welt produzierten Kunststoffe \u2013 das sind aktuell knapp 400 Mio. t \u2013 aus nachwachsenden Rohstoffen w\u00fcrde man nur etwa 4% der heutigen landwirtschaftlich-genutzten Fl\u00e4chen ben\u00f6tigen. Nachdem k\u00fcnftig aber rund zwei Drittel der Kunststoffe \u00fcber das Recycling hergestellt werden d\u00fcrften, w\u00e4ren es nur etwas mehr als 1%.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Es gibt Untersuchungen, dass man f\u00fcr die Herstellung aller heute auf der ganzen Welt produzierten Kunststoffe \u2013 das sind aktuell knapp 400 Millionen Tonnen \u2013 aus nachwachsenden Rohstoffen vielleicht 4% der heutigen landwirtschaftlich-genutzten Fl\u00e4chen ben\u00f6tigen w\u00fcrde. Wenn das Recycling aber in Zukunft etwa zwei Drittel des Bedarfs abdecken wird, reduziert sich dieser Bedarf auf gut ein Prozent. Wenn man nun bedenkt, dass die landwirtschaftlichen Ertr\u00e4ge aufgrund Wetter, Klima etc. j\u00e4hrlich um etwa zehn Prozent schwanken, geht der Bedarf f\u00fcr die zuk\u00fcnftige Kunststoffherstellung in dieser Schwankungsbreite unter \u2013 und dies gilt sogar f\u00fcr den Fall, dass sich der Bedarf an Kunststoffen in Zukunft verdoppeln wird.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Nochmals zur\u00fcck zu den biologisch abbaubaren Kunststoffen: Sie haben bei unseren letzten Gespr\u00e4chen immer wieder betont: biologische Abbaubarkeit nur da, wo es nicht anders geht. Warum?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Bonten: Der&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.ikt.uni-stuttgart.de\/forschung\/kunststoffe-und-umwelt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">biologische Abbau von Kunststoffen<\/a>&nbsp;ist im Prinzip eine kalte Verbrennung, denn wenn die Bakterien den Kunststoffabfall verstoffwechseln, entstehen CO<sub>2<\/sub>&nbsp;und Methan \u2013 genau die Stoffe, die einen gro\u00dfen Anteil am Klimawandel haben. Bakterien haben halt einen ganz \u00e4hnlichen Stoffwechsel wie wir Menschen. Wenn wir Kohlehydrate essen, entsteht Energie, aber auch CO<sub>2<\/sub>&nbsp;und Methan. Das ist bei den Bakterien kaum anders.<\/p>\n\n\n\n<p>Deshalb empfehle ich, nur dort biologisch abbaubare Kunststoffe zu verwenden, wo die Produkte als Abf\u00e4lle zwangsl\u00e4ufig in der Umwelt landen. Bestes Beispiel sind die Rasentrimmer-F\u00e4den, mit denen manche ihr Gras schneiden. Der Faden ist einem Verschlei\u00df unterworfen und die Abf\u00e4lle landen zwangsl\u00e4ufig in der Natur. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr die Wuchsh\u00fcllen f\u00fcr junge B\u00e4ume oder Mulchfolien in der Landwirtschaft\u2026<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>\u2026 und f\u00fcr die Kaffeekapseln.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bonten: Mit einer gewissen Einschr\u00e4nkung auch f\u00fcr die Kaffeekapseln. Denn die k\u00f6nnte man ja auch \u00f6ffnen, das Pulver auf den Kompost sch\u00fctteln und die Kapseln in die Gelbe Tonne werfen \u2013 aber in der Praxis wird das nicht umgesetzt. Deshalb werden diese wohlm\u00f6glich bald verboten, wenn sie nicht biologisch abbaubar sind und mit dem Kaffeesatz gemeinsam in der braunen Tonne ensorgt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings muss man bei der biologischen Abbaubarkeit sehr genau hinsehen, welche Rahmenbedingungen vorliegen und was man mit dem Kunststoff erreichen will. Zum Beispiel bei den Wuchsh\u00fcllen f\u00fcr die B\u00e4ume ist ein Kunststoff gefragt, der eine gewisse Zeit seine Schutzfunktion erf\u00fcllt und dann \u2013 pl\u00f6tztlich \u2013 zerf\u00e4llt und im Idealfall als D\u00fcnger f\u00fcr die B\u00e4ume dient. Denn ein industriell kompostierbarer Kunststoff, der f\u00fcr den Zerfall Temperaturen oberhalb von 50 \u00b0C ben\u00f6tigt, ist hier genauso fehl am Platz wie bei den Kaffeekapseln.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber ich m\u00f6chte nochmals betonen: Wenn es eine andere, vern\u00fcnftige und praktikable L\u00f6sung der Abfallentsorgung gibt, w\u00fcrde ich diese vorziehen, damit wir den Kunststoff auch tats\u00e4chlich rezykliert wieder im Kreis f\u00fchren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Biokunststoffe waren auch ein gro\u00dfes Thema beim diesj\u00e4hrigen 28. Stuttgarter Kunststoffkolloquium des IKT, das unter dem Motto stand \u201eKlimaneutrales Europa 2050 \u2013 Aufgaben der Kunststoffbranche\u201c. Mehr dazu in diesem&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.k-zeitung.de\/klimaneutralitaet-mit-kunststoff-wird-funktionieren\">Beitrag der K-ZEITUNG<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Biokunststoffe k\u00f6nnen biologisch abbaubar sein oder biobasiert, manche sogar beides zugleich \u2013 im Interview mit der K-ZEITUNG erkl\u00e4rt Prof. Dr.-Ing. Christian Bonten, was f\u00fcr welche Anwendungen Sinn macht und warum biologisch abbaubare Kunststoffe nicht die L\u00f6sung unserer Umweltprobleme sind. Herr Prof. Bonten, beim Begriff Biokunststoff denken die meisten an biologische Abbaubarkeit, aber das ist doch [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":59,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_seopress_robots_primary_cat":"none","nova_meta_subtitle":"Im Vorfeld der Fakuma 2023 sprachen wir mit Prof. Dr.-Ing. 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